Aufgabe Vorschlag D - Aufgabe 1 · Abitur Hessen Katholische Religion GK 2021

Thema: Texterschließung: Text zusammenfassen und Position erfassen · Aus der Prüfung GK (2021)

Aufgabenstellung

Vorschlag D · Unterwegs mit Gott

Material

Sandra Huebenthal: Unterwegs mit Gott (2019)

Das neutestamentliche Zeugnis situiert die frühen Jesusanhänger im Spannungsfeld von zuhause und unterwegs. Jenes kleine dezentrale Netzwerk von lokalen Versammlungen (ekklesíen), aus dem sich einmal die Kirche entwickeln wird, lebt von Anfang an in der Spannung zwischen zwei Polen, die nicht gegeneinander ausgespielt werden dürfen: Heimat und Heimatlosigkeit, Unterwegssein und Am-Ort-Sein. Stabile Ortsgemeinden und wandernde Apostel und Missionare – Männer wie Frauen – bedingen einander und brauchen einander. [...] Der in der exegetischen Literatur beliebte Gegensatz zwischen „Wanderradikalen und festen Ortsgemeinden“ ist ein wenig zu holzschnittartig 1. Dass die einen mobiler sind als die anderen und die Weiterverbreitung der Botschaft nicht ohne Boten funktionierte, ist unbestritten. Doch die beiden Gruppen lassen sich kaum gegeneinander ausspielen, insbesondere nicht, wenn damit implizit oder explizit eine Wertung verbunden ist: Die reisenden Missionare sind nicht „besser“, „perfekter“ oder „heiliger“ als diejenigen, die sich vor Ort der Realität der nahe gekommenen Basileia 2 Gottes anvertrauen.

Wenn es darum geht, dass Gott und seine Basileia ins Zentrum gestellt werden sollen, haben diejenigen, die unterwegs sind, nicht automatisch einen Vorteil denen gegenüber, die nicht alles verlassen haben, um Jesus nachzufolgen. Anders formuliert: Wenn man an die vielfältigen sozialen Verbindungen denkt, die sich bei der konsequenten Hinwendung zur Basileia Gottes zwangsläufig mitverändern, kann man genauso gut alles verlassen und Jesus nachfolgen, ohne Beruf und Wohnsitz aufzugeben. Jeder, der schon einmal eine neue Liebe – sei es ein Partner oder ein Hobby – hatte, die von seinem Umfeld nicht verstanden wurde, weiß, wie sich das anfühlt. Insofern gilt: Wer sich – an welchem Ort auch immer – der Realität der nahegekommenen Basileia Gottes anvertraut, wer also den Willen Gottes tut, zählt zur Gemeinschaft Jesu und ist ihm Bruder, Schwester und Mutter (Mk 3,35). Jesusnachfolger unterwegs und zuhause sind damit einfach zwei unterschiedliche Sozialformen von Jüngerschaft, die aufeinander angewiesen sind und sich gegenseitig ergänzen. Ohne gastliche Aufnahme hätten die frühchristlichen Wanderprediger und -missionare ihren Auftrag nicht ausführen können und es wären nicht so rasch so viele neue Gemeinden entstanden. [...]

Unterwegssein ist ein biblisches Charisma 3, das ganz konkretes körperliches wie geistiges Unterwegssein bedeuten kann und dabei auf die Offenheit des Menschen setzt, die von seiner Ergriffenheit von Gott und seiner Botschaft rührt und ihn zu Begegnung und Veränderung bereit macht. [...]

Die Begegnung mit Gott und Jesus führt aus der Komfortzone heraus, nicht in sie hinein. Selbst wenn das Leben kein Wanderdasein ist, ist innerer Aufbruch gefragt. Irgendetwas bleibt immer zurück, muss verabschiedet werden. Gleichzeitig schließt der Aufbruch in die neue Wirklichkeit oder das Reich Gottes die Flexibilität ein, Fremden zu begegnen sowie dem und den Fremden erklären zu können, wer man ist und was man tut. Das braucht eine stabile Identität, aber keine starre. In jedem Kontext, in jedem Raum, in den man eintritt, brechen andere Fragen auf, die neu und situationsgemäß zu beantworten sind, ohne sich selbst zu verbiegen oder untreu zu werden.

Wir merken das noch heute. Auch heute sind Unterwegssein und Vor-Ort-Sein zwei Seiten christlicher Existenz. Auch hier darf ein Charisma nicht gegen das andere ausgespielt werden. [...]

Christ sein – und das trifft auf römisch-katholische Christen in besonderer Weise zu – hat [...] eine universalistische Codierung 4. Katholisch ist (man) nicht nur zuhause, bei der Familie, am Heimatort oder in der Heimatgemeinde, sondern überall. Kirche konstituiert sich dort, wo zwei oder drei Glaubensgeschwister im Namen des Herrn versammelt sind. Katholische Identität hat noch immer viel mit Ritual zu tun und stiftet in besonderer Weise Heimat, wo immer man am Gottesdienst teilnimmt. Das funktioniert zumeist auch ganz unabhängig von der Sprache: Auch in Frankreich, in den USA, auf den Philippinen oder in Kenia ist ein katholischer Gottesdienst als katholischer Gottesdienst zu erkennen und es ist kein Problem, sich mitfeiernd einzufügen. Für einen Moment verschwimmen dann Unterwegssein und Heimat, Geborgenheit und Fremdheit, im Wissen, dass alle gemeinsam Volk Gottes sind, das in diesem Augenblick einen Vorgeschmack auf das himmlische Jerusalem bekommt, bevor jeder wieder in seinen Alltag zurückkehrt.

Sandra Huebenthal: Unterwegs mit Gott, in: Andreas von Erdmann (Hg.): Eulenfisch. Limburger Magazin für Schule und Bildung, Ausgabe 22 (2019), Limburg 2019, S. 20–23.

Hinweis

Sandra Huebenthal (geb. 1975): röm.-kath. Theologin, Professorin für Exegese und biblische Theologie in Passau

1 holzschnittartig: undifferenziert, grob

2 Basileia (altgriechisch): Herrschaft, Reich; „Basileia Gottes“ = Reich Gottes

3 Charisma: Fähigkeit bzw. Ausstrahlung, die dem Menschen von Gott gegeben ist

4 universalistische Codierung, hier: eine überall identische Kennung

1

Skizzieren Sie die wesentlichen Textinhalte und beschreiben Sie insbesondere, was das von Huebenthal thematisierte „Unterwegssein“ im mehrfachen Sinne bedeutet. (Material) [35 BE]

Aufgabenstellung: Aufgabe Vorschlag D - Aufgabe 1 · Abitur Hessen Katholische Religion GK 2021

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

1 Skizzieren Sie die wesentlichen Textinhalte und beschreiben Sie insbesondere, was das von Huebenthal thematisierte „Unterwegssein“ im mehrfachen Sinne bedeutet. (Material)

Lösung: Eine vollständige Ausarbeitung umfasst die wesentlichen Textinhalte sowie die differenzierte Darstellung der Bedeutungen von „Unterwegssein“: 1. Wesentliche Textinhalte: - Thema ist das „Unterwegssein“ in Bezug auf die Verbreitung der Reich-Gottes-Botschaft. - Das Bleiben an einem Ort und das Unterwegssein sind in der Urkirche sich ergänzende Lebensweisen gewesen, die gleichermaßen zur Verkündigung beitragen und nicht gegeneinander ausgespielt werden dürfen. - Die Nachfolge Jesu erfordert nicht zwingend die Aufgabe von Beruf und Wohnsitz; Wanderprediger waren auf gastliche Ortsgemeinden angewiesen. - Auch heute sind Unterwegssein und Vor-Ort-Sein zwei Seiten christlicher Existenz. - Katholizismus hat eine universalistische Codierung: Die weltweite Einheit in Liturgie und Ritual stiftet Vertrautheit und Heimat überall auf der Welt. 2. Bedeutungen von „Unterwegssein“: - Geistige Beweglichkeit / Innerer Aufbruch: Bereitschaft, gewohnte Denk- und Verhaltensmuster kritisch zu hinterfragen, Neues zuzulassen und die eigene Komfortzone zu verlassen. - Tatsächliche/körperliche Bewegung und Mission: Nachfolge als aktiver Auftrag, hinauszugehen, Vorurteile abzubauen und die Botschaft durch die eigene Lebensführung weiterzugeben. - Biblisches Charisma: Eine von Gott gewirkte Offenheit und Begabung für Begegnung und Veränderung.

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