Aufgabe Vorschlag A - Aufgabe 3 · Abitur Hessen Evangelische Religion GK 2022

Thema: Christliche Menschenbilder und Rechtfertigungslehre · Aus der Prüfung GK (2022)

Aufgabenstellung

Material

Brief von Luisa Neubauer an ihre Pfarrerin Angela Heine (2020)

Liebe Angela,

zwei Tage vor meiner Konfirmation habe ich Dich etwas besorgt gefragt, ob es auch wirklich okay

wäre, konfirmiert zu werden. Ich fand mein Verhältnis zu Gott und Jesus damals eher unübersichtlich,

ich war mir nicht sicher, ob ich für eine Konfirmation genug glauben würde. Du hast geantwortet, dass

es mehr als okay sei. Weil doch alle auf der Suche seien, Du auch. Damals wusste ich nicht so recht,

5 was Du meinst, heute schon eher. Und ich erlebe, wie befreiend es ist, das Konzept der Suche. Es ist

die Bejahung von Irritation und Widerspruch, ein Hinwenden zum Lernen und Nachfragen. Und eine

Absage an eine verlockende Polemik zu leichter Antworten auf zu vielschichtige Zusammenhänge.

Christlich wie politisch. [...]

Global betrachtet ist das Hauptproblem unserer Zeit, dass die Menschheit einerseits immer größere

10 Kräfte entfaltet (mechanisch, energetisch, atomar, kriegerisch, ausbeutungstechnisch und so weiter),

aber ihr Verantwortungsbewusstsein nicht proportional mitwächst. Sprich, die Maschinen, die wir

bauen, die Verträge, die wir schließen, die Technologien, die wir in die Welt setzen, sprengen in ihrer

zeiträumlichen Langfristigkeit die Dimensionen, in denen wir verantwortungspolitische Abwägungen

treffen. Eine Dampfmaschine etwa kann man mal so eben abbauen, wenn man sie nicht mehr braucht,

15 allzu vielen tritt man mit dem ganzen Konstrukt nicht auf die Füße. Bei einem Atomkraftwerk geht

das nicht mehr, solange es läuft, gefährdet man Menschen über alle Grenzen hinweg, möchte man

damit abschließen, muss man die künftigen Generationen für den niedlichen Zeitraum von einer

Million Jahren beauftragen, sich doch bitte um den Müll zu kümmern. Und das ist keinesfalls die

Spitze des technologischen Fortschritts. Dieses Verantwortungsvakuum erschöpft sich schließlich in

20 der Klimakrise, die nun in ihrer Wucht, in der theoretischen Verantwortungslast jenseits von dem

liegt, was wir politisch produktiv be-, geschweige denn verarbeiten können. Was hat man nur

angerichtet?, muss man sich fragen. Die Klimakrise, ein moralischer Koloss. Unangenehm.

Ja. Und dann ist da Jesus.

Jesus, die Gegenerzählung zum Konzept der endlichen Verantwortung. Jesus, der Glaube, Hoffnung,

25 Verantwortung hat aufleben lassen zu einer Haltung, die mit den Menschen und ihrem Handeln

wächst. Jesus hat keine Quoten und Reformen gefordert, sondern nichts weniger als die Befreiung

eines ganzen Volkes und Frieden auf Erden. Während Verantwortungsvermögen heute stagnieren, war

es Jesus, der vorgemacht hat, wie es aussieht, wenn man das eigene Verantwortungsverständnis nicht

an dem festmacht, was man vor Augen hat, sondern an dem, woran man glaubt. Und dem sind

30 bekanntermaßen keine Grenzen gesetzt, weder räumlich noch zeitlich.

Die Chancen, die Klimakrise rechtzeitig zu bewältigen, stehen und fallen mit dem menschlichen

Vermögen, zeiträumliche Grenzen zu überwinden. Die allermeisten davon sind in unseren Köpfen, ob

man es Glaube nennt oder Überzeugung oder Visionskraft, ist dabei zweitrangig. Denn das Problem

der Klimakrise ist eben, dass wir so viel von ihr weder fühlen noch sehen können, wir müssen die

35 Ausmaße der Krise – über den Planeten sowie die Generationen hinweg – imaginieren. Biblisch

inspiriert praktisch „von Ewigkeit zu Ewigkeit“, das lasse man sich auf der Zunge zergehen. Was für

ein Zeitverständnis, was für eine Ansage, diesseits, jenseits, alles liegt in unseren Händen. Man redet

die Zeit nicht klein, das Potenzial der eigenen Wirkung schon gar nicht [...]. Eine Herangehensweise,

40 die geradezu dazu einlädt, auf die Bewältigung der Klimakrise übertragen zu werden.

Was man sicher auch als christliche Überheblichkeit verstehen könnte, ist gleichermaßen eine

entwaffnende Interpretation von Raum und Zeit. Jesus stellte ein Konzept der Verantwortung vor, das

zeitgemäßer nicht sein könnte.

Dabei ist Verantwortungsübernahme kein Auftrag, der sich einseitig an Regierungen richtet,

45 Verantwortung hat auch etwas hochgradig Persönliches – es liegt nicht zuletzt an jedem Einzelnen,

zusammenzukommen und sich zu wehren gegen Ungerechtigkeiten, damals wie heute. Was wäre die

Bibel, wenn genug Menschen damals infrage gestellt hätten, was der oder die Einzelne schon

bewirken kann? Eine trostlose Veranstaltung. Stattdessen aber windet sich die biblische Erzählung um

Erfahrungen der Selbstwirksamkeit, dem eigenen Handeln wird Relevanz über die individuelle

50 Realität hinaus attestiert. Und wieder, hallo Klimakrise, das ist, was es braucht.

Mein Konfirmationsspruch ist „Ich will dich segnen, und du sollst ein Segen sein“ 1, eine Ode an

Verantwortung in Grenzenlosigkeiten gedacht. Sei ein Segen, heute und morgen, gegenüber

denjenigen, die du kennst und die du nicht kennst, hier und an allen Orten der Welt. Dass das auch

nach hinten losgehen kann, ist klar, über all die Grausamkeiten im Namen der Kirche werden

55 schließlich Abhandlungen über Abhandlungen geschrieben. Das Potenzial aber, den gelebten

(christlichen) Glauben als Gegenentwurf zu all den angewöhnten imaginativen Grenzen zu verstehen,

ist gigantisch. Eine Haltung, die mehr ist als eine Hilfestellung, sondern wegweisend sein kann für die

großen Krisen der Zeit.

Es fühlt sich weit weg an, die Zeit, in der ich Jugendleiterin bei Dir in der Gemeinde war. Mein

60 Glaube allerdings ist ganz nah, stimmt mich nachdenklich, inspiriert mich, weit über die Kirche

hinaus. Was für weise Worte, Deine Worte, damals. Und ich suche weiter.

Deine Luisa

Brief von Luisa Neubauer an ihre Pfarrerin Angela Heine, in: Die Zeit, 19.06.2020, URL: https://www.zeit.de/2020/26/klima-krise-aktivismus-konfirmation-glaube/komplettansicht (abgerufen am 03.02.2021).

Hinweis

Luisa Neubauer (* 1996): Klimaschutzaktivistin und eine der führenden Köpfe der Bewegung „Fridays for Future“

1 Gen 12,2

Aufgabe 3

Luisa Neubauer verweist angesichts der Klimakrise auf das „menschliche […] Vermögen, zeiträumliche Grenzen zu überwinden“, und fordert ein entsprechendes Engagement des Einzelnen zur Bewältigung der Klimakrise. (Material)

Beurteilen Sie diese Aussagen Neubauers unter besonderer Berücksichtigung biblisch-christlicher Aussagen über den Menschen und seine Verantwortung. [30 BE]

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