Aufgabe Vorschlag C - Aufgabe 3 · Abitur Hessen Katholische Religion LK 2022
Thema: Biblische Ethik und Engagement für das Leben · Aus der Prüfung LK (2022)
Aufgabenstellung
Material
Ludger Schwienhorst-Schönberger: Der Nahe, der Nähere und der Nächste. Die Bibel und die Flüchtlingspolitik (2018)
In den Diskussionen im Rahmen der Flüchtlingskrise wurde nicht selten in kirchlichen und theologischen Stellungnahmen der Eindruck erweckt, […] der Christ dürfe nicht zwischen dem Nahen, dem Näheren und dem Nächsten unterscheiden. Jeder Mensch sei für einen Christen der Nächste. Wer das nicht wahrhaben wolle, würde das biblische Gebot der Nächstenliebe verwässern […]. Jesus habe keine Zäune errichtet, sondern Brücken gebaut, war zu hören. Grenzen zu errichten und deren Beachtung einzufordern, wurde als dem christlichen Glauben widersprechend zurückgewiesen. […]
Christliche „Realpolitiker“ hingegen sahen sich unverstanden, angegriffen oder vor ein scheinbar unlösbares Dilemma gestellt. Vielen praktizierenden Christen sagte der gesunde Menschenverstand, dass eine Politik der offenen Grenzen letztlich zum Zusammenbruch der gesellschaftlichen und staatlichen Ordnung führt. Sie sahen sich jedoch kaum in der Lage, ihre Einstellung im Rahmen einer konsistenten ethischen Argumentation zu begründen. Die Radikalität der Botschaft Jesu schien dem entgegenzustehen. […] Bei anderen […] entstand der Eindruck, der Glaube der Christen sei zwar eine hehre, aber im Grunde doch naive und nicht alltagstaugliche Angelegenheit. […]
Vor diesem Hintergrund erscheint es angebracht, daran zu erinnern, dass die Vorzugsregeln 1 zum Kern der katholischen Moraltheologie gehören und der biblischen Ethik nicht widersprechen. Die Vorzugsregeln stehen dem Liebesgebot nicht entgegen […]. Ohne die Anwendung der Vorzugsregeln könnte niemand leben und würde das gesellschaftliche Leben zusammenbrechen.
Anhand von Beispielen werden sie unmittelbar einsichtig: Um die Kinder meines Nachbarn muss ich mich in der Regel nicht kümmern. Dafür sind deren Eltern zuständig. Die Kinder meines Nachbarn sind mir nahe, sie sind aber nicht meine Nächsten. Meine Kinder sind mir näher als die Kinder meines Nachbarn. Vorzüglich muss ich mich um meine Kinder kümmern, nicht um die Kinder meines Nachbarn. Erst wenn die Eltern der benachbarten Kinder ausfallen, ist es unter bestimmten Umständen meine Aufgabe, mich um deren Kinder zu kümmern. So gesehen ist nicht jeder Mensch mein Nächster, sondern jeder Mensch kann (unter ganz bestimmten Umständen) mein Nächster werden. […]
Die Liebe als Gesinnung gilt allen Menschen in gleicher Weise (ethischer Universalismus) 2. Die Liebe als Tat bedarf einer Unterscheidung „zwischen dem Nahen, dem Näheren und dem Nächsten“ 3 […]. Bei der Unterscheidung geht es um die Abwägung konkurrierender Güter und um die Bewertung der Folgen einer Handlung.
Genau nach diesem Prinzip verfährt auch die Bibel. Es ist also irreführend zu behaupten, die Bibel würde verlangen, allen Menschen unterschiedslos zu helfen. […] Für die Hilfsbereitschaft darf es keine Obergrenzen geben, für die tatsächliche Hilfe jedoch sehr wohl. […]
Die katholische Lehre weiß um die „Ordnung der Liebe“ (ordo amoris). Der bedeutende Theologe Origenes warnt vor den Gefahren einer maßlosen Liebe: „Selbst Liebe ist nicht ohne Gefahr: sie kann maßlos werden. […] Man muss auch der Liebe Zügel anlegen und darf ihr nicht erlauben, so frei auszuschweifen, dass sie schließlich in einen jähen Abgrund stürzt“ 4. Die Lehre von der geordneten Liebe gehört zu den zentralen Einsichten einer christlichen Lebensführung und hat nichts von ihrer Aktualität verloren. […] Die Liebe zum Nächsten […] hat ein Maß: „Deinen Nächsten sollst du lieben wie dich selbst“. […] Gott verlangt vom Menschen also nichts Unmögliches. Er gibt der menschlichen Liebe ein Maß, dem der Mensch zu entsprechen hat und das er durchaus erfüllen kann. […]
Eines der am häufigsten im Rahmen der Flüchtlingsdiskussion zitierten Worte der Bibel stammt aus dem Gleichnis vom Endgericht im Matthäusevangelium (25,40): „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ Die Aussage wird gewöhnlich in einem universalistischen Sinn verstanden. Unter den geringsten Brüdern, so wird gesagt, sei jeder Mensch zu verstehen. Das universalistische Verständnis der Perikope ist jedoch mit ziemlicher Sicherheit falsch. Mit den „geringsten Brüdern“ sind die Angehörigen der christlichen Gemeinde gemeint. So haben die Kirchenväter den Text verstanden. […]
Die […] gegen den Textsinn gerichtete Lesart erübrigt sich, wenn man zwischen der Liebe als Gesinnung und der Liebe als Tat unterscheidet. In Mt 25 geht es um die Liebe als Tat. Und da gelten die klassischen Vorzugsregeln, und zwar gelten sie für alle Völker (Mt 25,32). Unter sonst gleichen Umständen ist es sinnvoll und geboten, sich zunächst einmal um die „notleidenden Jünger“, also die Mitglieder der eigenen Gemeinde, zu kümmern. Damit wird der ethische Universalismus nicht aufgehoben, im Gegenteil: Er findet eine konkrete Anwendung, bei der miteinander konkurrierende Güter gegeneinander abgewogen werden müssen.
Ludger Schwienhorst-Schönberger: Der Nahe, der Nähere und der Nächste. Die Bibel und die Flüchtlingspolitik, in: Herder Korrespondenz Spezial 2/2018, S. 41–44.
Hinweis
Ludger Schwienhorst-Schönberger (geb. 1957): römisch-katholischer Theologe, Professor für Alttestamentliche Bibelwissenschaft an der Universität Wien
1 Vorzugsregeln (auch: Präferenzregeln): Regeln, die bei ethischen Abwägungen herangezogen werden, um zu entscheiden, welchem Gut oder Wert im jeweiligen Fall der Vorzug/die Priorität zu geben ist
2 ethischer Universalismus: Auffassung, dass ethische Prinzipien universell, für alle Menschen weltweit, gleichermaßen gelten
3 Bruno Schüller: Die Begründung sittlicher Urteile. Typen ethischer Argumentation in der Moraltheologie, Düsseldorf 1980, S. 109.
4 Homilien zum Lukasevangelium, 25,1 und 6; FC 4/1, S. 269 und S. 273
„So gesehen ist nicht jeder Mensch mein Nächster, sondern jeder Mensch kann (unter ganz bestimmten Umständen) mein Nächster werden.“ (Material)
3 Nehmen Sie vor dem Hintergrund der Botschaft und des Handelns Jesu Stellung zu dieser Aussage des Autors. Berücksichtigen Sie neutestamentliche Beispiele. (35 BE)

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
3 Nehmen Sie vor dem Hintergrund der Botschaft und des Handelns Jesu Stellung zu dieser Aussage des Autors. Berücksichtigen Sie neutestamentliche Beispiele.
Lösung: Differenzierte Stellungnahme zum Zitat vor dem Hintergrund der Botschaft und des Handelns Jesu unter Heranziehung neutestamentlicher Beispiele.
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