Aufgabe Vorschlag D - Aufgabe 2 · Abitur Hessen Evangelische Religion GK 2022
Thema: Religionskritik: Feuerbach, Marx und aktuelle Positionen · Aus der Prüfung GK (2022)
Aufgabenstellung
Material
Andreas Benk: Was heißt denn: Ich glaube an Gott? (2019)
Gottesglaube kann dazu dienen, sich der eigenen Verantwortung zu entziehen. Wer sich seinem Gott
verpflichtet fühlt und sich jeder weiteren Begründung für sein Tun enthoben sieht, kann zu jeder
Unmenschlichkeit fähig sein. „Gotteskrieger“ aller Zeiten lehren uns das Fürchten. Angesichts der
verzerrten und verunstalteten Gottesbilder, die uns in allen Religionen begegnen, schließt ein
5 Gottesbekenntnis kein Bekenntnis zur Menschlichkeit ein. Die Gretchenfrage ist nicht, ob jemand an
Gott glaubt oder nicht, sondern an welchen Gott jemand glaubt oder eben nicht glaubt.
Ein Gott, der den Mord von Menschen befiehlt oder auch nur duldet, ist verabscheuungswürdig. Ein
Gott, der durch sein vermeintliches Geschlecht patriarchale Strukturen rechtfertigen soll, muss
destruiert 1 werden. Ein Gott, der Ausbeutung legitimiert und Ausgebeutete vertröstet, ist ideologisches
10 Machwerk. Der biblische Gott, der sich kompromisslos auf die Seite der Unterdrückten stellt und
Gerechtigkeit schafft, hat aber auch wenig gemein mit einem Gott, dessen Funktion sich darauf
beschränkt, individuelle Sinnkrisen zu bewältigen. Wo Gott derart verstanden und bekannt wird, muss
sich christliche Theologie zum Atheismus bekennen, um deutlich zu machen, worum es ihr geht und
wofür sie eintritt.
15 Aus diesem Grund kann es nicht verwundern, wenn religiöse und gottgläubige Menschen immer
wieder bemerken, dass sie sich erklärten Atheistinnen und Atheisten näher verbunden fühlen als
solchen, die sich als religiös und gläubig verstehen. […] Dietrich Bonhoeffer fragte sich während
seiner Zeit im Gefängnis, warum ihn „ein christlicher Instinkt häufig mehr zu den Religionslosen als
zu den Religiösen zieht, und zwar durchaus nicht in der Absicht der Missionierung, sondern, ich
20 möchte fast sagen, ‚brüderlich‘“ […] Die Grenzen zwischen Atheisten und Theisten, zwischen
Religiösen und Religionslosen sind offensichtlich nicht mehr trennscharf zu ziehen.
Der bekennende Atheist Alain de Botton 2 bezeichnet es als den „Irrtum des modernen Atheismus […],
zu übersehen, dass viele Aspekte einer Religion auch dann relevant bleiben, wenn deren zentrale
Lehrsätze nicht mehr akzeptiert werden“. Aber was sind die zentralen Lehrsätze des Christentums?
25 Das ist auch unter Christinnen und Christen umstritten. Geht es christlichem Glauben überhaupt um
„Lehrsätze“? Bezieht sich dieser Glaube vor allem auf ein „Jenseits“, das „Weiterleben nach dem
Tod“ und die „Erlösung von den Sünden“ – oder auf die Hoffnung diesseitiger Befreiung von Not und
Ungerechtigkeit? Zielt Gottesglaube vor allem auf Trost – oder auf die Umkehr und die Veränderung
leidbringender Verhältnisse? Zählen die Aspekte der Religion, die der Atheist de Botton nicht mehr
30 akzeptieren kann, vielleicht gar nicht zu den zentralen Elementen christlichen Gottesglaubens? Diese
Vermutung wird bestärkt, wenn de Botton feststellt, er habe sich „befreit [gefühlt] bei dem Gedanken,
dass da ein Weg sein musste, sich auf Religion einzulassen, ohne ihren übernatürlichen Inhalten
zuzustimmen“ – denn dass „übernatürliche Inhalte“ nicht das Zentrum christlichen Glaubens
ausmachen, glauben auch viele Christinnen und Christen.
35 Das nackte Label „Gottesglaube“ hat seine Aussagekraft verloren. Theologie als „Rede von Gott“ im
christlichen Sinn begegnet uns heute auch im profanen Umfeld und in nichtreligiöser Sprache. […]
„Viele Millionen Menschen, die sich als Atheisten verstehen, machen Erfahrungen und hängen
Überzeugungen an, die denen, welche Gläubige als ‚religiös‘ bezeichnen, ähneln und ebenso
tiefschürfend sind“, schreibt Ronald Dworkin 3 in seinem postum publizierten Buch mit dem
40 bezeichnenden Titel „Religion ohne Gott“. Diese Menschen, so Dworkin weiter, „sagen, dass sie,
obschon sie nicht an einen ‚personalen‘ Gott glauben, nichtsdestotrotz davon überzeugt sind, dass es
im Universum eine ‚Macht‘ gibt, die ‚größer ist als wir‘. Sie verspüren die unausweichliche
Verantwortung, ihr Leben auf gute Weise zu führen und die Leben anderer Menschen entsprechend zu
achten.“
45 Aber ist, wer an einen „‚personalen‘ Gott“ nicht glauben kann, damit schon gottlos im christlichen
Sinn? Theologie erinnert seit jeher an die Unangemessenheit jeder Gottesrede, davon ist eine
personale Gottesvorstellung nicht ausgenommen. Auch bei Dworkins „Religion ohne Gott“ stellt sich
darum die Frage, auf welchen Gott hier verzichtet wird und ob dies nicht ein Gott ist, von dem sich
christliche Theologie längst verabschiedet hat.
50 Christliche Theologie erlebt in unserer Zeit, dass sie nicht mehr den Erwartungen entspricht, die an sie
herangetragen werden. Wenn sie aber verständlich machen will, worum es ihr tatsächlich geht, muss
sie sich falschen Erwartungen verweigern. […]
Zugespitzt formuliert: Christlicher Glaube ist nicht dazu da, um Menschen in Grenzsituationen zu
trösten und ihnen kurzfristig über ihre Ängste hinwegzuhelfen. Derartige seelsorgerliche
55 Notfalltheologie entspricht zwar heute dem gesellschaftlichen Anspruch an die Theologie, und viele
sehen darin die wesentliche Funktion des Gottesglaubens. Doch gegenüber solchen Ansprüchen
werden Theologen zu Atheisten […].
Theologie entzieht sich damit ihrer Instrumentalisierung. Sie versucht stattdessen zu zeigen, was
eigentliches Anliegen christlichen Glaubens ist – und was nicht.
1 destruieren – zerstören, zugrunde richten
2 Alain de Botton (*1969) – britisch-schweizerischer Schriftsteller
3 Ronald Dworkin (1931–2013) – US-amerikanischer Philosoph
Andreas Benk: Was heißt denn: Ich glaube an Gott?, in: Publik-Forum 3/2019, S. 30–31.
Hinweise
Andreas Benk (*1957): deutscher katholischer Theologe
Zwischenüberschriften wurden entfernt.
2 Untersuchen Sie, inwiefern sich Bezüge herstellen lassen zwischen den Aussagen des Autors und der Religionskritik von Karl Marx.
(40 BE)

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
2 Untersuchen Sie, inwiefern sich Bezüge herstellen lassen zwischen den Aussagen des Autors und der Religionskritik von Karl Marx.
Lösung: Zunächst könnten grundlegende Gedanken der Religionskritik von Karl Marx dargestellt werden: - Marx sieht die Ursache der Religion in den gesellschaftlichen Verhältnissen. Religion ist nach Marx ein Ausdruck ungerechter gesellschaftlicher Verhältnisse. - Ungerechte gesellschaftliche Verhältnisse sind nach Marx bedingt durch ungleiche Eigentumsverhältnisse. - Religion erfüllt nach Marx im Kapitalismus eine zweifache gesellschaftliche Funktion: Einerseits diene Religion dazu, gesellschaftliche Missstände zu verdecken und besser erträglich zu machen, andererseits fange die Religion den Protest gegen ungerechte gesellschaftliche Verhältnisse auf, ohne diesen aber politisch-gesellschaftlich wirksam werden zu lassen. - Da nach Marx Religion ein Produkt ungerechter gesellschaftlicher Verhältnisse ist, kann nur eine Revolution dazu beitragen, dass Religion als gesellschaftliches Phänomen in der darauf folgenden gerechten Gesellschaft nicht mehr gebraucht wird, weil kein Unmut über Ungerechtigkeit mehr kanalisiert werden muss. Außerdem lassen sich religionskritische Aussagen des Autors herausarbeiten: - Benk macht darauf aufmerksam, dass es laut Dworkins viele Menschen gebe, die zwar glaubten, aber kein personales Gottesbild hätten und dies vor dem Hintergrund der grundsätzlichen Unangemessenheit bzw. Problematik der menschlichen Rede von Gott nicht gleich als atheistisch abqualifiziert werden dürfe. - Gott ist nach Benk „zweckfrei“, eine Instrumentalisierung verbiete sich. Nach Benk sei die Legitimation ungerechter Verhältnisse durch Gott „ideologisches Machwerk“. In der Untersuchung lässt sich feststellen: - Marx sieht die Ursachen für Religion in ungerechten gesellschaftlichen Verhältnissen. Benk definiert dagegen Atheismus als Ausdruck eines modernen Unbehagens gegenüber der Religion. - Nach Marx ist Religion nichts „Übernatürliches“; auch nach Benk gehört dies nicht zu den wesentlichen Elementen des christlichen Gottesglaubens. - Marx sieht Religion als Ausdruck ungerechter gesellschaftlicher Verhältnisse; das darin enthaltene Gottesbild ist nicht Gegenstand seiner Fragestellung. Benk dagegen entwickelt einen differenzierten Religionsbegriff: Er unterscheidet zwischen einem – seiner Meinung nach – anthropomorphen Gottesbild und einem unverfügbaren Gott. - Nach Marx ist Gott ein reines Produkt gesellschaftlicher Verhältnisse. Benk behauptet, dass es nicht der Glaube an sich sein könne, mit dem der Mensch sein Handeln legitimieren könne, sondern dass ein angemessenes Gottesbild zentral sei. - Ein deutlicher Unterschied zeigt sich zwischen Marx und Benk: Während Benk Gott als denjenigen sieht, der gegen Ungerechtigkeit vorgeht, sieht Marx Religion als stabilisierend für ungerechte gesellschaftliche Verhältnisse („Blumen an der Kette“). - Auf der anderen Seite sieht Benk aber auch die Gefahr, dass der Gottesglaube dazu dienen kann, Verantwortung abzuschieben. Hier lässt sich eine Parallele zum Vergleich der Religion mit dem „Opium des Volkes“ bei Marx herstellen. Insgesamt lässt sich eher ein Unterschied hinsichtlich der Funktion bei Marx und Benk feststellen.
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