Aufgabe Vorschlag D - Aufgabe 3 · Abitur Hessen Deutsch GK 2022

Thema: Erörterung und Stellungnahme · Aus der Prüfung GK (2022)

Aufgabenstellung

Sprache und Macht

Dieser Vorschlag bezieht sich auf die Pflichtlektüre Georg Büchner: Woyzeck.

Material

Beitrag von Nils Meyer-Ohlendorf in der Reihe „Framing-Check“ in der Süddeutschen Zeitung vom 14.12.2018

Wo Sprache ist, da ist auch Subtext. Vor allem dort, wo Sprache politisch wird. Zur Analyse dieser

Subtexte hat sich in der Forschung in den vergangenen Jahren das Konzept des Framings etabliert.

Framing meint einen Assoziations- und damit Deutungsrahmen für Begriffe: Wer zum Beispiel

„Zitrone“ hört, denkt vermutlich an „sauer“ oder „gelb“. Das lässt sich politisch instrumentalisieren.

5 Frames definieren oft ein Problem – und liefern, wenigstens implizit, auch gleich die passende

Lösung. Bei einem Begriff wie „Flüchtlingsstrom“ sieht man vor dem geistigen Auge vermutlich

große Menschenmassen heranrauschen – eine Naturgewalt und darin ein Bedrohungsszenario. Was die

vermeintliche Lösung „Abschottung“ nahelegt. […]

„Klimawandel“ ist ein gängiger Begriff in der politischen und gesellschaftlichen Debatte. Er wird wie

10 selbstverständlich von allen benutzt – vom Klimaschützer bis zum Klimaskeptiker, vom Politiker bis

zum Wissenschaftler. Er findet sich im Titel von vielen Regierungsdokumenten. Deutschland und

Österreich haben zum Beispiel „Strategien zur Anpassung an den Klimawandel“ entwickelt. […]

Der Begriff „Klimawandel“ suggeriert einen natürlichen Prozess. Fünf Milliarden Jahre Erdgeschichte

sind fünf Milliarden Jahre Klimawandel. Warmzeiten kommen und gehen – ebenso die Eiszeiten; auch

15 sie kommen und gehen. Das Klima der Erde hat sich schon immer gewandelt. Dies ist ein normaler,

natürlicher Prozess. Als natürlicher Prozess erscheint Klimawandel unaufhaltsam.

Der Begriff „Wandel“ bezeichnet zudem für gewöhnlich einen langsamen und linearen Prozess. Man

spricht vom Wandel der Zeiten und will damit sagen, dass die Dinge sich über lange Zeiträume gleich-

mäßig ändern. Von einem langsamen Prozess erwartet man jedoch zumeist keine besonders schmerz-

20 haften Auswirkungen. […]

Der Begriff „Klimawandel“ entpolitisiert, weil er den Blick auf Ursache, Dringlichkeit und den mitun-

ter auch politischen Charakter des Problems verstellt. Dies geschieht auf dreierlei Weise.

Weil der Begriff einen natürlichen Prozess suggeriert, wird die Bedeutung des Menschen darin fast

unsichtbar. Klimawandel suggeriert, dass der Mensch Klimaänderungen nicht verursachen kann. Das

25 kann nur die Natur. Aufhalten kann der Mensch den Klimawandel demnach schon gar nicht. Nach

Einschätzung des Weltklimarates ist der Anteil des Menschen am Temperaturanstieg aber der mit Ab-

stand wichtigste Faktor. Es wird zudem verschleiert, dass Emissionsreduktionen (von Treibhausgasen)

die Änderung des Klimas verlangsamen und aufhalten können. Kurz: Es wird überlagert, dass der Kli-

mawandel auch ein politisches Problem ist.

30 Der Begriff „Klimawandel“ lässt an einen linearen Prozess denken. An einen Prozess mit langsamer

und gleichmäßiger Geschwindigkeit können sich Menschen anpassen. Damit übertüncht der Begriff,

dass der Temperaturanstieg sich beschleunigt und schneller Auswirkungen zeigen wird als lange ange-

nommen: Das Auftauen des Permafrostbodens 1 setzt zum Beispiel Methan frei, ein starkes Treibhaus-

gas, das Klimaänderungen weiter beschleunigt. Die Zerstörung des Amazonas-Regenwaldes ist ein

35 weiteres Beispiel: Werden etwa die gewaltigen Mengen an Kohlenstoff, die er speichert, durch Brand-

rodungen als Kohlendioxid freigesetzt, heizt das das Klima weiter an. Diese sogenannten Kipppunkte

wirken also wie Brandbeschleuniger, die die Geschwindigkeit von Klimaänderungen plötzlich ex-

ponentiell steigern können.

Der Begriff „Klimawandel“ suggeriert schließlich wenige schmerzhafte Änderungen im Klima. Zwei

40 oder drei Grad mehr wären vielleicht nicht schlecht, mag man denken, schon gar nicht in Mitteleuropa.

Doch damit blendet man aus, dass kleine Änderungen in der globalen Durchschnittstemperatur große

Änderungen in bestimmten Regionen bedeuten. Diese regionalen Änderungen können nicht nur drasti-

sche Auswirkungen auf diese Gegenden haben, sondern auf die gesamte Erde. Das Abschmelzen des

Grönlandeises ist ein Beispiel für ein regionales Ereignis mit drastischen globalen Auswirkungen.

45 Die weitläufige und selbstverständliche Verwendung des Begriffs „Klimawandel“ ist ein wichtiger

Framing-Sieg für diejenigen, die kein Interesse an den erforderlichen Emissionsreduktionen haben. Es

ist kein Wunder, dass mit diesem Framing weder Bürger noch Politik Emissionen in ausreichendem

Maße senken. […]

„Klimakrise“ oder „Überhitzung der Erde“ sind präzisere Begriffe. Sie machen Ursache und Dring-

50 lichkeit des Problems deutlicher. In anderen Politikfeldern nehmen wir den Begriff „Krise“ schnell in

den Mund – Eurokrise oder Flüchtlingskrise –, vermeiden ihn aber, wenn wir über grundlegende Ver-

werfungen unseres planetarischen Systems sprechen.

1 Permafrostboden – Boden, welcher unter der Erdoberfläche mindestens zwei Jahre ununterbrochen Temperaturen unter dem Gefrierpunkt aufweist

Nils Meyer-Ohlendorf: Framing-Check: Klimawandel, in: Süddeutsche Zeitung vom 14.12.2018,

URL: www.sueddeutsche.de/kultur/framing-check-klimawandel-begriff-1.4252824 (abgerufen am 03.02.2022).

Hinweise

Nils Meyer-Ohlendorf leitet das International and European Gouvernance Program des Ecologic Instituts, ein gemeinnütziges, von Europäischer Kommission und Europäischem Parlament mitfinanziertes Institut.

Die Rechtschreibung entspricht der Textvorlage.

3

In einem wissenschaftlichen Aufsatz mit dem Titel „Die verborgenen Mechanismen der Macht enthüllen“ schreibt der Soziologe Pierre Bourdieu (1930–2002):

„Tatsächlich üben Worte eine typisch magische Macht aus: sie machen sehen, sie machen glauben, sie machen handeln.“

Diskutieren Sie Bourdieus These im Hinblick auf Sprache und ihre Wirkung in Medien.

(25 BE)

Aufgabenstellung: Aufgabe Vorschlag D - Aufgabe 3 · Abitur Hessen Deutsch GK 2022

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

Diskutieren Sie Bourdieus These im Hinblick auf Sprache und ihre Wirkung in Medien.

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