Abitur Hessen Deutsch 2022 · GK

Abiturprüfung Deutsch in Hessen 2022, GK: 9 Aufgaben mit Lösungen. Themen: Interpretation lyrischer Texte und Interpretation epischer Texte. Kostenlos.

Themen der Prüfung: Interpretation lyrischer Texte · Interpretation epischer Texte · Interpretation dramatischer Texte · Pflichtlektüre: Vergleich und literarische Erörterung · Analyse pragmatischer Texte · Erörterung und Stellungnahme

Aufgabe Vorschlag A - Aufgabe 1 · Interpretation epischer Texte

Material

Juli Zeh: Über Menschen (2021)

Dora, die Protagonistin des Romans, lebt zusammen mit ihrem Freund Robert in Berlin, bis sie, verschärft durch die Bedingung des Homeoffice während des Lockdowns der Corona-Pandemie, es in ihrer gemeinsamen Wohnung nicht mehr aushält und allein aufs Land zieht.

Dora weiß nicht mehr, wann es angefangen hat. Sie weiß noch, dass sie schon während Roberts

Klimaschützerphase manchmal dachte, dass er übertreibt. Wenn er die Politiker als Volltrottel und

seine Mitmenschen als selbstsüchtige Ignoranten beschimpfte. Wenn er sich über Doras Fehler bei der

Mülltrennung aufregte, als hätte sie ein Verbrechen begangen. Da schien er ihr manchmal übereifrig

5 und unversöhnlich, und sie überlegte, ob er vielleicht an einer Neurose, an einer Art politischem

Waschzwang litt, der aus dem nachdenklichen, sanften Menschen einen Besessenen gemacht hat.

Wobei sie am Anfang vor allem Bewunderung für ihn empfand, gewürzt mit einer Prise schlechtem

Gewissen. Robert nahm die Sache ernst. Robert wurde politisch aktiv. In der Online-Zeitung, für die

er arbeitete, gründete er ein eigenes Ressort für Klimafragen. Außerdem fing er an, sein Leben zu

10 ändern, ernährte sich vegan, kaufte klimafreundliche Klamotten und ging regelmäßig zu den

Freitagsdemonstrationen. Dass Dora nicht mitkommen wollte, verstörte ihn. Glaubte sie nicht an den

menschengemachten Klimawandel? Sah sie nicht, dass die Welt auf den Untergang zusteuerte? Die

Statistiken hielten Einzug in ihre Gespräche. Robert verwies auf Zahlen, Experten und Wissenschaft.

Dora saß vor ihm als Repräsentantin der dummen Masse, die sich partout nicht überzeugen lassen

15 wollte. Wenn er richtig in Fahrt kam, warf er ihr sogar ihren Job vor. Dass sie mit ihrer Arbeit den

Konsum ankurbele. Dass sie Menschen dazu bringe, Dinge zu kaufen, die sie gar nicht wollten und

erst recht nicht brauchten. Dora als Agentin der Wegwerfgesellschaft. Energievernichtend und

müllbergvergrößernd. Sie hatte noch nie das Bedürfnis, die Werbebranche zu verteidigen. Trotzdem

tat es weh, wenn Robert so mit ihr sprach.

20 Schließlich mangelt es ihr nicht an Überzeugung. Natürlich hält sie den Klimawandel für ein schwer-

wiegendes Problem. Was sie lähmt, ist die Ansprache. „ How dare you “ 1 statt „ I have a dream “ 2. Statt

über Temperaturziele zu streiten, sollte man sich ihrer Meinung nach lieber auf das Wesentliche kon-

zentrieren – das Ende des fossilen Zeitalters, welches sich nicht erreichen lässt, indem man die Bürger

besser erzieht, sondern nur durch einen Umbau von Infrastruktur, Mobilität und Industrie. Dass Robert

25 im Angesicht dieser Aufgabe stolz darauf ist, kein Auto zu fahren, kommt ihr merkwürdig vor.

Dora mag keine absoluten Wahrheiten und keine Autoritäten, die sich darauf stützen. In ihr wohnt et-

was, das sich sträubt. Sie hat keine Lust auf den Kampf ums Rechthaben und will nicht Teil einer Mei-

nungsmannschaft sein. Normalerweise ist ihr Sträuben kein Sich-Wehren. Man sieht es nicht. Sie lebt

angepasst. Das Sträuben erzeugt eher eine Art Trotz, ein inneres Ankämpfen gegen die Verhältnisse.

30 Deshalb musste sie Robert irgendwann sagen, dass er aufpassen solle, ab wann es bei seinen Statisti-

ken nicht mehr um ernsthafte Anliegen, sondern ums Rechthaben gehe. Er schaute sie erschrocken an

und fragte, ob sie die alternativen Fakten eines Donald Trump bevorzuge.

Da zeigte sich zum ersten Mal das Problem mit Doras Gedanken: Sie waren jetzt unverständlich, viel-

leicht sogar verwerflich. Man konnte nicht darüber sprechen. Jedenfalls nicht mit Robert. Nicht mehr.

35 Er saß vor ihr wie eine Instanz, strahlend und selbstsicher. Über jeden Irrtum, jeden Zweifel erhaben.

Angehöriger einer Gruppe, die das Mängelwesen Mensch transzendiert hat. Da kam Dora nicht mit.

Gleichzeitig schämte sie sich für ihr Sträuben und den Trotz. Im Grunde war es doch gleichgültig, ob

es Robert ums Rechthaben ging, solange er wirklich recht hatte. Klimapolitik war und ist eine wich-

tige Sache. Außerdem wirkte Robert zufrieden, während Dora häufig an Selbstzweifeln litt. Es musste

40 sich gut anfühlen, für eine wichtige Sache zu kämpfen. Robert brauchte sich die Sinnfrage nicht mehr

zu stellen. Er hatte sogar den Projekte-Kreislauf überwunden, indem er viele kleine zu erreichende

Ziele gegen ein vermutlich unerreichbares Großziel eintauschte. Ein genialer Schachzug, eine ge-

schickte Rochade 3.

Dora beschloss, sich Mühe zu geben. Sie verzichtete auf Fleisch. Sie kaufte im Bioladen ein. Robert

45 zuliebe wechselte sie sogar die Agentur. Sus-Y ist mittelgroß, auf nachhaltige Produkte sowie Non-

Profit-Organisationen spezialisiert und hat sich vorgenommen, verantwortungsvolle Unternehmen bei

der Umsetzung ihrer sozialökologischen Ideen zu unterstützen. Statt Dosensuppen, Luxus-Kreuzfahr-

ten oder Direktversicherungen zu bewerben, entwickelt Dora bei Sus-Y Ideen für vegane Schuhe, den

plastiktütenfreien Tag oder fair gehandelte Schokolade. Dass auf ihrer Visitenkarte statt „Senior-Co-

50 pywriter“ 4 nur noch das einsame Wörtchen „Text“ steht, hat sie nie gestört. Auch nicht, dass sie etwas

weniger verdient als zuvor. Aber aus Roberts Sicht genügte das alles nicht. Noch lange nicht. Schließ-

lich begriff Dora, was er wollte, und das konnte sie ihm nicht geben. Er wollte Gefolgschaft. Er wollte

ihr Sträuben bezwingen. Er wollte, dass sie einen Treueschwur auf die Apokalypse leistete, und wurde

immer wütender auf ihren heimlichen Trotz. Auf ihre Unfähigkeit, mit ihm gemeinsam in erster Reihe

55 zu marschieren. Er war unzufrieden mit ihr, und sie lachten weniger miteinander als früher.

Juli Zeh: Über Menschen, München 2. Aufl. 2021, S. 20–23.

Hinweis

Die Rechtschreibung entspricht der Textvorlage.

1 How dare you – („Wie könnt ihr nur“) berühmter Satz der Rede der 16-jährigen Klimaaktivistin Greta Thunberg im September 2019 beim UN-Klimagipfel in New York

2 I have a dream – („Ich habe einen Traum“) Titel der berühmten Rede von Martin Luther King im August 1963 vor dem Lincoln Memorial in Washington, D.C., in der er seiner Zukunftsvision Ausdruck verleiht, dass eines Tages Menschen unterschiedlicher Hautfarbe gleichberechtigt in den Vereinigten Staaten miteinander leben werden

3 Rochade – strategischer Spielzug im Schach

4 Senior-Copywriter – vorgesetzter Werbetexter

Aufgaben

1

Geben Sie den Inhalt des Textauszugs aus Juli Zehs Roman „Über Menschen“ wieder und analysieren Sie ihn unter Berücksichtigung der sprachlich-formalen Gestaltung. (Material) (40 BE)

Aufgabe Vorschlag A - Aufgaben 2 und 3 · Pflichtlektüre: Vergleich und literarische Erörterung

Material

Juli Zeh: Über Menschen (2021)

Dora, die Protagonistin des Romans, lebt zusammen mit ihrem Freund Robert in Berlin, bis sie, verschärft durch die Bedingung des Homeoffice während des Lockdowns der Corona-Pandemie, es in ihrer gemeinsamen Wohnung nicht mehr aushält und allein aufs Land zieht.

Dora weiß nicht mehr, wann es angefangen hat. Sie weiß noch, dass sie schon während Roberts

Klimaschützerphase manchmal dachte, dass er übertreibt. Wenn er die Politiker als Volltrottel und

seine Mitmenschen als selbstsüchtige Ignoranten beschimpfte. Wenn er sich über Doras Fehler bei der

Mülltrennung aufregte, als hätte sie ein Verbrechen begangen. Da schien er ihr manchmal übereifrig

5 und unversöhnlich, und sie überlegte, ob er vielleicht an einer Neurose, an einer Art politischem

Waschzwang litt, der aus dem nachdenklichen, sanften Menschen einen Besessenen gemacht hat.

Wobei sie am Anfang vor allem Bewunderung für ihn empfand, gewürzt mit einer Prise schlechtem

Gewissen. Robert nahm die Sache ernst. Robert wurde politisch aktiv. In der Online-Zeitung, für die

er arbeitete, gründete er ein eigenes Ressort für Klimafragen. Außerdem fing er an, sein Leben zu

10 ändern, ernährte sich vegan, kaufte klimafreundliche Klamotten und ging regelmäßig zu den

Freitagsdemonstrationen. Dass Dora nicht mitkommen wollte, verstörte ihn. Glaubte sie nicht an den

menschengemachten Klimawandel? Sah sie nicht, dass die Welt auf den Untergang zusteuerte? Die

Statistiken hielten Einzug in ihre Gespräche. Robert verwies auf Zahlen, Experten und Wissenschaft.

Dora saß vor ihm als Repräsentantin der dummen Masse, die sich partout nicht überzeugen lassen

15 wollte. Wenn er richtig in Fahrt kam, warf er ihr sogar ihren Job vor. Dass sie mit ihrer Arbeit den

Konsum ankurbele. Dass sie Menschen dazu bringe, Dinge zu kaufen, die sie gar nicht wollten und

erst recht nicht brauchten. Dora als Agentin der Wegwerfgesellschaft. Energievernichtend und

müllbergvergrößernd. Sie hatte noch nie das Bedürfnis, die Werbebranche zu verteidigen. Trotzdem

tat es weh, wenn Robert so mit ihr sprach.

20 Schließlich mangelt es ihr nicht an Überzeugung. Natürlich hält sie den Klimawandel für ein schwer-

wiegendes Problem. Was sie lähmt, ist die Ansprache. „ How dare you “ 1 statt „ I have a dream “ 2. Statt

über Temperaturziele zu streiten, sollte man sich ihrer Meinung nach lieber auf das Wesentliche kon-

zentrieren – das Ende des fossilen Zeitalters, welches sich nicht erreichen lässt, indem man die Bürger

besser erzieht, sondern nur durch einen Umbau von Infrastruktur, Mobilität und Industrie. Dass Robert

25 im Angesicht dieser Aufgabe stolz darauf ist, kein Auto zu fahren, kommt ihr merkwürdig vor.

Dora mag keine absoluten Wahrheiten und keine Autoritäten, die sich darauf stützen. In ihr wohnt et-

was, das sich sträubt. Sie hat keine Lust auf den Kampf ums Rechthaben und will nicht Teil einer Mei-

nungsmannschaft sein. Normalerweise ist ihr Sträuben kein Sich-Wehren. Man sieht es nicht. Sie lebt

angepasst. Das Sträuben erzeugt eher eine Art Trotz, ein inneres Ankämpfen gegen die Verhältnisse.

30 Deshalb musste sie Robert irgendwann sagen, dass er aufpassen solle, ab wann es bei seinen Statisti-

ken nicht mehr um ernsthafte Anliegen, sondern ums Rechthaben gehe. Er schaute sie erschrocken an

und fragte, ob sie die alternativen Fakten eines Donald Trump bevorzuge.

Da zeigte sich zum ersten Mal das Problem mit Doras Gedanken: Sie waren jetzt unverständlich, viel-

leicht sogar verwerflich. Man konnte nicht darüber sprechen. Jedenfalls nicht mit Robert. Nicht mehr.

35 Er saß vor ihr wie eine Instanz, strahlend und selbstsicher. Über jeden Irrtum, jeden Zweifel erhaben.

Angehöriger einer Gruppe, die das Mängelwesen Mensch transzendiert hat. Da kam Dora nicht mit.

Gleichzeitig schämte sie sich für ihr Sträuben und den Trotz. Im Grunde war es doch gleichgültig, ob

es Robert ums Rechthaben ging, solange er wirklich recht hatte. Klimapolitik war und ist eine wich-

tige Sache. Außerdem wirkte Robert zufrieden, während Dora häufig an Selbstzweifeln litt. Es musste

40 sich gut anfühlen, für eine wichtige Sache zu kämpfen. Robert brauchte sich die Sinnfrage nicht mehr

zu stellen. Er hatte sogar den Projekte-Kreislauf überwunden, indem er viele kleine zu erreichende

Ziele gegen ein vermutlich unerreichbares Großziel eintauschte. Ein genialer Schachzug, eine ge-

schickte Rochade 3.

Dora beschloss, sich Mühe zu geben. Sie verzichtete auf Fleisch. Sie kaufte im Bioladen ein. Robert

45 zuliebe wechselte sie sogar die Agentur. Sus-Y ist mittelgroß, auf nachhaltige Produkte sowie Non-

Profit-Organisationen spezialisiert und hat sich vorgenommen, verantwortungsvolle Unternehmen bei

der Umsetzung ihrer sozialökologischen Ideen zu unterstützen. Statt Dosensuppen, Luxus-Kreuzfahr-

ten oder Direktversicherungen zu bewerben, entwickelt Dora bei Sus-Y Ideen für vegane Schuhe, den

plastiktütenfreien Tag oder fair gehandelte Schokolade. Dass auf ihrer Visitenkarte statt „Senior-Co-

50 pywriter“ 4 nur noch das einsame Wörtchen „Text“ steht, hat sie nie gestört. Auch nicht, dass sie etwas

weniger verdient als zuvor. Aber aus Roberts Sicht genügte das alles nicht. Noch lange nicht. Schließ-

lich begriff Dora, was er wollte, und das konnte sie ihm nicht geben. Er wollte Gefolgschaft. Er wollte

ihr Sträuben bezwingen. Er wollte, dass sie einen Treueschwur auf die Apokalypse leistete, und wurde

immer wütender auf ihren heimlichen Trotz. Auf ihre Unfähigkeit, mit ihm gemeinsam in erster Reihe

55 zu marschieren. Er war unzufrieden mit ihr, und sie lachten weniger miteinander als früher.

Juli Zeh: Über Menschen, München 2. Aufl. 2021, S. 20–23.

Hinweis

Die Rechtschreibung entspricht der Textvorlage.

1 How dare you – („Wie könnt ihr nur“) berühmter Satz der Rede der 16-jährigen Klimaaktivistin Greta Thunberg im September 2019 beim UN-Klimagipfel in New York

2 I have a dream – („Ich habe einen Traum“) Titel der berühmten Rede von Martin Luther King im August 1963 vor dem Lincoln Memorial in Washington, D.C., in der er seiner Zukunftsvision Ausdruck verleiht, dass eines Tages Menschen unterschiedlicher Hautfarbe gleichberechtigt in den Vereinigten Staaten miteinander leben werden

3 Rochade – strategischer Spielzug im Schach

4 Senior-Copywriter – vorgesetzter Werbetexter

Aufgaben 2 und 3

2

Untersuchen Sie die Gemeinsamkeiten zwischen der Beziehung von Dora und Robert (Material) und der Beziehung von Clara und Nathanael aus E.T.A. Hoffmanns Erzählung „Der Sandmann“. (30 BE)

3

„[Sie] mag keine absoluten Wahrheiten und keine Autoritäten, die sich darauf stützen. In ihr wohnt etwas, das sich sträubt. Sie hat keine Lust auf den Kampf ums Rechthaben und will nicht Teil einer Meinungsmannschaft sein. Normalerweise ist ihr Sträuben kein Sich-Wehren. Man sieht es nicht. Sie lebt angepasst. Das Sträuben erzeugt eher eine Art Trotz, ein inneres Ankämpfen gegen die Verhältnisse.“ (Material)

Überprüfen Sie, ob diese Beschreibung Doras auch auf Mia Holl aus Juli Zehs Roman „Corpus Delicti. Ein Prozess“ zutrifft. (30 BE)

Aufgabe Vorschlag B - Aufgaben 1 und 3 · Interpretation dramatischer Texte

Material

Falk Richter: Electronic City (Airport Romance) (2002)

Im Personenverzeichnis werden die Figuren TOM und JOY sowie ein „Team von etwa 5 bis 15 Menschen“ genannt. Für dieses sogenannte Team sind u. a. die Textabschnitte vorgesehen, die mit einem Spiegelstrich beginnen. Der Textauszug ist der Beginn des Stückes.

– Tom betritt das Gebäude, in dem er seit etwa zwei Wochen wohnt

– kennt niemanden

– endlose Flure

– fünfundzwanzig Wohneinheiten auf jedem Flur

5 – Die Stadt?

– Los Angeles

– New York

– Berlin

– Seattle, Tokio, Mexico City

10 – er weiß es selbst nicht so genau

– er läuft unsicher über den Flur

– und schaut auf den Schlüssel in seiner Hand

– schaut auf die Tapete

– die seltsam schlicht gehalten ist

15 – nichts fällt hier auf, nichts, an dem er sich orientieren könnte, und

– ja, genau, er weiß es selbst nicht mehr, Europa, Nord- oder Südamerika

– es könnte auch ein Wohnkomplex über dieser Einkaufszone in Brisbane, Queensland sein

– in Melbourne oder Sydney

– irgendwo in Hongkong, Taipeh oder Singapur

20 – er hat keine Ahnung in diesem Moment

– er kennt niemanden, und er kann sich an nichts erinnern: War ich hier schon einmal? Ist dies die

richtige Etage, der richtige Flur, war das links oder rechts neben dem Fahrstuhl und vor allem: IST

DAS HIER ÜBERHAUPT DAS RICHTIGE GEBÄUDE?

– Zu oft den Ort gewechselt, in der letzten Zeit, völlig die Orientierung verloren: Wo ist Joy, wo ist

25 Joy?, bin ich denn wirklich schon seit zwei Wochen hier oder oder... ich weiß es nicht: Zwei

STUNDEN, wann bin ich denn hier angekommen und vor allem: Wie? Mit welcher Maschine?

Oder bin ich hierher gelaufen? Nein, das kann nicht sein, kann nicht, nein, warte, ich... Stille in

meinem Gehirn, ich ich... nichts erinnert mich an irgendwas hier, nichts, das schlichte Grau, dann

dieser Teppich, der Blick aus dem Fenster: Das könnte überall sein.

30 – „Wenn ich doch bloß mein Handy mitgenommen hätte – meinen Palm¹, meinen Organizer, mein

Notebook – oder wenigstens einen Kompass.

– Oder einen Discman², dann könnte ich jetzt etwas Musik hören, bis hier irgendwann irgendwer

vorbeikommen wird.“

– Er hat ein Notizbuch, wo er sich notiert, auf welchem Flur in welcher Stadt er seine Zimmer ange-

35 mietet hat

– und er braucht diese UNTERLAGEN, verdammt, Scheiße, mein Flieger, wie soll ich das jetzt noch

schaffen? Ich brauch doch diese Scheiß-, dings, unterlagen für den Weiterflug, sonst brauch ich da

doch gar nicht erst hin und und – 7 – 1 – 7 – 2 – 4? 7 – 1 – 7 – 2 – 5? Diese verdammte Zahlen-

kombination, wenn ich nur wüßte, in welcher Stadt ich hier bin, dann dann, und wieso dieser

40 plötzliche Powerfailure³ in meinem Gehirn, alle Zahlen gelöscht, alles weg, JOY? Wo ist JOY? So

hieß die doch, meine Frau, Freundin, so hieß die doch?, welches Genre⁴ haben wir hier eigentlich?

Haben wir das schon entschieden?

TOM Horror, Hektik, Großstadt, Banken, Börse, Geldströme fließen, Testosteron fließt, strömt, das

ganze Gebäude, zweitausend Einzimmerappartements, alle gehören derselben Kette an, die Fassaden

45 überall auf der Welt immer gleich, ich habe immer das Gefühl, anzukommen, nie wegzufahren, ich

reise, aber ich bewege mich nicht, mein Gehirn sagt mir immer wieder: Hier warst du schon. Auch

wenn ich noch nie da war. Mein Gehirn erkennt alles wieder, auch wenn ich weiß, nein, hier war ich

noch nicht, ich kann das gar nicht kennen, aber die Zimmer sehen immer gleich aus, die Zimmer

sagen: „Welcome Home“. Das steht auch auf der freundlichen handgeflochtenen Matte vor der Ein-

50 gangstür: „Welcome Home“, und so heißt auch die Firma, die diese Einzimmerappartements überall

auf der Welt baut: „Welcome Home“, DAS IST ABER NICHT MEIN ZUHAUSE VERDAMMT

NOCHMAL ICH WOHNE HIER ZWAR ABER DAS IST NICHT MEIN ZUHAUSE.

Kurze Atempause.

Aber wo ist das dann? Wo könnte das sein?

55 – Aber welches Genre haben wir hier eigentlich? Haben wir das schon entschieden?

– Manager auf Psychopharmaka irgendwo am anderen Ende der Welt in Hochhausbetten Lager-

stätten Halbtagsunterkünften wo sie sich ablegen kurzzeitig zusammenbrechen Ruhe finden um

dann nach wenigen Stunden weiterzufliegen zu fusionieren zu investieren zu spekulieren

– und überall wo sie ankommen sieht es gleich aus

60 – und überall wo sie ankommen treffen sie auf dieselben Leute

– und überall wo sie ankommen fallen sie erschöpft in Hotelzimmer

– die überall wo sie ankommen im absolut gleichen Design gehalten sind nicht unterscheidbar

– damit sie überall wo sie ankommen das Gefühl haben dass sie sich überhaupt gar nicht bewegt

haben

65 – dass sie überall dort wo sie ankommen ihre Heimat haben und nachts nach getaner Arbeit immer an

denselben Ort zurückkehren.

TOM Ich habe das Gefühl, ich sitze immerfort mit meinem Laptop auf dem Schoß in irgendeiner

Lobby, einem Wartesaal, einer Businesslounge, und die Menschen um mich herum kenne ich allesamt

sehr gut, das sind alles meine Freunde, obwohl ich sie noch nie zuvor in meinem Leben gesehen habe,

70 obwohl ich noch nie ein Wort mit ihnen gewechselt habe, und dann klingelt mein Handy und das

Handy des Mannes, der neben mir sitzt, und dann klingelt das Handy des Mannes, der neben dem

Mann sitzt, der neben mir sitzt, und dann sagen wir alle gleichzeitig in unser Handy, dass wir gleich

ankommen, dass wir nur noch auf unsere Koffer warten, dass wir genau viereinhalb Minuten Ver-

spätung haben, weil unsere Maschine genau viereinhalb Minuten verspätet angekommen ist und wir

75 deshalb viereinhalb Minuten verspätet zu dem Meeting kommen werden und wir deshalb bitten, dass

man das Meeting einfach viereinhalb Minuten später anfangen lässt, geht das?, sorry!, ich meine, wäre

das machbar, könnten Sie alle noch bitte viereinhalb Minuten warten oder müssen alle gleich schon

wieder weiter?, sind dann alle schon wieder weg?, auf zum nächsten Termin?, hallo ist da wer? Hallo

die Verbindung ist grad irgendwie Scheiße was? Funkloch hallo! Fuck!

80 – Die Businesslounges in den Flughäfen unterscheiden sich nicht mehr voneinander, und sie haben

das Gefühl, sie sitzen in großen Warteräumen oder Lesesälen, wo sie noch nett nach getaner Arbeit

mit den Kollegen einen Drink zu sich nehmen und den Tag ausklingen lassen können.

Alle gleichzeitig, aber nicht chorisch synchron:

ABER WORAUF WARTEN WIR EIGENTLICH WORAUF VERDAMMT NOCHMAL

85 WARTEN WIR EIGENTLICH

– auf den Anschlussflug

– auf eine Zahl die durchgegeben wird

– jemand sagt uns was wir kaufen verkaufen halten abstoßen sollen

– mein Ladegerät fuck Scheiße Hilfe wo ist mein Ladegerät!!

90 – könnte dieses verdammte Flugzeug etwas schneller fliegen, ich muss doch noch weiter und diesen

Deal in Seattle oder war das Rom? Ich weiß es nicht mehr, ich verpass ja schon wieder alles, aber

bitte schneller, geht das, bitte, hallo, schneller, verdammte Scheiße, schneller, ich verpass sonst

wieder alles und dann bin ich raus – raus woraus?, fragt sich nur – aber diese Frage werde ich mir

nicht beantworten, denn das bremst nur das Tempo und ich brauche das Tempo sonst stürze ich ab

95 und diese verdammten Sicherheitsvorkehrungen nützen ja auch alle nichts, wer abstürzt, stürzt ab

und basta, ihr könnt euch ja gerne alle eine Schwimmweste überziehen, während wir in diesen

Wald reincrashen, aber ich mach das nicht, ich nicht, verdammt nochmal, schneller!

Falk Richter: Electronic City (Airport Romance) Frankfurt am Main 2002, URL: http://www.falkrichter.com/ckfinder/userfiles/files/PDF/Theatre%20plays/Electronic%20City.pdf (abgerufen am 15.06.2021).

Hinweise

Falk Richter (*1969), deutscher Dramatiker und Regisseur, dessen Stücke in mehr als 35 Sprachen übersetzt wurden und weltweit gespielt werden.

Rechtschreibung, Zeichensetzung und Hervorhebungen entsprechen der Textvorlage.

¹ Palm – eine Art früher Vorgänger des heutigen Tablet-Computers

² Discman – tragbares CD-Abspielgerät

³ Powerfailure (engl.) – Stromausfall

⁴ Genre (frz.) – Kunstgattung

1

Fassen Sie den Auszug aus Falk Richters Dramentext „Electronic City“ zusammen und analysieren Sie den Inhalt und die sprachlich-formale Gestaltung. (Material)

(40 BE)

3

Der Autor und Regisseur Falk Richter nimmt für Theaterstücke in Anspruch, dass sie „sich mit gesellschaftspolitisch relevanten Themen auseinandersetzen, [...] sich einmischen [sollen] in gesellschaftliche Diskussionen“.

Begründen Sie, warum der Dramenauszug (Material) im Sinne des Zitats als „soziales“ Drama bezeichnet werden kann.

(25 BE)

Aufgabe Vorschlag B - Aufgabe 2 · Pflichtlektüre: Vergleich und literarische Erörterung

Material

Falk Richter: Electronic City (Airport Romance) (2002)

Im Personenverzeichnis werden die Figuren TOM und JOY sowie ein „Team von etwa 5 bis 15 Menschen“ genannt. Für dieses sogenannte Team sind u. a. die Textabschnitte vorgesehen, die mit einem Spiegelstrich beginnen. Der Textauszug ist der Beginn des Stückes.

– Tom betritt das Gebäude, in dem er seit etwa zwei Wochen wohnt

– kennt niemanden

– endlose Flure

– fünfundzwanzig Wohneinheiten auf jedem Flur

5 – Die Stadt?

– Los Angeles

– New York

– Berlin

– Seattle, Tokio, Mexico City

10 – er weiß es selbst nicht so genau

– er läuft unsicher über den Flur

– und schaut auf den Schlüssel in seiner Hand

– schaut auf die Tapete

– die seltsam schlicht gehalten ist

15 – nichts fällt hier auf, nichts, an dem er sich orientieren könnte, und

– ja, genau, er weiß es selbst nicht mehr, Europa, Nord- oder Südamerika

– es könnte auch ein Wohnkomplex über dieser Einkaufszone in Brisbane, Queensland sein

– in Melbourne oder Sydney

– irgendwo in Hongkong, Taipeh oder Singapur

20 – er hat keine Ahnung in diesem Moment

– er kennt niemanden, und er kann sich an nichts erinnern: War ich hier schon einmal? Ist dies die

richtige Etage, der richtige Flur, war das links oder rechts neben dem Fahrstuhl und vor allem: IST

DAS HIER ÜBERHAUPT DAS RICHTIGE GEBÄUDE?

– Zu oft den Ort gewechselt, in der letzten Zeit, völlig die Orientierung verloren: Wo ist Joy, wo ist

25 Joy?, bin ich denn wirklich schon seit zwei Wochen hier oder oder... ich weiß es nicht: Zwei

STUNDEN, wann bin ich denn hier angekommen und vor allem: Wie? Mit welcher Maschine?

Oder bin ich hierher gelaufen? Nein, das kann nicht sein, kann nicht, nein, warte, ich... Stille in

meinem Gehirn, ich ich... nichts erinnert mich an irgendwas hier, nichts, das schlichte Grau, dann

dieser Teppich, der Blick aus dem Fenster: Das könnte überall sein.

30 – „Wenn ich doch bloß mein Handy mitgenommen hätte – meinen Palm¹, meinen Organizer, mein

Notebook – oder wenigstens einen Kompass.

– Oder einen Discman², dann könnte ich jetzt etwas Musik hören, bis hier irgendwann irgendwer

vorbeikommen wird.“

– Er hat ein Notizbuch, wo er sich notiert, auf welchem Flur in welcher Stadt er seine Zimmer ange-

35 mietet hat

– und er braucht diese UNTERLAGEN, verdammt, Scheiße, mein Flieger, wie soll ich das jetzt noch

schaffen? Ich brauch doch diese Scheiß-, dings, unterlagen für den Weiterflug, sonst brauch ich da

doch gar nicht erst hin und und – 7 – 1 – 7 – 2 – 4? 7 – 1 – 7 – 2 – 5? Diese verdammte Zahlen-

kombination, wenn ich nur wüßte, in welcher Stadt ich hier bin, dann dann, und wieso dieser

40 plötzliche Powerfailure³ in meinem Gehirn, alle Zahlen gelöscht, alles weg, JOY? Wo ist JOY? So

hieß die doch, meine Frau, Freundin, so hieß die doch?, welches Genre⁴ haben wir hier eigentlich?

Haben wir das schon entschieden?

TOM Horror, Hektik, Großstadt, Banken, Börse, Geldströme fließen, Testosteron fließt, strömt, das

ganze Gebäude, zweitausend Einzimmerappartements, alle gehören derselben Kette an, die Fassaden

45 überall auf der Welt immer gleich, ich habe immer das Gefühl, anzukommen, nie wegzufahren, ich

reise, aber ich bewege mich nicht, mein Gehirn sagt mir immer wieder: Hier warst du schon. Auch

wenn ich noch nie da war. Mein Gehirn erkennt alles wieder, auch wenn ich weiß, nein, hier war ich

noch nicht, ich kann das gar nicht kennen, aber die Zimmer sehen immer gleich aus, die Zimmer

sagen: „Welcome Home“. Das steht auch auf der freundlichen handgeflochtenen Matte vor der Ein-

50 gangstür: „Welcome Home“, und so heißt auch die Firma, die diese Einzimmerappartements überall

auf der Welt baut: „Welcome Home“, DAS IST ABER NICHT MEIN ZUHAUSE VERDAMMT

NOCHMAL ICH WOHNE HIER ZWAR ABER DAS IST NICHT MEIN ZUHAUSE.

Kurze Atempause.

Aber wo ist das dann? Wo könnte das sein?

55 – Aber welches Genre haben wir hier eigentlich? Haben wir das schon entschieden?

– Manager auf Psychopharmaka irgendwo am anderen Ende der Welt in Hochhausbetten Lager-

stätten Halbtagsunterkünften wo sie sich ablegen kurzzeitig zusammenbrechen Ruhe finden um

dann nach wenigen Stunden weiterzufliegen zu fusionieren zu investieren zu spekulieren

– und überall wo sie ankommen sieht es gleich aus

60 – und überall wo sie ankommen treffen sie auf dieselben Leute

– und überall wo sie ankommen fallen sie erschöpft in Hotelzimmer

– die überall wo sie ankommen im absolut gleichen Design gehalten sind nicht unterscheidbar

– damit sie überall wo sie ankommen das Gefühl haben dass sie sich überhaupt gar nicht bewegt

haben

65 – dass sie überall dort wo sie ankommen ihre Heimat haben und nachts nach getaner Arbeit immer an

denselben Ort zurückkehren.

TOM Ich habe das Gefühl, ich sitze immerfort mit meinem Laptop auf dem Schoß in irgendeiner

Lobby, einem Wartesaal, einer Businesslounge, und die Menschen um mich herum kenne ich allesamt

sehr gut, das sind alles meine Freunde, obwohl ich sie noch nie zuvor in meinem Leben gesehen habe,

70 obwohl ich noch nie ein Wort mit ihnen gewechselt habe, und dann klingelt mein Handy und das

Handy des Mannes, der neben mir sitzt, und dann klingelt das Handy des Mannes, der neben dem

Mann sitzt, der neben mir sitzt, und dann sagen wir alle gleichzeitig in unser Handy, dass wir gleich

ankommen, dass wir nur noch auf unsere Koffer warten, dass wir genau viereinhalb Minuten Ver-

spätung haben, weil unsere Maschine genau viereinhalb Minuten verspätet angekommen ist und wir

75 deshalb viereinhalb Minuten verspätet zu dem Meeting kommen werden und wir deshalb bitten, dass

man das Meeting einfach viereinhalb Minuten später anfangen lässt, geht das?, sorry!, ich meine, wäre

das machbar, könnten Sie alle noch bitte viereinhalb Minuten warten oder müssen alle gleich schon

wieder weiter?, sind dann alle schon wieder weg?, auf zum nächsten Termin?, hallo ist da wer? Hallo

die Verbindung ist grad irgendwie Scheiße was? Funkloch hallo! Fuck!

80 – Die Businesslounges in den Flughäfen unterscheiden sich nicht mehr voneinander, und sie haben

das Gefühl, sie sitzen in großen Warteräumen oder Lesesälen, wo sie noch nett nach getaner Arbeit

mit den Kollegen einen Drink zu sich nehmen und den Tag ausklingen lassen können.

Alle gleichzeitig, aber nicht chorisch synchron:

ABER WORAUF WARTEN WIR EIGENTLICH WORAUF VERDAMMT NOCHMAL

85 WARTEN WIR EIGENTLICH

– auf den Anschlussflug

– auf eine Zahl die durchgegeben wird

– jemand sagt uns was wir kaufen verkaufen halten abstoßen sollen

– mein Ladegerät fuck Scheiße Hilfe wo ist mein Ladegerät!!

90 – könnte dieses verdammte Flugzeug etwas schneller fliegen, ich muss doch noch weiter und diesen

Deal in Seattle oder war das Rom? Ich weiß es nicht mehr, ich verpass ja schon wieder alles, aber

bitte schneller, geht das, bitte, hallo, schneller, verdammte Scheiße, schneller, ich verpass sonst

wieder alles und dann bin ich raus – raus woraus?, fragt sich nur – aber diese Frage werde ich mir

nicht beantworten, denn das bremst nur das Tempo und ich brauche das Tempo sonst stürze ich ab

95 und diese verdammten Sicherheitsvorkehrungen nützen ja auch alle nichts, wer abstürzt, stürzt ab

und basta, ihr könnt euch ja gerne alle eine Schwimmweste überziehen, während wir in diesen

Wald reincrashen, aber ich mach das nicht, ich nicht, verdammt nochmal, schneller!

Falk Richter: Electronic City (Airport Romance) Frankfurt am Main 2002, URL: http://www.falkrichter.com/ckfinder/userfiles/files/PDF/Theatre%20plays/Electronic%20City.pdf (abgerufen am 15.06.2021).

Hinweise

Falk Richter (*1969), deutscher Dramatiker und Regisseur, dessen Stücke in mehr als 35 Sprachen übersetzt wurden und weltweit gespielt werden.

Rechtschreibung, Zeichensetzung und Hervorhebungen entsprechen der Textvorlage.

¹ Palm – eine Art früher Vorgänger des heutigen Tablet-Computers

² Discman – tragbares CD-Abspielgerät

³ Powerfailure (engl.) – Stromausfall

⁴ Genre (frz.) – Kunstgattung

2

Setzen Sie die Figur des Managers im vorliegenden Textauszug (Material) in Beziehung zur Figur Faust aus Goethes gleichnamigem Drama.

(35 BE)

Aufgabe Vorschlag C - Aufgabe 1 · Interpretation lyrischer Texte

Material

Claire Goll: Arbeiterinnen (1918)

Schwestern, um die Frühlingshügel eurer Schultern

Hängt ihr des Alltags Pelerinen 1

Und euer Kleid ist morgenrotumsäumt,

Wenn ihr euch durch die graue Vorstadt träumt.

5 Von den Lawinen der Fabrikgebirge

Ist euer Blumenleib zerdrückt

Und euer rotes Herz verbleicht

Von keiner Flöte, keinem Traum erreicht.

Ihr seht nichts von der Sonne Bachanal 2,

10 Und Firmamente nicht aus blauem Lenz 3

Nicht Vogelchor um Abende geschürzt 4;

Denn ihr seid in die Hölle abgestürzt.

Schwestern, um die schwarzen Hügel eures Elends

Häng ich meines Sonntags Feiermantel

15 Sein Scharlachwurf 5 am Horizont zerschellt,

Wenn er uns trägt zum Fluge aus der Welt.

Hartmut Vollmer (Hg.): In roten Schuhen tanzt die Sonne sich zu Tod. Lyrik expressionistischer Dichterinnen, Hamburg 2. Aufl. 2014, S. 70.

Hinweise

Claire Goll (1890–1977), deutsch-französische Schriftstellerin und Journalistin

Die Rechtschreibung entspricht der Textvorlage.

1 Pelerine – kurzer Schulterumhang, der einem Cape ähnelt und über dem Mantel getragen wird

2 Bachanal (veraltet für Bacchanal) – ungezügeltes, ausschweifendes Fest bzw. Trinkgelage

3 Lenz – Frühling

4 schürzen – hochhalten, legen

5 Scharlachwurf – Überwerfen eines roten Mantels

Aufgabe 1

Interpretieren Sie das Gedicht „Arbeiterinnen“ von Claire Goll. (Material) [45 BE]

Aufgabe Vorschlag C - Aufgaben 2 und 3 · Pflichtlektüre: Vergleich und literarische Erörterung

Material

Claire Goll: Arbeiterinnen (1918)

Schwestern, um die Frühlingshügel eurer Schultern

Hängt ihr des Alltags Pelerinen 1

Und euer Kleid ist morgenrotumsäumt,

Wenn ihr euch durch die graue Vorstadt träumt.

5 Von den Lawinen der Fabrikgebirge

Ist euer Blumenleib zerdrückt

Und euer rotes Herz verbleicht

Von keiner Flöte, keinem Traum erreicht.

Ihr seht nichts von der Sonne Bachanal 2,

10 Und Firmamente nicht aus blauem Lenz 3

Nicht Vogelchor um Abende geschürzt 4;

Denn ihr seid in die Hölle abgestürzt.

Schwestern, um die schwarzen Hügel eures Elends

Häng ich meines Sonntags Feiermantel

15 Sein Scharlachwurf 5 am Horizont zerschellt,

Wenn er uns trägt zum Fluge aus der Welt.

Hartmut Vollmer (Hg.): In roten Schuhen tanzt die Sonne sich zu Tod. Lyrik expressionistischer Dichterinnen, Hamburg 2. Aufl. 2014, S. 70.

Hinweise

Claire Goll (1890–1977), deutsch-französische Schriftstellerin und Journalistin

Die Rechtschreibung entspricht der Textvorlage.

1 Pelerine – kurzer Schulterumhang, der einem Cape ähnelt und über dem Mantel getragen wird

2 Bachanal (veraltet für Bacchanal) – ungezügeltes, ausschweifendes Fest bzw. Trinkgelage

3 Lenz – Frühling

4 schürzen – hochhalten, legen

5 Scharlachwurf – Überwerfen eines roten Mantels

2

Vergleichen Sie die Lebenslage der Arbeiterinnen aus Claire Golls gleichnamigem Gedicht (Material) mit der der Figur Marie aus Georg Büchners Dramenfragment „Woyzeck“. [35 BE]

3

Diskutieren Sie, ausgehend von Ihren Ergebnissen aus Aufgabe 2, ob die Figur der Marie aus Büchners „Woyzeck“ als Opfer der gesellschaftlichen Verhältnisse verstanden werden kann. [20 BE]

Aufgabe Vorschlag D - Aufgabe 1 · Analyse pragmatischer Texte

Sprache und Macht

Dieser Vorschlag bezieht sich auf die Pflichtlektüre Georg Büchner: Woyzeck.

Material

Beitrag von Nils Meyer-Ohlendorf in der Reihe „Framing-Check“ in der Süddeutschen Zeitung vom 14.12.2018

Wo Sprache ist, da ist auch Subtext. Vor allem dort, wo Sprache politisch wird. Zur Analyse dieser

Subtexte hat sich in der Forschung in den vergangenen Jahren das Konzept des Framings etabliert.

Framing meint einen Assoziations- und damit Deutungsrahmen für Begriffe: Wer zum Beispiel

„Zitrone“ hört, denkt vermutlich an „sauer“ oder „gelb“. Das lässt sich politisch instrumentalisieren.

5 Frames definieren oft ein Problem – und liefern, wenigstens implizit, auch gleich die passende

Lösung. Bei einem Begriff wie „Flüchtlingsstrom“ sieht man vor dem geistigen Auge vermutlich

große Menschenmassen heranrauschen – eine Naturgewalt und darin ein Bedrohungsszenario. Was die

vermeintliche Lösung „Abschottung“ nahelegt. […]

„Klimawandel“ ist ein gängiger Begriff in der politischen und gesellschaftlichen Debatte. Er wird wie

10 selbstverständlich von allen benutzt – vom Klimaschützer bis zum Klimaskeptiker, vom Politiker bis

zum Wissenschaftler. Er findet sich im Titel von vielen Regierungsdokumenten. Deutschland und

Österreich haben zum Beispiel „Strategien zur Anpassung an den Klimawandel“ entwickelt. […]

Der Begriff „Klimawandel“ suggeriert einen natürlichen Prozess. Fünf Milliarden Jahre Erdgeschichte

sind fünf Milliarden Jahre Klimawandel. Warmzeiten kommen und gehen – ebenso die Eiszeiten; auch

15 sie kommen und gehen. Das Klima der Erde hat sich schon immer gewandelt. Dies ist ein normaler,

natürlicher Prozess. Als natürlicher Prozess erscheint Klimawandel unaufhaltsam.

Der Begriff „Wandel“ bezeichnet zudem für gewöhnlich einen langsamen und linearen Prozess. Man

spricht vom Wandel der Zeiten und will damit sagen, dass die Dinge sich über lange Zeiträume gleich-

mäßig ändern. Von einem langsamen Prozess erwartet man jedoch zumeist keine besonders schmerz-

20 haften Auswirkungen. […]

Der Begriff „Klimawandel“ entpolitisiert, weil er den Blick auf Ursache, Dringlichkeit und den mitun-

ter auch politischen Charakter des Problems verstellt. Dies geschieht auf dreierlei Weise.

Weil der Begriff einen natürlichen Prozess suggeriert, wird die Bedeutung des Menschen darin fast

unsichtbar. Klimawandel suggeriert, dass der Mensch Klimaänderungen nicht verursachen kann. Das

25 kann nur die Natur. Aufhalten kann der Mensch den Klimawandel demnach schon gar nicht. Nach

Einschätzung des Weltklimarates ist der Anteil des Menschen am Temperaturanstieg aber der mit Ab-

stand wichtigste Faktor. Es wird zudem verschleiert, dass Emissionsreduktionen (von Treibhausgasen)

die Änderung des Klimas verlangsamen und aufhalten können. Kurz: Es wird überlagert, dass der Kli-

mawandel auch ein politisches Problem ist.

30 Der Begriff „Klimawandel“ lässt an einen linearen Prozess denken. An einen Prozess mit langsamer

und gleichmäßiger Geschwindigkeit können sich Menschen anpassen. Damit übertüncht der Begriff,

dass der Temperaturanstieg sich beschleunigt und schneller Auswirkungen zeigen wird als lange ange-

nommen: Das Auftauen des Permafrostbodens 1 setzt zum Beispiel Methan frei, ein starkes Treibhaus-

gas, das Klimaänderungen weiter beschleunigt. Die Zerstörung des Amazonas-Regenwaldes ist ein

35 weiteres Beispiel: Werden etwa die gewaltigen Mengen an Kohlenstoff, die er speichert, durch Brand-

rodungen als Kohlendioxid freigesetzt, heizt das das Klima weiter an. Diese sogenannten Kipppunkte

wirken also wie Brandbeschleuniger, die die Geschwindigkeit von Klimaänderungen plötzlich ex-

ponentiell steigern können.

Der Begriff „Klimawandel“ suggeriert schließlich wenige schmerzhafte Änderungen im Klima. Zwei

40 oder drei Grad mehr wären vielleicht nicht schlecht, mag man denken, schon gar nicht in Mitteleuropa.

Doch damit blendet man aus, dass kleine Änderungen in der globalen Durchschnittstemperatur große

Änderungen in bestimmten Regionen bedeuten. Diese regionalen Änderungen können nicht nur drasti-

sche Auswirkungen auf diese Gegenden haben, sondern auf die gesamte Erde. Das Abschmelzen des

Grönlandeises ist ein Beispiel für ein regionales Ereignis mit drastischen globalen Auswirkungen.

45 Die weitläufige und selbstverständliche Verwendung des Begriffs „Klimawandel“ ist ein wichtiger

Framing-Sieg für diejenigen, die kein Interesse an den erforderlichen Emissionsreduktionen haben. Es

ist kein Wunder, dass mit diesem Framing weder Bürger noch Politik Emissionen in ausreichendem

Maße senken. […]

„Klimakrise“ oder „Überhitzung der Erde“ sind präzisere Begriffe. Sie machen Ursache und Dring-

50 lichkeit des Problems deutlicher. In anderen Politikfeldern nehmen wir den Begriff „Krise“ schnell in

den Mund – Eurokrise oder Flüchtlingskrise –, vermeiden ihn aber, wenn wir über grundlegende Ver-

werfungen unseres planetarischen Systems sprechen.

1 Permafrostboden – Boden, welcher unter der Erdoberfläche mindestens zwei Jahre ununterbrochen Temperaturen unter dem Gefrierpunkt aufweist

Nils Meyer-Ohlendorf: Framing-Check: Klimawandel, in: Süddeutsche Zeitung vom 14.12.2018,

URL: www.sueddeutsche.de/kultur/framing-check-klimawandel-begriff-1.4252824 (abgerufen am 03.02.2022).

Hinweise

Nils Meyer-Ohlendorf leitet das International and European Gouvernance Program des Ecologic Instituts, ein gemeinnütziges, von Europäischer Kommission und Europäischem Parlament mitfinanziertes Institut.

Die Rechtschreibung entspricht der Textvorlage.

1

Beschreiben Sie das Phänomen des sprachlichen Framings, wie es in dem Textauszug von Nils Meyer-Ohlendorf am Beispiel des Begriffs „Klimawandel“ dargestellt wird. (Material)

(30 BE)

Aufgabe Vorschlag D - Aufgabe 2 · Pflichtlektüre: Vergleich und literarische Erörterung

Sprache und Macht

Dieser Vorschlag bezieht sich auf die Pflichtlektüre Georg Büchner: Woyzeck.

Material

Beitrag von Nils Meyer-Ohlendorf in der Reihe „Framing-Check“ in der Süddeutschen Zeitung vom 14.12.2018

Wo Sprache ist, da ist auch Subtext. Vor allem dort, wo Sprache politisch wird. Zur Analyse dieser

Subtexte hat sich in der Forschung in den vergangenen Jahren das Konzept des Framings etabliert.

Framing meint einen Assoziations- und damit Deutungsrahmen für Begriffe: Wer zum Beispiel

„Zitrone“ hört, denkt vermutlich an „sauer“ oder „gelb“. Das lässt sich politisch instrumentalisieren.

5 Frames definieren oft ein Problem – und liefern, wenigstens implizit, auch gleich die passende

Lösung. Bei einem Begriff wie „Flüchtlingsstrom“ sieht man vor dem geistigen Auge vermutlich

große Menschenmassen heranrauschen – eine Naturgewalt und darin ein Bedrohungsszenario. Was die

vermeintliche Lösung „Abschottung“ nahelegt. […]

„Klimawandel“ ist ein gängiger Begriff in der politischen und gesellschaftlichen Debatte. Er wird wie

10 selbstverständlich von allen benutzt – vom Klimaschützer bis zum Klimaskeptiker, vom Politiker bis

zum Wissenschaftler. Er findet sich im Titel von vielen Regierungsdokumenten. Deutschland und

Österreich haben zum Beispiel „Strategien zur Anpassung an den Klimawandel“ entwickelt. […]

Der Begriff „Klimawandel“ suggeriert einen natürlichen Prozess. Fünf Milliarden Jahre Erdgeschichte

sind fünf Milliarden Jahre Klimawandel. Warmzeiten kommen und gehen – ebenso die Eiszeiten; auch

15 sie kommen und gehen. Das Klima der Erde hat sich schon immer gewandelt. Dies ist ein normaler,

natürlicher Prozess. Als natürlicher Prozess erscheint Klimawandel unaufhaltsam.

Der Begriff „Wandel“ bezeichnet zudem für gewöhnlich einen langsamen und linearen Prozess. Man

spricht vom Wandel der Zeiten und will damit sagen, dass die Dinge sich über lange Zeiträume gleich-

mäßig ändern. Von einem langsamen Prozess erwartet man jedoch zumeist keine besonders schmerz-

20 haften Auswirkungen. […]

Der Begriff „Klimawandel“ entpolitisiert, weil er den Blick auf Ursache, Dringlichkeit und den mitun-

ter auch politischen Charakter des Problems verstellt. Dies geschieht auf dreierlei Weise.

Weil der Begriff einen natürlichen Prozess suggeriert, wird die Bedeutung des Menschen darin fast

unsichtbar. Klimawandel suggeriert, dass der Mensch Klimaänderungen nicht verursachen kann. Das

25 kann nur die Natur. Aufhalten kann der Mensch den Klimawandel demnach schon gar nicht. Nach

Einschätzung des Weltklimarates ist der Anteil des Menschen am Temperaturanstieg aber der mit Ab-

stand wichtigste Faktor. Es wird zudem verschleiert, dass Emissionsreduktionen (von Treibhausgasen)

die Änderung des Klimas verlangsamen und aufhalten können. Kurz: Es wird überlagert, dass der Kli-

mawandel auch ein politisches Problem ist.

30 Der Begriff „Klimawandel“ lässt an einen linearen Prozess denken. An einen Prozess mit langsamer

und gleichmäßiger Geschwindigkeit können sich Menschen anpassen. Damit übertüncht der Begriff,

dass der Temperaturanstieg sich beschleunigt und schneller Auswirkungen zeigen wird als lange ange-

nommen: Das Auftauen des Permafrostbodens 1 setzt zum Beispiel Methan frei, ein starkes Treibhaus-

gas, das Klimaänderungen weiter beschleunigt. Die Zerstörung des Amazonas-Regenwaldes ist ein

35 weiteres Beispiel: Werden etwa die gewaltigen Mengen an Kohlenstoff, die er speichert, durch Brand-

rodungen als Kohlendioxid freigesetzt, heizt das das Klima weiter an. Diese sogenannten Kipppunkte

wirken also wie Brandbeschleuniger, die die Geschwindigkeit von Klimaänderungen plötzlich ex-

ponentiell steigern können.

Der Begriff „Klimawandel“ suggeriert schließlich wenige schmerzhafte Änderungen im Klima. Zwei

40 oder drei Grad mehr wären vielleicht nicht schlecht, mag man denken, schon gar nicht in Mitteleuropa.

Doch damit blendet man aus, dass kleine Änderungen in der globalen Durchschnittstemperatur große

Änderungen in bestimmten Regionen bedeuten. Diese regionalen Änderungen können nicht nur drasti-

sche Auswirkungen auf diese Gegenden haben, sondern auf die gesamte Erde. Das Abschmelzen des

Grönlandeises ist ein Beispiel für ein regionales Ereignis mit drastischen globalen Auswirkungen.

45 Die weitläufige und selbstverständliche Verwendung des Begriffs „Klimawandel“ ist ein wichtiger

Framing-Sieg für diejenigen, die kein Interesse an den erforderlichen Emissionsreduktionen haben. Es

ist kein Wunder, dass mit diesem Framing weder Bürger noch Politik Emissionen in ausreichendem

Maße senken. […]

„Klimakrise“ oder „Überhitzung der Erde“ sind präzisere Begriffe. Sie machen Ursache und Dring-

50 lichkeit des Problems deutlicher. In anderen Politikfeldern nehmen wir den Begriff „Krise“ schnell in

den Mund – Eurokrise oder Flüchtlingskrise –, vermeiden ihn aber, wenn wir über grundlegende Ver-

werfungen unseres planetarischen Systems sprechen.

1 Permafrostboden – Boden, welcher unter der Erdoberfläche mindestens zwei Jahre ununterbrochen Temperaturen unter dem Gefrierpunkt aufweist

Nils Meyer-Ohlendorf: Framing-Check: Klimawandel, in: Süddeutsche Zeitung vom 14.12.2018,

URL: www.sueddeutsche.de/kultur/framing-check-klimawandel-begriff-1.4252824 (abgerufen am 03.02.2022).

Hinweise

Nils Meyer-Ohlendorf leitet das International and European Gouvernance Program des Ecologic Instituts, ein gemeinnütziges, von Europäischer Kommission und Europäischem Parlament mitfinanziertes Institut.

Die Rechtschreibung entspricht der Textvorlage.

2

Untersuchen Sie, auch unter Rückgriff auf den vorliegenden Text (Material), das Verhältnis von Sprache und Macht in Büchners Dramenfragment „Woyzeck“.

(45 BE)

Aufgabe Vorschlag D - Aufgabe 3 · Erörterung und Stellungnahme

Sprache und Macht

Dieser Vorschlag bezieht sich auf die Pflichtlektüre Georg Büchner: Woyzeck.

Material

Beitrag von Nils Meyer-Ohlendorf in der Reihe „Framing-Check“ in der Süddeutschen Zeitung vom 14.12.2018

Wo Sprache ist, da ist auch Subtext. Vor allem dort, wo Sprache politisch wird. Zur Analyse dieser

Subtexte hat sich in der Forschung in den vergangenen Jahren das Konzept des Framings etabliert.

Framing meint einen Assoziations- und damit Deutungsrahmen für Begriffe: Wer zum Beispiel

„Zitrone“ hört, denkt vermutlich an „sauer“ oder „gelb“. Das lässt sich politisch instrumentalisieren.

5 Frames definieren oft ein Problem – und liefern, wenigstens implizit, auch gleich die passende

Lösung. Bei einem Begriff wie „Flüchtlingsstrom“ sieht man vor dem geistigen Auge vermutlich

große Menschenmassen heranrauschen – eine Naturgewalt und darin ein Bedrohungsszenario. Was die

vermeintliche Lösung „Abschottung“ nahelegt. […]

„Klimawandel“ ist ein gängiger Begriff in der politischen und gesellschaftlichen Debatte. Er wird wie

10 selbstverständlich von allen benutzt – vom Klimaschützer bis zum Klimaskeptiker, vom Politiker bis

zum Wissenschaftler. Er findet sich im Titel von vielen Regierungsdokumenten. Deutschland und

Österreich haben zum Beispiel „Strategien zur Anpassung an den Klimawandel“ entwickelt. […]

Der Begriff „Klimawandel“ suggeriert einen natürlichen Prozess. Fünf Milliarden Jahre Erdgeschichte

sind fünf Milliarden Jahre Klimawandel. Warmzeiten kommen und gehen – ebenso die Eiszeiten; auch

15 sie kommen und gehen. Das Klima der Erde hat sich schon immer gewandelt. Dies ist ein normaler,

natürlicher Prozess. Als natürlicher Prozess erscheint Klimawandel unaufhaltsam.

Der Begriff „Wandel“ bezeichnet zudem für gewöhnlich einen langsamen und linearen Prozess. Man

spricht vom Wandel der Zeiten und will damit sagen, dass die Dinge sich über lange Zeiträume gleich-

mäßig ändern. Von einem langsamen Prozess erwartet man jedoch zumeist keine besonders schmerz-

20 haften Auswirkungen. […]

Der Begriff „Klimawandel“ entpolitisiert, weil er den Blick auf Ursache, Dringlichkeit und den mitun-

ter auch politischen Charakter des Problems verstellt. Dies geschieht auf dreierlei Weise.

Weil der Begriff einen natürlichen Prozess suggeriert, wird die Bedeutung des Menschen darin fast

unsichtbar. Klimawandel suggeriert, dass der Mensch Klimaänderungen nicht verursachen kann. Das

25 kann nur die Natur. Aufhalten kann der Mensch den Klimawandel demnach schon gar nicht. Nach

Einschätzung des Weltklimarates ist der Anteil des Menschen am Temperaturanstieg aber der mit Ab-

stand wichtigste Faktor. Es wird zudem verschleiert, dass Emissionsreduktionen (von Treibhausgasen)

die Änderung des Klimas verlangsamen und aufhalten können. Kurz: Es wird überlagert, dass der Kli-

mawandel auch ein politisches Problem ist.

30 Der Begriff „Klimawandel“ lässt an einen linearen Prozess denken. An einen Prozess mit langsamer

und gleichmäßiger Geschwindigkeit können sich Menschen anpassen. Damit übertüncht der Begriff,

dass der Temperaturanstieg sich beschleunigt und schneller Auswirkungen zeigen wird als lange ange-

nommen: Das Auftauen des Permafrostbodens 1 setzt zum Beispiel Methan frei, ein starkes Treibhaus-

gas, das Klimaänderungen weiter beschleunigt. Die Zerstörung des Amazonas-Regenwaldes ist ein

35 weiteres Beispiel: Werden etwa die gewaltigen Mengen an Kohlenstoff, die er speichert, durch Brand-

rodungen als Kohlendioxid freigesetzt, heizt das das Klima weiter an. Diese sogenannten Kipppunkte

wirken also wie Brandbeschleuniger, die die Geschwindigkeit von Klimaänderungen plötzlich ex-

ponentiell steigern können.

Der Begriff „Klimawandel“ suggeriert schließlich wenige schmerzhafte Änderungen im Klima. Zwei

40 oder drei Grad mehr wären vielleicht nicht schlecht, mag man denken, schon gar nicht in Mitteleuropa.

Doch damit blendet man aus, dass kleine Änderungen in der globalen Durchschnittstemperatur große

Änderungen in bestimmten Regionen bedeuten. Diese regionalen Änderungen können nicht nur drasti-

sche Auswirkungen auf diese Gegenden haben, sondern auf die gesamte Erde. Das Abschmelzen des

Grönlandeises ist ein Beispiel für ein regionales Ereignis mit drastischen globalen Auswirkungen.

45 Die weitläufige und selbstverständliche Verwendung des Begriffs „Klimawandel“ ist ein wichtiger

Framing-Sieg für diejenigen, die kein Interesse an den erforderlichen Emissionsreduktionen haben. Es

ist kein Wunder, dass mit diesem Framing weder Bürger noch Politik Emissionen in ausreichendem

Maße senken. […]

„Klimakrise“ oder „Überhitzung der Erde“ sind präzisere Begriffe. Sie machen Ursache und Dring-

50 lichkeit des Problems deutlicher. In anderen Politikfeldern nehmen wir den Begriff „Krise“ schnell in

den Mund – Eurokrise oder Flüchtlingskrise –, vermeiden ihn aber, wenn wir über grundlegende Ver-

werfungen unseres planetarischen Systems sprechen.

1 Permafrostboden – Boden, welcher unter der Erdoberfläche mindestens zwei Jahre ununterbrochen Temperaturen unter dem Gefrierpunkt aufweist

Nils Meyer-Ohlendorf: Framing-Check: Klimawandel, in: Süddeutsche Zeitung vom 14.12.2018,

URL: www.sueddeutsche.de/kultur/framing-check-klimawandel-begriff-1.4252824 (abgerufen am 03.02.2022).

Hinweise

Nils Meyer-Ohlendorf leitet das International and European Gouvernance Program des Ecologic Instituts, ein gemeinnütziges, von Europäischer Kommission und Europäischem Parlament mitfinanziertes Institut.

Die Rechtschreibung entspricht der Textvorlage.

3

In einem wissenschaftlichen Aufsatz mit dem Titel „Die verborgenen Mechanismen der Macht enthüllen“ schreibt der Soziologe Pierre Bourdieu (1930–2002):

„Tatsächlich üben Worte eine typisch magische Macht aus: sie machen sehen, sie machen glauben, sie machen handeln.“

Diskutieren Sie Bourdieus These im Hinblick auf Sprache und ihre Wirkung in Medien.

(25 BE)

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