Abitur Hessen Katholische Religion 2021 · GK

Abiturprüfung Katholische Religion in Hessen 2021, GK: 12 Aufgaben mit Lösungen. Themen: Texterschließung: Text zusammenfassen und Position erfassen.

Themen der Prüfung: Texterschließung: Text zusammenfassen und Position erfassen · Jesus Christus: Reich-Gottes-Botschaft, Kreuz, Auferstehung und Nachfolge · Gottesrede: angemessen von Gott sprechen · Religionskritik: Feuerbach, Nietzsche und aktueller Atheismus · Moralisch argumentieren: philosophische Modelle der Ethik · Biblische Ethik und Engagement für das Leben

Aufgabe Vorschlag A - Aufgabe 1 · Texterschließung: Text zusammenfassen und Position erfassen

Material

Johanna Haberer: Christlicher Glaube in der Auseinandersetzung mit der digitalen Welt (2015)

Die Visionen der digitalen Welt sind getragen von einem grenzenlosen Optimismus. [...] Aus der

Vision der Teilhabe am Wissen und Denken der Menschen untereinander [...] ist eine Realität der

digitalen Marktmonopole und Kontrolleure geworden, die kaum verhohlen mit religiös geprägten

Begrifflichkeiten und messianischen Ansprüchen agieren. [...]

5 Wenn der Executive Chairman 1 von Google, Eric Schmidt, beispielsweise verspricht, mit dieser

unsichtbaren Technologie alle Probleme der Welt zu lösen, dann klingt das nach den säkularen

Heilsversprechen der westlichen Kultur, deren Leitstern die Machbarkeit ist. Schmidt [...] prophezeit,

dass diese Netztechnik, die sich heute noch in einer Menge mobiler Endgerätschaften manifestiert, in

absehbarer Zeit unsichtbar immer um uns und in uns sein wird, ein Teil von uns – so wie sich die

10 biblischen Schriften den Geist Gottes vorstellen.

Im Psalm 139 wird Gott in der ganzen Ambivalenz seiner Allgegenwart beschrieben, wenn es heißt:

Ich sitze oder stehe auf, so weißt du es... Ich gehe oder liege, so bist du um mich und siehst alle meine

Wege... Wohin soll ich gehen vor deinem Geist und wohin soll ich fliehen vor deinem Angesicht?

(Ps 139, 2.3.7)

15 Von dieser Vorstellung einer alles überwachenden Gegenwart ist das legendäre Zitat des Google-

Chairmans nicht weit: „Wir wissen, wo du bist. Wir wissen, wo du warst. Wir wissen mehr oder

weniger, worüber du nachdenkst.“ Nur: Wohin soll ein vernetzter Bürger fliehen?

Eric Schmidt verspricht, dass wir, die Nutzer, zu jeder Zeit und an jedem Ort Zugriff auf alle

verfügbaren Daten haben werden, dass wir – auch das ein Begriff aus der Sprachwelt der

20 theologischen Gotteslehre – „ubiquitär“ werden: allgegenwärtig. [...]

Die Propheten der digitalen Technologie wissen auch, dass unser Leben durchschaubar wird und wir

per Algorithmus ausrechenbar werden wie Laborratten. Denn die digitale Vernetzung, diese

„allwissende“ und „allgegenwärtige“ Instanz, dokumentiert permanent, was ich träume, denke und tue.

Sie wird mich in Zukunft nicht nur kontrollieren, sie wird mich auch beschützen – vor mir selbst und

25 vor anderen. Sie wird uns in nicht allzu ferner Zeit noch viel mehr abnehmen als heute schon. Sie wird

für mich mein Auto fahren, weil sie das besser kann als ich, sie wird mich auf auffällige

Gesundheitsdaten aufmerksam machen und mich ins Bett schicken, wenn sie meint, ich bräuchte

Schlaf. Sie wird für mich einkaufen, Wäsche waschen und Frühstück bereiten. Und: Sie wird alles,

was ich womöglich brauche, womit ich mich gerade beschäftige oder was mir gefallen könnte,

30 ununterbrochen für mich im Netz aufspüren und mir anbieten. [...]

„Perfektion“ oder auf Deutsch „Vollkommenheit“ – auch das ein Begriff aus der religiösen

Kleiderkammer für eine Gott zugerechnete Eigenschaft – ist das Ziel dieser Internetkonzerne, die

gerade daran arbeiten, alle möglichen Fragen der Welt vorauszusehen und zu beantworten. [...]

Auch der Gestus Gnade findet sich im digitalen Paradies: das Versprechen, dass es in der Netzwelt

35 alles umsonst gibt. Ein Unternehmen, eine Internetmarke, wendet sich mir zu, um mir nichts als Gutes

zu tun. Ich muss mich nur einloggen und bin augenblicklich Teil einer anderen Welt, in der ich nichts

bezahlen muss, in der es Ideen und Gedanken und Informationen, Bibliotheken und Musik, Film und

Fernsehen, kurz: die geistige Expressivität der ganzen Welt einfach umsonst gibt. [...]

Wie das Erste Testament 2 das Bild von der Allgegenwart Gottes im Psalm malt, der jede Biografie in

40 das Buch des Lebens geschrieben hat, so speichern die Netzkonzerne alle meine Lebensäußerungen in

ein sich stets vergrößerndes Computergedächtnis und beherrschen so die Einzelheiten meiner

Biografie wie Gott im Jüngsten Gericht. [...]

Und wenn man dem Netzkritiker Jaron Lanier Glauben schenken darf, dann verbindet die Community

der digitalen Forscher mit dieser Technologie nicht nur die Vision von Allmacht, Allgegenwart und

45 Allwissenheit [...], sie inszeniert auch den Traum einer digitalen Unsterblichkeit.

Johanna Haberer: Digitale Theologie. Gott und die Medienrevolution der Gegenwart, München 2015, S. 118–128.

1 Executive Chairman: (engl.) Vorstandsvorsitzender

2 das Erste Testament: das Alte Testament

Hinweis

Johanna Haberer (geb. 1956): evangelische Theologin, Journalistin und Professorin für Christliche Publizistik in Nürnberg

1

Fassen Sie den vorliegenden Text zusammen. (Material) (25 BE)

Aufgabe Vorschlag A - Aufgabe 2 · Jesus Christus: Reich-Gottes-Botschaft, Kreuz, Auferstehung und Nachfolge

Material

Johanna Haberer: Christlicher Glaube in der Auseinandersetzung mit der digitalen Welt (2015)

Die Visionen der digitalen Welt sind getragen von einem grenzenlosen Optimismus. [...] Aus der

Vision der Teilhabe am Wissen und Denken der Menschen untereinander [...] ist eine Realität der

digitalen Marktmonopole und Kontrolleure geworden, die kaum verhohlen mit religiös geprägten

Begrifflichkeiten und messianischen Ansprüchen agieren. [...]

5 Wenn der Executive Chairman 1 von Google, Eric Schmidt, beispielsweise verspricht, mit dieser

unsichtbaren Technologie alle Probleme der Welt zu lösen, dann klingt das nach den säkularen

Heilsversprechen der westlichen Kultur, deren Leitstern die Machbarkeit ist. Schmidt [...] prophezeit,

dass diese Netztechnik, die sich heute noch in einer Menge mobiler Endgerätschaften manifestiert, in

absehbarer Zeit unsichtbar immer um uns und in uns sein wird, ein Teil von uns – so wie sich die

10 biblischen Schriften den Geist Gottes vorstellen.

Im Psalm 139 wird Gott in der ganzen Ambivalenz seiner Allgegenwart beschrieben, wenn es heißt:

Ich sitze oder stehe auf, so weißt du es... Ich gehe oder liege, so bist du um mich und siehst alle meine

Wege... Wohin soll ich gehen vor deinem Geist und wohin soll ich fliehen vor deinem Angesicht?

(Ps 139, 2.3.7)

15 Von dieser Vorstellung einer alles überwachenden Gegenwart ist das legendäre Zitat des Google-

Chairmans nicht weit: „Wir wissen, wo du bist. Wir wissen, wo du warst. Wir wissen mehr oder

weniger, worüber du nachdenkst.“ Nur: Wohin soll ein vernetzter Bürger fliehen?

Eric Schmidt verspricht, dass wir, die Nutzer, zu jeder Zeit und an jedem Ort Zugriff auf alle

verfügbaren Daten haben werden, dass wir – auch das ein Begriff aus der Sprachwelt der

20 theologischen Gotteslehre – „ubiquitär“ werden: allgegenwärtig. [...]

Die Propheten der digitalen Technologie wissen auch, dass unser Leben durchschaubar wird und wir

per Algorithmus ausrechenbar werden wie Laborratten. Denn die digitale Vernetzung, diese

„allwissende“ und „allgegenwärtige“ Instanz, dokumentiert permanent, was ich träume, denke und tue.

Sie wird mich in Zukunft nicht nur kontrollieren, sie wird mich auch beschützen – vor mir selbst und

25 vor anderen. Sie wird uns in nicht allzu ferner Zeit noch viel mehr abnehmen als heute schon. Sie wird

für mich mein Auto fahren, weil sie das besser kann als ich, sie wird mich auf auffällige

Gesundheitsdaten aufmerksam machen und mich ins Bett schicken, wenn sie meint, ich bräuchte

Schlaf. Sie wird für mich einkaufen, Wäsche waschen und Frühstück bereiten. Und: Sie wird alles,

was ich womöglich brauche, womit ich mich gerade beschäftige oder was mir gefallen könnte,

30 ununterbrochen für mich im Netz aufspüren und mir anbieten. [...]

„Perfektion“ oder auf Deutsch „Vollkommenheit“ – auch das ein Begriff aus der religiösen

Kleiderkammer für eine Gott zugerechnete Eigenschaft – ist das Ziel dieser Internetkonzerne, die

gerade daran arbeiten, alle möglichen Fragen der Welt vorauszusehen und zu beantworten. [...]

Auch der Gestus Gnade findet sich im digitalen Paradies: das Versprechen, dass es in der Netzwelt

35 alles umsonst gibt. Ein Unternehmen, eine Internetmarke, wendet sich mir zu, um mir nichts als Gutes

zu tun. Ich muss mich nur einloggen und bin augenblicklich Teil einer anderen Welt, in der ich nichts

bezahlen muss, in der es Ideen und Gedanken und Informationen, Bibliotheken und Musik, Film und

Fernsehen, kurz: die geistige Expressivität der ganzen Welt einfach umsonst gibt. [...]

Wie das Erste Testament 2 das Bild von der Allgegenwart Gottes im Psalm malt, der jede Biografie in

40 das Buch des Lebens geschrieben hat, so speichern die Netzkonzerne alle meine Lebensäußerungen in

ein sich stets vergrößerndes Computergedächtnis und beherrschen so die Einzelheiten meiner

Biografie wie Gott im Jüngsten Gericht. [...]

Und wenn man dem Netzkritiker Jaron Lanier Glauben schenken darf, dann verbindet die Community

der digitalen Forscher mit dieser Technologie nicht nur die Vision von Allmacht, Allgegenwart und

45 Allwissenheit [...], sie inszeniert auch den Traum einer digitalen Unsterblichkeit.

Johanna Haberer: Digitale Theologie. Gott und die Medienrevolution der Gegenwart, München 2015, S. 118–128.

1 Executive Chairman: (engl.) Vorstandsvorsitzender

2 das Erste Testament: das Alte Testament

Hinweis

Johanna Haberer (geb. 1956): evangelische Theologin, Journalistin und Professorin für Christliche Publizistik in Nürnberg

2

Stellen Sie die Heilsversprechen der Reich-Gottes-Verkündigung Jesu und das darin aufscheinende Gottesbild dar und vergleichen Sie diese mit den Heilsversprechen der digitalen Technologie und den dahinter stehenden Mächten. (45 BE)

Aufgabe Vorschlag A - Aufgabe 3 · Religionskritik: Feuerbach, Nietzsche und aktueller Atheismus

Material

Johanna Haberer: Christlicher Glaube in der Auseinandersetzung mit der digitalen Welt (2015)

Die Visionen der digitalen Welt sind getragen von einem grenzenlosen Optimismus. [...] Aus der

Vision der Teilhabe am Wissen und Denken der Menschen untereinander [...] ist eine Realität der

digitalen Marktmonopole und Kontrolleure geworden, die kaum verhohlen mit religiös geprägten

Begrifflichkeiten und messianischen Ansprüchen agieren. [...]

5 Wenn der Executive Chairman 1 von Google, Eric Schmidt, beispielsweise verspricht, mit dieser

unsichtbaren Technologie alle Probleme der Welt zu lösen, dann klingt das nach den säkularen

Heilsversprechen der westlichen Kultur, deren Leitstern die Machbarkeit ist. Schmidt [...] prophezeit,

dass diese Netztechnik, die sich heute noch in einer Menge mobiler Endgerätschaften manifestiert, in

absehbarer Zeit unsichtbar immer um uns und in uns sein wird, ein Teil von uns – so wie sich die

10 biblischen Schriften den Geist Gottes vorstellen.

Im Psalm 139 wird Gott in der ganzen Ambivalenz seiner Allgegenwart beschrieben, wenn es heißt:

Ich sitze oder stehe auf, so weißt du es... Ich gehe oder liege, so bist du um mich und siehst alle meine

Wege... Wohin soll ich gehen vor deinem Geist und wohin soll ich fliehen vor deinem Angesicht?

(Ps 139, 2.3.7)

15 Von dieser Vorstellung einer alles überwachenden Gegenwart ist das legendäre Zitat des Google-

Chairmans nicht weit: „Wir wissen, wo du bist. Wir wissen, wo du warst. Wir wissen mehr oder

weniger, worüber du nachdenkst.“ Nur: Wohin soll ein vernetzter Bürger fliehen?

Eric Schmidt verspricht, dass wir, die Nutzer, zu jeder Zeit und an jedem Ort Zugriff auf alle

verfügbaren Daten haben werden, dass wir – auch das ein Begriff aus der Sprachwelt der

20 theologischen Gotteslehre – „ubiquitär“ werden: allgegenwärtig. [...]

Die Propheten der digitalen Technologie wissen auch, dass unser Leben durchschaubar wird und wir

per Algorithmus ausrechenbar werden wie Laborratten. Denn die digitale Vernetzung, diese

„allwissende“ und „allgegenwärtige“ Instanz, dokumentiert permanent, was ich träume, denke und tue.

Sie wird mich in Zukunft nicht nur kontrollieren, sie wird mich auch beschützen – vor mir selbst und

25 vor anderen. Sie wird uns in nicht allzu ferner Zeit noch viel mehr abnehmen als heute schon. Sie wird

für mich mein Auto fahren, weil sie das besser kann als ich, sie wird mich auf auffällige

Gesundheitsdaten aufmerksam machen und mich ins Bett schicken, wenn sie meint, ich bräuchte

Schlaf. Sie wird für mich einkaufen, Wäsche waschen und Frühstück bereiten. Und: Sie wird alles,

was ich womöglich brauche, womit ich mich gerade beschäftige oder was mir gefallen könnte,

30 ununterbrochen für mich im Netz aufspüren und mir anbieten. [...]

„Perfektion“ oder auf Deutsch „Vollkommenheit“ – auch das ein Begriff aus der religiösen

Kleiderkammer für eine Gott zugerechnete Eigenschaft – ist das Ziel dieser Internetkonzerne, die

gerade daran arbeiten, alle möglichen Fragen der Welt vorauszusehen und zu beantworten. [...]

Auch der Gestus Gnade findet sich im digitalen Paradies: das Versprechen, dass es in der Netzwelt

35 alles umsonst gibt. Ein Unternehmen, eine Internetmarke, wendet sich mir zu, um mir nichts als Gutes

zu tun. Ich muss mich nur einloggen und bin augenblicklich Teil einer anderen Welt, in der ich nichts

bezahlen muss, in der es Ideen und Gedanken und Informationen, Bibliotheken und Musik, Film und

Fernsehen, kurz: die geistige Expressivität der ganzen Welt einfach umsonst gibt. [...]

Wie das Erste Testament 2 das Bild von der Allgegenwart Gottes im Psalm malt, der jede Biografie in

40 das Buch des Lebens geschrieben hat, so speichern die Netzkonzerne alle meine Lebensäußerungen in

ein sich stets vergrößerndes Computergedächtnis und beherrschen so die Einzelheiten meiner

Biografie wie Gott im Jüngsten Gericht. [...]

Und wenn man dem Netzkritiker Jaron Lanier Glauben schenken darf, dann verbindet die Community

der digitalen Forscher mit dieser Technologie nicht nur die Vision von Allmacht, Allgegenwart und

45 Allwissenheit [...], sie inszeniert auch den Traum einer digitalen Unsterblichkeit.

Johanna Haberer: Digitale Theologie. Gott und die Medienrevolution der Gegenwart, München 2015, S. 118–128.

1 Executive Chairman: (engl.) Vorstandsvorsitzender

2 das Erste Testament: das Alte Testament

Hinweis

Johanna Haberer (geb. 1956): evangelische Theologin, Journalistin und Professorin für Christliche Publizistik in Nürnberg

3

Skizzieren Sie den atheistischen Ansatz von Friedrich Nietzsche und überprüfen Sie, ob bzw. inwiefern mit der digitalen Technologie die Vision Nietzsches vom „Übermenschen“ realisiert wird. (30 BE)

Aufgabe Vorschlag B - Aufgabe 1 · Texterschließung: Text zusammenfassen und Position erfassen

Material

Pascal Mercier: Nachtzug nach Lissabon (2006)

Angesichts der Erkenntnis der Vergänglichkeit verlässt die Romanfigur Gregorius, ein Lehrer, mitten im Unterricht seine Schule und macht sich auf den Weg nach Lissabon. Er folgt den Spuren eines geheimnisvollen portugiesischen Autors, Amadeu de Prado. Immer tiefer zieht es den Lehrer in die Aufzeichnungen und Reflexionen dieses Portugiesen. Der vorliegende Text ist ein Auszug aus der Abschlussrede, die Amadeu de Prado als siebzehnjähriger Schüler hielt.

Ich möchte nicht in einer Welt ohne Kathedralen leben. Ich brauche ihre Schönheit und Erhabenheit.

Ich brauche sie gegen die Gewöhnlichkeit der Welt. [...] Ich will mich einhüllen lassen von der herben

Kühle der Kirchen. Ich brauche ihr gebieterisches Schweigen. Ich brauche es gegen das geistlose

Gebrüll des Kasernenhofs und das geistreiche Geschwätz der Mitläufer. [...] Ich liebe betende

5 Menschen. Ich brauche ihren Anblick. Ich brauche ihn gegen das tückische Gift des Oberflächlichen

und Gedankenlosen. Ich will die mächtigen Worte der Bibel lesen. Ich brauche die unwirkliche Kraft

ihrer Poesie. Ich brauche sie gegen die Verwahrlosung der Sprache und die Diktatur der Parolen. Eine

Welt ohne diese Dinge wäre eine Welt, in der ich nicht leben möchte.

Doch es gibt auch eine andere Welt, in der ich nicht leben will: die Welt, in der man den Körper und

10 das selbständige Denken verteufelt und Dinge als Sünde brandmarkt, die zum Besten gehören, was wir

erleben können. Die Welt, in der uns Liebe abverlangt wird gegenüber Tyrannen, Menschenschindern

und Meuchelmördern, ob ihre brutalen Stiefelschritte mit betäubendem Echo durch die Gassen hallen

oder ob sie mit katzenhafter Lautlosigkeit, als feige Schatten, durch die Straßen schleichen und ihren

Opfern den blitzenden Stahl von hinten ins Herz bohren. Es gehört zum Absurdesten, was den

15 Menschen von der Kanzel herab zugemutet worden ist, solchen Kreaturen zu verzeihen und sie sogar

zu lieben. Selbst wenn jemand es wirklich vermöchte: Es bedeutete eine beispiellose Unwahrhaftigkeit

und gnadenlose Selbstverleugnung, die mit vollständiger Verkrüppelung bezahlt würde. Dieses Gebot,

dieses wahnwitzige, abartige Gebot der Liebe zu den Feinden, es ist dazu angetan, die Menschen zu

brechen, ihnen allen Mut und alles Selbstvertrauen zu rauben und sie geschmeidig zu machen in den

20 Händen der Tyrannen, damit sie nicht die Kraft finden mögen, gegen sie aufzustehen, wenn nötig mit

Waffen.

Ich verehre Gottes Wort, denn ich liebe seine poetische Kraft. Ich verabscheue Gottes Wort, denn ich

hasse seine Grausamkeit. [...]

Es sind Worte, die von Abraham verlangen, den eigenen Sohn zu schlachten wie ein Tier. Was

25 machen wir mit unserer Wut, wenn wir das lesen? Was ist von einem solchen Gott zu halten? [...]

Die Poesie des göttlichen Worts, sie ist so überwältigend, daß sie alles zum Verstummen bringt und

jeder Widerspruch zum jämmerlichen Kläffen wird. Deshalb kann man die Bibel nicht einfach

weglegen, sondern muß sie wegwerfen, wenn man genug hat von ihren Zumutungen und der

Knechtschaft, die sie über uns verhängt. Es spricht aus ihr ein lebensferner, freudloser Gott, der den

30 gewaltigen Umfang eines menschlichen Lebens – den großen Kreis, den es zu beschreiben vermag,

wenn man ihm die Freiheit läßt – einengen will auf den einzigen, ausdehnungslosen Punkt des

Gehorsams. Gramgebeugt und sündenbeladen, ausgedörrt von Unterwerfung und der Würdelosigkeit

der Beichte, mit dem Aschenkreuz auf der Stirn sollen wir dem Grab entgegengehen, in der

tausendfach widerlegten Hoffnung auf ein besseres Leben an Seiner Seite. Doch wie könnte es besser

35 sein an der Seite von Einem, der uns vorher aller Freuden und Freiheiten beraubt hatte? [...]

Wie sollen wir glücklich sein ohne Neugierde, ohne Fragen, Zweifel und Argumente? Ohne Freude

am Denken? [...] Der Sklave auf der Galeere, er ist gekettet, aber er kann denken, was er will. Doch

was Er, unser Gott, von uns verlangt, ist, daß wir unsere Versklavung eigenhändig in unsere tiefsten

Tiefen hineintreiben und es auch noch freiwillig und mit Freuden tun. Kann es eine größere

40 Verhöhnung geben? [...]

Ich möchte nicht in einer Welt ohne Kathedralen leben. Ich brauche den Glanz ihrer Fenster, ihre

kühle Stille, ihr gebieterisches Schweigen. Ich brauche die Fluten der Orgel und die heilige Andacht

betender Menschen. Ich brauche die Heiligkeit von Worten, die Erhabenheit großer Poesie. All das

brauche ich. Doch nicht weniger brauche ich die Freiheit und die Feindschaft gegen alles Grausame.

45 Denn das eine ist nichts ohne das andere. Und niemand möge mich zwingen zu wählen.

Pascal Mercier: Nachtzug nach Lissabon, München 2006, S. 198–203.

Hinweis

Peter Bieri (geb. 1944): Schweizer Philosoph, bis 2007 Professor an der Freien Universität Berlin; unter dem Pseudonym Pascal Mercier wurde er als Schriftsteller bekannt, u.a. mit dem Roman „Nachtzug nach Lissabon“.

1 Fassen Sie die Gedanken der Figur Amadeu de Prado aus Pascal Merciers Roman „Nachtzug nach Lissabon“ zusammen. (Material) [30 BE]

Aufgabe Vorschlag B - Aufgabe 2 · Jesus Christus: Reich-Gottes-Botschaft, Kreuz, Auferstehung und Nachfolge

Material

Pascal Mercier: Nachtzug nach Lissabon (2006)

Angesichts der Erkenntnis der Vergänglichkeit verlässt die Romanfigur Gregorius, ein Lehrer, mitten im Unterricht seine Schule und macht sich auf den Weg nach Lissabon. Er folgt den Spuren eines geheimnisvollen portugiesischen Autors, Amadeu de Prado. Immer tiefer zieht es den Lehrer in die Aufzeichnungen und Reflexionen dieses Portugiesen. Der vorliegende Text ist ein Auszug aus der Abschlussrede, die Amadeu de Prado als siebzehnjähriger Schüler hielt.

Ich möchte nicht in einer Welt ohne Kathedralen leben. Ich brauche ihre Schönheit und Erhabenheit.

Ich brauche sie gegen die Gewöhnlichkeit der Welt. [...] Ich will mich einhüllen lassen von der herben

Kühle der Kirchen. Ich brauche ihr gebieterisches Schweigen. Ich brauche es gegen das geistlose

Gebrüll des Kasernenhofs und das geistreiche Geschwätz der Mitläufer. [...] Ich liebe betende

5 Menschen. Ich brauche ihren Anblick. Ich brauche ihn gegen das tückische Gift des Oberflächlichen

und Gedankenlosen. Ich will die mächtigen Worte der Bibel lesen. Ich brauche die unwirkliche Kraft

ihrer Poesie. Ich brauche sie gegen die Verwahrlosung der Sprache und die Diktatur der Parolen. Eine

Welt ohne diese Dinge wäre eine Welt, in der ich nicht leben möchte.

Doch es gibt auch eine andere Welt, in der ich nicht leben will: die Welt, in der man den Körper und

10 das selbständige Denken verteufelt und Dinge als Sünde brandmarkt, die zum Besten gehören, was wir

erleben können. Die Welt, in der uns Liebe abverlangt wird gegenüber Tyrannen, Menschenschindern

und Meuchelmördern, ob ihre brutalen Stiefelschritte mit betäubendem Echo durch die Gassen hallen

oder ob sie mit katzenhafter Lautlosigkeit, als feige Schatten, durch die Straßen schleichen und ihren

Opfern den blitzenden Stahl von hinten ins Herz bohren. Es gehört zum Absurdesten, was den

15 Menschen von der Kanzel herab zugemutet worden ist, solchen Kreaturen zu verzeihen und sie sogar

zu lieben. Selbst wenn jemand es wirklich vermöchte: Es bedeutete eine beispiellose Unwahrhaftigkeit

und gnadenlose Selbstverleugnung, die mit vollständiger Verkrüppelung bezahlt würde. Dieses Gebot,

dieses wahnwitzige, abartige Gebot der Liebe zu den Feinden, es ist dazu angetan, die Menschen zu

brechen, ihnen allen Mut und alles Selbstvertrauen zu rauben und sie geschmeidig zu machen in den

20 Händen der Tyrannen, damit sie nicht die Kraft finden mögen, gegen sie aufzustehen, wenn nötig mit

Waffen.

Ich verehre Gottes Wort, denn ich liebe seine poetische Kraft. Ich verabscheue Gottes Wort, denn ich

hasse seine Grausamkeit. [...]

Es sind Worte, die von Abraham verlangen, den eigenen Sohn zu schlachten wie ein Tier. Was

25 machen wir mit unserer Wut, wenn wir das lesen? Was ist von einem solchen Gott zu halten? [...]

Die Poesie des göttlichen Worts, sie ist so überwältigend, daß sie alles zum Verstummen bringt und

jeder Widerspruch zum jämmerlichen Kläffen wird. Deshalb kann man die Bibel nicht einfach

weglegen, sondern muß sie wegwerfen, wenn man genug hat von ihren Zumutungen und der

Knechtschaft, die sie über uns verhängt. Es spricht aus ihr ein lebensferner, freudloser Gott, der den

30 gewaltigen Umfang eines menschlichen Lebens – den großen Kreis, den es zu beschreiben vermag,

wenn man ihm die Freiheit läßt – einengen will auf den einzigen, ausdehnungslosen Punkt des

Gehorsams. Gramgebeugt und sündenbeladen, ausgedörrt von Unterwerfung und der Würdelosigkeit

der Beichte, mit dem Aschenkreuz auf der Stirn sollen wir dem Grab entgegengehen, in der

tausendfach widerlegten Hoffnung auf ein besseres Leben an Seiner Seite. Doch wie könnte es besser

35 sein an der Seite von Einem, der uns vorher aller Freuden und Freiheiten beraubt hatte? [...]

Wie sollen wir glücklich sein ohne Neugierde, ohne Fragen, Zweifel und Argumente? Ohne Freude

am Denken? [...] Der Sklave auf der Galeere, er ist gekettet, aber er kann denken, was er will. Doch

was Er, unser Gott, von uns verlangt, ist, daß wir unsere Versklavung eigenhändig in unsere tiefsten

Tiefen hineintreiben und es auch noch freiwillig und mit Freuden tun. Kann es eine größere

40 Verhöhnung geben? [...]

Ich möchte nicht in einer Welt ohne Kathedralen leben. Ich brauche den Glanz ihrer Fenster, ihre

kühle Stille, ihr gebieterisches Schweigen. Ich brauche die Fluten der Orgel und die heilige Andacht

betender Menschen. Ich brauche die Heiligkeit von Worten, die Erhabenheit großer Poesie. All das

brauche ich. Doch nicht weniger brauche ich die Freiheit und die Feindschaft gegen alles Grausame.

45 Denn das eine ist nichts ohne das andere. Und niemand möge mich zwingen zu wählen.

Pascal Mercier: Nachtzug nach Lissabon, München 2006, S. 198–203.

Hinweis

Peter Bieri (geb. 1944): Schweizer Philosoph, bis 2007 Professor an der Freien Universität Berlin; unter dem Pseudonym Pascal Mercier wurde er als Schriftsteller bekannt, u.a. mit dem Roman „Nachtzug nach Lissabon“.

2 Erläutern Sie zunächst die in Jesu Reich-Gottes-Botschaft deutlich werdende Aufforderung zur Feindesliebe, und stellen Sie sie anschließend der im Text aufscheinenden Position über die Feindesliebe gegenüber. [40 BE]

Aufgabe Vorschlag B - Aufgabe 3 · Gottesrede: angemessen von Gott sprechen

Material

Pascal Mercier: Nachtzug nach Lissabon (2006)

Angesichts der Erkenntnis der Vergänglichkeit verlässt die Romanfigur Gregorius, ein Lehrer, mitten im Unterricht seine Schule und macht sich auf den Weg nach Lissabon. Er folgt den Spuren eines geheimnisvollen portugiesischen Autors, Amadeu de Prado. Immer tiefer zieht es den Lehrer in die Aufzeichnungen und Reflexionen dieses Portugiesen. Der vorliegende Text ist ein Auszug aus der Abschlussrede, die Amadeu de Prado als siebzehnjähriger Schüler hielt.

Ich möchte nicht in einer Welt ohne Kathedralen leben. Ich brauche ihre Schönheit und Erhabenheit.

Ich brauche sie gegen die Gewöhnlichkeit der Welt. [...] Ich will mich einhüllen lassen von der herben

Kühle der Kirchen. Ich brauche ihr gebieterisches Schweigen. Ich brauche es gegen das geistlose

Gebrüll des Kasernenhofs und das geistreiche Geschwätz der Mitläufer. [...] Ich liebe betende

5 Menschen. Ich brauche ihren Anblick. Ich brauche ihn gegen das tückische Gift des Oberflächlichen

und Gedankenlosen. Ich will die mächtigen Worte der Bibel lesen. Ich brauche die unwirkliche Kraft

ihrer Poesie. Ich brauche sie gegen die Verwahrlosung der Sprache und die Diktatur der Parolen. Eine

Welt ohne diese Dinge wäre eine Welt, in der ich nicht leben möchte.

Doch es gibt auch eine andere Welt, in der ich nicht leben will: die Welt, in der man den Körper und

10 das selbständige Denken verteufelt und Dinge als Sünde brandmarkt, die zum Besten gehören, was wir

erleben können. Die Welt, in der uns Liebe abverlangt wird gegenüber Tyrannen, Menschenschindern

und Meuchelmördern, ob ihre brutalen Stiefelschritte mit betäubendem Echo durch die Gassen hallen

oder ob sie mit katzenhafter Lautlosigkeit, als feige Schatten, durch die Straßen schleichen und ihren

Opfern den blitzenden Stahl von hinten ins Herz bohren. Es gehört zum Absurdesten, was den

15 Menschen von der Kanzel herab zugemutet worden ist, solchen Kreaturen zu verzeihen und sie sogar

zu lieben. Selbst wenn jemand es wirklich vermöchte: Es bedeutete eine beispiellose Unwahrhaftigkeit

und gnadenlose Selbstverleugnung, die mit vollständiger Verkrüppelung bezahlt würde. Dieses Gebot,

dieses wahnwitzige, abartige Gebot der Liebe zu den Feinden, es ist dazu angetan, die Menschen zu

brechen, ihnen allen Mut und alles Selbstvertrauen zu rauben und sie geschmeidig zu machen in den

20 Händen der Tyrannen, damit sie nicht die Kraft finden mögen, gegen sie aufzustehen, wenn nötig mit

Waffen.

Ich verehre Gottes Wort, denn ich liebe seine poetische Kraft. Ich verabscheue Gottes Wort, denn ich

hasse seine Grausamkeit. [...]

Es sind Worte, die von Abraham verlangen, den eigenen Sohn zu schlachten wie ein Tier. Was

25 machen wir mit unserer Wut, wenn wir das lesen? Was ist von einem solchen Gott zu halten? [...]

Die Poesie des göttlichen Worts, sie ist so überwältigend, daß sie alles zum Verstummen bringt und

jeder Widerspruch zum jämmerlichen Kläffen wird. Deshalb kann man die Bibel nicht einfach

weglegen, sondern muß sie wegwerfen, wenn man genug hat von ihren Zumutungen und der

Knechtschaft, die sie über uns verhängt. Es spricht aus ihr ein lebensferner, freudloser Gott, der den

30 gewaltigen Umfang eines menschlichen Lebens – den großen Kreis, den es zu beschreiben vermag,

wenn man ihm die Freiheit läßt – einengen will auf den einzigen, ausdehnungslosen Punkt des

Gehorsams. Gramgebeugt und sündenbeladen, ausgedörrt von Unterwerfung und der Würdelosigkeit

der Beichte, mit dem Aschenkreuz auf der Stirn sollen wir dem Grab entgegengehen, in der

tausendfach widerlegten Hoffnung auf ein besseres Leben an Seiner Seite. Doch wie könnte es besser

35 sein an der Seite von Einem, der uns vorher aller Freuden und Freiheiten beraubt hatte? [...]

Wie sollen wir glücklich sein ohne Neugierde, ohne Fragen, Zweifel und Argumente? Ohne Freude

am Denken? [...] Der Sklave auf der Galeere, er ist gekettet, aber er kann denken, was er will. Doch

was Er, unser Gott, von uns verlangt, ist, daß wir unsere Versklavung eigenhändig in unsere tiefsten

Tiefen hineintreiben und es auch noch freiwillig und mit Freuden tun. Kann es eine größere

40 Verhöhnung geben? [...]

Ich möchte nicht in einer Welt ohne Kathedralen leben. Ich brauche den Glanz ihrer Fenster, ihre

kühle Stille, ihr gebieterisches Schweigen. Ich brauche die Fluten der Orgel und die heilige Andacht

betender Menschen. Ich brauche die Heiligkeit von Worten, die Erhabenheit großer Poesie. All das

brauche ich. Doch nicht weniger brauche ich die Freiheit und die Feindschaft gegen alles Grausame.

45 Denn das eine ist nichts ohne das andere. Und niemand möge mich zwingen zu wählen.

Pascal Mercier: Nachtzug nach Lissabon, München 2006, S. 198–203.

Hinweis

Peter Bieri (geb. 1944): Schweizer Philosoph, bis 2007 Professor an der Freien Universität Berlin; unter dem Pseudonym Pascal Mercier wurde er als Schriftsteller bekannt, u.a. mit dem Roman „Nachtzug nach Lissabon“.

„Es spricht aus ihr [der Bibel] ein […] Gott, der den gewaltigen Umfang eines menschlichen Lebens – den großen Kreis, den es zu beschreiben vermag, wenn man ihm die Freiheit läßt – einengen will auf den einzigen, ausdehnungslosen Punkt des Gehorsams.“ (Material)

3 Überprüfen Sie, ob bzw. inwiefern der im Zitat erkennbare Vorwurf auf das biblisch-christliche Gottesverständnis zutrifft. [30 BE]

Aufgabe Vorschlag C - Aufgabe 1 · Texterschließung: Text zusammenfassen und Position erfassen

Material

Linda Hogan: Globalisierung, Urbanisierung und die Frage nach dem Gemeinwohl (2019)

I. Die Globalisierung und ihre Auswirkungen

Die Debatten über das Wesen und die Auswirkungen gegenwärtiger Formen der Globalisierung sind komplex und höchst brisant. [...]

Wie auch immer man sich zu diesen Debatten stellen mag, es ist auf jeden Fall klar, dass die Globalisierung das heutige wirtschaftliche und politische Leben so umfassend verändert hat, dass frühere nationale Angelegenheiten sich zu internationalen gewandelt haben. Zudem hat die beispiellose internationale Integration anscheinend neue Phänomene hervorgebracht: Probleme, die nur im internationalen Kontext angepackt werden können, und Güter, die nur durch globales politisches Handeln erstrebt und gesichert werden können. So stehen wir nun täglich vor Aufgaben, die keine Regierung alleine erfolgreich bewältigen kann, vor Problemen der Umweltzerstörung, der Weiterverbreitung nuklearer und chemischer Materialien, der Migration und des Terrorismus. Daneben gibt es oft Fragen zu Gleichheit und Gerechtigkeit, die ebenfalls in diesen globalisierten und globalisierenden Kontext eingebettet sind [...].

II. Die ethischen Herausforderungen der Globalisierung

Die ethischen Herausforderungen, die sich aus dieser Darstellung [...] ergeben, sind mannigfaltig. Kritiker haben bereits hingewiesen auf die negativen Auswirkungen der unregulierten oder unfair regulierten Märkte, der Zusammenlegung ökonomischer Aktivitäten in den Entwicklungsländern und der Währungsspekulation in vielen Teilen der Welt. Die ständig wachsende ökonomische Ungleichheit zwischen Nord und Süd und die beschämende Verarmung vieler Länder werden von vielen als unausweichliche, aber inakzeptable Nebenprodukte der Globalisierung angesehen. Deshalb treten Politiker, Aktivisten der Zivilgesellschaft und Wissenschaftler überall auf der Welt für eine ethische Globalisierung ein, d.h. für eine Form der wirtschaftlichen und politischen Integration, die ethischen Erwägungen unterliegt und alle Menschenrechte respektiert, also wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte ebenso wie politische und staatsbürgerliche Rechte.

Der Ausdruck „ethische Globalisierung“ ist umstritten; viele Anti-Globalisierungsaktivisten halten ihn für ein Oxymoron 1. Die Befürworter des Konzeptes hingegen meinen, dieses ermögliche es Einzelnen und Gemeinschaften überall auf der Welt am besten, sich für eine Sicherung des Lebensunterhalts in Anstand und Würde und gegen die voranschreitende Verelendung einzusetzen. Es verweist auf die Notwendigkeit, Formen der Globalisierung zu finden, die der menschlichen Entwicklung dienen, anstatt sie zu untergraben, und das heißt, dass der Antrieb der ökonomischen Globalisierung von ethischen Prinzipien geleitet und bestimmt werden sollte. Ein Ziel, das von Tag zu Tag dringender wird.

Die Globalisierung hat viele neue Probleme hervorgebracht; nicht die geringsten unter ihnen sind die, die mit der Verstädterung, der Urbanisierung 2, zusammenhängen. Gewiss hat sie eine Reihe von Ursachen, doch der gegenwärtige Impuls zur Urbanisierung kommt zweifellos vor allem von der Globalisierung. Zudem schaffen das exponentielle Wachstum der Städte und die Tendenz der Urbanisierung nicht nur neue soziale, politische und ökonomische Probleme, sondern vergrößern auch die Schwierigkeit, gerechte, inklusive und unparteiische politische und wirtschaftliche Strukturen hervorzubringen.

In der Tat bringt die Tatsache der Verstädterung in akuter Weise die Frage auf, wie man gut leben kann inmitten einer Ballung sozialer Beziehungen, also mit Nachbarn, deren Werte, Engagements und Praktiken ich nicht teile. In diesem Zusammenhang kommt die ambivalente Natur der Globalisierung erneut in den Blick, denn außer dem Impuls zur Integration hat die Globalisierung auch eine Reihe von widersprüchlichen Prozessen in Gang gesetzt, u.a. eine Entwicklung zur Fragmentierung 3, die man in den Kräften des Nationalismus [...] und des religiösen Fundamentalismus erkennen kann. Trotzdem ist die Frage, wie Städte den Umgang mit diesem Pluralismus gestalten und zugleich den sozialen Zusammenhalt fördern können, für die Gesellschaft der Gegenwart von entscheidender Bedeutung. Für jene, die über die Stellung der Religion nachdenken, stellt sich außerdem die Frage, ob religiöse Gemeinschaften bei der Förderung solchen Zusammenhalts eine Rolle spielen können und ob Religion ein Teil des Problems oder ein Teil der Lösung sein wird.

1 Oxymoron: Zusammenstellung zweier sich widersprechender Begriffe

2 Urbanisierung: Ausbreitung städtischer Lebensweisen, Verstädterung

3 Fragmentierung: Zergliederung

Linda Hogan: Globalisierung, Urbanisierung und die Frage nach dem Gemeinwohl, in: Markus Büker, Alina Krause und Linda Hogan (Hgg.): Concilium. Internationale Zeitschrift für Theologie, Heft 1, März 2019, 55. Jahrgang, München 2019, S. 65–67.

Hinweis

Linda Hogan (geb. 1964): Professorin für Ökumenische Theologie am Trinity College Dublin

Vorschlag C

Christliche Ethik und Herausforderungen der Globalisierung

1

Fassen Sie den vorliegenden Text von Linda Hogan zusammen. (Material) (30 BE)

Aufgabe Vorschlag C - Aufgabe 2 · Biblische Ethik und Engagement für das Leben

Material

Linda Hogan: Globalisierung, Urbanisierung und die Frage nach dem Gemeinwohl (2019)

I. Die Globalisierung und ihre Auswirkungen

Die Debatten über das Wesen und die Auswirkungen gegenwärtiger Formen der Globalisierung sind komplex und höchst brisant. [...]

Wie auch immer man sich zu diesen Debatten stellen mag, es ist auf jeden Fall klar, dass die Globalisierung das heutige wirtschaftliche und politische Leben so umfassend verändert hat, dass frühere nationale Angelegenheiten sich zu internationalen gewandelt haben. Zudem hat die beispiellose internationale Integration anscheinend neue Phänomene hervorgebracht: Probleme, die nur im internationalen Kontext angepackt werden können, und Güter, die nur durch globales politisches Handeln erstrebt und gesichert werden können. So stehen wir nun täglich vor Aufgaben, die keine Regierung alleine erfolgreich bewältigen kann, vor Problemen der Umweltzerstörung, der Weiterverbreitung nuklearer und chemischer Materialien, der Migration und des Terrorismus. Daneben gibt es oft Fragen zu Gleichheit und Gerechtigkeit, die ebenfalls in diesen globalisierten und globalisierenden Kontext eingebettet sind [...].

II. Die ethischen Herausforderungen der Globalisierung

Die ethischen Herausforderungen, die sich aus dieser Darstellung [...] ergeben, sind mannigfaltig. Kritiker haben bereits hingewiesen auf die negativen Auswirkungen der unregulierten oder unfair regulierten Märkte, der Zusammenlegung ökonomischer Aktivitäten in den Entwicklungsländern und der Währungsspekulation in vielen Teilen der Welt. Die ständig wachsende ökonomische Ungleichheit zwischen Nord und Süd und die beschämende Verarmung vieler Länder werden von vielen als unausweichliche, aber inakzeptable Nebenprodukte der Globalisierung angesehen. Deshalb treten Politiker, Aktivisten der Zivilgesellschaft und Wissenschaftler überall auf der Welt für eine ethische Globalisierung ein, d.h. für eine Form der wirtschaftlichen und politischen Integration, die ethischen Erwägungen unterliegt und alle Menschenrechte respektiert, also wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte ebenso wie politische und staatsbürgerliche Rechte.

Der Ausdruck „ethische Globalisierung“ ist umstritten; viele Anti-Globalisierungsaktivisten halten ihn für ein Oxymoron 1. Die Befürworter des Konzeptes hingegen meinen, dieses ermögliche es Einzelnen und Gemeinschaften überall auf der Welt am besten, sich für eine Sicherung des Lebensunterhalts in Anstand und Würde und gegen die voranschreitende Verelendung einzusetzen. Es verweist auf die Notwendigkeit, Formen der Globalisierung zu finden, die der menschlichen Entwicklung dienen, anstatt sie zu untergraben, und das heißt, dass der Antrieb der ökonomischen Globalisierung von ethischen Prinzipien geleitet und bestimmt werden sollte. Ein Ziel, das von Tag zu Tag dringender wird.

Die Globalisierung hat viele neue Probleme hervorgebracht; nicht die geringsten unter ihnen sind die, die mit der Verstädterung, der Urbanisierung 2, zusammenhängen. Gewiss hat sie eine Reihe von Ursachen, doch der gegenwärtige Impuls zur Urbanisierung kommt zweifellos vor allem von der Globalisierung. Zudem schaffen das exponentielle Wachstum der Städte und die Tendenz der Urbanisierung nicht nur neue soziale, politische und ökonomische Probleme, sondern vergrößern auch die Schwierigkeit, gerechte, inklusive und unparteiische politische und wirtschaftliche Strukturen hervorzubringen.

In der Tat bringt die Tatsache der Verstädterung in akuter Weise die Frage auf, wie man gut leben kann inmitten einer Ballung sozialer Beziehungen, also mit Nachbarn, deren Werte, Engagements und Praktiken ich nicht teile. In diesem Zusammenhang kommt die ambivalente Natur der Globalisierung erneut in den Blick, denn außer dem Impuls zur Integration hat die Globalisierung auch eine Reihe von widersprüchlichen Prozessen in Gang gesetzt, u.a. eine Entwicklung zur Fragmentierung 3, die man in den Kräften des Nationalismus [...] und des religiösen Fundamentalismus erkennen kann. Trotzdem ist die Frage, wie Städte den Umgang mit diesem Pluralismus gestalten und zugleich den sozialen Zusammenhalt fördern können, für die Gesellschaft der Gegenwart von entscheidender Bedeutung. Für jene, die über die Stellung der Religion nachdenken, stellt sich außerdem die Frage, ob religiöse Gemeinschaften bei der Förderung solchen Zusammenhalts eine Rolle spielen können und ob Religion ein Teil des Problems oder ein Teil der Lösung sein wird.

1 Oxymoron: Zusammenstellung zweier sich widersprechender Begriffe

2 Urbanisierung: Ausbreitung städtischer Lebensweisen, Verstädterung

3 Fragmentierung: Zergliederung

Linda Hogan: Globalisierung, Urbanisierung und die Frage nach dem Gemeinwohl, in: Markus Büker, Alina Krause und Linda Hogan (Hgg.): Concilium. Internationale Zeitschrift für Theologie, Heft 1, März 2019, 55. Jahrgang, München 2019, S. 65–67.

Hinweis

Linda Hogan (geb. 1964): Professorin für Ökumenische Theologie am Trinity College Dublin

Vorschlag C

Christliche Ethik und Herausforderungen der Globalisierung

2

Untersuchen Sie, inwiefern den ethischen Herausforderungen der Globalisierung mit Hilfe der jesuanischen Reich-Gottes-Botschaft begegnet werden kann. Berücksichtigen Sie dabei neutestamentliche Textstellen. (35 BE)

Aufgabe Vorschlag C - Aufgabe 3 · Moralisch argumentieren: philosophische Modelle der Ethik

Material

Linda Hogan: Globalisierung, Urbanisierung und die Frage nach dem Gemeinwohl (2019)

I. Die Globalisierung und ihre Auswirkungen

Die Debatten über das Wesen und die Auswirkungen gegenwärtiger Formen der Globalisierung sind komplex und höchst brisant. [...]

Wie auch immer man sich zu diesen Debatten stellen mag, es ist auf jeden Fall klar, dass die Globalisierung das heutige wirtschaftliche und politische Leben so umfassend verändert hat, dass frühere nationale Angelegenheiten sich zu internationalen gewandelt haben. Zudem hat die beispiellose internationale Integration anscheinend neue Phänomene hervorgebracht: Probleme, die nur im internationalen Kontext angepackt werden können, und Güter, die nur durch globales politisches Handeln erstrebt und gesichert werden können. So stehen wir nun täglich vor Aufgaben, die keine Regierung alleine erfolgreich bewältigen kann, vor Problemen der Umweltzerstörung, der Weiterverbreitung nuklearer und chemischer Materialien, der Migration und des Terrorismus. Daneben gibt es oft Fragen zu Gleichheit und Gerechtigkeit, die ebenfalls in diesen globalisierten und globalisierenden Kontext eingebettet sind [...].

II. Die ethischen Herausforderungen der Globalisierung

Die ethischen Herausforderungen, die sich aus dieser Darstellung [...] ergeben, sind mannigfaltig. Kritiker haben bereits hingewiesen auf die negativen Auswirkungen der unregulierten oder unfair regulierten Märkte, der Zusammenlegung ökonomischer Aktivitäten in den Entwicklungsländern und der Währungsspekulation in vielen Teilen der Welt. Die ständig wachsende ökonomische Ungleichheit zwischen Nord und Süd und die beschämende Verarmung vieler Länder werden von vielen als unausweichliche, aber inakzeptable Nebenprodukte der Globalisierung angesehen. Deshalb treten Politiker, Aktivisten der Zivilgesellschaft und Wissenschaftler überall auf der Welt für eine ethische Globalisierung ein, d.h. für eine Form der wirtschaftlichen und politischen Integration, die ethischen Erwägungen unterliegt und alle Menschenrechte respektiert, also wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte ebenso wie politische und staatsbürgerliche Rechte.

Der Ausdruck „ethische Globalisierung“ ist umstritten; viele Anti-Globalisierungsaktivisten halten ihn für ein Oxymoron 1. Die Befürworter des Konzeptes hingegen meinen, dieses ermögliche es Einzelnen und Gemeinschaften überall auf der Welt am besten, sich für eine Sicherung des Lebensunterhalts in Anstand und Würde und gegen die voranschreitende Verelendung einzusetzen. Es verweist auf die Notwendigkeit, Formen der Globalisierung zu finden, die der menschlichen Entwicklung dienen, anstatt sie zu untergraben, und das heißt, dass der Antrieb der ökonomischen Globalisierung von ethischen Prinzipien geleitet und bestimmt werden sollte. Ein Ziel, das von Tag zu Tag dringender wird.

Die Globalisierung hat viele neue Probleme hervorgebracht; nicht die geringsten unter ihnen sind die, die mit der Verstädterung, der Urbanisierung 2, zusammenhängen. Gewiss hat sie eine Reihe von Ursachen, doch der gegenwärtige Impuls zur Urbanisierung kommt zweifellos vor allem von der Globalisierung. Zudem schaffen das exponentielle Wachstum der Städte und die Tendenz der Urbanisierung nicht nur neue soziale, politische und ökonomische Probleme, sondern vergrößern auch die Schwierigkeit, gerechte, inklusive und unparteiische politische und wirtschaftliche Strukturen hervorzubringen.

In der Tat bringt die Tatsache der Verstädterung in akuter Weise die Frage auf, wie man gut leben kann inmitten einer Ballung sozialer Beziehungen, also mit Nachbarn, deren Werte, Engagements und Praktiken ich nicht teile. In diesem Zusammenhang kommt die ambivalente Natur der Globalisierung erneut in den Blick, denn außer dem Impuls zur Integration hat die Globalisierung auch eine Reihe von widersprüchlichen Prozessen in Gang gesetzt, u.a. eine Entwicklung zur Fragmentierung 3, die man in den Kräften des Nationalismus [...] und des religiösen Fundamentalismus erkennen kann. Trotzdem ist die Frage, wie Städte den Umgang mit diesem Pluralismus gestalten und zugleich den sozialen Zusammenhalt fördern können, für die Gesellschaft der Gegenwart von entscheidender Bedeutung. Für jene, die über die Stellung der Religion nachdenken, stellt sich außerdem die Frage, ob religiöse Gemeinschaften bei der Förderung solchen Zusammenhalts eine Rolle spielen können und ob Religion ein Teil des Problems oder ein Teil der Lösung sein wird.

1 Oxymoron: Zusammenstellung zweier sich widersprechender Begriffe

2 Urbanisierung: Ausbreitung städtischer Lebensweisen, Verstädterung

3 Fragmentierung: Zergliederung

Linda Hogan: Globalisierung, Urbanisierung und die Frage nach dem Gemeinwohl, in: Markus Büker, Alina Krause und Linda Hogan (Hgg.): Concilium. Internationale Zeitschrift für Theologie, Heft 1, März 2019, 55. Jahrgang, München 2019, S. 65–67.

Hinweis

Linda Hogan (geb. 1964): Professorin für Ökumenische Theologie am Trinity College Dublin

Vorschlag C

Christliche Ethik und Herausforderungen der Globalisierung

3

Das Konzept einer ethischen Globalisierung „verweist auf die Notwendigkeit, Formen der Globalisierung zu finden, die der menschlichen Entwicklung dienen, anstatt sie zu untergraben, und das heißt, dass der Antrieb der ökonomischen Globalisierung von ethischen Prinzipien geleitet und bestimmt werden sollte.“ (Material)

Stellen Sie die grundlegenden Prinzipien eines Ihnen bekannten philosophischen Modells der Ethik dar und überprüfen Sie, inwiefern dieses Modell sich eignet, um den ethischen Herausforderungen der Globalisierung so zu begegnen, dass diese der menschlichen Entwicklung dient. (35 BE)

Aufgabe Vorschlag D - Aufgabe 1 · Texterschließung: Text zusammenfassen und Position erfassen

Vorschlag D · Unterwegs mit Gott

Material

Sandra Huebenthal: Unterwegs mit Gott (2019)

Das neutestamentliche Zeugnis situiert die frühen Jesusanhänger im Spannungsfeld von zuhause und unterwegs. Jenes kleine dezentrale Netzwerk von lokalen Versammlungen (ekklesíen), aus dem sich einmal die Kirche entwickeln wird, lebt von Anfang an in der Spannung zwischen zwei Polen, die nicht gegeneinander ausgespielt werden dürfen: Heimat und Heimatlosigkeit, Unterwegssein und Am-Ort-Sein. Stabile Ortsgemeinden und wandernde Apostel und Missionare – Männer wie Frauen – bedingen einander und brauchen einander. [...] Der in der exegetischen Literatur beliebte Gegensatz zwischen „Wanderradikalen und festen Ortsgemeinden“ ist ein wenig zu holzschnittartig 1. Dass die einen mobiler sind als die anderen und die Weiterverbreitung der Botschaft nicht ohne Boten funktionierte, ist unbestritten. Doch die beiden Gruppen lassen sich kaum gegeneinander ausspielen, insbesondere nicht, wenn damit implizit oder explizit eine Wertung verbunden ist: Die reisenden Missionare sind nicht „besser“, „perfekter“ oder „heiliger“ als diejenigen, die sich vor Ort der Realität der nahe gekommenen Basileia 2 Gottes anvertrauen.

Wenn es darum geht, dass Gott und seine Basileia ins Zentrum gestellt werden sollen, haben diejenigen, die unterwegs sind, nicht automatisch einen Vorteil denen gegenüber, die nicht alles verlassen haben, um Jesus nachzufolgen. Anders formuliert: Wenn man an die vielfältigen sozialen Verbindungen denkt, die sich bei der konsequenten Hinwendung zur Basileia Gottes zwangsläufig mitverändern, kann man genauso gut alles verlassen und Jesus nachfolgen, ohne Beruf und Wohnsitz aufzugeben. Jeder, der schon einmal eine neue Liebe – sei es ein Partner oder ein Hobby – hatte, die von seinem Umfeld nicht verstanden wurde, weiß, wie sich das anfühlt. Insofern gilt: Wer sich – an welchem Ort auch immer – der Realität der nahegekommenen Basileia Gottes anvertraut, wer also den Willen Gottes tut, zählt zur Gemeinschaft Jesu und ist ihm Bruder, Schwester und Mutter (Mk 3,35). Jesusnachfolger unterwegs und zuhause sind damit einfach zwei unterschiedliche Sozialformen von Jüngerschaft, die aufeinander angewiesen sind und sich gegenseitig ergänzen. Ohne gastliche Aufnahme hätten die frühchristlichen Wanderprediger und -missionare ihren Auftrag nicht ausführen können und es wären nicht so rasch so viele neue Gemeinden entstanden. [...]

Unterwegssein ist ein biblisches Charisma 3, das ganz konkretes körperliches wie geistiges Unterwegssein bedeuten kann und dabei auf die Offenheit des Menschen setzt, die von seiner Ergriffenheit von Gott und seiner Botschaft rührt und ihn zu Begegnung und Veränderung bereit macht. [...]

Die Begegnung mit Gott und Jesus führt aus der Komfortzone heraus, nicht in sie hinein. Selbst wenn das Leben kein Wanderdasein ist, ist innerer Aufbruch gefragt. Irgendetwas bleibt immer zurück, muss verabschiedet werden. Gleichzeitig schließt der Aufbruch in die neue Wirklichkeit oder das Reich Gottes die Flexibilität ein, Fremden zu begegnen sowie dem und den Fremden erklären zu können, wer man ist und was man tut. Das braucht eine stabile Identität, aber keine starre. In jedem Kontext, in jedem Raum, in den man eintritt, brechen andere Fragen auf, die neu und situationsgemäß zu beantworten sind, ohne sich selbst zu verbiegen oder untreu zu werden.

Wir merken das noch heute. Auch heute sind Unterwegssein und Vor-Ort-Sein zwei Seiten christlicher Existenz. Auch hier darf ein Charisma nicht gegen das andere ausgespielt werden. [...]

Christ sein – und das trifft auf römisch-katholische Christen in besonderer Weise zu – hat [...] eine universalistische Codierung 4. Katholisch ist (man) nicht nur zuhause, bei der Familie, am Heimatort oder in der Heimatgemeinde, sondern überall. Kirche konstituiert sich dort, wo zwei oder drei Glaubensgeschwister im Namen des Herrn versammelt sind. Katholische Identität hat noch immer viel mit Ritual zu tun und stiftet in besonderer Weise Heimat, wo immer man am Gottesdienst teilnimmt. Das funktioniert zumeist auch ganz unabhängig von der Sprache: Auch in Frankreich, in den USA, auf den Philippinen oder in Kenia ist ein katholischer Gottesdienst als katholischer Gottesdienst zu erkennen und es ist kein Problem, sich mitfeiernd einzufügen. Für einen Moment verschwimmen dann Unterwegssein und Heimat, Geborgenheit und Fremdheit, im Wissen, dass alle gemeinsam Volk Gottes sind, das in diesem Augenblick einen Vorgeschmack auf das himmlische Jerusalem bekommt, bevor jeder wieder in seinen Alltag zurückkehrt.

Sandra Huebenthal: Unterwegs mit Gott, in: Andreas von Erdmann (Hg.): Eulenfisch. Limburger Magazin für Schule und Bildung, Ausgabe 22 (2019), Limburg 2019, S. 20–23.

Hinweis

Sandra Huebenthal (geb. 1975): röm.-kath. Theologin, Professorin für Exegese und biblische Theologie in Passau

1 holzschnittartig: undifferenziert, grob

2 Basileia (altgriechisch): Herrschaft, Reich; „Basileia Gottes“ = Reich Gottes

3 Charisma: Fähigkeit bzw. Ausstrahlung, die dem Menschen von Gott gegeben ist

4 universalistische Codierung, hier: eine überall identische Kennung

1

Skizzieren Sie die wesentlichen Textinhalte und beschreiben Sie insbesondere, was das von Huebenthal thematisierte „Unterwegssein“ im mehrfachen Sinne bedeutet. (Material) [35 BE]

Aufgabe Vorschlag D - Aufgabe 2 · Jesus Christus: Reich-Gottes-Botschaft, Kreuz, Auferstehung und Nachfolge

Vorschlag D · Unterwegs mit Gott

Material

Sandra Huebenthal: Unterwegs mit Gott (2019)

Das neutestamentliche Zeugnis situiert die frühen Jesusanhänger im Spannungsfeld von zuhause und unterwegs. Jenes kleine dezentrale Netzwerk von lokalen Versammlungen (ekklesíen), aus dem sich einmal die Kirche entwickeln wird, lebt von Anfang an in der Spannung zwischen zwei Polen, die nicht gegeneinander ausgespielt werden dürfen: Heimat und Heimatlosigkeit, Unterwegssein und Am-Ort-Sein. Stabile Ortsgemeinden und wandernde Apostel und Missionare – Männer wie Frauen – bedingen einander und brauchen einander. [...] Der in der exegetischen Literatur beliebte Gegensatz zwischen „Wanderradikalen und festen Ortsgemeinden“ ist ein wenig zu holzschnittartig 1. Dass die einen mobiler sind als die anderen und die Weiterverbreitung der Botschaft nicht ohne Boten funktionierte, ist unbestritten. Doch die beiden Gruppen lassen sich kaum gegeneinander ausspielen, insbesondere nicht, wenn damit implizit oder explizit eine Wertung verbunden ist: Die reisenden Missionare sind nicht „besser“, „perfekter“ oder „heiliger“ als diejenigen, die sich vor Ort der Realität der nahe gekommenen Basileia 2 Gottes anvertrauen.

Wenn es darum geht, dass Gott und seine Basileia ins Zentrum gestellt werden sollen, haben diejenigen, die unterwegs sind, nicht automatisch einen Vorteil denen gegenüber, die nicht alles verlassen haben, um Jesus nachzufolgen. Anders formuliert: Wenn man an die vielfältigen sozialen Verbindungen denkt, die sich bei der konsequenten Hinwendung zur Basileia Gottes zwangsläufig mitverändern, kann man genauso gut alles verlassen und Jesus nachfolgen, ohne Beruf und Wohnsitz aufzugeben. Jeder, der schon einmal eine neue Liebe – sei es ein Partner oder ein Hobby – hatte, die von seinem Umfeld nicht verstanden wurde, weiß, wie sich das anfühlt. Insofern gilt: Wer sich – an welchem Ort auch immer – der Realität der nahegekommenen Basileia Gottes anvertraut, wer also den Willen Gottes tut, zählt zur Gemeinschaft Jesu und ist ihm Bruder, Schwester und Mutter (Mk 3,35). Jesusnachfolger unterwegs und zuhause sind damit einfach zwei unterschiedliche Sozialformen von Jüngerschaft, die aufeinander angewiesen sind und sich gegenseitig ergänzen. Ohne gastliche Aufnahme hätten die frühchristlichen Wanderprediger und -missionare ihren Auftrag nicht ausführen können und es wären nicht so rasch so viele neue Gemeinden entstanden. [...]

Unterwegssein ist ein biblisches Charisma 3, das ganz konkretes körperliches wie geistiges Unterwegssein bedeuten kann und dabei auf die Offenheit des Menschen setzt, die von seiner Ergriffenheit von Gott und seiner Botschaft rührt und ihn zu Begegnung und Veränderung bereit macht. [...]

Die Begegnung mit Gott und Jesus führt aus der Komfortzone heraus, nicht in sie hinein. Selbst wenn das Leben kein Wanderdasein ist, ist innerer Aufbruch gefragt. Irgendetwas bleibt immer zurück, muss verabschiedet werden. Gleichzeitig schließt der Aufbruch in die neue Wirklichkeit oder das Reich Gottes die Flexibilität ein, Fremden zu begegnen sowie dem und den Fremden erklären zu können, wer man ist und was man tut. Das braucht eine stabile Identität, aber keine starre. In jedem Kontext, in jedem Raum, in den man eintritt, brechen andere Fragen auf, die neu und situationsgemäß zu beantworten sind, ohne sich selbst zu verbiegen oder untreu zu werden.

Wir merken das noch heute. Auch heute sind Unterwegssein und Vor-Ort-Sein zwei Seiten christlicher Existenz. Auch hier darf ein Charisma nicht gegen das andere ausgespielt werden. [...]

Christ sein – und das trifft auf römisch-katholische Christen in besonderer Weise zu – hat [...] eine universalistische Codierung 4. Katholisch ist (man) nicht nur zuhause, bei der Familie, am Heimatort oder in der Heimatgemeinde, sondern überall. Kirche konstituiert sich dort, wo zwei oder drei Glaubensgeschwister im Namen des Herrn versammelt sind. Katholische Identität hat noch immer viel mit Ritual zu tun und stiftet in besonderer Weise Heimat, wo immer man am Gottesdienst teilnimmt. Das funktioniert zumeist auch ganz unabhängig von der Sprache: Auch in Frankreich, in den USA, auf den Philippinen oder in Kenia ist ein katholischer Gottesdienst als katholischer Gottesdienst zu erkennen und es ist kein Problem, sich mitfeiernd einzufügen. Für einen Moment verschwimmen dann Unterwegssein und Heimat, Geborgenheit und Fremdheit, im Wissen, dass alle gemeinsam Volk Gottes sind, das in diesem Augenblick einen Vorgeschmack auf das himmlische Jerusalem bekommt, bevor jeder wieder in seinen Alltag zurückkehrt.

Sandra Huebenthal: Unterwegs mit Gott, in: Andreas von Erdmann (Hg.): Eulenfisch. Limburger Magazin für Schule und Bildung, Ausgabe 22 (2019), Limburg 2019, S. 20–23.

Hinweis

Sandra Huebenthal (geb. 1975): röm.-kath. Theologin, Professorin für Exegese und biblische Theologie in Passau

1 holzschnittartig: undifferenziert, grob

2 Basileia (altgriechisch): Herrschaft, Reich; „Basileia Gottes“ = Reich Gottes

3 Charisma: Fähigkeit bzw. Ausstrahlung, die dem Menschen von Gott gegeben ist

4 universalistische Codierung, hier: eine überall identische Kennung

2

Erläutern Sie an selbst gewählten neutestamentlichen Textstellen, inwiefern die jesuanische Reich-Gottes-Botschaft einen „inneren Aufbruch“ im Sinne der Autorin erfordert. [35 BE]

Aufgabe Vorschlag D - Aufgabe 3 · Biblische Ethik und Engagement für das Leben

Vorschlag D · Unterwegs mit Gott

Material

Sandra Huebenthal: Unterwegs mit Gott (2019)

Das neutestamentliche Zeugnis situiert die frühen Jesusanhänger im Spannungsfeld von zuhause und unterwegs. Jenes kleine dezentrale Netzwerk von lokalen Versammlungen (ekklesíen), aus dem sich einmal die Kirche entwickeln wird, lebt von Anfang an in der Spannung zwischen zwei Polen, die nicht gegeneinander ausgespielt werden dürfen: Heimat und Heimatlosigkeit, Unterwegssein und Am-Ort-Sein. Stabile Ortsgemeinden und wandernde Apostel und Missionare – Männer wie Frauen – bedingen einander und brauchen einander. [...] Der in der exegetischen Literatur beliebte Gegensatz zwischen „Wanderradikalen und festen Ortsgemeinden“ ist ein wenig zu holzschnittartig 1. Dass die einen mobiler sind als die anderen und die Weiterverbreitung der Botschaft nicht ohne Boten funktionierte, ist unbestritten. Doch die beiden Gruppen lassen sich kaum gegeneinander ausspielen, insbesondere nicht, wenn damit implizit oder explizit eine Wertung verbunden ist: Die reisenden Missionare sind nicht „besser“, „perfekter“ oder „heiliger“ als diejenigen, die sich vor Ort der Realität der nahe gekommenen Basileia 2 Gottes anvertrauen.

Wenn es darum geht, dass Gott und seine Basileia ins Zentrum gestellt werden sollen, haben diejenigen, die unterwegs sind, nicht automatisch einen Vorteil denen gegenüber, die nicht alles verlassen haben, um Jesus nachzufolgen. Anders formuliert: Wenn man an die vielfältigen sozialen Verbindungen denkt, die sich bei der konsequenten Hinwendung zur Basileia Gottes zwangsläufig mitverändern, kann man genauso gut alles verlassen und Jesus nachfolgen, ohne Beruf und Wohnsitz aufzugeben. Jeder, der schon einmal eine neue Liebe – sei es ein Partner oder ein Hobby – hatte, die von seinem Umfeld nicht verstanden wurde, weiß, wie sich das anfühlt. Insofern gilt: Wer sich – an welchem Ort auch immer – der Realität der nahegekommenen Basileia Gottes anvertraut, wer also den Willen Gottes tut, zählt zur Gemeinschaft Jesu und ist ihm Bruder, Schwester und Mutter (Mk 3,35). Jesusnachfolger unterwegs und zuhause sind damit einfach zwei unterschiedliche Sozialformen von Jüngerschaft, die aufeinander angewiesen sind und sich gegenseitig ergänzen. Ohne gastliche Aufnahme hätten die frühchristlichen Wanderprediger und -missionare ihren Auftrag nicht ausführen können und es wären nicht so rasch so viele neue Gemeinden entstanden. [...]

Unterwegssein ist ein biblisches Charisma 3, das ganz konkretes körperliches wie geistiges Unterwegssein bedeuten kann und dabei auf die Offenheit des Menschen setzt, die von seiner Ergriffenheit von Gott und seiner Botschaft rührt und ihn zu Begegnung und Veränderung bereit macht. [...]

Die Begegnung mit Gott und Jesus führt aus der Komfortzone heraus, nicht in sie hinein. Selbst wenn das Leben kein Wanderdasein ist, ist innerer Aufbruch gefragt. Irgendetwas bleibt immer zurück, muss verabschiedet werden. Gleichzeitig schließt der Aufbruch in die neue Wirklichkeit oder das Reich Gottes die Flexibilität ein, Fremden zu begegnen sowie dem und den Fremden erklären zu können, wer man ist und was man tut. Das braucht eine stabile Identität, aber keine starre. In jedem Kontext, in jedem Raum, in den man eintritt, brechen andere Fragen auf, die neu und situationsgemäß zu beantworten sind, ohne sich selbst zu verbiegen oder untreu zu werden.

Wir merken das noch heute. Auch heute sind Unterwegssein und Vor-Ort-Sein zwei Seiten christlicher Existenz. Auch hier darf ein Charisma nicht gegen das andere ausgespielt werden. [...]

Christ sein – und das trifft auf römisch-katholische Christen in besonderer Weise zu – hat [...] eine universalistische Codierung 4. Katholisch ist (man) nicht nur zuhause, bei der Familie, am Heimatort oder in der Heimatgemeinde, sondern überall. Kirche konstituiert sich dort, wo zwei oder drei Glaubensgeschwister im Namen des Herrn versammelt sind. Katholische Identität hat noch immer viel mit Ritual zu tun und stiftet in besonderer Weise Heimat, wo immer man am Gottesdienst teilnimmt. Das funktioniert zumeist auch ganz unabhängig von der Sprache: Auch in Frankreich, in den USA, auf den Philippinen oder in Kenia ist ein katholischer Gottesdienst als katholischer Gottesdienst zu erkennen und es ist kein Problem, sich mitfeiernd einzufügen. Für einen Moment verschwimmen dann Unterwegssein und Heimat, Geborgenheit und Fremdheit, im Wissen, dass alle gemeinsam Volk Gottes sind, das in diesem Augenblick einen Vorgeschmack auf das himmlische Jerusalem bekommt, bevor jeder wieder in seinen Alltag zurückkehrt.

Sandra Huebenthal: Unterwegs mit Gott, in: Andreas von Erdmann (Hg.): Eulenfisch. Limburger Magazin für Schule und Bildung, Ausgabe 22 (2019), Limburg 2019, S. 20–23.

Hinweis

Sandra Huebenthal (geb. 1975): röm.-kath. Theologin, Professorin für Exegese und biblische Theologie in Passau

1 holzschnittartig: undifferenziert, grob

2 Basileia (altgriechisch): Herrschaft, Reich; „Basileia Gottes“ = Reich Gottes

3 Charisma: Fähigkeit bzw. Ausstrahlung, die dem Menschen von Gott gegeben ist

4 universalistische Codierung, hier: eine überall identische Kennung

3

„Die Begegnung mit Gott und Jesus führt aus der Komfortzone heraus, nicht in sie hinein.“ (Material)

Diskutieren Sie mit Blick auf aktuelle ethische Fragestellungen, inwiefern diese These Huebenthals für Christen Anspruch und Herausforderung ist. [30 BE]

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