Abitur Hessen Deutsch 2022 · LK
Abiturprüfung Deutsch in Hessen 2022, LK: 8 Aufgaben mit Lösungen. Themen: Interpretation lyrischer Texte und Interpretation epischer Texte. Kostenlos.
Themen der Prüfung: Interpretation lyrischer Texte · Interpretation epischer Texte · Pflichtlektüre: Vergleich und literarische Erörterung · Erörterung und Stellungnahme · Materialgestütztes Verfassen von Texten
Aufgabe Vorschlag A · Materialgestütztes Verfassen von Texten
An Ihrer Schule finden für die Oberstufe Projekttage zum Thema „Engagement hat viele Gesichter“ statt. Sie widmen sich mit Ihrem Deutschkurs dabei der Frage, ob Schriftstellerinnen und Schriftsteller in ihren literarischen Texten politisches Engagement zeigen sollten.
Verfassen Sie für das Begleitheft der Projekttage einen Essay, in dem Sie zu der strittigen Frage Stellung nehmen.
Nutzen Sie für Ihre Argumentation die vorliegenden Materialien 1 bis 5 sowie Ihre Kenntnisse und Lektüreerfahrungen, gegebenenfalls auch zu Autorinnen und Autoren vergangener Epochen. Formulieren Sie eine geeignete Überschrift.
Aufgabe Vorschlag B - 1 · Interpretation epischer Texte
Material
E.T.A. Hoffmann: Der Magnetiseur – Eine Familienbegebenheit (1814)
Maria, die Tochter eines Barons, lernt den Arzt Alban durch ihren Bruder Ottmar kennen, der den von ihm verehrten Freund in die Familie einführt. Nach dem ersten Besuch Albans wird Maria von einer rätselhaften Krankheit heimgesucht, die der Arzt aufgrund seiner besonderen Fähigkeiten heilen soll. In einem Brief berichtet Maria ihrer Freundin Adelgunde über den Krankheitsverlauf und Albans Heilkunst.
Nun muß ich Dir aber etwas Besonderes sagen – nämlich, was mein Genesen betrifft, das habe ich ei-
nem herrlichen Mann zu danken, den Ottmar schon früher ins Haus gebracht, und der in der Residenz 1
unter all den großen und geschickten Ärzten der einzige sein soll, der das Geheimnis besitzt, eine sol-
che sonderbare Krankheit wie die meinige schnell und sicher zu heilen. – Das Besondere ist aber, daß
5 in meinen Träumen und Erscheinungen immer ein schöner ernster Mann im Spiele war, der unerachtet
seiner Jugend mir wahrhafte Ehrfurcht einflößte, und der bald auf diese, bald auf jene Weise, aber im-
mer in langen Talaren gekleidet, mit einer diamantnen Krone auf dem Haupte, mir wie der romanti-
sche König in der märchenhaften Geisterwelt erschien und allen bösen Zauber löste. Ich mußte ihm
lieb und innig verwandt sein, denn er nahm sich meiner besonders an, und ich war ihm dafür mit mei-
10 nem Leben verpflichtet. […] Ach, liebe Adelgunde, wie erschrak ich nun, als ich auf den ersten Blick
in Alban jenen romantischen König aus meinen Träumen erkannte. – Alban ist nämlich eben der sel-
tene Arzt, den Ottmar schon vor langer Zeit einmal als seinen Herzensfreund aus der Residenz mit-
brachte; indessen war er mir damals bei dem kurzen Besuch so gleichgültig geblieben, daß ich mich
nachher nicht einmal seines Äußeren zu entsinnen wußte. – Alsdann aber, als er wiederkam, zu meiner
15 Heilung berufen, wußte ich mir selbst von der innern Empfindung, die mich durchdrang, nicht Re-
chentschaft zu geben. – So wie Alban überhaupt in seiner Bildung, in seinem ganzen Betragen eine ge-
wisse Würde, ich möchte sagen, etwas Gebietendes hat, das ihn über seine Umgebung erhebt, so war
es mir gleich, als er seinen ernsten durchdringenden Blick auf mich richtete: ich müßte alles unbedingt
tun, was er gebieten würde, und als ob er meine Genesung nur recht lebhaft wollen dürfe, um mich
20 ganz herzustellen. Ottmar sagte: ich solle durch den sogenannten Magnetismus 2 geheilt werden, und
Alban werde durch gewisse Mittel mich in einen exaltierten 3 Zustand setzen, in dem ich schlafend und
in diesem Schlaf erwachend, selbst meine Krankheit genau einsehen und die Art meiner Kur bestim-
men werde. Du glaubst nicht, liebe Adelgunde, welch ein eignes Gefühl von Angst – Furcht, ja Grau-
sen und Entsetzen mich durchbebte, wenn ich an den bewußtlosen und doch höher lebenden Zustand
25 dachte, und doch war es mir nur zu klar, daß ich mich vergebens dagegen sträuben würde, was Alban
beschlossen. – Jene Mittel sind angewendet worden, und ich habe, meiner Scheu, meiner Furcht zum
Trotz, nur wohltätige Folgen gespürt. – Meine Farbe, meine Munterkeit ist wiedergekehrt, und statt
der entsetzlichen Spannung, in der mir oft das Gleichgültigste zur Qual wurde, befinde ich mich in ei-
nem ziemlich ruhigen Zustande. Jene närrischen Traumbilder sind verschwunden, und der Schlaf er-
30 quickt mich, indem selbst das tolle Zeug, was mir oft darin vorkommt, statt mich zu quälen, mich be-
lebt und erheitert. – […]. [Z]uweilen muß ich plötzlich an Alban denken, er steht vor mir, und ich ver-
sinke nach und nach in einen träumerischen Zustand, dessen letzter Gedanke, in dem mein Bewußtsein
untergeht, mir fremde Ideen bringt, welche mit besonderem, ich möchte sagen, golden glühendem Le-
ben mich durchstrahlen, und ich weiß, daß Alban diese göttlichen Ideen in mir denkt, denn er ist dann
35 selbst in meinem Sein wie der höhere belebende Funke, und entfernt er sich, was nur geistig gesche-
hen kann, da die körperliche Entfernung gleichgültig ist, so ist alles erstorben. Nur in diesem mit Ihm
und in Ihm Sein kann ich wahrhaftig leben, und es müßte, wäre es ihm möglich, sich mir geistig ganz
zu entziehen, mein Selbst in toter Öde erstarren; ja, indem ich dieses schreibe, fühle ich nur zu sehr,
daß nur Er es ist, der mir den Ausdruck gibt, mein Sein in ihm wenigstens anzudeuten. – Ich weiß
40 nicht, Adelgundchen, ob ich Dir nicht fremdartig oder vielleicht als eine phantastische Schwärmerin
erscheine, ob Du mich überhaupt verstehst, und es war mir, als ob eben jetzt leise und wehmütig der
Name: Hypolit 4, über Deine Lippen gleite. – Glaube mir, daß Hypolit nie inniger von mir geliebt
wurde, ich nenne ihn oft im frommen Gebet um sein Heil. – Die heiligen Engel mögen ihn schirmen
vor jedem feindlichen Streich, der ihm in wilder Feldschlacht droht. Aber, seitdem Alban mein Herr
45 und Meister ist, dünkt es mich, nur durch Ihn könne ich meinen Hypolit stärker und inniger lieben, und
als habe ich die Macht, mich wie sein Schutzgeist zu ihm zu schwingen und ihn mit meinem Gebet
wie mit einem Seraphsfittich 5 zu umhüllen, so daß der Mord ihn vergebens, listig spähend, um-
schleicht. Alban, der hohe, herrliche Mann, führt mich als die durch das höhere Leben geweihte Braut
in seine Arme; aber nicht ohne seinen Meister darf das Kind sich in die Stürme der Welt wagen. – Erst
50 seit wenigen Tagen erkenne ich ganz Albans wahrhaftige Größe. – Aber glaubst du wohl, liebe Adel-
gunde, daß, als ich noch kränker und über alle Maßen reizbar war, sich oft niedrige Zweifel gegen
meinen Herrn und Meister in meiner Brust erhoben? – Da hielt ich es denn für gesündigt gegen Liebe
und Treue, wenn selbst im Gebet für meinen Hypolit Albans Gestalt in meinem Innern aufstieg, zür-
nend und drohend, daß ich ohne ihn mich hinauswagen wolle aus dem Kreise, den er mir beschrieben,
55 wie ein böses Kind, das, des Vaters Warnung vergessend, hinauslaufe aus dem friedlichen Garten in
den Wald, wo feindliche Tiere blutgierig hinter den grünen anmutigen Büschen lauern. Ach, Adel-
gunde! – diese Zweifel quälten mich schrecklich. Lache mich recht aus, wenn ich Dir sage, daß ich
sogar auf den Gedanken geriet: Alban wolle mich künstlich umstricken und unter dem Schein des hei-
ligen Wunders irdische Liebe in meinem Innern entzünden. – Ach, Hypolit! – Neulich saßen wir, der
60 Vater, der Bruder, der alte Bickert 6 und ich traulich abends beisammen; Alban war, wie es seine Ge-
wohnheit ist, noch auf weitem Spaziergange begriffen. Es war die Rede von Träumen, und der Vater
sowie Bickert wußten davon allerlei Wunderbares und Ergötzliches zu sagen. Da nahm auch Ottmar
das Wort und erzählte, wie nach Albans Rat und unter seiner Leitung es einem seiner Freunde gelun-
gen sei, eines Mädchens innige Liebe dadurch zu gewinnen, daß er ohne ihr Wissen, wenn sie schlief,
65 in ihrer Nähe war und ihre innersten Gedanken durch magnetische Mittel auf sich leitete. Dazu kam,
daß der Vater und auch mein alter treuer Bickert sich, wie sie noch nie in meiner Gegenwart getan, be-
stimmt und hart gegen den Magnetismus und auch in gewisser Art gegen Alban erklärten – alle Zwei-
fel gegen den Meister erwachten mit doppelter Stärke in meiner Seele – wie wenn er sich geheimer
höllischer Mittel bediente, mich zu seiner Sklavin zu fesseln; wie wenn er dann geböte, ich solle, nur
70 ihn in Sinn und Gedanken tragend, Hypolit lassen? Ein nie gekanntes Gefühl ergriff mich mit tötender
Angst; ich sah Alban in seinem Zimmer mit unbekannten Instrumenten und häßlichen Pflanzen und
Tieren und Steinen und blinkenden Metallen umgeben, wie er in krampfhafter Bewegung seltsame
Kreise mit den Armen und Händen beschrieb. Sein Gesicht, sonst so ruhig und ernst, war zur grausi-
gen Larve 7 verzogen, und aus seinen glutroten Augen schlängelten sich in ekelhafter Schnelle blanke,
75 glatte Basiliske 8, wie ich sie sonst in den Lilienkelchen zu erblicken wähnte. Da war es, als gleite ein
eiskalter Strom über meinen Rücken hin, ich erwachte aus meinem ohnmachtähnlichen Zustande; Al-
ban stand vor mir – aber, du heiliger Gott! nicht er war's, nein! jene entsetzliche Larve, die meine Ein-
bildung geschaffen! – Wie habe ich am andern Morgen mich vor mir selbst geschämt!
Ernst Theodor Amadeus Hoffmann: Poetische Werke, Bd. 1, Berlin/New York 1993, S. 193–197.
Hinweis: Die Rechtschreibung entspricht der Textvorlage.
1 Residenz – Wohnsitz eines weltlichen oder kirchlichen Oberhauptes
2 Magnetismus – hier: Fähigkeit mancher Menschen, hypnotisierende Heilkräfte auszustrahlen
3 exaltiert – aufgeregt, übersteigert
4 Hypolit – Verlobter Marias und Bruder Adelgundes
5 Seraphsfittich – Engelsflügel
6 Bickert – Maler, langjähriger Hausfreund der Familie
7 Larve – Gesichtsmaske; auch leeres, nichtssagendes Gesicht
8 Basilisk – mythisches schlangen- oder echsenartiges Ungeheuer
1
Stellen Sie anhand des Auszugs aus E.T.A. Hoffmanns Erzählung „Der Magnetiseur – Eine Familienbegebenheit“ die Beziehung zwischen Maria und dem Arzt Alban dar und analysieren Sie die sprachlich-formale Gestaltung des Textes sowie epochenspezifische Besonderheiten. (Material)
[35 BE]
Aufgabe Vorschlag B - 2 · Pflichtlektüre: Vergleich und literarische Erörterung
Material
E.T.A. Hoffmann: Der Magnetiseur – Eine Familienbegebenheit (1814)
Maria, die Tochter eines Barons, lernt den Arzt Alban durch ihren Bruder Ottmar kennen, der den von ihm verehrten Freund in die Familie einführt. Nach dem ersten Besuch Albans wird Maria von einer rätselhaften Krankheit heimgesucht, die der Arzt aufgrund seiner besonderen Fähigkeiten heilen soll. In einem Brief berichtet Maria ihrer Freundin Adelgunde über den Krankheitsverlauf und Albans Heilkunst.
Nun muß ich Dir aber etwas Besonderes sagen – nämlich, was mein Genesen betrifft, das habe ich ei-
nem herrlichen Mann zu danken, den Ottmar schon früher ins Haus gebracht, und der in der Residenz 1
unter all den großen und geschickten Ärzten der einzige sein soll, der das Geheimnis besitzt, eine sol-
che sonderbare Krankheit wie die meinige schnell und sicher zu heilen. – Das Besondere ist aber, daß
5 in meinen Träumen und Erscheinungen immer ein schöner ernster Mann im Spiele war, der unerachtet
seiner Jugend mir wahrhafte Ehrfurcht einflößte, und der bald auf diese, bald auf jene Weise, aber im-
mer in langen Talaren gekleidet, mit einer diamantnen Krone auf dem Haupte, mir wie der romanti-
sche König in der märchenhaften Geisterwelt erschien und allen bösen Zauber löste. Ich mußte ihm
lieb und innig verwandt sein, denn er nahm sich meiner besonders an, und ich war ihm dafür mit mei-
10 nem Leben verpflichtet. […] Ach, liebe Adelgunde, wie erschrak ich nun, als ich auf den ersten Blick
in Alban jenen romantischen König aus meinen Träumen erkannte. – Alban ist nämlich eben der sel-
tene Arzt, den Ottmar schon vor langer Zeit einmal als seinen Herzensfreund aus der Residenz mit-
brachte; indessen war er mir damals bei dem kurzen Besuch so gleichgültig geblieben, daß ich mich
nachher nicht einmal seines Äußeren zu entsinnen wußte. – Alsdann aber, als er wiederkam, zu meiner
15 Heilung berufen, wußte ich mir selbst von der innern Empfindung, die mich durchdrang, nicht Re-
chentschaft zu geben. – So wie Alban überhaupt in seiner Bildung, in seinem ganzen Betragen eine ge-
wisse Würde, ich möchte sagen, etwas Gebietendes hat, das ihn über seine Umgebung erhebt, so war
es mir gleich, als er seinen ernsten durchdringenden Blick auf mich richtete: ich müßte alles unbedingt
tun, was er gebieten würde, und als ob er meine Genesung nur recht lebhaft wollen dürfe, um mich
20 ganz herzustellen. Ottmar sagte: ich solle durch den sogenannten Magnetismus 2 geheilt werden, und
Alban werde durch gewisse Mittel mich in einen exaltierten 3 Zustand setzen, in dem ich schlafend und
in diesem Schlaf erwachend, selbst meine Krankheit genau einsehen und die Art meiner Kur bestim-
men werde. Du glaubst nicht, liebe Adelgunde, welch ein eignes Gefühl von Angst – Furcht, ja Grau-
sen und Entsetzen mich durchbebte, wenn ich an den bewußtlosen und doch höher lebenden Zustand
25 dachte, und doch war es mir nur zu klar, daß ich mich vergebens dagegen sträuben würde, was Alban
beschlossen. – Jene Mittel sind angewendet worden, und ich habe, meiner Scheu, meiner Furcht zum
Trotz, nur wohltätige Folgen gespürt. – Meine Farbe, meine Munterkeit ist wiedergekehrt, und statt
der entsetzlichen Spannung, in der mir oft das Gleichgültigste zur Qual wurde, befinde ich mich in ei-
nem ziemlich ruhigen Zustande. Jene närrischen Traumbilder sind verschwunden, und der Schlaf er-
30 quickt mich, indem selbst das tolle Zeug, was mir oft darin vorkommt, statt mich zu quälen, mich be-
lebt und erheitert. – […]. [Z]uweilen muß ich plötzlich an Alban denken, er steht vor mir, und ich ver-
sinke nach und nach in einen träumerischen Zustand, dessen letzter Gedanke, in dem mein Bewußtsein
untergeht, mir fremde Ideen bringt, welche mit besonderem, ich möchte sagen, golden glühendem Le-
ben mich durchstrahlen, und ich weiß, daß Alban diese göttlichen Ideen in mir denkt, denn er ist dann
35 selbst in meinem Sein wie der höhere belebende Funke, und entfernt er sich, was nur geistig gesche-
hen kann, da die körperliche Entfernung gleichgültig ist, so ist alles erstorben. Nur in diesem mit Ihm
und in Ihm Sein kann ich wahrhaftig leben, und es müßte, wäre es ihm möglich, sich mir geistig ganz
zu entziehen, mein Selbst in toter Öde erstarren; ja, indem ich dieses schreibe, fühle ich nur zu sehr,
daß nur Er es ist, der mir den Ausdruck gibt, mein Sein in ihm wenigstens anzudeuten. – Ich weiß
40 nicht, Adelgundchen, ob ich Dir nicht fremdartig oder vielleicht als eine phantastische Schwärmerin
erscheine, ob Du mich überhaupt verstehst, und es war mir, als ob eben jetzt leise und wehmütig der
Name: Hypolit 4, über Deine Lippen gleite. – Glaube mir, daß Hypolit nie inniger von mir geliebt
wurde, ich nenne ihn oft im frommen Gebet um sein Heil. – Die heiligen Engel mögen ihn schirmen
vor jedem feindlichen Streich, der ihm in wilder Feldschlacht droht. Aber, seitdem Alban mein Herr
45 und Meister ist, dünkt es mich, nur durch Ihn könne ich meinen Hypolit stärker und inniger lieben, und
als habe ich die Macht, mich wie sein Schutzgeist zu ihm zu schwingen und ihn mit meinem Gebet
wie mit einem Seraphsfittich 5 zu umhüllen, so daß der Mord ihn vergebens, listig spähend, um-
schleicht. Alban, der hohe, herrliche Mann, führt mich als die durch das höhere Leben geweihte Braut
in seine Arme; aber nicht ohne seinen Meister darf das Kind sich in die Stürme der Welt wagen. – Erst
50 seit wenigen Tagen erkenne ich ganz Albans wahrhaftige Größe. – Aber glaubst du wohl, liebe Adel-
gunde, daß, als ich noch kränker und über alle Maßen reizbar war, sich oft niedrige Zweifel gegen
meinen Herrn und Meister in meiner Brust erhoben? – Da hielt ich es denn für gesündigt gegen Liebe
und Treue, wenn selbst im Gebet für meinen Hypolit Albans Gestalt in meinem Innern aufstieg, zür-
nend und drohend, daß ich ohne ihn mich hinauswagen wolle aus dem Kreise, den er mir beschrieben,
55 wie ein böses Kind, das, des Vaters Warnung vergessend, hinauslaufe aus dem friedlichen Garten in
den Wald, wo feindliche Tiere blutgierig hinter den grünen anmutigen Büschen lauern. Ach, Adel-
gunde! – diese Zweifel quälten mich schrecklich. Lache mich recht aus, wenn ich Dir sage, daß ich
sogar auf den Gedanken geriet: Alban wolle mich künstlich umstricken und unter dem Schein des hei-
ligen Wunders irdische Liebe in meinem Innern entzünden. – Ach, Hypolit! – Neulich saßen wir, der
60 Vater, der Bruder, der alte Bickert 6 und ich traulich abends beisammen; Alban war, wie es seine Ge-
wohnheit ist, noch auf weitem Spaziergange begriffen. Es war die Rede von Träumen, und der Vater
sowie Bickert wußten davon allerlei Wunderbares und Ergötzliches zu sagen. Da nahm auch Ottmar
das Wort und erzählte, wie nach Albans Rat und unter seiner Leitung es einem seiner Freunde gelun-
gen sei, eines Mädchens innige Liebe dadurch zu gewinnen, daß er ohne ihr Wissen, wenn sie schlief,
65 in ihrer Nähe war und ihre innersten Gedanken durch magnetische Mittel auf sich leitete. Dazu kam,
daß der Vater und auch mein alter treuer Bickert sich, wie sie noch nie in meiner Gegenwart getan, be-
stimmt und hart gegen den Magnetismus und auch in gewisser Art gegen Alban erklärten – alle Zwei-
fel gegen den Meister erwachten mit doppelter Stärke in meiner Seele – wie wenn er sich geheimer
höllischer Mittel bediente, mich zu seiner Sklavin zu fesseln; wie wenn er dann geböte, ich solle, nur
70 ihn in Sinn und Gedanken tragend, Hypolit lassen? Ein nie gekanntes Gefühl ergriff mich mit tötender
Angst; ich sah Alban in seinem Zimmer mit unbekannten Instrumenten und häßlichen Pflanzen und
Tieren und Steinen und blinkenden Metallen umgeben, wie er in krampfhafter Bewegung seltsame
Kreise mit den Armen und Händen beschrieb. Sein Gesicht, sonst so ruhig und ernst, war zur grausi-
gen Larve 7 verzogen, und aus seinen glutroten Augen schlängelten sich in ekelhafter Schnelle blanke,
75 glatte Basiliske 8, wie ich sie sonst in den Lilienkelchen zu erblicken wähnte. Da war es, als gleite ein
eiskalter Strom über meinen Rücken hin, ich erwachte aus meinem ohnmachtähnlichen Zustande; Al-
ban stand vor mir – aber, du heiliger Gott! nicht er war's, nein! jene entsetzliche Larve, die meine Ein-
bildung geschaffen! – Wie habe ich am andern Morgen mich vor mir selbst geschämt!
Ernst Theodor Amadeus Hoffmann: Poetische Werke, Bd. 1, Berlin/New York 1993, S. 193–197.
Hinweis: Die Rechtschreibung entspricht der Textvorlage.
1 Residenz – Wohnsitz eines weltlichen oder kirchlichen Oberhauptes
2 Magnetismus – hier: Fähigkeit mancher Menschen, hypnotisierende Heilkräfte auszustrahlen
3 exaltiert – aufgeregt, übersteigert
4 Hypolit – Verlobter Marias und Bruder Adelgundes
5 Seraphsfittich – Engelsflügel
6 Bickert – Maler, langjähriger Hausfreund der Familie
7 Larve – Gesichtsmaske; auch leeres, nichtssagendes Gesicht
8 Basilisk – mythisches schlangen- oder echsenartiges Ungeheuer
2
Vergleichen Sie den Arzt Alban (Material) mit der Figur Cipolla aus Thomas Manns Novelle „Mario und der Zauberer“ hinsichtlich ihres Auftretens und ihrer Wirkung auf andere Figuren.
[35 BE]
Aufgabe Vorschlag B - 3 · Erörterung und Stellungnahme
Material
E.T.A. Hoffmann: Der Magnetiseur – Eine Familienbegebenheit (1814)
Maria, die Tochter eines Barons, lernt den Arzt Alban durch ihren Bruder Ottmar kennen, der den von ihm verehrten Freund in die Familie einführt. Nach dem ersten Besuch Albans wird Maria von einer rätselhaften Krankheit heimgesucht, die der Arzt aufgrund seiner besonderen Fähigkeiten heilen soll. In einem Brief berichtet Maria ihrer Freundin Adelgunde über den Krankheitsverlauf und Albans Heilkunst.
Nun muß ich Dir aber etwas Besonderes sagen – nämlich, was mein Genesen betrifft, das habe ich ei-
nem herrlichen Mann zu danken, den Ottmar schon früher ins Haus gebracht, und der in der Residenz 1
unter all den großen und geschickten Ärzten der einzige sein soll, der das Geheimnis besitzt, eine sol-
che sonderbare Krankheit wie die meinige schnell und sicher zu heilen. – Das Besondere ist aber, daß
5 in meinen Träumen und Erscheinungen immer ein schöner ernster Mann im Spiele war, der unerachtet
seiner Jugend mir wahrhafte Ehrfurcht einflößte, und der bald auf diese, bald auf jene Weise, aber im-
mer in langen Talaren gekleidet, mit einer diamantnen Krone auf dem Haupte, mir wie der romanti-
sche König in der märchenhaften Geisterwelt erschien und allen bösen Zauber löste. Ich mußte ihm
lieb und innig verwandt sein, denn er nahm sich meiner besonders an, und ich war ihm dafür mit mei-
10 nem Leben verpflichtet. […] Ach, liebe Adelgunde, wie erschrak ich nun, als ich auf den ersten Blick
in Alban jenen romantischen König aus meinen Träumen erkannte. – Alban ist nämlich eben der sel-
tene Arzt, den Ottmar schon vor langer Zeit einmal als seinen Herzensfreund aus der Residenz mit-
brachte; indessen war er mir damals bei dem kurzen Besuch so gleichgültig geblieben, daß ich mich
nachher nicht einmal seines Äußeren zu entsinnen wußte. – Alsdann aber, als er wiederkam, zu meiner
15 Heilung berufen, wußte ich mir selbst von der innern Empfindung, die mich durchdrang, nicht Re-
chentschaft zu geben. – So wie Alban überhaupt in seiner Bildung, in seinem ganzen Betragen eine ge-
wisse Würde, ich möchte sagen, etwas Gebietendes hat, das ihn über seine Umgebung erhebt, so war
es mir gleich, als er seinen ernsten durchdringenden Blick auf mich richtete: ich müßte alles unbedingt
tun, was er gebieten würde, und als ob er meine Genesung nur recht lebhaft wollen dürfe, um mich
20 ganz herzustellen. Ottmar sagte: ich solle durch den sogenannten Magnetismus 2 geheilt werden, und
Alban werde durch gewisse Mittel mich in einen exaltierten 3 Zustand setzen, in dem ich schlafend und
in diesem Schlaf erwachend, selbst meine Krankheit genau einsehen und die Art meiner Kur bestim-
men werde. Du glaubst nicht, liebe Adelgunde, welch ein eignes Gefühl von Angst – Furcht, ja Grau-
sen und Entsetzen mich durchbebte, wenn ich an den bewußtlosen und doch höher lebenden Zustand
25 dachte, und doch war es mir nur zu klar, daß ich mich vergebens dagegen sträuben würde, was Alban
beschlossen. – Jene Mittel sind angewendet worden, und ich habe, meiner Scheu, meiner Furcht zum
Trotz, nur wohltätige Folgen gespürt. – Meine Farbe, meine Munterkeit ist wiedergekehrt, und statt
der entsetzlichen Spannung, in der mir oft das Gleichgültigste zur Qual wurde, befinde ich mich in ei-
nem ziemlich ruhigen Zustande. Jene närrischen Traumbilder sind verschwunden, und der Schlaf er-
30 quickt mich, indem selbst das tolle Zeug, was mir oft darin vorkommt, statt mich zu quälen, mich be-
lebt und erheitert. – […]. [Z]uweilen muß ich plötzlich an Alban denken, er steht vor mir, und ich ver-
sinke nach und nach in einen träumerischen Zustand, dessen letzter Gedanke, in dem mein Bewußtsein
untergeht, mir fremde Ideen bringt, welche mit besonderem, ich möchte sagen, golden glühendem Le-
ben mich durchstrahlen, und ich weiß, daß Alban diese göttlichen Ideen in mir denkt, denn er ist dann
35 selbst in meinem Sein wie der höhere belebende Funke, und entfernt er sich, was nur geistig gesche-
hen kann, da die körperliche Entfernung gleichgültig ist, so ist alles erstorben. Nur in diesem mit Ihm
und in Ihm Sein kann ich wahrhaftig leben, und es müßte, wäre es ihm möglich, sich mir geistig ganz
zu entziehen, mein Selbst in toter Öde erstarren; ja, indem ich dieses schreibe, fühle ich nur zu sehr,
daß nur Er es ist, der mir den Ausdruck gibt, mein Sein in ihm wenigstens anzudeuten. – Ich weiß
40 nicht, Adelgundchen, ob ich Dir nicht fremdartig oder vielleicht als eine phantastische Schwärmerin
erscheine, ob Du mich überhaupt verstehst, und es war mir, als ob eben jetzt leise und wehmütig der
Name: Hypolit 4, über Deine Lippen gleite. – Glaube mir, daß Hypolit nie inniger von mir geliebt
wurde, ich nenne ihn oft im frommen Gebet um sein Heil. – Die heiligen Engel mögen ihn schirmen
vor jedem feindlichen Streich, der ihm in wilder Feldschlacht droht. Aber, seitdem Alban mein Herr
45 und Meister ist, dünkt es mich, nur durch Ihn könne ich meinen Hypolit stärker und inniger lieben, und
als habe ich die Macht, mich wie sein Schutzgeist zu ihm zu schwingen und ihn mit meinem Gebet
wie mit einem Seraphsfittich 5 zu umhüllen, so daß der Mord ihn vergebens, listig spähend, um-
schleicht. Alban, der hohe, herrliche Mann, führt mich als die durch das höhere Leben geweihte Braut
in seine Arme; aber nicht ohne seinen Meister darf das Kind sich in die Stürme der Welt wagen. – Erst
50 seit wenigen Tagen erkenne ich ganz Albans wahrhaftige Größe. – Aber glaubst du wohl, liebe Adel-
gunde, daß, als ich noch kränker und über alle Maßen reizbar war, sich oft niedrige Zweifel gegen
meinen Herrn und Meister in meiner Brust erhoben? – Da hielt ich es denn für gesündigt gegen Liebe
und Treue, wenn selbst im Gebet für meinen Hypolit Albans Gestalt in meinem Innern aufstieg, zür-
nend und drohend, daß ich ohne ihn mich hinauswagen wolle aus dem Kreise, den er mir beschrieben,
55 wie ein böses Kind, das, des Vaters Warnung vergessend, hinauslaufe aus dem friedlichen Garten in
den Wald, wo feindliche Tiere blutgierig hinter den grünen anmutigen Büschen lauern. Ach, Adel-
gunde! – diese Zweifel quälten mich schrecklich. Lache mich recht aus, wenn ich Dir sage, daß ich
sogar auf den Gedanken geriet: Alban wolle mich künstlich umstricken und unter dem Schein des hei-
ligen Wunders irdische Liebe in meinem Innern entzünden. – Ach, Hypolit! – Neulich saßen wir, der
60 Vater, der Bruder, der alte Bickert 6 und ich traulich abends beisammen; Alban war, wie es seine Ge-
wohnheit ist, noch auf weitem Spaziergange begriffen. Es war die Rede von Träumen, und der Vater
sowie Bickert wußten davon allerlei Wunderbares und Ergötzliches zu sagen. Da nahm auch Ottmar
das Wort und erzählte, wie nach Albans Rat und unter seiner Leitung es einem seiner Freunde gelun-
gen sei, eines Mädchens innige Liebe dadurch zu gewinnen, daß er ohne ihr Wissen, wenn sie schlief,
65 in ihrer Nähe war und ihre innersten Gedanken durch magnetische Mittel auf sich leitete. Dazu kam,
daß der Vater und auch mein alter treuer Bickert sich, wie sie noch nie in meiner Gegenwart getan, be-
stimmt und hart gegen den Magnetismus und auch in gewisser Art gegen Alban erklärten – alle Zwei-
fel gegen den Meister erwachten mit doppelter Stärke in meiner Seele – wie wenn er sich geheimer
höllischer Mittel bediente, mich zu seiner Sklavin zu fesseln; wie wenn er dann geböte, ich solle, nur
70 ihn in Sinn und Gedanken tragend, Hypolit lassen? Ein nie gekanntes Gefühl ergriff mich mit tötender
Angst; ich sah Alban in seinem Zimmer mit unbekannten Instrumenten und häßlichen Pflanzen und
Tieren und Steinen und blinkenden Metallen umgeben, wie er in krampfhafter Bewegung seltsame
Kreise mit den Armen und Händen beschrieb. Sein Gesicht, sonst so ruhig und ernst, war zur grausi-
gen Larve 7 verzogen, und aus seinen glutroten Augen schlängelten sich in ekelhafter Schnelle blanke,
75 glatte Basiliske 8, wie ich sie sonst in den Lilienkelchen zu erblicken wähnte. Da war es, als gleite ein
eiskalter Strom über meinen Rücken hin, ich erwachte aus meinem ohnmachtähnlichen Zustande; Al-
ban stand vor mir – aber, du heiliger Gott! nicht er war's, nein! jene entsetzliche Larve, die meine Ein-
bildung geschaffen! – Wie habe ich am andern Morgen mich vor mir selbst geschämt!
Ernst Theodor Amadeus Hoffmann: Poetische Werke, Bd. 1, Berlin/New York 1993, S. 193–197.
Hinweis: Die Rechtschreibung entspricht der Textvorlage.
1 Residenz – Wohnsitz eines weltlichen oder kirchlichen Oberhauptes
2 Magnetismus – hier: Fähigkeit mancher Menschen, hypnotisierende Heilkräfte auszustrahlen
3 exaltiert – aufgeregt, übersteigert
4 Hypolit – Verlobter Marias und Bruder Adelgundes
5 Seraphsfittich – Engelsflügel
6 Bickert – Maler, langjähriger Hausfreund der Familie
7 Larve – Gesichtsmaske; auch leeres, nichtssagendes Gesicht
8 Basilisk – mythisches schlangen- oder echsenartiges Ungeheuer
3
In ihrem 1967 erschienenen Werk „Die Unfähigkeit zu trauern. Grundlagen kollektiven Verhaltens“ äußern sich die beiden Psychoanalytiker Alexander und Margarete Mitscherlich über die Bedeutung von Tabus:
„Von einem Tabu geht ein faktisches Verbot aus: ‚Du sollst nicht...‘ Aber das Verbot ist darüber hinaus mit einer Denkhemmung verknüpft. Die zentrale Definition eines Tabus lautet: Wo immer man nicht mehr weiter zu fragen wagt oder nicht einmal auf den Gedanken kommt, es zu tun, hat man es mit einem Tabu zu tun. Die Gefühle, mit denen man ihm begegnet, können also gar nicht anders als zwiespältig sein. Seit Adam und Eva lockt es insgeheim die Lust, es zu übertreten, hervor.“
Diskutieren Sie, ausgehend von diesem Zitat, die Rolle von Tabus und Tabubrüchen in literarischen Werken vor dem Hintergrund von Aufgabe 1 und 2 sowie Ihrer Leseerfahrungen im Deutschunterricht der Qualifikationsphase.
[30 BE]
Aufgabe Vorschlag C - 1 · Interpretation epischer Texte
Material
Angela Lehner: Vater unser (2019)
Die Protagonistin des Romans, Eva Gruber, ist zwangsweise, aber ohne Angabe von Gründen in eine psychiatrische Klinik eingewiesen worden. Am vierten Tag hat sie das erste Gespräch mit ihrem Psychiater.
Wer nicht mehr neu ist, braucht auch nicht mehr in den grünen Papierhandtuchanzügen herumzulau-
fen. Stattdessen habe ich ein ansehnliches Repertoire an Jogginganzügen zur Verfügung gestellt be-
kommen. Ich muss sagen, das ist gar nicht so schlecht: Den ganzen Tag in Gummizug-Hosen flanieren
und zu den Fütterungszeiten im Aufenthaltsraum abhängen. Urlaub in Lignano 1 ist auch nicht viel an-
5 ders.
Meine Schritte hallen durch den Gang. Und es hilft nichts, man muss es sagen: Der Gang ist schon
schön. Da herrscht noch der Glanz anderer Zeiten. In den Patientenpavillons hört das ja gleich auf mit
dem Schein, sobald man das Stiegenhaus verlässt und durch die Stationstür geht. Da beginnt der Plas-
tikboden, und womit könnte man besser ausdrücken, dass man am Boden der Tatsachen angekommen
10 ist, als mit Plastikboden; ja, Plastikboden ist eigentlich tatsächlich der Boden der Tatsachen. Aber hier
auf den Gängen im ambulanten Therapiegebäude gibt es kein Plastik. Die blauen Ornamente begleiten
einen vom Erdgeschoss über vier Stockwerke hinweg. Bis ins Dachgeschoss, wo Doktor Korb sein
Büro hat. Bevor ich eintrete, bleibe ich stehen und luge 2 in das Zimmer. Doktor Korb nickt mir, eine
Hand an der Türklinke, zu.
15 Ich trete über die Schwelle, mache ein paar Schritte, bleibe mitten im Raum stehen und warte. Er
schließt die Tür, geht an mir vorbei zu den Sitzmöbeln, bedeutet mir dann wieder mit einem Nicken,
dass ich weitergehen soll. Als führte er mich an einer unsichtbaren Leine. Und genau wie ein braves
Hündchen trotte ich seiner Halbglatze hinterher und mache Platz. Auf einem Diwan 3, der mit specki-
gem Leder bezogen ist. Die eine Seite flach, auf der anderen bäumt sich in elegantem Bogen eine
20 Lehne auf. Als hätte sich ein Ohrensessel mit einem Bett gepaart. Ich rücke ein Stück nach rechts, und
einer der Knöpfe, die sich in gleichmäßigen Abständen auf dem Speckbezug verteilen wie Fettaugen
auf einer Wurstscheibe, gibt ein Geräusch von sich. Ich rücke noch ein Stück weiter, um Missverständ-
nisse zu vermeiden. Doktor Korb setzt sich mir gegenüber in einen Ohrensessel, der im gleichen Stil
gehalten ist wie der Diwan.
25 Hinter ihm steht ein großer Schreibtisch, Mahagoni, denke ich. Nicht, dass ich wüsste, wie Mahago-
nimöbel aussehen, aber wenn sie tatsächlich existieren, dann wohl in diesem Büro. Regale aus demsel-
ben Holz, Bücher, Zertifikate. An der gegenüberliegenden Wand eine Vitrine. Flaschen voller bern-
steinfarbenem Alkohol. Ich schnaube und merke, wie Doktor Korb mich beobachtet. Da entdecke ich
auf dem niedrigen Tisch zwischen ihm und mir ein Schälchen mit bunten Holzfrüchten. Ungläubig
30 nehme ich einen rot bemalten Holzapfel und rieche daran. Badezimmer, denke ich und freue mich. Ich
schaue zu Doktor Korb hinüber und halte den Apfel in die Höhe.
Er verzieht keine Miene. Er scheint den Apfel nicht lustig zu finden und auch nicht die kleine Holzba-
nane oder die blaue Himbeere, die genauso groß wie die Banane ist. Die Holzfrüchte, den bernsteinfar-
benen Alkohol, sein ganzes klischeedurchtränktes Büro: nichts davon findet dieser Korb lustig. Kurz
35 frage ich mich, ob ich ihm eine Freude machen und mich über den Diwan werfen sollte, wie eine Diva
im Schwarz-Weiß-Film. Ein Handgelenk an der Stirn, das andere am Bauch, seufzen. Nur um das Bild
eines Psychiater-Büros für ihn zu komplettieren. Vollendung, denke ich mir, ist immer ausreizbar.
Korb bleibt stumm, und ich höre eine Uhr ticken, nach der ich mich nicht mehr umzudrehen brauche.
Die Lücken im Kopf haben sich geschlossen, spätestens seit den Holzfrüchten weiß ich alles über die-
40 sen Raum.
Nach einer weiteren Minute sagt Korb: „Guten Tag.“
Ich wundere mich.
„Guten Tag“, sag ich.
Dann nickt Korb und sagt wieder: „Guten Tag.“
45 Ich lächle, vielleicht steckt doch Humor in diesem Menschen. Ich hebe die Hände neben die Ohren
und beginne, mit ihnen zu wackeln, während ich auf dem Diwan von links nach rechts schaukle: „Gu-
tentag, Gutentag, ich will mein Leben zurück“ 4, sag ich.
Stille. Dann notiert Doktor Korb sich etwas auf dem Klemmbrett.
„Wissen Sie“, sag ich, „die richtige Lampe fehlt noch.“
50 „Wie bitte?“, Korb hebt den Kopf.
„Na ja, im Zimmer hier: eine Lampe.“
„Soll ich das Licht einschalten?“, fragt er.
„Nein“, sag ich und komme nicht umhin, die Augen zu verdrehen. Schließlich ist es helllichter Tag.
Die Sonne knallt durch die Fenster herein, und auch Doktor Korb schwitzt unter seinem weißen Arzt-
55 kostüm wie die Neueinlieferungen in ihren Papierhandtuchanzügen.
„Für den Schreibtisch“, sag ich und deute überflüssigerweise mit dem Kinn zum Tisch, als wüsste er
nicht selbst, wo er steht.
„So eine kleine grüne“, sag ich und beuge mich nach vorne. Ich lege die Hände auf den Couchtisch
und fahre dann in der Luft die Form der Lampe nach. Auch imaginäre Lampen müssen auf echten Ti-
60 schen stehen.
„So“, sag ich, „hier golden und da oben grün.“ Ich ziehe die Hände auseinander: „Grünes Glas.“ Ich
richte mich wieder auf und rutsche auf dem Diwan nach hinten: „Wie in den Bibliotheken“, sag ich,
„in den alten. Am Heldenplatz 5 zum Beispiel.“
Korb schaut zur Seite, nickt. Einen Moment lang befürchte ich, er könnte gleich wieder „Guten
65 Tag“ sagen. Deswegen beschließe ich, die Situation selbst zu retten. Ich starte die Therapie einfach
mal alleine, der Arzt kann ja später einsteigen.
„Ich bin Eva Gruber“, sag ich. „Mit meiner Familie ist es schwierig.“
Doktor Korb nickt. Das ist zumindest ein Anfang.
„Mein Vater“, sag ich, „hat sich umgebracht.“
70 Er nickt wieder.
„Und meine Mutter ist ja auch tot.“
Der Arzt zieht die Augenbrauen zusammen.
„Meinen Bruder“, sag ich, „hab ich alleine großgezogen.“
Ich lege den Kopf schief und schwelge in der Erinnerung: „Jaja“, sag ich, „das waren noch Zeiten.“
75 Ich lehne mich vor und schaue dem Psychiater in die Augen: „Wir haben wirklich ein inniges Verhält-
nis, mein Bruder und ich. Ich habe ihn ja gewissermaßen alleine am Leben erhalten. Wissen Sie, an
meinen metaphorischen Zitzen hab ich ihn gesäugt, wie bei diesen Wölfen in Rom.“
Mit der Hand mache ich eine kreisende Bewegung vor meiner linken Brust: „Wissen Sie, was ich
meine?“
80 Der Arzt hebt den Blick von meiner Brust und schaut mir ins Gesicht: „Was?“
„Wölfe in Rom“, sag ich, „sind Sie total ungebildet, oder was? Diese Legende. Die Menschen haben
an den Zitzen von dem Wolf getrunken, in Rom; oder die Wölfe an den Zitzen von den Menschen.
Umgekehrt würde es aber mehr Sinn machen. So ein Wolf hat ja mehr Zitzen zum Andocken.“
Wieder lasse ich meine Hände vor den Brüsten kreisen und denke nach. „In Deutschland“, sag ich,
85 „soll es ja auch wieder Wölfe geben.“
„Frau Gruber“, unterbricht Doktor Korb mich.
„Ja?“, sag ich und lasse die Hände sinken.
„Wissen Sie, warum Sie hier sind?“, fragt er.
„Ja“, sag ich und stecke die Hände in die Hosentaschen.
90 Es ist beruhigend zu sehen, dass der Arzt jetzt auch an der Therapie teilnimmt.
„Können Sie mir dann bitte in eigenen Worten erzählen, warum Sie hier am OWS aufgenommen wur-
den?“
„OWS“ ist Slang für Otto-Wagner-Spital, die Leute hier nutzen es wie Studierende die Wörter „Bib“ 6
oder „Stip“ 7. Das OWS ist die Hood 8 vom Korb. Darum merkt er nicht, dass er Slang redet. Er schaut
95 mich abwartend an.
„Hergekommen bin ich mit der Polizei. Vor drei Tagen.“
Ich nicke: „Fast schon vier Tage bin ich da.“
Korb stimmt mir zu.
„Richtig“, sagt er, „wir sind uns also einig, seit wann Sie da sind und wie Sie hergekommen sind. Das
100 Warum müssten wir noch klären.“
Ich nehme das Gummiband, das ich ums Handgelenk trage, und binde mir die Haare zusammen.
„Also, die Polizei hat mich geholt. Ich war da sehr kooperativ, muss ich sagen. Ich bin eingestiegen,
und dann hat man mich hergebracht. Gut“, sag ich, weil mir die Therapie jetzt schon auf die Nerven
geht. Ich klatsche mir mit den Händen auf die Schenkel: „War auch ein bisschen viel heute. Wir sehen
105 uns ja morgen wieder.“
Ich lächle Korb an, stehe auf und gehe zur Tür. Ich drücke die Klinke nach unten, aber die Tür bewegt
sich nicht: abgesperrt. „Korb“, sag ich und drehe mich um, „das wäre so ein cooler Abgang gewesen.
Sie haben es mir versaut.“
„Frau Gruber“, sagt er, „das ist keine Show, das ist Ihre Therapie.“
110 „Ja“, sag ich und gehe zum Diwan zurück, „wenn das meine Show wäre, würde es auch bessere
Snacks geben.“ Ich deute auf die Schüssel mit den Duftfrüchten.
„Warum sperren Sie überhaupt die Tür ab?“, ich fläze mich wieder auf das Möbel. „Das ist ja schon
grenzwertig. Ein grenzwertiger Mensch sind Sie.“
„So ist das bei mir“, sagt Korb und lehnt sich jetzt ebenfalls entspannt zurück. Es ist, als hätte sich ge-
115 rade was aufgelöst zwischen uns. „Sie können auch gern zum Kollegen wechseln. Bei mir bleibt die
Tür zu.“
„Schon gut“, sag ich und hebe die Hände, „kein Grund, gleich beleidigt zu sein.“
Korb hält wieder das Klemmbrett im Anschlag und wartet, dass ich weiterspreche. Na gut, denke ich.
Angela Lehner: Vater unser, Berlin 2019, S. 25–31.
Hinweise
Angela Lehner (*1987), österreichische Schriftstellerin, erhielt für ihren Debütroman „Vater unser“ mehrere Literaturpreise.
Die Rechtschreibung entspricht der Textvorlage.
1 Lignano – italienischer Badeort an der Adria
2 lugen – aufmerksam spähend schauen, nach jemandem/etwas blicken
3 Diwan – Sofa
4 „Gutentag, Gutentag, ich will mein Leben zurück“ – Refrain aus dem Song „Guten Tag“ der Gruppe „Wir sind Helden“
5 Die österreichische Nationalbibliothek befindet sich am Wiener Heldenplatz.
6 Bib – Bibliothek
7 Stip – Stipendium
8 Hood (engl.) – Nachbarschaft, Viertel
1 Fassen Sie den vorliegenden Auszug aus Angela Lehners Roman „Vater unser“ zusammen und analysieren Sie das Gesprächsverhalten der beiden Figuren. (Material) [40 BE]
Aufgabe Vorschlag C - 2 · Pflichtlektüre: Vergleich und literarische Erörterung
Material
Angela Lehner: Vater unser (2019)
Die Protagonistin des Romans, Eva Gruber, ist zwangsweise, aber ohne Angabe von Gründen in eine psychiatrische Klinik eingewiesen worden. Am vierten Tag hat sie das erste Gespräch mit ihrem Psychiater.
Wer nicht mehr neu ist, braucht auch nicht mehr in den grünen Papierhandtuchanzügen herumzulau-
fen. Stattdessen habe ich ein ansehnliches Repertoire an Jogginganzügen zur Verfügung gestellt be-
kommen. Ich muss sagen, das ist gar nicht so schlecht: Den ganzen Tag in Gummizug-Hosen flanieren
und zu den Fütterungszeiten im Aufenthaltsraum abhängen. Urlaub in Lignano 1 ist auch nicht viel an-
5 ders.
Meine Schritte hallen durch den Gang. Und es hilft nichts, man muss es sagen: Der Gang ist schon
schön. Da herrscht noch der Glanz anderer Zeiten. In den Patientenpavillons hört das ja gleich auf mit
dem Schein, sobald man das Stiegenhaus verlässt und durch die Stationstür geht. Da beginnt der Plas-
tikboden, und womit könnte man besser ausdrücken, dass man am Boden der Tatsachen angekommen
10 ist, als mit Plastikboden; ja, Plastikboden ist eigentlich tatsächlich der Boden der Tatsachen. Aber hier
auf den Gängen im ambulanten Therapiegebäude gibt es kein Plastik. Die blauen Ornamente begleiten
einen vom Erdgeschoss über vier Stockwerke hinweg. Bis ins Dachgeschoss, wo Doktor Korb sein
Büro hat. Bevor ich eintrete, bleibe ich stehen und luge 2 in das Zimmer. Doktor Korb nickt mir, eine
Hand an der Türklinke, zu.
15 Ich trete über die Schwelle, mache ein paar Schritte, bleibe mitten im Raum stehen und warte. Er
schließt die Tür, geht an mir vorbei zu den Sitzmöbeln, bedeutet mir dann wieder mit einem Nicken,
dass ich weitergehen soll. Als führte er mich an einer unsichtbaren Leine. Und genau wie ein braves
Hündchen trotte ich seiner Halbglatze hinterher und mache Platz. Auf einem Diwan 3, der mit specki-
gem Leder bezogen ist. Die eine Seite flach, auf der anderen bäumt sich in elegantem Bogen eine
20 Lehne auf. Als hätte sich ein Ohrensessel mit einem Bett gepaart. Ich rücke ein Stück nach rechts, und
einer der Knöpfe, die sich in gleichmäßigen Abständen auf dem Speckbezug verteilen wie Fettaugen
auf einer Wurstscheibe, gibt ein Geräusch von sich. Ich rücke noch ein Stück weiter, um Missverständ-
nisse zu vermeiden. Doktor Korb setzt sich mir gegenüber in einen Ohrensessel, der im gleichen Stil
gehalten ist wie der Diwan.
25 Hinter ihm steht ein großer Schreibtisch, Mahagoni, denke ich. Nicht, dass ich wüsste, wie Mahago-
nimöbel aussehen, aber wenn sie tatsächlich existieren, dann wohl in diesem Büro. Regale aus demsel-
ben Holz, Bücher, Zertifikate. An der gegenüberliegenden Wand eine Vitrine. Flaschen voller bern-
steinfarbenem Alkohol. Ich schnaube und merke, wie Doktor Korb mich beobachtet. Da entdecke ich
auf dem niedrigen Tisch zwischen ihm und mir ein Schälchen mit bunten Holzfrüchten. Ungläubig
30 nehme ich einen rot bemalten Holzapfel und rieche daran. Badezimmer, denke ich und freue mich. Ich
schaue zu Doktor Korb hinüber und halte den Apfel in die Höhe.
Er verzieht keine Miene. Er scheint den Apfel nicht lustig zu finden und auch nicht die kleine Holzba-
nane oder die blaue Himbeere, die genauso groß wie die Banane ist. Die Holzfrüchte, den bernsteinfar-
benen Alkohol, sein ganzes klischeedurchtränktes Büro: nichts davon findet dieser Korb lustig. Kurz
35 frage ich mich, ob ich ihm eine Freude machen und mich über den Diwan werfen sollte, wie eine Diva
im Schwarz-Weiß-Film. Ein Handgelenk an der Stirn, das andere am Bauch, seufzen. Nur um das Bild
eines Psychiater-Büros für ihn zu komplettieren. Vollendung, denke ich mir, ist immer ausreizbar.
Korb bleibt stumm, und ich höre eine Uhr ticken, nach der ich mich nicht mehr umzudrehen brauche.
Die Lücken im Kopf haben sich geschlossen, spätestens seit den Holzfrüchten weiß ich alles über die-
40 sen Raum.
Nach einer weiteren Minute sagt Korb: „Guten Tag.“
Ich wundere mich.
„Guten Tag“, sag ich.
Dann nickt Korb und sagt wieder: „Guten Tag.“
45 Ich lächle, vielleicht steckt doch Humor in diesem Menschen. Ich hebe die Hände neben die Ohren
und beginne, mit ihnen zu wackeln, während ich auf dem Diwan von links nach rechts schaukle: „Gu-
tentag, Gutentag, ich will mein Leben zurück“ 4, sag ich.
Stille. Dann notiert Doktor Korb sich etwas auf dem Klemmbrett.
„Wissen Sie“, sag ich, „die richtige Lampe fehlt noch.“
50 „Wie bitte?“, Korb hebt den Kopf.
„Na ja, im Zimmer hier: eine Lampe.“
„Soll ich das Licht einschalten?“, fragt er.
„Nein“, sag ich und komme nicht umhin, die Augen zu verdrehen. Schließlich ist es helllichter Tag.
Die Sonne knallt durch die Fenster herein, und auch Doktor Korb schwitzt unter seinem weißen Arzt-
55 kostüm wie die Neueinlieferungen in ihren Papierhandtuchanzügen.
„Für den Schreibtisch“, sag ich und deute überflüssigerweise mit dem Kinn zum Tisch, als wüsste er
nicht selbst, wo er steht.
„So eine kleine grüne“, sag ich und beuge mich nach vorne. Ich lege die Hände auf den Couchtisch
und fahre dann in der Luft die Form der Lampe nach. Auch imaginäre Lampen müssen auf echten Ti-
60 schen stehen.
„So“, sag ich, „hier golden und da oben grün.“ Ich ziehe die Hände auseinander: „Grünes Glas.“ Ich
richte mich wieder auf und rutsche auf dem Diwan nach hinten: „Wie in den Bibliotheken“, sag ich,
„in den alten. Am Heldenplatz 5 zum Beispiel.“
Korb schaut zur Seite, nickt. Einen Moment lang befürchte ich, er könnte gleich wieder „Guten
65 Tag“ sagen. Deswegen beschließe ich, die Situation selbst zu retten. Ich starte die Therapie einfach
mal alleine, der Arzt kann ja später einsteigen.
„Ich bin Eva Gruber“, sag ich. „Mit meiner Familie ist es schwierig.“
Doktor Korb nickt. Das ist zumindest ein Anfang.
„Mein Vater“, sag ich, „hat sich umgebracht.“
70 Er nickt wieder.
„Und meine Mutter ist ja auch tot.“
Der Arzt zieht die Augenbrauen zusammen.
„Meinen Bruder“, sag ich, „hab ich alleine großgezogen.“
Ich lege den Kopf schief und schwelge in der Erinnerung: „Jaja“, sag ich, „das waren noch Zeiten.“
75 Ich lehne mich vor und schaue dem Psychiater in die Augen: „Wir haben wirklich ein inniges Verhält-
nis, mein Bruder und ich. Ich habe ihn ja gewissermaßen alleine am Leben erhalten. Wissen Sie, an
meinen metaphorischen Zitzen hab ich ihn gesäugt, wie bei diesen Wölfen in Rom.“
Mit der Hand mache ich eine kreisende Bewegung vor meiner linken Brust: „Wissen Sie, was ich
meine?“
80 Der Arzt hebt den Blick von meiner Brust und schaut mir ins Gesicht: „Was?“
„Wölfe in Rom“, sag ich, „sind Sie total ungebildet, oder was? Diese Legende. Die Menschen haben
an den Zitzen von dem Wolf getrunken, in Rom; oder die Wölfe an den Zitzen von den Menschen.
Umgekehrt würde es aber mehr Sinn machen. So ein Wolf hat ja mehr Zitzen zum Andocken.“
Wieder lasse ich meine Hände vor den Brüsten kreisen und denke nach. „In Deutschland“, sag ich,
85 „soll es ja auch wieder Wölfe geben.“
„Frau Gruber“, unterbricht Doktor Korb mich.
„Ja?“, sag ich und lasse die Hände sinken.
„Wissen Sie, warum Sie hier sind?“, fragt er.
„Ja“, sag ich und stecke die Hände in die Hosentaschen.
90 Es ist beruhigend zu sehen, dass der Arzt jetzt auch an der Therapie teilnimmt.
„Können Sie mir dann bitte in eigenen Worten erzählen, warum Sie hier am OWS aufgenommen wur-
den?“
„OWS“ ist Slang für Otto-Wagner-Spital, die Leute hier nutzen es wie Studierende die Wörter „Bib“ 6
oder „Stip“ 7. Das OWS ist die Hood 8 vom Korb. Darum merkt er nicht, dass er Slang redet. Er schaut
95 mich abwartend an.
„Hergekommen bin ich mit der Polizei. Vor drei Tagen.“
Ich nicke: „Fast schon vier Tage bin ich da.“
Korb stimmt mir zu.
„Richtig“, sagt er, „wir sind uns also einig, seit wann Sie da sind und wie Sie hergekommen sind. Das
100 Warum müssten wir noch klären.“
Ich nehme das Gummiband, das ich ums Handgelenk trage, und binde mir die Haare zusammen.
„Also, die Polizei hat mich geholt. Ich war da sehr kooperativ, muss ich sagen. Ich bin eingestiegen,
und dann hat man mich hergebracht. Gut“, sag ich, weil mir die Therapie jetzt schon auf die Nerven
geht. Ich klatsche mir mit den Händen auf die Schenkel: „War auch ein bisschen viel heute. Wir sehen
105 uns ja morgen wieder.“
Ich lächle Korb an, stehe auf und gehe zur Tür. Ich drücke die Klinke nach unten, aber die Tür bewegt
sich nicht: abgesperrt. „Korb“, sag ich und drehe mich um, „das wäre so ein cooler Abgang gewesen.
Sie haben es mir versaut.“
„Frau Gruber“, sagt er, „das ist keine Show, das ist Ihre Therapie.“
110 „Ja“, sag ich und gehe zum Diwan zurück, „wenn das meine Show wäre, würde es auch bessere
Snacks geben.“ Ich deute auf die Schüssel mit den Duftfrüchten.
„Warum sperren Sie überhaupt die Tür ab?“, ich fläze mich wieder auf das Möbel. „Das ist ja schon
grenzwertig. Ein grenzwertiger Mensch sind Sie.“
„So ist das bei mir“, sagt Korb und lehnt sich jetzt ebenfalls entspannt zurück. Es ist, als hätte sich ge-
115 rade was aufgelöst zwischen uns. „Sie können auch gern zum Kollegen wechseln. Bei mir bleibt die
Tür zu.“
„Schon gut“, sag ich und hebe die Hände, „kein Grund, gleich beleidigt zu sein.“
Korb hält wieder das Klemmbrett im Anschlag und wartet, dass ich weiterspreche. Na gut, denke ich.
Angela Lehner: Vater unser, Berlin 2019, S. 25–31.
Hinweise
Angela Lehner (*1987), österreichische Schriftstellerin, erhielt für ihren Debütroman „Vater unser“ mehrere Literaturpreise.
Die Rechtschreibung entspricht der Textvorlage.
1 Lignano – italienischer Badeort an der Adria
2 lugen – aufmerksam spähend schauen, nach jemandem/etwas blicken
3 Diwan – Sofa
4 „Gutentag, Gutentag, ich will mein Leben zurück“ – Refrain aus dem Song „Guten Tag“ der Gruppe „Wir sind Helden“
5 Die österreichische Nationalbibliothek befindet sich am Wiener Heldenplatz.
6 Bib – Bibliothek
7 Stip – Stipendium
8 Hood (engl.) – Nachbarschaft, Viertel
2 Erläutern Sie – auch unter Rückbezug auf den vorliegenden Textauszug aus Lehners „Vater unser“ (Material) – das jeweilige Arzt-Patienten-Verhältnis in Büchners Drama „Woyzeck“ (Szene „Beim Doktor“) und Goethes Drama „Faust I“ (Szenen „Vor dem Tor“ V. 981–1055 und „Studierzimmer II“ V. 2001–2036). [35 BE]
Aufgabe Vorschlag C - 3 · Erörterung und Stellungnahme
Material
Angela Lehner: Vater unser (2019)
Die Protagonistin des Romans, Eva Gruber, ist zwangsweise, aber ohne Angabe von Gründen in eine psychiatrische Klinik eingewiesen worden. Am vierten Tag hat sie das erste Gespräch mit ihrem Psychiater.
Wer nicht mehr neu ist, braucht auch nicht mehr in den grünen Papierhandtuchanzügen herumzulau-
fen. Stattdessen habe ich ein ansehnliches Repertoire an Jogginganzügen zur Verfügung gestellt be-
kommen. Ich muss sagen, das ist gar nicht so schlecht: Den ganzen Tag in Gummizug-Hosen flanieren
und zu den Fütterungszeiten im Aufenthaltsraum abhängen. Urlaub in Lignano 1 ist auch nicht viel an-
5 ders.
Meine Schritte hallen durch den Gang. Und es hilft nichts, man muss es sagen: Der Gang ist schon
schön. Da herrscht noch der Glanz anderer Zeiten. In den Patientenpavillons hört das ja gleich auf mit
dem Schein, sobald man das Stiegenhaus verlässt und durch die Stationstür geht. Da beginnt der Plas-
tikboden, und womit könnte man besser ausdrücken, dass man am Boden der Tatsachen angekommen
10 ist, als mit Plastikboden; ja, Plastikboden ist eigentlich tatsächlich der Boden der Tatsachen. Aber hier
auf den Gängen im ambulanten Therapiegebäude gibt es kein Plastik. Die blauen Ornamente begleiten
einen vom Erdgeschoss über vier Stockwerke hinweg. Bis ins Dachgeschoss, wo Doktor Korb sein
Büro hat. Bevor ich eintrete, bleibe ich stehen und luge 2 in das Zimmer. Doktor Korb nickt mir, eine
Hand an der Türklinke, zu.
15 Ich trete über die Schwelle, mache ein paar Schritte, bleibe mitten im Raum stehen und warte. Er
schließt die Tür, geht an mir vorbei zu den Sitzmöbeln, bedeutet mir dann wieder mit einem Nicken,
dass ich weitergehen soll. Als führte er mich an einer unsichtbaren Leine. Und genau wie ein braves
Hündchen trotte ich seiner Halbglatze hinterher und mache Platz. Auf einem Diwan 3, der mit specki-
gem Leder bezogen ist. Die eine Seite flach, auf der anderen bäumt sich in elegantem Bogen eine
20 Lehne auf. Als hätte sich ein Ohrensessel mit einem Bett gepaart. Ich rücke ein Stück nach rechts, und
einer der Knöpfe, die sich in gleichmäßigen Abständen auf dem Speckbezug verteilen wie Fettaugen
auf einer Wurstscheibe, gibt ein Geräusch von sich. Ich rücke noch ein Stück weiter, um Missverständ-
nisse zu vermeiden. Doktor Korb setzt sich mir gegenüber in einen Ohrensessel, der im gleichen Stil
gehalten ist wie der Diwan.
25 Hinter ihm steht ein großer Schreibtisch, Mahagoni, denke ich. Nicht, dass ich wüsste, wie Mahago-
nimöbel aussehen, aber wenn sie tatsächlich existieren, dann wohl in diesem Büro. Regale aus demsel-
ben Holz, Bücher, Zertifikate. An der gegenüberliegenden Wand eine Vitrine. Flaschen voller bern-
steinfarbenem Alkohol. Ich schnaube und merke, wie Doktor Korb mich beobachtet. Da entdecke ich
auf dem niedrigen Tisch zwischen ihm und mir ein Schälchen mit bunten Holzfrüchten. Ungläubig
30 nehme ich einen rot bemalten Holzapfel und rieche daran. Badezimmer, denke ich und freue mich. Ich
schaue zu Doktor Korb hinüber und halte den Apfel in die Höhe.
Er verzieht keine Miene. Er scheint den Apfel nicht lustig zu finden und auch nicht die kleine Holzba-
nane oder die blaue Himbeere, die genauso groß wie die Banane ist. Die Holzfrüchte, den bernsteinfar-
benen Alkohol, sein ganzes klischeedurchtränktes Büro: nichts davon findet dieser Korb lustig. Kurz
35 frage ich mich, ob ich ihm eine Freude machen und mich über den Diwan werfen sollte, wie eine Diva
im Schwarz-Weiß-Film. Ein Handgelenk an der Stirn, das andere am Bauch, seufzen. Nur um das Bild
eines Psychiater-Büros für ihn zu komplettieren. Vollendung, denke ich mir, ist immer ausreizbar.
Korb bleibt stumm, und ich höre eine Uhr ticken, nach der ich mich nicht mehr umzudrehen brauche.
Die Lücken im Kopf haben sich geschlossen, spätestens seit den Holzfrüchten weiß ich alles über die-
40 sen Raum.
Nach einer weiteren Minute sagt Korb: „Guten Tag.“
Ich wundere mich.
„Guten Tag“, sag ich.
Dann nickt Korb und sagt wieder: „Guten Tag.“
45 Ich lächle, vielleicht steckt doch Humor in diesem Menschen. Ich hebe die Hände neben die Ohren
und beginne, mit ihnen zu wackeln, während ich auf dem Diwan von links nach rechts schaukle: „Gu-
tentag, Gutentag, ich will mein Leben zurück“ 4, sag ich.
Stille. Dann notiert Doktor Korb sich etwas auf dem Klemmbrett.
„Wissen Sie“, sag ich, „die richtige Lampe fehlt noch.“
50 „Wie bitte?“, Korb hebt den Kopf.
„Na ja, im Zimmer hier: eine Lampe.“
„Soll ich das Licht einschalten?“, fragt er.
„Nein“, sag ich und komme nicht umhin, die Augen zu verdrehen. Schließlich ist es helllichter Tag.
Die Sonne knallt durch die Fenster herein, und auch Doktor Korb schwitzt unter seinem weißen Arzt-
55 kostüm wie die Neueinlieferungen in ihren Papierhandtuchanzügen.
„Für den Schreibtisch“, sag ich und deute überflüssigerweise mit dem Kinn zum Tisch, als wüsste er
nicht selbst, wo er steht.
„So eine kleine grüne“, sag ich und beuge mich nach vorne. Ich lege die Hände auf den Couchtisch
und fahre dann in der Luft die Form der Lampe nach. Auch imaginäre Lampen müssen auf echten Ti-
60 schen stehen.
„So“, sag ich, „hier golden und da oben grün.“ Ich ziehe die Hände auseinander: „Grünes Glas.“ Ich
richte mich wieder auf und rutsche auf dem Diwan nach hinten: „Wie in den Bibliotheken“, sag ich,
„in den alten. Am Heldenplatz 5 zum Beispiel.“
Korb schaut zur Seite, nickt. Einen Moment lang befürchte ich, er könnte gleich wieder „Guten
65 Tag“ sagen. Deswegen beschließe ich, die Situation selbst zu retten. Ich starte die Therapie einfach
mal alleine, der Arzt kann ja später einsteigen.
„Ich bin Eva Gruber“, sag ich. „Mit meiner Familie ist es schwierig.“
Doktor Korb nickt. Das ist zumindest ein Anfang.
„Mein Vater“, sag ich, „hat sich umgebracht.“
70 Er nickt wieder.
„Und meine Mutter ist ja auch tot.“
Der Arzt zieht die Augenbrauen zusammen.
„Meinen Bruder“, sag ich, „hab ich alleine großgezogen.“
Ich lege den Kopf schief und schwelge in der Erinnerung: „Jaja“, sag ich, „das waren noch Zeiten.“
75 Ich lehne mich vor und schaue dem Psychiater in die Augen: „Wir haben wirklich ein inniges Verhält-
nis, mein Bruder und ich. Ich habe ihn ja gewissermaßen alleine am Leben erhalten. Wissen Sie, an
meinen metaphorischen Zitzen hab ich ihn gesäugt, wie bei diesen Wölfen in Rom.“
Mit der Hand mache ich eine kreisende Bewegung vor meiner linken Brust: „Wissen Sie, was ich
meine?“
80 Der Arzt hebt den Blick von meiner Brust und schaut mir ins Gesicht: „Was?“
„Wölfe in Rom“, sag ich, „sind Sie total ungebildet, oder was? Diese Legende. Die Menschen haben
an den Zitzen von dem Wolf getrunken, in Rom; oder die Wölfe an den Zitzen von den Menschen.
Umgekehrt würde es aber mehr Sinn machen. So ein Wolf hat ja mehr Zitzen zum Andocken.“
Wieder lasse ich meine Hände vor den Brüsten kreisen und denke nach. „In Deutschland“, sag ich,
85 „soll es ja auch wieder Wölfe geben.“
„Frau Gruber“, unterbricht Doktor Korb mich.
„Ja?“, sag ich und lasse die Hände sinken.
„Wissen Sie, warum Sie hier sind?“, fragt er.
„Ja“, sag ich und stecke die Hände in die Hosentaschen.
90 Es ist beruhigend zu sehen, dass der Arzt jetzt auch an der Therapie teilnimmt.
„Können Sie mir dann bitte in eigenen Worten erzählen, warum Sie hier am OWS aufgenommen wur-
den?“
„OWS“ ist Slang für Otto-Wagner-Spital, die Leute hier nutzen es wie Studierende die Wörter „Bib“ 6
oder „Stip“ 7. Das OWS ist die Hood 8 vom Korb. Darum merkt er nicht, dass er Slang redet. Er schaut
95 mich abwartend an.
„Hergekommen bin ich mit der Polizei. Vor drei Tagen.“
Ich nicke: „Fast schon vier Tage bin ich da.“
Korb stimmt mir zu.
„Richtig“, sagt er, „wir sind uns also einig, seit wann Sie da sind und wie Sie hergekommen sind. Das
100 Warum müssten wir noch klären.“
Ich nehme das Gummiband, das ich ums Handgelenk trage, und binde mir die Haare zusammen.
„Also, die Polizei hat mich geholt. Ich war da sehr kooperativ, muss ich sagen. Ich bin eingestiegen,
und dann hat man mich hergebracht. Gut“, sag ich, weil mir die Therapie jetzt schon auf die Nerven
geht. Ich klatsche mir mit den Händen auf die Schenkel: „War auch ein bisschen viel heute. Wir sehen
105 uns ja morgen wieder.“
Ich lächle Korb an, stehe auf und gehe zur Tür. Ich drücke die Klinke nach unten, aber die Tür bewegt
sich nicht: abgesperrt. „Korb“, sag ich und drehe mich um, „das wäre so ein cooler Abgang gewesen.
Sie haben es mir versaut.“
„Frau Gruber“, sagt er, „das ist keine Show, das ist Ihre Therapie.“
110 „Ja“, sag ich und gehe zum Diwan zurück, „wenn das meine Show wäre, würde es auch bessere
Snacks geben.“ Ich deute auf die Schüssel mit den Duftfrüchten.
„Warum sperren Sie überhaupt die Tür ab?“, ich fläze mich wieder auf das Möbel. „Das ist ja schon
grenzwertig. Ein grenzwertiger Mensch sind Sie.“
„So ist das bei mir“, sagt Korb und lehnt sich jetzt ebenfalls entspannt zurück. Es ist, als hätte sich ge-
115 rade was aufgelöst zwischen uns. „Sie können auch gern zum Kollegen wechseln. Bei mir bleibt die
Tür zu.“
„Schon gut“, sag ich und hebe die Hände, „kein Grund, gleich beleidigt zu sein.“
Korb hält wieder das Klemmbrett im Anschlag und wartet, dass ich weiterspreche. Na gut, denke ich.
Angela Lehner: Vater unser, Berlin 2019, S. 25–31.
Hinweise
Angela Lehner (*1987), österreichische Schriftstellerin, erhielt für ihren Debütroman „Vater unser“ mehrere Literaturpreise.
Die Rechtschreibung entspricht der Textvorlage.
1 Lignano – italienischer Badeort an der Adria
2 lugen – aufmerksam spähend schauen, nach jemandem/etwas blicken
3 Diwan – Sofa
4 „Gutentag, Gutentag, ich will mein Leben zurück“ – Refrain aus dem Song „Guten Tag“ der Gruppe „Wir sind Helden“
5 Die österreichische Nationalbibliothek befindet sich am Wiener Heldenplatz.
6 Bib – Bibliothek
7 Stip – Stipendium
8 Hood (engl.) – Nachbarschaft, Viertel
3 In Goethes Spruchsammlung „Maximen und Reflexionen“, die nach seinem Tode 1833 erschien, bemerkt Goethe:
„Wer klare Begriffe hat, kann befehlen.“
Diskutieren Sie – ausgehend von diesem Zitat und auch unter Berücksichtigung Ihrer Ergebnisse aus Aufgabe 1 und 2 – das Verhältnis von Sprache und Macht. [25 BE]
Aufgabe Vorschlag D · Interpretation lyrischer Texte
Städte
Aufgaben
1
Interpretieren Sie das Gedicht „Vorstadt im Föhn“ von Georg Trakl. Beziehen Sie dabei Ihr literaturgeschichtliches Wissen ein. (Material 1)
(60 BE)
2
Vergleichen Sie die Gestaltung des Stadtmotivs in den Gedichten „Vorstadt im Föhn“ von Georg Trakl (Material 1) und „Siehst du die Stadt?“ von Hugo von Hofmannsthal (Material 2). Berücksichtigen Sie dabei inhaltliche sowie sprachliche und formale Aspekte.
(40 BE)
Material 1
Georg Trakl (1887–1914): Vorstadt 1 im Föhn 2 (Erstdruck 1912, Fassung von 1913)
1 Am Abend liegt die Stätte öd und braun,
Die Luft von gräulichem Gestank durchzogen.
Das Donnern eines Zugs vom Brückenbogen –
Und Spatzen flattern über Busch und Zaun.
5 Geduckte Hütten, Pfade wirr verstreut,
In Gärten Durcheinander und Bewegung,
Bisweilen schwillt Geheul aus dumpfer Regung,
In einer Kinderschar fliegt rot ein Kleid.
Am Kehricht 3 pfeift verliebt ein Rattenchor.
10 In Körben tragen Frauen Eingeweide,
Ein ekelhafter Zug voll Schmutz und Räude 4,
Kommen sie aus der Dämmerung hervor.
Und ein Kanal speit plötzlich feistes Blut
Vom Schlachthaus in den stillen Fluß hinunter.
15 Die Föhne färben karge Stauden bunter
Und langsam kriecht die Röte durch die Flut.
Ein Flüstern, das in trübem Schlaf ertrinkt.
Gebilde gaukeln auf aus Wassergräben,
Vielleicht Erinnerung an ein früheres Leben,
20 Die mit den warmen Winden steigt und sinkt.
Aus Wolken tauchen schimmernde Alleen,
Erfüllt von schönen Wägen, kühnen Reitern.
Dann sieht man auch ein Schiff auf Klippen scheitern
Und manchmal rosenfarbene Moscheen.
Georg Trakl: Sämtliche Werke und Briefwechsel. Innsbrucker Ausgabe, hg. v. Eberhard Sauermann und Hermann Zwerschina, Bd. I, Frankfurt am Main/Basel 2007, S. 573.
1 Vorstadt – städtischer Bezirk außerhalb des Stadtzentrums
2 Föhn – warmer Fallwind, der die Wahrnehmung des Menschen verändern (z. B. in Form einer guten Fernsicht), aber auch Beeinträchtigungen bewirken kann (z. B. Kopfschmerzen, Gereiztheit)
3 Kehricht – Schmutz, Abfall, Unrat
4 Räude – durch Milben verursachter, stark juckender Hautausschlag
Material 2
Hugo von Hofmannsthal (1874–1929): Siehst du die Stadt? (1890)
1 Siehst du die Stadt, wie sie da drüben ruht,
Sich flüsternd schmieget in das Kleid der Nacht?
Es gießt der Mond der Silberseide Flut
Auf sie herab in zauberischer Pracht.
5 Der laue Nachtwind weht ihr Athmen her,
So geisterhaft, verlöschend leisen Klang:
Sie weint im Traum, sie athmet tief und schwer,
Sie lispelt, rätselvoll, verlockend, bang...
Die dunkle Stadt, sie schläft im Herzen mein
10 Mit Glanz und Glut, mit qualvoll bunter Pracht:
Doch schmeichelnd schwebt um dich ihr Wiederschein,
Gedämpft zum Flüstern, gleitend durch die Nacht.
Hugo von Hofmannsthal: Sämtliche Werke, hg. v. Rudolf Hirsch u. a., Band II, Frankfurt am Main 1988, S. 27.
Hinweis: Die Rechtschreibung in beiden Gedichten entspricht den jeweiligen Textvorlagen.
1.
2.
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