Aufgabe Vorschlag D - Aufgabe 3 · Abitur Hessen Katholische Religion LK 2022

Thema: Religionskritik: Feuerbach, Nietzsche und aktueller Atheismus · Aus der Prüfung LK (2022)

Aufgabenstellung

Material

Reinhard Marx: Christsein und Freisein (2020)

Und doch gibt es bei vielen Zeitgenossen eher den Eindruck, der christliche Glaube führe nicht in die

Freiheit, sondern bedeute Entfremdung und Unterwerfung, fordere Gehorsam, um dem Gesetz Gottes

zu genügen. Dieses Modell ist leider noch immer in vielen Köpfen stark – und das gilt auch für viele

innerhalb der Kirche. Und Vertreter der Kirche haben selbst viel dazu beigetragen, ein Bild von Gott

5 zu zeichnen, das der Freiheit keinen Raum lässt: Gott fordert etwas, wir gehorchen und dann werden

wir belohnt. Von hier aus ist der Schritt zu einem blinden Gehorsam nicht weit; und auch der Schritt

hin zu einer Verwaltung der Religion durch einige wenige, die den Willen Gottes interpretieren und

dadurch Herrschaft ausüben über andere, ist relativ leichtgetan.

Dann wird der Weg zur Freiheit aber zu einem Weg in eine neue Abhängigkeit und Unfreiheit. […]

10 Damit ist aber eigentlich das kostbare Geschenk der Freiheit des Menschen eingeschränkt, und Angst

regiert das Verhalten der Menschen: die Angst vor Gott und die Angst vor seinen Vertretern auf

Erden. Eine solche Idee ist für mich völlig unvereinbar mit dem Bild eines Gottes, der frei ist und frei

macht. Und es ist auch nicht vereinbar mit dem Blick auf die Person Jesu Christi, auf sein Leben,

Sterben und Auferstehen und auf sein Evangelium, das eine frohe und gute Botschaft ist. […]

15 Es gibt eine revolutionäre, befreiende Kraft des Monotheismus, die auch Eckhard Nordhofen 1 in

seinem Buch „Corpora. Die anarchische Kraft des Monotheismus“ gut herausgearbeitet hat. Er zeigt

auf, dass ein wirklich konsequent gedachter Monotheismus letztlich das Ende jedes ökonomischen

Verständnisses von Religion im Sinne eines „Austauschs“ zwischen Gott und Mensch sein muss. Die

Beziehung zwischen Gott und Mensch ist keine Geschäftsbeziehung! Die Geschichte der Religionen –

20 und auch die Geschichte des Christentums – war und ist doch immer noch geprägt von der

Vorstellung, dass wir den Göttern oder Gott etwas geben, damit sie uns etwas geben. Damit ist die

Beziehung zwischen Gott und Mensch ein Vertrag, ein „do ut des“ – „ich gebe, damit du gibst“, und

damit letztendlich auch mit Furcht verbunden. Es ist im Grunde die Verlängerung einer menschlichen

Vertragslogik in die Welt des Göttlichen. Doch damit wird der Gedanke, dass es einen Gott gibt,

25 verkleinert und auf menschliches Maß gedrückt, und die befreiende Kraft des Monotheismus nicht

aufgegriffen. Denn Gott ist ja gerade kein Bestandteil der Welt, kein Teil der Schöpfung, kein in

unserer Lebenswelt vorzufindendes Etwas.

Machen wir ein Experiment: Schließen Sie bitte einmal die Augen und sagen dann langsam für sich

das Wort „Gott“. Was tut sich in Ihrer Vorstellung? Hören Sie Melodien? Sehen Sie Farben?

30 Strukturen? Bilder? Gar nichts? Was immer es auch sei, als Theologe muss ich Ihnen sagen: Es hat

nichts mit Gott zu tun! Diese Übung hilft mir manchmal, mir wieder klar zu machen, dass all die

Bilder und Worte, die wir in der Tradition des Glaubens haben und benutzen, immer unter dem

größten Vorbehalt stehen müssen: Wir machen uns von Gott ja Vorstellungen im Rahmen unserer

menschlichen Möglichkeiten. Gott aber ist, wie die Theologie sagt „totaliter aliter“ – „gänzlich

35 anders“. Er ist kein Teil der Welt, der Schöpfung. Er ist ja der Schöpfer der Welt. Und so ist das Wort

„Gott“ ein menschliches Wort, das aber Menschen grundsätzlich nicht begreifen können.

Gleichzeitig haben wir (fast) alle – ob gläubig oder nicht – Gottesvorstellungen, die tief in der

Religions- und Kulturgeschichte verwurzelt sind.

Besonders ausgeprägt ist die Vorstellung, Gott sei doch so etwas wie ein Mensch – nur stärker,

40 allmächtiger, größer … Aber ganz zu Recht erscheint eine solche Gottesvorstellung vielen Menschen

immer weniger plausibel. Dazu hat auch beigetragen, dass mit diesen Bildern ja nicht nur positive

Assoziationen verbunden wurden, sondern auch negative Bilder vom Menschen transportiert und zur

Machtausübung im weltlichen und im kirchlichen Bereich genutzt wurden. Ein solches Bild entspricht

letztlich nicht der biblischen Gottesoffenbarung.

45 Christliche Theologen denken seit Jahrhunderten darüber nach, wie man so von Gott sprechen kann,

dass sein Anderssein gewahrt wird und wir trotzdem Worte und Bilder finden, um uns dem Göttlichen

zu nähern. Karl Rahner hat diese theologische Spurensuche auf den Punkt gebracht und sagt, dass Gott

„das absolute Geheimnis“ schlechthin ist.

1 Eckhard Nordhofen (geb. 1945): deutscher Philosoph und Theologe

Reinhard Marx: Freiheit, München 2020, S. 36–38.

Hinweis

Reinhard Marx (geb. 1953): Kardinal der römisch-katholischen Kirche; seit 2008 Erzbischof von München und Freising; von 2014 bis 2020 Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz

Aufgaben

3.1

Stellen Sie die Religionskritik Friedrich Nietzsches dar.

(20 BE)

3.2

Der „Eindruck, der christliche Glaube führe nicht in die Freiheit, sondern bedeute Entfremdung und Unterwerfung [...]. Eine solche Idee ist für mich völlig unvereinbar mit dem Bild eines Gottes, der frei ist und frei macht. Und ist auch nicht vereinbar mit dem Blick auf die Person Jesu Christi, auf sein Leben, Sterben und Auferstehen und auf sein Evangelium, das eine frohe und gute Botschaft ist.“ (Material)

Setzen Sie sich mit Nietzsches Religionskritik auseinander, indem Sie die obige Aussage von Reinhard Marx sowie alttestamentliche und neutestamentliche Aussagen berücksichtigen.

(30 BE)

Aufgabenstellung: Aufgabe Vorschlag D - Aufgabe 3 · Abitur Hessen Katholische Religion LK 2022

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

3.1 Stellen Sie die Religionskritik Friedrich Nietzsches dar.

Lösung: Zur Religionskritik Nietzsches können folgende Aspekte dargestellt werden: - Gott ist für Nietzsche eine Erfindung des Menschen; Naturwissenschaft und Aufklärung haben den Glauben unglaubwürdig gemacht („Gott ist tot“). - Nietzsche kritisiert das Christentum und die Kirche seiner Zeit scharf: Die christliche Vertröstung auf ein Jenseits sei lebensverneinend und die christliche Moral lebensfeindlich. - Die christliche Moral wird als „Sklavenmoral“ entlarvt: Sie fordere Gehorsam, Demut, Mitleid und mache Menschen klein, schwach und unselbstständig. Sie diene den Schwachen dazu, die Starken und Mächtigen durch Schuldgefühle zu fesseln und an ihrer Selbstentfaltung zu hindern. - Forderung nach der Befreiung von Gott: Mit dem „Tod Gottes“ wird der Horizont wieder frei für den Menschen, selbst Werte zu setzen (Umwertung aller Werte). - Durch die Überwindung der Mitleidsethik habe der Mensch die Chance, zum „Übermenschen“ zu werden – einem Typus, der sein Leben souverän aus eigenem Willen zur Macht bestimmt und Selbstvervollkommnung anstrebt.

3.2 Setzen Sie sich mit Nietzsches Religionskritik auseinander, indem Sie die obige Aussage von Reinhard Marx sowie alttestamentliche und neutestamentliche Aussagen berücksichtigen.

Lösung: Die Auseinandersetzung erfordert den Bezug zu Reinhard Marx, zum alttestamentlichen und neutestamentlichen Freiheitsverständnis: 1. Bezug zum Alten Testament: - Gottebenbildlichkeit (Gen 1): Der Mensch besitzt eine unverlierbare Würde und den Auftrag zur verantwortungsvollen Weltgestaltung. - Exodus (Ex 20,2): Gott offenbart sich primär als Befreier aus dem Sklavenhaus Ägyptens. Gebote sind Leitplanken der Freiheit, kein Unterdrückungsinstrument. - Unterscheidung von Gott und Götzen: Befreiung von Abhängigkeiten und Verehrung irdischer Mächte; Gott erweist sich als treu und barmherzig (Hos 11). 2. Bezug zum Neuen Testament und der Person Jesu Christi: - Gleichnisse Jesu: Gott begegnet den Menschen bedingungslos liebend und vergabend (verlorener Sohn Lk 15; verlorenes Schaf Mt 18; Arbeiter im Weinberg Mt 20). - Jesu Praxis der Freiheit gegenüber Gesetzesstarre: Heilung am Sabbat (Mk 3,1–6; Mk 2,27: „Der Sabbat ist für den Menschen da“). - Entlarvung von Heuchelei und Selbstgerechtigkeit (Pharisäer und Zöllner Lk 18; Ehebrecherin Joh 8). - Befreiung von inneren und äußeren Zwängen (Heilung von Krankheiten, Dämonenaustreibungen, Sündenvergebung). 3. Systematische Auseinandersetzung und Fazit mit Marx: - Nietzsches Vorwurf der Unterwerfung trifft historische Fehlformen und Machtmissbrauch der Kirche, verfehlt aber das biblische Zeugnis. - Jesus ist nicht der rücksichtslose „Übermensch“, sondern zeigt wahre Freiheit in der freiwilligen, liebenden Hingabe an Gott und die Mitmenschen. - Christlicher Gehorsam ist freie Antwort auf Gottes Zuvorkommen, keine verängstigte Unterwerfung oder Sklavenmoral, sondern Befähigung zu lebensbejahendem Handeln in der Welt.

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