Aufgabe Vorschlag B - Aufgaben 1 und 3 · Abitur Hessen Deutsch GK 2022

Thema: Interpretation dramatischer Texte · Aus der Prüfung GK (2022)

Aufgabenstellung

Material

Falk Richter: Electronic City (Airport Romance) (2002)

Im Personenverzeichnis werden die Figuren TOM und JOY sowie ein „Team von etwa 5 bis 15 Menschen“ genannt. Für dieses sogenannte Team sind u. a. die Textabschnitte vorgesehen, die mit einem Spiegelstrich beginnen. Der Textauszug ist der Beginn des Stückes.

– Tom betritt das Gebäude, in dem er seit etwa zwei Wochen wohnt

– kennt niemanden

– endlose Flure

– fünfundzwanzig Wohneinheiten auf jedem Flur

5 – Die Stadt?

– Los Angeles

– New York

– Berlin

– Seattle, Tokio, Mexico City

10 – er weiß es selbst nicht so genau

– er läuft unsicher über den Flur

– und schaut auf den Schlüssel in seiner Hand

– schaut auf die Tapete

– die seltsam schlicht gehalten ist

15 – nichts fällt hier auf, nichts, an dem er sich orientieren könnte, und

– ja, genau, er weiß es selbst nicht mehr, Europa, Nord- oder Südamerika

– es könnte auch ein Wohnkomplex über dieser Einkaufszone in Brisbane, Queensland sein

– in Melbourne oder Sydney

– irgendwo in Hongkong, Taipeh oder Singapur

20 – er hat keine Ahnung in diesem Moment

– er kennt niemanden, und er kann sich an nichts erinnern: War ich hier schon einmal? Ist dies die

richtige Etage, der richtige Flur, war das links oder rechts neben dem Fahrstuhl und vor allem: IST

DAS HIER ÜBERHAUPT DAS RICHTIGE GEBÄUDE?

– Zu oft den Ort gewechselt, in der letzten Zeit, völlig die Orientierung verloren: Wo ist Joy, wo ist

25 Joy?, bin ich denn wirklich schon seit zwei Wochen hier oder oder... ich weiß es nicht: Zwei

STUNDEN, wann bin ich denn hier angekommen und vor allem: Wie? Mit welcher Maschine?

Oder bin ich hierher gelaufen? Nein, das kann nicht sein, kann nicht, nein, warte, ich... Stille in

meinem Gehirn, ich ich... nichts erinnert mich an irgendwas hier, nichts, das schlichte Grau, dann

dieser Teppich, der Blick aus dem Fenster: Das könnte überall sein.

30 – „Wenn ich doch bloß mein Handy mitgenommen hätte – meinen Palm¹, meinen Organizer, mein

Notebook – oder wenigstens einen Kompass.

– Oder einen Discman², dann könnte ich jetzt etwas Musik hören, bis hier irgendwann irgendwer

vorbeikommen wird.“

– Er hat ein Notizbuch, wo er sich notiert, auf welchem Flur in welcher Stadt er seine Zimmer ange-

35 mietet hat

– und er braucht diese UNTERLAGEN, verdammt, Scheiße, mein Flieger, wie soll ich das jetzt noch

schaffen? Ich brauch doch diese Scheiß-, dings, unterlagen für den Weiterflug, sonst brauch ich da

doch gar nicht erst hin und und – 7 – 1 – 7 – 2 – 4? 7 – 1 – 7 – 2 – 5? Diese verdammte Zahlen-

kombination, wenn ich nur wüßte, in welcher Stadt ich hier bin, dann dann, und wieso dieser

40 plötzliche Powerfailure³ in meinem Gehirn, alle Zahlen gelöscht, alles weg, JOY? Wo ist JOY? So

hieß die doch, meine Frau, Freundin, so hieß die doch?, welches Genre⁴ haben wir hier eigentlich?

Haben wir das schon entschieden?

TOM Horror, Hektik, Großstadt, Banken, Börse, Geldströme fließen, Testosteron fließt, strömt, das

ganze Gebäude, zweitausend Einzimmerappartements, alle gehören derselben Kette an, die Fassaden

45 überall auf der Welt immer gleich, ich habe immer das Gefühl, anzukommen, nie wegzufahren, ich

reise, aber ich bewege mich nicht, mein Gehirn sagt mir immer wieder: Hier warst du schon. Auch

wenn ich noch nie da war. Mein Gehirn erkennt alles wieder, auch wenn ich weiß, nein, hier war ich

noch nicht, ich kann das gar nicht kennen, aber die Zimmer sehen immer gleich aus, die Zimmer

sagen: „Welcome Home“. Das steht auch auf der freundlichen handgeflochtenen Matte vor der Ein-

50 gangstür: „Welcome Home“, und so heißt auch die Firma, die diese Einzimmerappartements überall

auf der Welt baut: „Welcome Home“, DAS IST ABER NICHT MEIN ZUHAUSE VERDAMMT

NOCHMAL ICH WOHNE HIER ZWAR ABER DAS IST NICHT MEIN ZUHAUSE.

Kurze Atempause.

Aber wo ist das dann? Wo könnte das sein?

55 – Aber welches Genre haben wir hier eigentlich? Haben wir das schon entschieden?

– Manager auf Psychopharmaka irgendwo am anderen Ende der Welt in Hochhausbetten Lager-

stätten Halbtagsunterkünften wo sie sich ablegen kurzzeitig zusammenbrechen Ruhe finden um

dann nach wenigen Stunden weiterzufliegen zu fusionieren zu investieren zu spekulieren

– und überall wo sie ankommen sieht es gleich aus

60 – und überall wo sie ankommen treffen sie auf dieselben Leute

– und überall wo sie ankommen fallen sie erschöpft in Hotelzimmer

– die überall wo sie ankommen im absolut gleichen Design gehalten sind nicht unterscheidbar

– damit sie überall wo sie ankommen das Gefühl haben dass sie sich überhaupt gar nicht bewegt

haben

65 – dass sie überall dort wo sie ankommen ihre Heimat haben und nachts nach getaner Arbeit immer an

denselben Ort zurückkehren.

TOM Ich habe das Gefühl, ich sitze immerfort mit meinem Laptop auf dem Schoß in irgendeiner

Lobby, einem Wartesaal, einer Businesslounge, und die Menschen um mich herum kenne ich allesamt

sehr gut, das sind alles meine Freunde, obwohl ich sie noch nie zuvor in meinem Leben gesehen habe,

70 obwohl ich noch nie ein Wort mit ihnen gewechselt habe, und dann klingelt mein Handy und das

Handy des Mannes, der neben mir sitzt, und dann klingelt das Handy des Mannes, der neben dem

Mann sitzt, der neben mir sitzt, und dann sagen wir alle gleichzeitig in unser Handy, dass wir gleich

ankommen, dass wir nur noch auf unsere Koffer warten, dass wir genau viereinhalb Minuten Ver-

spätung haben, weil unsere Maschine genau viereinhalb Minuten verspätet angekommen ist und wir

75 deshalb viereinhalb Minuten verspätet zu dem Meeting kommen werden und wir deshalb bitten, dass

man das Meeting einfach viereinhalb Minuten später anfangen lässt, geht das?, sorry!, ich meine, wäre

das machbar, könnten Sie alle noch bitte viereinhalb Minuten warten oder müssen alle gleich schon

wieder weiter?, sind dann alle schon wieder weg?, auf zum nächsten Termin?, hallo ist da wer? Hallo

die Verbindung ist grad irgendwie Scheiße was? Funkloch hallo! Fuck!

80 – Die Businesslounges in den Flughäfen unterscheiden sich nicht mehr voneinander, und sie haben

das Gefühl, sie sitzen in großen Warteräumen oder Lesesälen, wo sie noch nett nach getaner Arbeit

mit den Kollegen einen Drink zu sich nehmen und den Tag ausklingen lassen können.

Alle gleichzeitig, aber nicht chorisch synchron:

ABER WORAUF WARTEN WIR EIGENTLICH WORAUF VERDAMMT NOCHMAL

85 WARTEN WIR EIGENTLICH

– auf den Anschlussflug

– auf eine Zahl die durchgegeben wird

– jemand sagt uns was wir kaufen verkaufen halten abstoßen sollen

– mein Ladegerät fuck Scheiße Hilfe wo ist mein Ladegerät!!

90 – könnte dieses verdammte Flugzeug etwas schneller fliegen, ich muss doch noch weiter und diesen

Deal in Seattle oder war das Rom? Ich weiß es nicht mehr, ich verpass ja schon wieder alles, aber

bitte schneller, geht das, bitte, hallo, schneller, verdammte Scheiße, schneller, ich verpass sonst

wieder alles und dann bin ich raus – raus woraus?, fragt sich nur – aber diese Frage werde ich mir

nicht beantworten, denn das bremst nur das Tempo und ich brauche das Tempo sonst stürze ich ab

95 und diese verdammten Sicherheitsvorkehrungen nützen ja auch alle nichts, wer abstürzt, stürzt ab

und basta, ihr könnt euch ja gerne alle eine Schwimmweste überziehen, während wir in diesen

Wald reincrashen, aber ich mach das nicht, ich nicht, verdammt nochmal, schneller!

Falk Richter: Electronic City (Airport Romance) Frankfurt am Main 2002, URL: http://www.falkrichter.com/ckfinder/userfiles/files/PDF/Theatre%20plays/Electronic%20City.pdf (abgerufen am 15.06.2021).

Hinweise

Falk Richter (*1969), deutscher Dramatiker und Regisseur, dessen Stücke in mehr als 35 Sprachen übersetzt wurden und weltweit gespielt werden.

Rechtschreibung, Zeichensetzung und Hervorhebungen entsprechen der Textvorlage.

¹ Palm – eine Art früher Vorgänger des heutigen Tablet-Computers

² Discman – tragbares CD-Abspielgerät

³ Powerfailure (engl.) – Stromausfall

⁴ Genre (frz.) – Kunstgattung

1

Fassen Sie den Auszug aus Falk Richters Dramentext „Electronic City“ zusammen und analysieren Sie den Inhalt und die sprachlich-formale Gestaltung. (Material)

(40 BE)

3

Der Autor und Regisseur Falk Richter nimmt für Theaterstücke in Anspruch, dass sie „sich mit gesellschaftspolitisch relevanten Themen auseinandersetzen, [...] sich einmischen [sollen] in gesellschaftliche Diskussionen“.

Begründen Sie, warum der Dramenauszug (Material) im Sinne des Zitats als „soziales“ Drama bezeichnet werden kann.

(25 BE)

Aufgabenstellung: Aufgabe Vorschlag B - Aufgaben 1 und 3 · Abitur Hessen Deutsch GK 2022

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

1 Fassen Sie den Auszug aus Falk Richters Dramentext „Electronic City“ zusammen und analysieren Sie den Inhalt und die sprachlich-formale Gestaltung. (Material) (40 BE)

Lösung: Ausarbeitung mit strukturierter Zusammenfassung und differenzierter inhaltlicher wie sprachlich-formaler Analyse.

3 Begründen Sie, warum der Dramenauszug (Material) im Sinne des Zitats als „soziales“ Drama bezeichnet werden kann. (25 BE)

Lösung: Schlüssige Begründung anhand von Merkmalen des sozialen Dramas im Textauszug.

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