Aufgabe Vorschlag B - Aufgabe 3 · Abitur Hessen Katholische Religion GK 2021
Thema: Gottesrede: angemessen von Gott sprechen · Aus der Prüfung GK (2021)
Aufgabenstellung
Material
Pascal Mercier: Nachtzug nach Lissabon (2006)
Angesichts der Erkenntnis der Vergänglichkeit verlässt die Romanfigur Gregorius, ein Lehrer, mitten im Unterricht seine Schule und macht sich auf den Weg nach Lissabon. Er folgt den Spuren eines geheimnisvollen portugiesischen Autors, Amadeu de Prado. Immer tiefer zieht es den Lehrer in die Aufzeichnungen und Reflexionen dieses Portugiesen. Der vorliegende Text ist ein Auszug aus der Abschlussrede, die Amadeu de Prado als siebzehnjähriger Schüler hielt.
Ich möchte nicht in einer Welt ohne Kathedralen leben. Ich brauche ihre Schönheit und Erhabenheit.
Ich brauche sie gegen die Gewöhnlichkeit der Welt. [...] Ich will mich einhüllen lassen von der herben
Kühle der Kirchen. Ich brauche ihr gebieterisches Schweigen. Ich brauche es gegen das geistlose
Gebrüll des Kasernenhofs und das geistreiche Geschwätz der Mitläufer. [...] Ich liebe betende
5 Menschen. Ich brauche ihren Anblick. Ich brauche ihn gegen das tückische Gift des Oberflächlichen
und Gedankenlosen. Ich will die mächtigen Worte der Bibel lesen. Ich brauche die unwirkliche Kraft
ihrer Poesie. Ich brauche sie gegen die Verwahrlosung der Sprache und die Diktatur der Parolen. Eine
Welt ohne diese Dinge wäre eine Welt, in der ich nicht leben möchte.
Doch es gibt auch eine andere Welt, in der ich nicht leben will: die Welt, in der man den Körper und
10 das selbständige Denken verteufelt und Dinge als Sünde brandmarkt, die zum Besten gehören, was wir
erleben können. Die Welt, in der uns Liebe abverlangt wird gegenüber Tyrannen, Menschenschindern
und Meuchelmördern, ob ihre brutalen Stiefelschritte mit betäubendem Echo durch die Gassen hallen
oder ob sie mit katzenhafter Lautlosigkeit, als feige Schatten, durch die Straßen schleichen und ihren
Opfern den blitzenden Stahl von hinten ins Herz bohren. Es gehört zum Absurdesten, was den
15 Menschen von der Kanzel herab zugemutet worden ist, solchen Kreaturen zu verzeihen und sie sogar
zu lieben. Selbst wenn jemand es wirklich vermöchte: Es bedeutete eine beispiellose Unwahrhaftigkeit
und gnadenlose Selbstverleugnung, die mit vollständiger Verkrüppelung bezahlt würde. Dieses Gebot,
dieses wahnwitzige, abartige Gebot der Liebe zu den Feinden, es ist dazu angetan, die Menschen zu
brechen, ihnen allen Mut und alles Selbstvertrauen zu rauben und sie geschmeidig zu machen in den
20 Händen der Tyrannen, damit sie nicht die Kraft finden mögen, gegen sie aufzustehen, wenn nötig mit
Waffen.
Ich verehre Gottes Wort, denn ich liebe seine poetische Kraft. Ich verabscheue Gottes Wort, denn ich
hasse seine Grausamkeit. [...]
Es sind Worte, die von Abraham verlangen, den eigenen Sohn zu schlachten wie ein Tier. Was
25 machen wir mit unserer Wut, wenn wir das lesen? Was ist von einem solchen Gott zu halten? [...]
Die Poesie des göttlichen Worts, sie ist so überwältigend, daß sie alles zum Verstummen bringt und
jeder Widerspruch zum jämmerlichen Kläffen wird. Deshalb kann man die Bibel nicht einfach
weglegen, sondern muß sie wegwerfen, wenn man genug hat von ihren Zumutungen und der
Knechtschaft, die sie über uns verhängt. Es spricht aus ihr ein lebensferner, freudloser Gott, der den
30 gewaltigen Umfang eines menschlichen Lebens – den großen Kreis, den es zu beschreiben vermag,
wenn man ihm die Freiheit läßt – einengen will auf den einzigen, ausdehnungslosen Punkt des
Gehorsams. Gramgebeugt und sündenbeladen, ausgedörrt von Unterwerfung und der Würdelosigkeit
der Beichte, mit dem Aschenkreuz auf der Stirn sollen wir dem Grab entgegengehen, in der
tausendfach widerlegten Hoffnung auf ein besseres Leben an Seiner Seite. Doch wie könnte es besser
35 sein an der Seite von Einem, der uns vorher aller Freuden und Freiheiten beraubt hatte? [...]
Wie sollen wir glücklich sein ohne Neugierde, ohne Fragen, Zweifel und Argumente? Ohne Freude
am Denken? [...] Der Sklave auf der Galeere, er ist gekettet, aber er kann denken, was er will. Doch
was Er, unser Gott, von uns verlangt, ist, daß wir unsere Versklavung eigenhändig in unsere tiefsten
Tiefen hineintreiben und es auch noch freiwillig und mit Freuden tun. Kann es eine größere
40 Verhöhnung geben? [...]
Ich möchte nicht in einer Welt ohne Kathedralen leben. Ich brauche den Glanz ihrer Fenster, ihre
kühle Stille, ihr gebieterisches Schweigen. Ich brauche die Fluten der Orgel und die heilige Andacht
betender Menschen. Ich brauche die Heiligkeit von Worten, die Erhabenheit großer Poesie. All das
brauche ich. Doch nicht weniger brauche ich die Freiheit und die Feindschaft gegen alles Grausame.
45 Denn das eine ist nichts ohne das andere. Und niemand möge mich zwingen zu wählen.
Pascal Mercier: Nachtzug nach Lissabon, München 2006, S. 198–203.
Hinweis
Peter Bieri (geb. 1944): Schweizer Philosoph, bis 2007 Professor an der Freien Universität Berlin; unter dem Pseudonym Pascal Mercier wurde er als Schriftsteller bekannt, u.a. mit dem Roman „Nachtzug nach Lissabon“.
„Es spricht aus ihr [der Bibel] ein […] Gott, der den gewaltigen Umfang eines menschlichen Lebens – den großen Kreis, den es zu beschreiben vermag, wenn man ihm die Freiheit läßt – einengen will auf den einzigen, ausdehnungslosen Punkt des Gehorsams.“ (Material)
3 Überprüfen Sie, ob bzw. inwiefern der im Zitat erkennbare Vorwurf auf das biblisch-christliche Gottesverständnis zutrifft. [30 BE]

Lösung
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Überprüfen Sie, ob bzw. inwiefern der im Zitat erkennbare Vorwurf auf das biblisch-christliche Gottesverständnis zutrifft.
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