Aufgabe Vorschlag A - Aufgaben 2 und 3 · Abitur Hessen Deutsch GK 2022
Thema: Pflichtlektüre: Vergleich und literarische Erörterung · Aus der Prüfung GK (2022)
Aufgabenstellung
Material
Juli Zeh: Über Menschen (2021)
Dora, die Protagonistin des Romans, lebt zusammen mit ihrem Freund Robert in Berlin, bis sie, verschärft durch die Bedingung des Homeoffice während des Lockdowns der Corona-Pandemie, es in ihrer gemeinsamen Wohnung nicht mehr aushält und allein aufs Land zieht.
Dora weiß nicht mehr, wann es angefangen hat. Sie weiß noch, dass sie schon während Roberts
Klimaschützerphase manchmal dachte, dass er übertreibt. Wenn er die Politiker als Volltrottel und
seine Mitmenschen als selbstsüchtige Ignoranten beschimpfte. Wenn er sich über Doras Fehler bei der
Mülltrennung aufregte, als hätte sie ein Verbrechen begangen. Da schien er ihr manchmal übereifrig
5 und unversöhnlich, und sie überlegte, ob er vielleicht an einer Neurose, an einer Art politischem
Waschzwang litt, der aus dem nachdenklichen, sanften Menschen einen Besessenen gemacht hat.
Wobei sie am Anfang vor allem Bewunderung für ihn empfand, gewürzt mit einer Prise schlechtem
Gewissen. Robert nahm die Sache ernst. Robert wurde politisch aktiv. In der Online-Zeitung, für die
er arbeitete, gründete er ein eigenes Ressort für Klimafragen. Außerdem fing er an, sein Leben zu
10 ändern, ernährte sich vegan, kaufte klimafreundliche Klamotten und ging regelmäßig zu den
Freitagsdemonstrationen. Dass Dora nicht mitkommen wollte, verstörte ihn. Glaubte sie nicht an den
menschengemachten Klimawandel? Sah sie nicht, dass die Welt auf den Untergang zusteuerte? Die
Statistiken hielten Einzug in ihre Gespräche. Robert verwies auf Zahlen, Experten und Wissenschaft.
Dora saß vor ihm als Repräsentantin der dummen Masse, die sich partout nicht überzeugen lassen
15 wollte. Wenn er richtig in Fahrt kam, warf er ihr sogar ihren Job vor. Dass sie mit ihrer Arbeit den
Konsum ankurbele. Dass sie Menschen dazu bringe, Dinge zu kaufen, die sie gar nicht wollten und
erst recht nicht brauchten. Dora als Agentin der Wegwerfgesellschaft. Energievernichtend und
müllbergvergrößernd. Sie hatte noch nie das Bedürfnis, die Werbebranche zu verteidigen. Trotzdem
tat es weh, wenn Robert so mit ihr sprach.
20 Schließlich mangelt es ihr nicht an Überzeugung. Natürlich hält sie den Klimawandel für ein schwer-
wiegendes Problem. Was sie lähmt, ist die Ansprache. „ How dare you “ 1 statt „ I have a dream “ 2. Statt
über Temperaturziele zu streiten, sollte man sich ihrer Meinung nach lieber auf das Wesentliche kon-
zentrieren – das Ende des fossilen Zeitalters, welches sich nicht erreichen lässt, indem man die Bürger
besser erzieht, sondern nur durch einen Umbau von Infrastruktur, Mobilität und Industrie. Dass Robert
25 im Angesicht dieser Aufgabe stolz darauf ist, kein Auto zu fahren, kommt ihr merkwürdig vor.
Dora mag keine absoluten Wahrheiten und keine Autoritäten, die sich darauf stützen. In ihr wohnt et-
was, das sich sträubt. Sie hat keine Lust auf den Kampf ums Rechthaben und will nicht Teil einer Mei-
nungsmannschaft sein. Normalerweise ist ihr Sträuben kein Sich-Wehren. Man sieht es nicht. Sie lebt
angepasst. Das Sträuben erzeugt eher eine Art Trotz, ein inneres Ankämpfen gegen die Verhältnisse.
30 Deshalb musste sie Robert irgendwann sagen, dass er aufpassen solle, ab wann es bei seinen Statisti-
ken nicht mehr um ernsthafte Anliegen, sondern ums Rechthaben gehe. Er schaute sie erschrocken an
und fragte, ob sie die alternativen Fakten eines Donald Trump bevorzuge.
Da zeigte sich zum ersten Mal das Problem mit Doras Gedanken: Sie waren jetzt unverständlich, viel-
leicht sogar verwerflich. Man konnte nicht darüber sprechen. Jedenfalls nicht mit Robert. Nicht mehr.
35 Er saß vor ihr wie eine Instanz, strahlend und selbstsicher. Über jeden Irrtum, jeden Zweifel erhaben.
Angehöriger einer Gruppe, die das Mängelwesen Mensch transzendiert hat. Da kam Dora nicht mit.
Gleichzeitig schämte sie sich für ihr Sträuben und den Trotz. Im Grunde war es doch gleichgültig, ob
es Robert ums Rechthaben ging, solange er wirklich recht hatte. Klimapolitik war und ist eine wich-
tige Sache. Außerdem wirkte Robert zufrieden, während Dora häufig an Selbstzweifeln litt. Es musste
40 sich gut anfühlen, für eine wichtige Sache zu kämpfen. Robert brauchte sich die Sinnfrage nicht mehr
zu stellen. Er hatte sogar den Projekte-Kreislauf überwunden, indem er viele kleine zu erreichende
Ziele gegen ein vermutlich unerreichbares Großziel eintauschte. Ein genialer Schachzug, eine ge-
schickte Rochade 3.
Dora beschloss, sich Mühe zu geben. Sie verzichtete auf Fleisch. Sie kaufte im Bioladen ein. Robert
45 zuliebe wechselte sie sogar die Agentur. Sus-Y ist mittelgroß, auf nachhaltige Produkte sowie Non-
Profit-Organisationen spezialisiert und hat sich vorgenommen, verantwortungsvolle Unternehmen bei
der Umsetzung ihrer sozialökologischen Ideen zu unterstützen. Statt Dosensuppen, Luxus-Kreuzfahr-
ten oder Direktversicherungen zu bewerben, entwickelt Dora bei Sus-Y Ideen für vegane Schuhe, den
plastiktütenfreien Tag oder fair gehandelte Schokolade. Dass auf ihrer Visitenkarte statt „Senior-Co-
50 pywriter“ 4 nur noch das einsame Wörtchen „Text“ steht, hat sie nie gestört. Auch nicht, dass sie etwas
weniger verdient als zuvor. Aber aus Roberts Sicht genügte das alles nicht. Noch lange nicht. Schließ-
lich begriff Dora, was er wollte, und das konnte sie ihm nicht geben. Er wollte Gefolgschaft. Er wollte
ihr Sträuben bezwingen. Er wollte, dass sie einen Treueschwur auf die Apokalypse leistete, und wurde
immer wütender auf ihren heimlichen Trotz. Auf ihre Unfähigkeit, mit ihm gemeinsam in erster Reihe
55 zu marschieren. Er war unzufrieden mit ihr, und sie lachten weniger miteinander als früher.
Juli Zeh: Über Menschen, München 2. Aufl. 2021, S. 20–23.
Hinweis
Die Rechtschreibung entspricht der Textvorlage.
1 How dare you – („Wie könnt ihr nur“) berühmter Satz der Rede der 16-jährigen Klimaaktivistin Greta Thunberg im September 2019 beim UN-Klimagipfel in New York
2 I have a dream – („Ich habe einen Traum“) Titel der berühmten Rede von Martin Luther King im August 1963 vor dem Lincoln Memorial in Washington, D.C., in der er seiner Zukunftsvision Ausdruck verleiht, dass eines Tages Menschen unterschiedlicher Hautfarbe gleichberechtigt in den Vereinigten Staaten miteinander leben werden
3 Rochade – strategischer Spielzug im Schach
4 Senior-Copywriter – vorgesetzter Werbetexter
Aufgaben 2 und 3
2
Untersuchen Sie die Gemeinsamkeiten zwischen der Beziehung von Dora und Robert (Material) und der Beziehung von Clara und Nathanael aus E.T.A. Hoffmanns Erzählung „Der Sandmann“. (30 BE)
3
„[Sie] mag keine absoluten Wahrheiten und keine Autoritäten, die sich darauf stützen. In ihr wohnt etwas, das sich sträubt. Sie hat keine Lust auf den Kampf ums Rechthaben und will nicht Teil einer Meinungsmannschaft sein. Normalerweise ist ihr Sträuben kein Sich-Wehren. Man sieht es nicht. Sie lebt angepasst. Das Sträuben erzeugt eher eine Art Trotz, ein inneres Ankämpfen gegen die Verhältnisse.“ (Material)
Überprüfen Sie, ob diese Beschreibung Doras auch auf Mia Holl aus Juli Zehs Roman „Corpus Delicti. Ein Prozess“ zutrifft. (30 BE)

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
2 Untersuchen Sie die Gemeinsamkeiten zwischen der Beziehung von Dora und Robert (Material) und der Beziehung von Clara und Nathanael aus E.T.A. Hoffmanns Erzählung „Der Sandmann“. (30 BE)
Lösung: Zur Untersuchung der Gemeinsamkeiten in beiden Beziehungen: - Ausgelöst durch die Veränderungen des Mannes gibt es in der Beziehung von Dora und Robert sowie in der Beziehung von Clara und Nathanael zunehmend Differenzen. Der Besuch eines Wetterglashändlers ruft bei Nathanael traumatische Kindheitserinnerungen mit dem „Sandmann“ in Verbindung mit dem Tod seines Vaters wieder hervor, die ihn düster in die Zukunft blicken lassen. - Clara und Nathanael werden wie Dora und Robert auch als unterschiedliche Charaktere geschildert: Clara als die Vernünftige, Pragmatische, Gutbürgerliche, Nathanael als der mystische, poetische Künstler, der rechthaberisch „absolute Wahrheiten“ wie Robert vertritt. - Wie Dora versucht, Roberts Absolutheitsanspruch mit ihrer manchmal selbstzweifelnden, differenzierteren Wirklichkeitswahrnehmung etwas entgegenzusetzen, will Clara Nathanael mit rationalen Erklärungsversuchen helfen, seine traumatischen Erlebnisse zu verarbeiten. Dies wird schon im zweiten Brief zu Beginn der Erzählung und immer wieder in deren weiteren Verlauf deutlich. - Robert lässt sich jedoch nicht mehr auf symmetrische, konstruktive Gespräche mit Dora ein und auch Clara wird von Nathanael nicht als gleichberechtigte Gesprächspartnerin akzeptiert. Er bezeichnet sie häufig als Kind und schimpft mit Lothar, wenn dieser ihr die Zusammenhänge erklären möchte. - Nathanaels psychische Erkrankung ist zwar sehr viel manifester als die durch Dora angedeuteten psychischen Veränderungen Roberts, eine völlige Akzeptanz seiner Ideen und Werke wie durch Olimpia hätte Robert vermutlich auch gerne: kein inneres Sträuben und kein Trotz mehr von Doras Seite, kein eigenständiger Widerspruch, sondern eine bedingungslose Zustimmung, die ultimative „Gefolgschaft“. - Ein gemeinsamer Grund für das Scheitern beider Beziehungen ist das narzisstische, egozentrische Verhalten beider Männer, ihre Unfähigkeit, symmetrisch und wertschätzend zu kommunizieren und andere in ihrer Verschiedenartigkeit zu akzeptieren.
3 „[Sie] mag keine absoluten Wahrheiten und keine Autoritäten, die sich darauf stützen. In ihr wohnt etwas, das sich sträubt. Sie hat keine Lust auf den Kampf ums Rechthaben und will nicht Teil einer Meinungsmannschaft sein. Normalerweise ist ihr Sträuben kein Sich-Wehren. Man sieht es nicht. Sie lebt angepasst. Das Sträuben erzeugt eher eine Art Trotz, ein inneres Ankämpfen gegen die Verhältnisse.“ (Material) Überprüfen Sie, ob diese Beschreibung Doras auch auf Mia Holl aus Juli Zehs Roman „Corpus Delicti. Ein Prozess“ zutrifft. (30 BE)
Lösung: Aufgabe 3: - Die Beschreibung „Sie lebt angepasst“ der jungen Werbetexterin Dora trifft zunächst auch auf die 34-jährige Biologin Mia im dystopischen Roman „Corpus Delicti. Ein Prozess“ von Juli Zeh zu. Beide fallen in den gesellschaftlichen Systemen, in denen sie leben, zunächst nicht als widerständig auf, Mia ist zwar einzelgängerisch, hält sich aber zunächst an die Bestimmungen und Forderungen des Systems. - Eine Ausnahme stellt Mias Besuch ihres 27-jährigen Bruders Moritz an seinem Aussteigerplatz, der „Kathedrale“, in der verbotenen unhygienischen Natur im Wald am Bach, dar. Moritz steht dem autoritären Staat kritisch gegenüber, Mia versucht ihn aber von der Richtigkeit der geforderten Maßnahmen zu überzeugen. - Im Gegensatz zu Dora, die in der demokratischen Bundesrepublik lebt und „keine absoluten Wahrheiten und keine Autoritäten, die sich darauf stützen,“ akzeptieren mag, hat Mia zu Beginn in der dystopischen Gesundheitsdiktatur als rationale Naturwissenschaftlerin kein Problem damit, dem absoluten Wahrheitsanspruch der METHODE, dass Gesundheit das Wichtigste im Staat ist, zu folgen. Sie verspürt daher auch kein inneres „Sträuben“ wie Dora. - Erst der Suizid ihres Bruders, der, zu Unrecht der Vergewaltigung und des Mordes beschuldigt, verhaftet und zum Einfrieren verurteilt wird, führt dazu, dass Mia, die von Anfang an trotz der erdrückenden Last der Beweise gefühlsmäßig an die Unschuld ihres Bruders glaubt, sich in ihrer Trauer immer mehr mit seinen Ansichten identifiziert und anfängt, die absoluten Wahrheiten des Staates zu hinterfragen. - Vernachlässigt sie zunächst nur ihre obligatorischen Gesundheitspflichten und möchte bloß in Ruhe gelassen werden, führt der zweite Prozess, der den Justizirrtum der Verurteilung ihres Bruders aufzeigt, dazu, dass sie sich zu einer vehementen Kritikerin der METHODE entwickelt und dies auch nicht nur durch „ein inneres Ankämpfen gegen die Verhältnisse“, sondern öffentlich äußern möchte. Dies ist ihr in dieser Diktatur, die keinen Raum für freie Meinungsäußerung und kritisches Hinterfragen einräumt, allerdings nicht möglich. Mia wird unrechtmäßig und mit unlauteren Mitteln als staatsfeindliche Terroristin angeklagt, gefoltert und verurteilt. - Eine Rolle spielt in Mias Änderungsprozess gegenüber den „absoluten Wahrheiten“ und Autoritäten die ideale Geliebte, eine imaginäre Gesprächspartnerin, die Moritz ihr kurz vor seinem Tode zugeeignet hat und die dessen kritische Position mit ironischen Kommentaren in Mias Gedanken vertritt und sie zur Reflexion anregt. Folgerichtig verschwindet sie aus Mias Leben, als diese ihren Sinneswandel vollzogen hat und sich zur freien Meinungsäußerung und dem Hinterfragen der absoluten Wahrheit der METHODE im Streitgespräch mit Heinrich Kramer kritisch bekennt: „Heute nennen wir es METHODE. Immer absolute Wahrheit, immer das reine Gute, immer das zwingende Bedürfnis, die ganze Welt damit zu beglücken“. - Der gesamte Roman „Corpus Delicti. Ein Prozess“ kann als dystopische Warnung gelesen werden, wozu ein Absolutsetzen von Wahrheiten in einem autoritären System führen kann, und so als Aufforderung verstanden werden, kritische Diskurse in meinungspluralen, demokratischen Gesellschaften zu führen. Mögliches Fazit: Am Ende des Änderungsprozesses steht Mia Holl diesen absoluten Wahrheiten, der Teilnahme an Meinungsmannschaften und Rechthaberei nicht nur innerlich kritisch gegenüber, denn sie lebt nicht mehr angepasst und trotzt den Verhältnissen mit aktivem Widerstand. Das Zitat ist daher nur eingeschränkt auf die Figur der Mia Holl anwendbar.
Die ausführliche Erklärung Schritt für Schritt (mit KI) gibt es mit Premium. Premium
Löse sie direkt hier: automatische Korrektur, Hinweise und Lösung Schritt für Schritt.
Aufgabe Vorschlag B - Aufgabe 2 · GK 2022 ›
Mehr Aufgaben zu Pflichtlektüre: Vergleich und literarische Erörterung
- Aufgabe Vorschlag B - Aufgabe 2 · GK 2022
- Aufgabe Vorschlag C - Aufgaben 2 und 3 · GK 2022
- Aufgabe Vorschlag D - Aufgabe 2 · GK 2022
- Aufgabe Vorschlag B - 2 · LK 2022
- Aufgabe Vorschlag C - 2 · LK 2022
- Aufgabe Vorschlag B - Aufgabe 2 · GK 2021
- Aufgabe Vorschlag C - Aufgabe 2 · GK 2021
- Aufgabe Vorschlag B - Aufgabe 3 · LK 2021
- Aufgabe Vorschlag C - Aufgabe 2 · LK 2021