Abitur Hessen Deutsch 2021 · LK
Abiturprüfung Deutsch in Hessen 2021, LK: 8 Aufgaben mit Lösungen. Themen: Interpretation epischer Texte. Mit automatischer Korrektur.
Themen der Prüfung: Interpretation epischer Texte · Pflichtlektüre: Vergleich und literarische Erörterung · Analyse pragmatischer Texte · Erörterung und Stellungnahme · Materialgestütztes Verfassen von Texten
Aufgabe Vorschlag A - Aufgaben 1 und 2 · Interpretation epischer Texte
Material 1
Peter Kurzeck: Kein Frühling (1987)
Wie denn die Seelen zählen? Gekommen amtlich im Jahr des Herrn, im Hungerjahr 1946. Im Juli, mit
einem Flüchtlingstransport, da war ich drei Jahre alt. Die vorangegangenen vierhundert Tage und
Nächte unterwegs in Güterzügen ohne Bestimmung, mit Viehwaggons, auf enteigneten Lastwagen,
Soldatenautos, Planwagen, Pferdewagen die dir mit jedem Tag, wenn er geht, immer wieder davonfah-
5 ren. Der Himmel drüberhin ist ins Fließen geraten, kommt dir entgegen; jeder Schlaf träumt dich heim.
Immer bleibst du zurück, fährst dir hundertmal selbst davon und kannst dich nicht aufgeben. Mit
Handkarren, zu Fuß, zu Fuß und in Lagern: Schub-, Auffang-, Durchgangs-, Sammel- und Notaufnah-
melager durch die wir, die durch uns hindurch sind. Ferne Küsten am Himmel, ganze Kontinente im
Aufbruch begriffen. Seit wir uns erinnern, ziehen die Wolken nach Osten. Daß du keine Einzelheit je
10 vergessen dürftest, dein Bündel, dein Eigentum, das schleppst du von nun an mit.
Zuletzt in Gießen/Lahn: aufgefangen, gesammelt, zur Not, in der Not aufgenommen; weiter wohin?
Um Zeit, um Brot und um Suppe anstehn, eine Decke um Gottes Willen, so hat jeder Tag sein Gerüst
und dient uns zum Überleben. Und ein Jeder, so heißt es, soll nun bald eingetragen werden mit altem
Namen und neuer Nummer in eine gültige Liste: das ist er dann fortan selbst. Wenn du die Augen zu-
15 machst, gleich fangen die Baracken wie Käfer zu kriechen an, du bist ihre schwankende Last. Die Not
gelernt, erst hungern dann sprechen gelernt; jeder Schlaf träumt dich heim. Immer noch hinter dir
selbst her, wie denn ankommen? Du hast die Welt nicht verstanden und sie dir jeden Tag mit aller
Kraft neu erklären müssen. Damit sie dich nicht verläßt. Und immer wieder zum Anfang zurück. Daß
du nur nichts vergißt, es wäre verloren für immer! Allerorten der Flieder, der in diesem Jahr nicht auf-
20 hören will zu blühen, während in den Baracken die Menschen wie Fliegen verrecken, eine Redensart,
Eintagsfliegen in den Abendstunden, die fast ohne Übergang von matten Morgendämmerungen abge-
löst werden, so kurz sind jetzt hier die Nächte. Noch im Schlaf unterwegs, ein allgegenwärtiges dich-
tes Gemurmel das uns begleitet. So weit sich geschleppt bis zum Tod, Kreidekreuze. Aus jedem Lager
wird ein Spital, wird ein Fiebertraum. Rund und rot ging schon wieder die Sonne auf. Wie ein Vorzei-
25 chen, eine andere Sonne. Mit all den eigenen fremden Stimmen im Kopf: jeder hat sich insgeheim un-
umgänglich ein langes ernstes Gespräch mit Gott vorgenommen. Demnächst, unbedingt, jeder hat sei-
nen. Auf allen Wegen, auf Schritt und Tritt, hier bist du jetzt daheim, hier bist du registriert. Bloß ster-
ben woanders, nicht in der Finsternis, nicht im Gedränge, nicht in diesem Geruch! Die Leichen mit
Kalk bestreut, in eine Liste eingetragen, numeriert, durchgestrichen und verbrannt.
30 Am Morgen des dritten Tages als Lebende auf fröhlich lärmende Lastwagen verladen, zwölf Kilome-
ter Fahrt. In aller Frühe schon haben die Vögel dich geweckt. Du hast noch heute die Pracht der über-
mäßig blühenden Wegraine im Gedächtnis, die vergängliche Ewigkeit des zugehörigen Sommerhim-
mels und wie wir mit plötzlich gebremstem Schwung (gleich umso drängender klopft dein Herz) berg-
auf in den Burghof einfuhren. Hier sollt ihr der Reihe nach aussteigen, jeder mit seinem Bündel. Da
35 war es immer noch früher Morgen, hellblau die Luft, kühl und leicht. Kommt dir vor, daß mit dem
Ausladen, Absteigen und Verlesen der Listen der ganze unermeßliche Tag ist vertrödelt worden. Hat
jeder sich deutlich neben seinem Namen aufzustellen. Wie es sich trifft: die Einen bleiben gleich hier
auf der Burg, Notquartier, Sperrholzverschläge, die Anderen kriegen amtliche Zettel für ein Zimmer
im Dorf; man weiß nicht, wer besser (schlimmer) dran ist. Auf jedem Zettel ein runder Stempel; ein
40 Zettel ist noch kein Zimmer. Derweil ist der Tag vergangen, wie ging das denn zu? Vor einer Weile im
wäßrig zerfließenden Licht sind schwarzgefleckte Kühe am Burgtor vorbeigeführt worden. In weiter
Ferne, gerade das weißt du noch. Vorher hast du nur weiße und braune Kühe gekannt und jetzt ist der
Tag vergangen.
Die Burg eine verzweigte Abendruine, ein düsteres Felsgebirge und fängt an zu husten. Die Häuser
45 tun fremd und gaffen mit leeren Fenstern. Schwer lastet bis heute der amtlich vergeudete Tag auf dir.
Jetzt kannst du mit deiner einzigen großen Schwester da bei eurem wie erschlagenen Bündel sitzen,
die Lippen wie zu für immer. Unter diesem abendhellen Schweigehimmel voll Schwalben im Flug.
Wir sind Menschen. Die Mutter hat euch ein Lächeln dagelassen und ist mit dem amtlichen Zettel und
mit ihrer eigenen Müdigkeit hinunter ins fremde Dorf, um nach dem zugewiesenen Zimmer zu suchen.
50 Wie in einem Märchen, das Haus hat gewartet, sie wird an die Tür klopfen. Sie bringt es dann mit oder
holt euch gleich ab, auch wenn sie nie lernen wird, den hiesigen Dialekt zu verstehen. Bis sie starb
nicht ein einziges Wort. Jetzt kannst du dir in seiner unerläßlichen Dauer geduldig jeden einzelnen
Schritt von ihr vorstellen, jetzt am Abend liegt der Erdboden so still unter deinen Füßen. Die Schatten
die auf euch zu wachsen. Du wirst dich nicht rühren, bis sie zurück ist und du hast in ihrem Gesicht
55 gelesen.
Und daß du schon damals, schon bei der Ankunft dich hoffnungslos fremd gefühlt hättest, in der Ver-
bannung. Und die Gesichter der Häuser, den lieblosen Dialekt, das Fehlen des Lichts, die falschen Far-
ben als Kränkung empfunden; das bleibt. Jetzt liegt das Dorf unerreichbar im Jahr 1947. Staufenberg
im Kreis Gießen.
Peter Kurzeck: Kein Frühling. Roman, Frankfurt am Main 3. Aufl. 2014, S. 39 ff.
Material 2
Ralph Schock im Gespräch mit Peter Kurzeck: „Wenn ich schreibe, kann mir nichts passieren“ (2011)
PETER KURZECK: [...] Ich habe mir vorgenommen, mein Zeitalter aufzuschreiben. Jetzt ist es noch
wie eine Landkarte, die erst entsteht, oder ein Puzzle. Da und dort sind schon ein paar Flecken zu er-
kennen, aber es ist mühsam, sich vorzustellen, was aus dem Ganzen einmal wird. [...] Ich habe die
nächsten zwei oder drei Bücher schon angefangen, für jedes Hunderte von Manuskriptseiten geschrie-
5 ben und Hunderte von Seiten mit Notizen vorbereitet. Jetzt komme ich mir vor wie in der Nachkriegs-
zeit, mit acht, als wir kein Geld und keine richtige Wohnung hatten, nur ein Flüchtlingszimmer, einen
Gemeinschaftsdachboden und eine Gemeinschaftswaschküche, und aus den Lagern gerade erst heraus
und nach Hessen gekommen waren. Wir hatten nur einen geliehenen Küchentisch und eine Küchen-
lampe mit einer 15-Watt-Birne. Natürlich mußte gespart werden, die wurde nur angemacht, wenn es
10 ganz dunkel war – in der Dämmerung noch lange nicht. Wenn sie aber dann angemacht wurde, gab sie
ein schönes trübgoldenes Licht und machte aus dem Raum eine Art Höhle, weil sie die Ecken nicht
ausleuchtete. Es war ein Licht wie auf einem Rembrandt. Und ich sehe mich als Acht- oder Zehnjähri-
gen abends am Küchentisch sitzen, unter der geliehenen Lampe am geliehenen Küchentisch, auch die
Stühle waren nicht unsere eigenen, und ich habe ein Stück Papier vor mir. Papier war damals etwas
15 Kostbares. Auch heute werde ich beim Schreiben nie den Gedanken los, daß es etwas Kostbares ist
und daß man es bevorraten muß, damit man immer welches hat. Und ich sehe mich an diesem Tisch
sitzen und mich erst mit Bleistift und dann mit Buntstiften ein Königreich malen, weil wir so arm wa-
ren... Ich bin natürlich ein König, sonst wäre die Armut ja nicht auszuhalten gewesen. Und das ist,
glaube ich, so etwas wie die Vorwegnahme dessen, was ich jetzt tue, nämlich Bücher zu schreiben, die
20 mein Zeitalter festhalten sollen.
Ralph Schock: „Wenn ich schreibe, kann mir nichts passieren“. Gespräch mit Peter Kurzeck, SINN UND FORM 5/2011, S. 624–633, URL: https://sinn-und-form.de/index.php?tabelle=leseprobe&titel_id=4404 (abgerufen am 12.12.2019).
Hinweise
Peter Kurzeck (*1943 in Tachau, heute Tschechische Republik; †2013 in Frankfurt am Main) war ein deutscher Schriftsteller. Seine Familie wurde 1946 aus dem Sudetenland vertrieben. Er zog mit seiner Mutter und seiner Schwester nach Staufenberg bei Gießen, wo er auch seine Jugend verbrachte. Nach dem Tod seiner Mutter 1971 lebte er noch bis 1977 in der ehemaligen Flüchtlingswohnung in Staufenberg. Er begann Anfang der neunziger Jahre seine autobiografische Romanfolge „Das alte Jahrhundert“ zu verfassen. Er war Träger verschiedener Literaturpreise.
Rechtschreibung und Zeichensetzung beider Texte entsprechen den jeweiligen Textvorlagen.
Aufgaben 1 und 2
1
Fassen Sie den Inhalt des Auszugs aus dem Roman „Kein Frühling“ von Peter Kurzeck zusammen. (Material 1) [25 BE]
2
Analysieren Sie den Text (Material 1) hinsichtlich der sprachlich-formalen Gestaltung und der inhaltlichen Aspekte. Arbeiten Sie dabei heraus, inwieweit im Textauszug romantische Motive gespiegelt werden. [45 BE]
Aufgabe Vorschlag A - Aufgabe 3 · Erörterung und Stellungnahme
Material 1
Peter Kurzeck: Kein Frühling (1987)
Wie denn die Seelen zählen? Gekommen amtlich im Jahr des Herrn, im Hungerjahr 1946. Im Juli, mit
einem Flüchtlingstransport, da war ich drei Jahre alt. Die vorangegangenen vierhundert Tage und
Nächte unterwegs in Güterzügen ohne Bestimmung, mit Viehwaggons, auf enteigneten Lastwagen,
Soldatenautos, Planwagen, Pferdewagen die dir mit jedem Tag, wenn er geht, immer wieder davonfah-
5 ren. Der Himmel drüberhin ist ins Fließen geraten, kommt dir entgegen; jeder Schlaf träumt dich heim.
Immer bleibst du zurück, fährst dir hundertmal selbst davon und kannst dich nicht aufgeben. Mit
Handkarren, zu Fuß, zu Fuß und in Lagern: Schub-, Auffang-, Durchgangs-, Sammel- und Notaufnah-
melager durch die wir, die durch uns hindurch sind. Ferne Küsten am Himmel, ganze Kontinente im
Aufbruch begriffen. Seit wir uns erinnern, ziehen die Wolken nach Osten. Daß du keine Einzelheit je
10 vergessen dürftest, dein Bündel, dein Eigentum, das schleppst du von nun an mit.
Zuletzt in Gießen/Lahn: aufgefangen, gesammelt, zur Not, in der Not aufgenommen; weiter wohin?
Um Zeit, um Brot und um Suppe anstehn, eine Decke um Gottes Willen, so hat jeder Tag sein Gerüst
und dient uns zum Überleben. Und ein Jeder, so heißt es, soll nun bald eingetragen werden mit altem
Namen und neuer Nummer in eine gültige Liste: das ist er dann fortan selbst. Wenn du die Augen zu-
15 machst, gleich fangen die Baracken wie Käfer zu kriechen an, du bist ihre schwankende Last. Die Not
gelernt, erst hungern dann sprechen gelernt; jeder Schlaf träumt dich heim. Immer noch hinter dir
selbst her, wie denn ankommen? Du hast die Welt nicht verstanden und sie dir jeden Tag mit aller
Kraft neu erklären müssen. Damit sie dich nicht verläßt. Und immer wieder zum Anfang zurück. Daß
du nur nichts vergißt, es wäre verloren für immer! Allerorten der Flieder, der in diesem Jahr nicht auf-
20 hören will zu blühen, während in den Baracken die Menschen wie Fliegen verrecken, eine Redensart,
Eintagsfliegen in den Abendstunden, die fast ohne Übergang von matten Morgendämmerungen abge-
löst werden, so kurz sind jetzt hier die Nächte. Noch im Schlaf unterwegs, ein allgegenwärtiges dich-
tes Gemurmel das uns begleitet. So weit sich geschleppt bis zum Tod, Kreidekreuze. Aus jedem Lager
wird ein Spital, wird ein Fiebertraum. Rund und rot ging schon wieder die Sonne auf. Wie ein Vorzei-
25 chen, eine andere Sonne. Mit all den eigenen fremden Stimmen im Kopf: jeder hat sich insgeheim un-
umgänglich ein langes ernstes Gespräch mit Gott vorgenommen. Demnächst, unbedingt, jeder hat sei-
nen. Auf allen Wegen, auf Schritt und Tritt, hier bist du jetzt daheim, hier bist du registriert. Bloß ster-
ben woanders, nicht in der Finsternis, nicht im Gedränge, nicht in diesem Geruch! Die Leichen mit
Kalk bestreut, in eine Liste eingetragen, numeriert, durchgestrichen und verbrannt.
30 Am Morgen des dritten Tages als Lebende auf fröhlich lärmende Lastwagen verladen, zwölf Kilome-
ter Fahrt. In aller Frühe schon haben die Vögel dich geweckt. Du hast noch heute die Pracht der über-
mäßig blühenden Wegraine im Gedächtnis, die vergängliche Ewigkeit des zugehörigen Sommerhim-
mels und wie wir mit plötzlich gebremstem Schwung (gleich umso drängender klopft dein Herz) berg-
auf in den Burghof einfuhren. Hier sollt ihr der Reihe nach aussteigen, jeder mit seinem Bündel. Da
35 war es immer noch früher Morgen, hellblau die Luft, kühl und leicht. Kommt dir vor, daß mit dem
Ausladen, Absteigen und Verlesen der Listen der ganze unermeßliche Tag ist vertrödelt worden. Hat
jeder sich deutlich neben seinem Namen aufzustellen. Wie es sich trifft: die Einen bleiben gleich hier
auf der Burg, Notquartier, Sperrholzverschläge, die Anderen kriegen amtliche Zettel für ein Zimmer
im Dorf; man weiß nicht, wer besser (schlimmer) dran ist. Auf jedem Zettel ein runder Stempel; ein
40 Zettel ist noch kein Zimmer. Derweil ist der Tag vergangen, wie ging das denn zu? Vor einer Weile im
wäßrig zerfließenden Licht sind schwarzgefleckte Kühe am Burgtor vorbeigeführt worden. In weiter
Ferne, gerade das weißt du noch. Vorher hast du nur weiße und braune Kühe gekannt und jetzt ist der
Tag vergangen.
Die Burg eine verzweigte Abendruine, ein düsteres Felsgebirge und fängt an zu husten. Die Häuser
45 tun fremd und gaffen mit leeren Fenstern. Schwer lastet bis heute der amtlich vergeudete Tag auf dir.
Jetzt kannst du mit deiner einzigen großen Schwester da bei eurem wie erschlagenen Bündel sitzen,
die Lippen wie zu für immer. Unter diesem abendhellen Schweigehimmel voll Schwalben im Flug.
Wir sind Menschen. Die Mutter hat euch ein Lächeln dagelassen und ist mit dem amtlichen Zettel und
mit ihrer eigenen Müdigkeit hinunter ins fremde Dorf, um nach dem zugewiesenen Zimmer zu suchen.
50 Wie in einem Märchen, das Haus hat gewartet, sie wird an die Tür klopfen. Sie bringt es dann mit oder
holt euch gleich ab, auch wenn sie nie lernen wird, den hiesigen Dialekt zu verstehen. Bis sie starb
nicht ein einziges Wort. Jetzt kannst du dir in seiner unerläßlichen Dauer geduldig jeden einzelnen
Schritt von ihr vorstellen, jetzt am Abend liegt der Erdboden so still unter deinen Füßen. Die Schatten
die auf euch zu wachsen. Du wirst dich nicht rühren, bis sie zurück ist und du hast in ihrem Gesicht
55 gelesen.
Und daß du schon damals, schon bei der Ankunft dich hoffnungslos fremd gefühlt hättest, in der Ver-
bannung. Und die Gesichter der Häuser, den lieblosen Dialekt, das Fehlen des Lichts, die falschen Far-
ben als Kränkung empfunden; das bleibt. Jetzt liegt das Dorf unerreichbar im Jahr 1947. Staufenberg
im Kreis Gießen.
Peter Kurzeck: Kein Frühling. Roman, Frankfurt am Main 3. Aufl. 2014, S. 39 ff.
Material 2
Ralph Schock im Gespräch mit Peter Kurzeck: „Wenn ich schreibe, kann mir nichts passieren“ (2011)
PETER KURZECK: [...] Ich habe mir vorgenommen, mein Zeitalter aufzuschreiben. Jetzt ist es noch
wie eine Landkarte, die erst entsteht, oder ein Puzzle. Da und dort sind schon ein paar Flecken zu er-
kennen, aber es ist mühsam, sich vorzustellen, was aus dem Ganzen einmal wird. [...] Ich habe die
nächsten zwei oder drei Bücher schon angefangen, für jedes Hunderte von Manuskriptseiten geschrie-
5 ben und Hunderte von Seiten mit Notizen vorbereitet. Jetzt komme ich mir vor wie in der Nachkriegs-
zeit, mit acht, als wir kein Geld und keine richtige Wohnung hatten, nur ein Flüchtlingszimmer, einen
Gemeinschaftsdachboden und eine Gemeinschaftswaschküche, und aus den Lagern gerade erst heraus
und nach Hessen gekommen waren. Wir hatten nur einen geliehenen Küchentisch und eine Küchen-
lampe mit einer 15-Watt-Birne. Natürlich mußte gespart werden, die wurde nur angemacht, wenn es
10 ganz dunkel war – in der Dämmerung noch lange nicht. Wenn sie aber dann angemacht wurde, gab sie
ein schönes trübgoldenes Licht und machte aus dem Raum eine Art Höhle, weil sie die Ecken nicht
ausleuchtete. Es war ein Licht wie auf einem Rembrandt. Und ich sehe mich als Acht- oder Zehnjähri-
gen abends am Küchentisch sitzen, unter der geliehenen Lampe am geliehenen Küchentisch, auch die
Stühle waren nicht unsere eigenen, und ich habe ein Stück Papier vor mir. Papier war damals etwas
15 Kostbares. Auch heute werde ich beim Schreiben nie den Gedanken los, daß es etwas Kostbares ist
und daß man es bevorraten muß, damit man immer welches hat. Und ich sehe mich an diesem Tisch
sitzen und mich erst mit Bleistift und dann mit Buntstiften ein Königreich malen, weil wir so arm wa-
ren... Ich bin natürlich ein König, sonst wäre die Armut ja nicht auszuhalten gewesen. Und das ist,
glaube ich, so etwas wie die Vorwegnahme dessen, was ich jetzt tue, nämlich Bücher zu schreiben, die
20 mein Zeitalter festhalten sollen.
Ralph Schock: „Wenn ich schreibe, kann mir nichts passieren“. Gespräch mit Peter Kurzeck, SINN UND FORM 5/2011, S. 624–633, URL: https://sinn-und-form.de/index.php?tabelle=leseprobe&titel_id=4404 (abgerufen am 12.12.2019).
Hinweise
Peter Kurzeck (*1943 in Tachau, heute Tschechische Republik; †2013 in Frankfurt am Main) war ein deutscher Schriftsteller. Seine Familie wurde 1946 aus dem Sudetenland vertrieben. Er zog mit seiner Mutter und seiner Schwester nach Staufenberg bei Gießen, wo er auch seine Jugend verbrachte. Nach dem Tod seiner Mutter 1971 lebte er noch bis 1977 in der ehemaligen Flüchtlingswohnung in Staufenberg. Er begann Anfang der neunziger Jahre seine autobiografische Romanfolge „Das alte Jahrhundert“ zu verfassen. Er war Träger verschiedener Literaturpreise.
Rechtschreibung und Zeichensetzung beider Texte entsprechen den jeweiligen Textvorlagen.
Aufgabe 3
„Jetzt komme ich mir vor wie in der Nachkriegszeit“. (Material 2)
Beurteilen Sie anhand der beiden vorliegenden Materialien, inwieweit der Autor Kurzeck die Situation und das Selbstverständnis der Schriftsteller kurz nach dem Zweiten Weltkrieg literarisch verarbeitet. [30 BE]
Aufgabe Vorschlag B - Aufgaben 1 und 2 · Interpretation epischer Texte
Vorschlag B: Selbstdarstellung und Fremdwahrnehmung
Material
Rainald Goetz: Johann Holtrop. Abriss der Gesellschaft (2012)
Die zentrale Figur in Rainald Goetz' Roman ist der 48-jährige Vorstandsvorsitzende Dr. Johann Holtrop, seit einigen Jahren Firmenchef der Firma Assperg mit 80 000 Beschäftigten und einem Jahresumsatz von fast 20 Milliarden.
Holtrop saß in einem Besprechungszimmer des Grand Hyatt Honkong, als er auf seinem Blackberry 1
den Anfang des Porträts zu lesen bekam, das heute in Deutschland in der Wochenzeitung Die Woche
über ihn erschienen war. Unter der Überschrift DER ZUKUNFTSFREAK hieß es da: „Die Hälfte sei-
ner Arbeitszeit verbringt der rastlose Firmenchef in den USA.“ Die andere Hälfte, hätte es heißen
5 müssen, in Fernost, dort war Holtrop inzwischen sogar noch öfter als in New York. Hier hatte man
schon den ganzen Tag gearbeitet, wenn in Deutschland die Leute gerade erst ihre Computer anmach-
ten, das war ein täglicher Vorsprung, näher an der Zukunft ging hier die Sonne abends unter, hinter
den neuesten Hochhäusern auf der anderen Seite des Hafens im Dunst. Vor dem Fenster standen zwei
von Holtrops Gesprächspartnern, die eine Verhandlungspause erbeten hatten, und beredeten sich halb-
10 laut auf Chinesisch. [...]
Holtrop überflog den Text des Porträts. Die Tendenz war positiv, das war sofort zu sehen, das war das
einzige, was ihn interessierte. Die Journalistin berichtete von der Autofahrt nach Berlin, dann vom
Ende des Abends mit Leffers 2 in der Paris Bar. Wie immer wunderte sich Holtrop, wie gut das klang,
was er in Interviews und Porträts schriftlich zu sagen bekam, was er angeblich gesagt hatte. Der Text
15 seiner Rede klang fertiger und besser, als das Gesagte sich beim Reden für ihn selbst angefühlt hatte.
Dieser Verwandlungseffekt gefiel Holtrop. „Was ist, ist, das langweilt mich!“, stand da, das hörte sich
gut an in Holtrops Ohren, das schaute gut aus, besser als der Gedanke, von dem er gar nicht mehr
wusste, dass er ihn so klar ausgesprochen hatte, sich in seinem Kopf dargestellt hatte, härter, zuge-
spitzter und radikaler, so wie die ganze Passage mit der Vision einer zukünftigen Wirtschaft, den
20 Weltentwürfen, dem von Holtrop gegen die Fachidioten in den Finanzabteilungen favorisierten visio-
nären Kapitalismus usw., Holtrop bekam beim Lesen Lust, ein ganzes Buch in dieser Art zu machen,
und sein Blick ging von dem kleinen textgefüllten Bildschirm seines Mobile hoch und durch das Fens-
ter des Hotelzimmers nach draußen, wo er dieses Buch in der Ferne schon vor sich sah, sein Leben,
seine Ideen, seine Philosophie: Johann Holtrop, Die Freiheit der Wirtschaft, eine Streitschrift, oder so
25 ähnlich. „Auch ein Roman wäre denkbar“, dachte Holtrop, man hatte ihm eine Professur angeboten, in
Wiefelspütz oder Wermelskirchen, egal, es gab Möglichkeiten jenseits der Maloche, daran fühlte sich
Holtrop durch diese Gedanken beim Blick aus dem Fenster erinnert: Assperg war nicht alles. Asien
brachte Holtrop jedesmal auf gute Ideen, das war die Ferne und der Osten vielleicht, die andere Luft
hier, die Kälte, die Wärme.
„Sagen Sie mal“, sagte Holtrop in Richtung von Magnussen 3, „für wann haben Sie denn den Tisch be-
stellt?“ und wendete sich zugleich, während Magnussen sein eigenes Telefongespräch unterbrach und
näher kam, wieder seinem Blackberry zu, um per Mail bei Dirlmeier 4 zehn Exemplare der heutigen
Woche zu bestellen. Holtrop hatte natürlich kein Gespür dafür, dass das Porträt, das ihn so übertrieben
positiv zeigte, auf andere Leute verlogen, penetrant oder gar richtig abstoßend wirken, ihm dadurch
35 insgesamt sogar schaden könnte. Mitleidig und leicht blasiert schaute Magnussen auf den da sitzenden
Holtrop herunter, wie der konzentriert seine Tastatur beim Schreiben der Mail bediente, Magnussen
wartete und sagte nichts. Erst als er sich wieder abdrehte, um weiterzutelefonieren, reagierte Holtrop,
hob den Kopf und schaute Magnussen ungeduldig an: „Und?“ „Wie besprochen, acht. Wollen Sie ver-
schieben?“ „Wieso denn?!“ rief Holtrop mit lauter Stimme, weil die von ihm selbst initiierte Interak-
40 tion mit Magnussen ihn in diesem Moment mehr beanspruchte, als er erwartet hatte und als es ihm an-
genehm war. Holtrop startete zwar immer bis zu fünf Aktionen gleichzeitig, das entsprach seinem
Selbstbild vom hyperaktiven Mensch und Macher, der immer maximal unter Strom steht und den
Reichtum seiner inneren Vieldimensionalität kaum bändigen kann, aber in Wirklichkeit war er gar
kein echter Multitasker, im Gegenteil. Holtrop war Hektiker, permanent von der Vielzahl und Gleich-
45 zeitigkeit seiner Aktivitäten überfordert, überlastet, fahrig stolperte er der jeweils neuesten, letztgestar-
teten Aktivität, den Blick schon auf die übernächste gerichtet, hinterher, und die meisten angefangenen
Dinge blieben einfach nicht zuende gebracht irgendwo um ihn herum liegen. Diese strukturelle
Schlampigkeit von Holtrops Arbeitsweise hatte sich mit den Jahren, und speziell mit dem fulminanten
Aufstieg die Karriereleiter hoch nach oben, immer mehr verstärkt, verschlechtert und verschlimmert,
50 zuletzt hatte Holtrop als CEO 5 einen Stab von fünfzehn Leuten unter sich, die alle nichts anderes
machten, als hinter ihm her aufzuräumen, die von ihm ungehemmt wirr angestoßenen Initiativen zu
verfolgen, zu sortieren, abzuschließen oder abzubrechen, und anstatt an sich selbst zu arbeiten und
seine Geistesverschlampung zu bekämpfen, hatte Holtrop sich, natürlich wieder auf die selbstverständ-
lichste Art, ganz das von seiner Hektik hervorgerufene Außenbild zu eigen gemacht, und so sah er sich
55 selbst als Anreger, Kreativkraftwerk, Genie der unkonventionellen Impulse, nicht als den verkomme-
nen Schlamper, der er in Wirklichkeit eben auch war.
Rainald Goetz: Johann Holtrop. Abriss der Gesellschaft, Berlin 2012, S. 169–172.
1 Blackberry – Markenbezeichnung eines Smartphones
2 Leffers – Chef eines Unternehmens mit Standort in Berlin
3 Magnussen – Mitarbeiter des Konzerns am Firmenstandort Hongkong
4 Dirlmeier – persönlicher Referent Holtrops
5 CEO – Chief executive officer; Geschäftsführer
Hinweise
Rainald Goetz (*1954), ein mit mehreren Literaturpreisen ausgezeichneter deutscher Schriftsteller
Die Rechtschreibung entspricht der Textvorlage.
1
Fassen Sie den Textauszug aus Rainald Goetz' Roman „Johann Holtrop“ zusammen. (Material)
(20 BE)
2
Analysieren Sie die inhaltliche und sprachlich-formale Gestaltung des Textes. Berücksichtigen Sie dabei auch die persuasiv-manipulativen Mittel, die bei der öffentlichen Wahrnehmung und Inszenierung Holtrops eine Rolle spielen. (Material)
(45 BE)
Aufgabe Vorschlag B - Aufgabe 3 · Pflichtlektüre: Vergleich und literarische Erörterung
Vorschlag B: Selbstdarstellung und Fremdwahrnehmung
Material
Rainald Goetz: Johann Holtrop. Abriss der Gesellschaft (2012)
Die zentrale Figur in Rainald Goetz' Roman ist der 48-jährige Vorstandsvorsitzende Dr. Johann Holtrop, seit einigen Jahren Firmenchef der Firma Assperg mit 80 000 Beschäftigten und einem Jahresumsatz von fast 20 Milliarden.
Holtrop saß in einem Besprechungszimmer des Grand Hyatt Honkong, als er auf seinem Blackberry 1
den Anfang des Porträts zu lesen bekam, das heute in Deutschland in der Wochenzeitung Die Woche
über ihn erschienen war. Unter der Überschrift DER ZUKUNFTSFREAK hieß es da: „Die Hälfte sei-
ner Arbeitszeit verbringt der rastlose Firmenchef in den USA.“ Die andere Hälfte, hätte es heißen
5 müssen, in Fernost, dort war Holtrop inzwischen sogar noch öfter als in New York. Hier hatte man
schon den ganzen Tag gearbeitet, wenn in Deutschland die Leute gerade erst ihre Computer anmach-
ten, das war ein täglicher Vorsprung, näher an der Zukunft ging hier die Sonne abends unter, hinter
den neuesten Hochhäusern auf der anderen Seite des Hafens im Dunst. Vor dem Fenster standen zwei
von Holtrops Gesprächspartnern, die eine Verhandlungspause erbeten hatten, und beredeten sich halb-
10 laut auf Chinesisch. [...]
Holtrop überflog den Text des Porträts. Die Tendenz war positiv, das war sofort zu sehen, das war das
einzige, was ihn interessierte. Die Journalistin berichtete von der Autofahrt nach Berlin, dann vom
Ende des Abends mit Leffers 2 in der Paris Bar. Wie immer wunderte sich Holtrop, wie gut das klang,
was er in Interviews und Porträts schriftlich zu sagen bekam, was er angeblich gesagt hatte. Der Text
15 seiner Rede klang fertiger und besser, als das Gesagte sich beim Reden für ihn selbst angefühlt hatte.
Dieser Verwandlungseffekt gefiel Holtrop. „Was ist, ist, das langweilt mich!“, stand da, das hörte sich
gut an in Holtrops Ohren, das schaute gut aus, besser als der Gedanke, von dem er gar nicht mehr
wusste, dass er ihn so klar ausgesprochen hatte, sich in seinem Kopf dargestellt hatte, härter, zuge-
spitzter und radikaler, so wie die ganze Passage mit der Vision einer zukünftigen Wirtschaft, den
20 Weltentwürfen, dem von Holtrop gegen die Fachidioten in den Finanzabteilungen favorisierten visio-
nären Kapitalismus usw., Holtrop bekam beim Lesen Lust, ein ganzes Buch in dieser Art zu machen,
und sein Blick ging von dem kleinen textgefüllten Bildschirm seines Mobile hoch und durch das Fens-
ter des Hotelzimmers nach draußen, wo er dieses Buch in der Ferne schon vor sich sah, sein Leben,
seine Ideen, seine Philosophie: Johann Holtrop, Die Freiheit der Wirtschaft, eine Streitschrift, oder so
25 ähnlich. „Auch ein Roman wäre denkbar“, dachte Holtrop, man hatte ihm eine Professur angeboten, in
Wiefelspütz oder Wermelskirchen, egal, es gab Möglichkeiten jenseits der Maloche, daran fühlte sich
Holtrop durch diese Gedanken beim Blick aus dem Fenster erinnert: Assperg war nicht alles. Asien
brachte Holtrop jedesmal auf gute Ideen, das war die Ferne und der Osten vielleicht, die andere Luft
hier, die Kälte, die Wärme.
„Sagen Sie mal“, sagte Holtrop in Richtung von Magnussen 3, „für wann haben Sie denn den Tisch be-
stellt?“ und wendete sich zugleich, während Magnussen sein eigenes Telefongespräch unterbrach und
näher kam, wieder seinem Blackberry zu, um per Mail bei Dirlmeier 4 zehn Exemplare der heutigen
Woche zu bestellen. Holtrop hatte natürlich kein Gespür dafür, dass das Porträt, das ihn so übertrieben
positiv zeigte, auf andere Leute verlogen, penetrant oder gar richtig abstoßend wirken, ihm dadurch
35 insgesamt sogar schaden könnte. Mitleidig und leicht blasiert schaute Magnussen auf den da sitzenden
Holtrop herunter, wie der konzentriert seine Tastatur beim Schreiben der Mail bediente, Magnussen
wartete und sagte nichts. Erst als er sich wieder abdrehte, um weiterzutelefonieren, reagierte Holtrop,
hob den Kopf und schaute Magnussen ungeduldig an: „Und?“ „Wie besprochen, acht. Wollen Sie ver-
schieben?“ „Wieso denn?!“ rief Holtrop mit lauter Stimme, weil die von ihm selbst initiierte Interak-
40 tion mit Magnussen ihn in diesem Moment mehr beanspruchte, als er erwartet hatte und als es ihm an-
genehm war. Holtrop startete zwar immer bis zu fünf Aktionen gleichzeitig, das entsprach seinem
Selbstbild vom hyperaktiven Mensch und Macher, der immer maximal unter Strom steht und den
Reichtum seiner inneren Vieldimensionalität kaum bändigen kann, aber in Wirklichkeit war er gar
kein echter Multitasker, im Gegenteil. Holtrop war Hektiker, permanent von der Vielzahl und Gleich-
45 zeitigkeit seiner Aktivitäten überfordert, überlastet, fahrig stolperte er der jeweils neuesten, letztgestar-
teten Aktivität, den Blick schon auf die übernächste gerichtet, hinterher, und die meisten angefangenen
Dinge blieben einfach nicht zuende gebracht irgendwo um ihn herum liegen. Diese strukturelle
Schlampigkeit von Holtrops Arbeitsweise hatte sich mit den Jahren, und speziell mit dem fulminanten
Aufstieg die Karriereleiter hoch nach oben, immer mehr verstärkt, verschlechtert und verschlimmert,
50 zuletzt hatte Holtrop als CEO 5 einen Stab von fünfzehn Leuten unter sich, die alle nichts anderes
machten, als hinter ihm her aufzuräumen, die von ihm ungehemmt wirr angestoßenen Initiativen zu
verfolgen, zu sortieren, abzuschließen oder abzubrechen, und anstatt an sich selbst zu arbeiten und
seine Geistesverschlampung zu bekämpfen, hatte Holtrop sich, natürlich wieder auf die selbstverständ-
lichste Art, ganz das von seiner Hektik hervorgerufene Außenbild zu eigen gemacht, und so sah er sich
55 selbst als Anreger, Kreativkraftwerk, Genie der unkonventionellen Impulse, nicht als den verkomme-
nen Schlamper, der er in Wirklichkeit eben auch war.
Rainald Goetz: Johann Holtrop. Abriss der Gesellschaft, Berlin 2012, S. 169–172.
1 Blackberry – Markenbezeichnung eines Smartphones
2 Leffers – Chef eines Unternehmens mit Standort in Berlin
3 Magnussen – Mitarbeiter des Konzerns am Firmenstandort Hongkong
4 Dirlmeier – persönlicher Referent Holtrops
5 CEO – Chief executive officer; Geschäftsführer
Hinweise
Rainald Goetz (*1954), ein mit mehreren Literaturpreisen ausgezeichneter deutscher Schriftsteller
Die Rechtschreibung entspricht der Textvorlage.
3
Überprüfen Sie Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen Michael Kohlhaas aus Kleists gleichnamiger Novelle und Holtrop (Material). Berücksichtigen Sie dabei die Selbstdarstellung und die Außenwahrnehmung durch den Erzähler und durch andere Figuren.
(35 BE)
Aufgabe Vorschlag C - Aufgabe 1 · Analyse pragmatischer Texte
Material
Alexander Wendt: Kristall. Eine Reise in die Drogenwelt des 21. Jahrhunderts (2018)
Am 24. August 1998 um vier Uhr nachmittags unterzog sich der britische Kybernetikprofessor 1 Kevin
Warwick, damals 44 Jahre alt, einer Operation. Der Chirurg Georg Boulous betäubte in der Tilehurst
Surgery Klinik von Reading den Unterarm seines Patienten lokal und plazierte einen Siliziumchip un-
ter seiner Haut. Mit dem elektronischen Teil in seinem Körper konnte Warwick von diesem Tag an in
5 seinem Haus Türen öffnen, Licht ein- und ausschalten und die Heizung regulieren, ohne einen
Türknopf oder einen Schalter zu berühren. Sein Körper hatte sich eine neue Fähigkeit im Wortsinn
einverleibt. Viele, die davon hörten, hielten das Experiment des Wissenschaftlers der Universität Rea-
ding für eine Spielerei. Für die Anhänger der transhumanen 2 Bewegung setzte Kevin Warwick damals
zum großen Sprung an. Er verwandelte sich an einem Nachmittag zum weltweit ersten Cyborg – zu
10 einer Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine. Der Maschinenanteil nahm nur einen winzigen
Platz in seinem Körper ein, und er erlaubte ihm auch nichts, was nicht jeder Mensch auch mit seinem
Finger am Lichtschalter hätte erledigen können. Aber darum ging es ihm nicht. Er wollte die biologi-
sche Grenze seines Körpers übertreten. Das versuchen Menschen seit vielen Jahrhunderten, vor allem
benutzen sie dabei natürliche und später synthetische Substanzen 3. Warwicks Pioniertat bestand darin,
15 einen neuen Weg zu diesem alten Ziel zu nehmen. […]
Seit Generationen versuchen Menschen auf ziemlich unvollkommene Weise, ihre natürlichen Grenzen
mit Drogen zu überqueren. Mit einem zusätzlichen Element, nämlich der Technik, könnte es ihnen ge-
lingen, jetzt zum ersten Mal dauerhaft in eine transhumane Welt zu wechseln.
Unter Biohacking verstehen verschiedene Mitglieder der Szene unterschiedliche Dinge. Klassiker wie
20 Kevin Warwick ausschließlich eine Verbesserung durch Kombination von Biologie und Technik. An-
dere wie der russisch-amerikanische Unternehmer Serge Faguet optimieren sich durch Substanzen, die
sie sich […] zu einer fein orchestrierten chemischen Mischung zusammenstellen. Faguet, in Russland
geboren und erfolgreicher IT-Unternehmer nach seinem Studienabbruch in Stanford, entschied sich,
seine höchstpersönliche Mischung ins Netz zu stellen. Seiner Rezeptsammlung gab er dort die Über-
25 schrift: „Ich bin 32 und habe 200 000 Dollar für Biohacking ausgegeben. Bin ruhiger, dünner, extro-
vertierter, gesünder, glücklicher geworden.“ Seit dem Beginn seiner Selbstbehandlung, schreibt er,
habe er 26 Prozent Körperfett verloren, seinen Testosteronspiegel gesteigert, er schlafe besser, sei aus-
geglichen und habe großartigen Sex. Neben Kraftsport, dem Schlucken von Hormonpräparaten und
einem fett- und kohlenhydratarmen und entzündungshemmenden Speiseplan (Fisch, Avocados, grüner
30 Tee) gehört zu seinem Programm die Einnahme des Wachhalters Modafinil, des Stimmungsstabilisie-
rers Lithium und des Zufriedenmachers MDMA. Eine dritte Gruppe in der mittlerweile großen Bewe-
gung der Menschenoptimierer nutzt beide Möglichkeiten. Bei ihnen vereinen sich die beiden Kristalle,
die chemischen und die aus Silizium.
Es sind mehrere Dinge, die im Transhumanismus zusammenkommen, klassische, auf neue Weise be-
35 nutzte Drogen, injizierte Substanzen, von denen möglicherweise neue, auf Gentechnik basierte Varian-
ten entstehen, ständige Implantate und drittens – diese Möglichkeit bietet wahrscheinlich mehr als alle
anderen zusammen – der Anschluss an die kommende künstliche Intelligenz. […]
Durch das Feilen an den Genen bietet sich zum ersten Mal die Chance auf eine höchstpersönliche
Droge, entworfen für die Bedürfnisse eines einzelnen von sieben Milliarden Menschen. Verknüpfen
40 Avantgardisten der Transhumans -Bewegung außerdem noch eine andere sehr individuelle Struktur –
nämlich das Gehirn – mit den Fähigkeiten der Informationstechnologie, dann hätte endlich jeder die
Chance, aus der Spezies Mensch auszutreten, um seine eigene Schöpfung zu werden. Für ein transhu-
manes Manifest genügt im Prinzip der Satz: „Die Menschen haben nichts zu verlieren als die Ketten
ihrer ererbten DNA.“ […]
45 Die Französin Emmanuelle Charpentier entwickelte 2012 eine revolutionäre Technik zum Schneiden
von Gensequenzen. […] Ihre Genschere hört auf den Namen CRISPR-Cas9 […].
Die Genschere macht es also möglich, den Erbinformationsstrang an einer vorbestimmten Stelle zu
kappen und dort ein neues Stück DNA einzubauen. […]
Beim Zertrennen von DNA handelt es sich nur um die Basistechnik. Den Transhumanisten der Gene-
50 tikabteilung geht es um die aufregende Möglichkeit, ihr eigenes Erbgut umzubauen, indem sie schnei-
den und im Copy-and-Paste-Verfahren neue Sequenzen einsetzen. Was nichts anderes bedeutet, als
Fehler der menschlichen Grundausstattung auszumerzen. Es gibt Menschen, die besonders langlebig
sind, mit besonders wenig Schlaf auskommen, die über ein ungewöhnlich gutes Immunsystem verfü-
gen oder sich durch eine überdurchschnittliche Intelligenz auszeichnen. Dafür lassen sich möglicher-
55 weise genetische Grundlagen aufspüren. Wenn sie gefunden sind, könnte ein Optimierer sie sich –
vielleicht – in den eigenen gewundenen Strang weben 4. […] Das heißt, nicht alle könnten das tun.
Sondern nur happy few experts mit passenden Fähigkeiten und hinreichender Risikobereitschaft […].
Der Unternehmer und Selbstoptimierer Serge Faguet spricht in seinem Manifest mit einer gewissen
Brutalität aus, wie Körperveränderungen zu neuen Gesellschaftsverhältnissen führen. „Ich glaube, was
60 wir beim Biohacking tun, bedeutet die Spaltung der Menschheit in getrennte Spezies: Die in ihren
Möglichkeiten verstärkten Posthumans, die all diese Entscheidungen treffen (und die sehr wahrschein-
lich aus den Tech-Communities des Silicon Valley und aus China kommen werden) – und ‚einfache
Humane‘, die (vielleicht) gut behandelt werden, aber nicht wirklich bestimmen, was geschieht.“ […]
Auf der Webseite des amerikanischen Unternehmens Okion, das Biohackingbedarf vertreibt, heißt es:
65 „Du möchtest durch moderne Wissenschaft besser leben, und du weißt, dass es Werkzeuge gibt, um
dich zu mentalen Spitzenleistungen zu bringen. Du willst deine Arbeitsproduktivität maximieren, mo-
tiviert sein, um jeder Anstrengung die mentale Konzentration zu geben, die sie verdient, du möchtest
schneller lesen, bessere Konversationen haben und in einer Weise wirken, wie du es niemals zuvor ge-
tan hast.“ […]
70 Wie in der früheren Chemie leben auch heute die Schöpfer von Mensch/Maschine-Schnittstellen und
Genschneider im Zeitalter der Unschuld. In den Foren der Transhumans tauscht man sich über die
neuesten Errungenschaften aus und kaum über die Frage, wohin sie führen. Das spricht nicht unbe-
dingt für moralische Stumpfheit […]. Ein Kevin Warwick weiß, dass er grundsätzlichen Fragen be-
gegnen wird, oder die Fragen ihm, je nachdem. Sie liegen allerdings noch hinter einer Nebelwand.
Alexander Wendt: Kristall. Eine Reise in die Drogenwelt des 21. Jahrhunderts, Bonn 2019, S. 191–207.
Hinweise
Alexander Wendt (*1966), deutscher Journalist und Buchautor
Die Rechtschreibung entspricht der Textvorlage.
1 Kybernetik – wissenschaftliche Forschungsrichtung, die verschiedene Systeme auf selbsttätige Regelungs- und Steuerungsmechanismen untersucht
2 transhuman (auch posthuman) – Der Transhumanismus ist eine philosophische Denkrichtung, die die Grenzen menschlicher Möglichkeiten durch den Einsatz technischer oder anderer Hilfsmittel erweitern will.
3 synthetische Substanzen – künstliche, im Labor hergestellte Stoffe
4 in den eigenen gewundenen Strang weben – gemeint ist hier, in das eigene Erbgut einsetzen
1
Fassen Sie den vorliegenden Textauszug zusammen und arbeiten Sie das im Text deutlich werdende Menschenbild heraus. (Material)
(30 BE)
Aufgabe Vorschlag C - Aufgabe 2 · Pflichtlektüre: Vergleich und literarische Erörterung
Material
Alexander Wendt: Kristall. Eine Reise in die Drogenwelt des 21. Jahrhunderts (2018)
Am 24. August 1998 um vier Uhr nachmittags unterzog sich der britische Kybernetikprofessor 1 Kevin
Warwick, damals 44 Jahre alt, einer Operation. Der Chirurg Georg Boulous betäubte in der Tilehurst
Surgery Klinik von Reading den Unterarm seines Patienten lokal und plazierte einen Siliziumchip un-
ter seiner Haut. Mit dem elektronischen Teil in seinem Körper konnte Warwick von diesem Tag an in
5 seinem Haus Türen öffnen, Licht ein- und ausschalten und die Heizung regulieren, ohne einen
Türknopf oder einen Schalter zu berühren. Sein Körper hatte sich eine neue Fähigkeit im Wortsinn
einverleibt. Viele, die davon hörten, hielten das Experiment des Wissenschaftlers der Universität Rea-
ding für eine Spielerei. Für die Anhänger der transhumanen 2 Bewegung setzte Kevin Warwick damals
zum großen Sprung an. Er verwandelte sich an einem Nachmittag zum weltweit ersten Cyborg – zu
10 einer Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine. Der Maschinenanteil nahm nur einen winzigen
Platz in seinem Körper ein, und er erlaubte ihm auch nichts, was nicht jeder Mensch auch mit seinem
Finger am Lichtschalter hätte erledigen können. Aber darum ging es ihm nicht. Er wollte die biologi-
sche Grenze seines Körpers übertreten. Das versuchen Menschen seit vielen Jahrhunderten, vor allem
benutzen sie dabei natürliche und später synthetische Substanzen 3. Warwicks Pioniertat bestand darin,
15 einen neuen Weg zu diesem alten Ziel zu nehmen. […]
Seit Generationen versuchen Menschen auf ziemlich unvollkommene Weise, ihre natürlichen Grenzen
mit Drogen zu überqueren. Mit einem zusätzlichen Element, nämlich der Technik, könnte es ihnen ge-
lingen, jetzt zum ersten Mal dauerhaft in eine transhumane Welt zu wechseln.
Unter Biohacking verstehen verschiedene Mitglieder der Szene unterschiedliche Dinge. Klassiker wie
20 Kevin Warwick ausschließlich eine Verbesserung durch Kombination von Biologie und Technik. An-
dere wie der russisch-amerikanische Unternehmer Serge Faguet optimieren sich durch Substanzen, die
sie sich […] zu einer fein orchestrierten chemischen Mischung zusammenstellen. Faguet, in Russland
geboren und erfolgreicher IT-Unternehmer nach seinem Studienabbruch in Stanford, entschied sich,
seine höchstpersönliche Mischung ins Netz zu stellen. Seiner Rezeptsammlung gab er dort die Über-
25 schrift: „Ich bin 32 und habe 200 000 Dollar für Biohacking ausgegeben. Bin ruhiger, dünner, extro-
vertierter, gesünder, glücklicher geworden.“ Seit dem Beginn seiner Selbstbehandlung, schreibt er,
habe er 26 Prozent Körperfett verloren, seinen Testosteronspiegel gesteigert, er schlafe besser, sei aus-
geglichen und habe großartigen Sex. Neben Kraftsport, dem Schlucken von Hormonpräparaten und
einem fett- und kohlenhydratarmen und entzündungshemmenden Speiseplan (Fisch, Avocados, grüner
30 Tee) gehört zu seinem Programm die Einnahme des Wachhalters Modafinil, des Stimmungsstabilisie-
rers Lithium und des Zufriedenmachers MDMA. Eine dritte Gruppe in der mittlerweile großen Bewe-
gung der Menschenoptimierer nutzt beide Möglichkeiten. Bei ihnen vereinen sich die beiden Kristalle,
die chemischen und die aus Silizium.
Es sind mehrere Dinge, die im Transhumanismus zusammenkommen, klassische, auf neue Weise be-
35 nutzte Drogen, injizierte Substanzen, von denen möglicherweise neue, auf Gentechnik basierte Varian-
ten entstehen, ständige Implantate und drittens – diese Möglichkeit bietet wahrscheinlich mehr als alle
anderen zusammen – der Anschluss an die kommende künstliche Intelligenz. […]
Durch das Feilen an den Genen bietet sich zum ersten Mal die Chance auf eine höchstpersönliche
Droge, entworfen für die Bedürfnisse eines einzelnen von sieben Milliarden Menschen. Verknüpfen
40 Avantgardisten der Transhumans -Bewegung außerdem noch eine andere sehr individuelle Struktur –
nämlich das Gehirn – mit den Fähigkeiten der Informationstechnologie, dann hätte endlich jeder die
Chance, aus der Spezies Mensch auszutreten, um seine eigene Schöpfung zu werden. Für ein transhu-
manes Manifest genügt im Prinzip der Satz: „Die Menschen haben nichts zu verlieren als die Ketten
ihrer ererbten DNA.“ […]
45 Die Französin Emmanuelle Charpentier entwickelte 2012 eine revolutionäre Technik zum Schneiden
von Gensequenzen. […] Ihre Genschere hört auf den Namen CRISPR-Cas9 […].
Die Genschere macht es also möglich, den Erbinformationsstrang an einer vorbestimmten Stelle zu
kappen und dort ein neues Stück DNA einzubauen. […]
Beim Zertrennen von DNA handelt es sich nur um die Basistechnik. Den Transhumanisten der Gene-
50 tikabteilung geht es um die aufregende Möglichkeit, ihr eigenes Erbgut umzubauen, indem sie schnei-
den und im Copy-and-Paste-Verfahren neue Sequenzen einsetzen. Was nichts anderes bedeutet, als
Fehler der menschlichen Grundausstattung auszumerzen. Es gibt Menschen, die besonders langlebig
sind, mit besonders wenig Schlaf auskommen, die über ein ungewöhnlich gutes Immunsystem verfü-
gen oder sich durch eine überdurchschnittliche Intelligenz auszeichnen. Dafür lassen sich möglicher-
55 weise genetische Grundlagen aufspüren. Wenn sie gefunden sind, könnte ein Optimierer sie sich –
vielleicht – in den eigenen gewundenen Strang weben 4. […] Das heißt, nicht alle könnten das tun.
Sondern nur happy few experts mit passenden Fähigkeiten und hinreichender Risikobereitschaft […].
Der Unternehmer und Selbstoptimierer Serge Faguet spricht in seinem Manifest mit einer gewissen
Brutalität aus, wie Körperveränderungen zu neuen Gesellschaftsverhältnissen führen. „Ich glaube, was
60 wir beim Biohacking tun, bedeutet die Spaltung der Menschheit in getrennte Spezies: Die in ihren
Möglichkeiten verstärkten Posthumans, die all diese Entscheidungen treffen (und die sehr wahrschein-
lich aus den Tech-Communities des Silicon Valley und aus China kommen werden) – und ‚einfache
Humane‘, die (vielleicht) gut behandelt werden, aber nicht wirklich bestimmen, was geschieht.“ […]
Auf der Webseite des amerikanischen Unternehmens Okion, das Biohackingbedarf vertreibt, heißt es:
65 „Du möchtest durch moderne Wissenschaft besser leben, und du weißt, dass es Werkzeuge gibt, um
dich zu mentalen Spitzenleistungen zu bringen. Du willst deine Arbeitsproduktivität maximieren, mo-
tiviert sein, um jeder Anstrengung die mentale Konzentration zu geben, die sie verdient, du möchtest
schneller lesen, bessere Konversationen haben und in einer Weise wirken, wie du es niemals zuvor ge-
tan hast.“ […]
70 Wie in der früheren Chemie leben auch heute die Schöpfer von Mensch/Maschine-Schnittstellen und
Genschneider im Zeitalter der Unschuld. In den Foren der Transhumans tauscht man sich über die
neuesten Errungenschaften aus und kaum über die Frage, wohin sie führen. Das spricht nicht unbe-
dingt für moralische Stumpfheit […]. Ein Kevin Warwick weiß, dass er grundsätzlichen Fragen be-
gegnen wird, oder die Fragen ihm, je nachdem. Sie liegen allerdings noch hinter einer Nebelwand.
Alexander Wendt: Kristall. Eine Reise in die Drogenwelt des 21. Jahrhunderts, Bonn 2019, S. 191–207.
Hinweise
Alexander Wendt (*1966), deutscher Journalist und Buchautor
Die Rechtschreibung entspricht der Textvorlage.
1 Kybernetik – wissenschaftliche Forschungsrichtung, die verschiedene Systeme auf selbsttätige Regelungs- und Steuerungsmechanismen untersucht
2 transhuman (auch posthuman) – Der Transhumanismus ist eine philosophische Denkrichtung, die die Grenzen menschlicher Möglichkeiten durch den Einsatz technischer oder anderer Hilfsmittel erweitern will.
3 synthetische Substanzen – künstliche, im Labor hergestellte Stoffe
4 in den eigenen gewundenen Strang weben – gemeint ist hier, in das eigene Erbgut einsetzen
2
Setzen Sie die im vorliegenden Textauszug von Alexander Wendt geschilderten Optimierungsversuche am Menschen in Beziehung zu Juli Zehs Roman „Corpus Delicti“ und zu Goethes Drama „Faust I“.
(40 BE)
Aufgabe Vorschlag C - Aufgabe 3 · Erörterung und Stellungnahme
Material
Alexander Wendt: Kristall. Eine Reise in die Drogenwelt des 21. Jahrhunderts (2018)
Am 24. August 1998 um vier Uhr nachmittags unterzog sich der britische Kybernetikprofessor 1 Kevin
Warwick, damals 44 Jahre alt, einer Operation. Der Chirurg Georg Boulous betäubte in der Tilehurst
Surgery Klinik von Reading den Unterarm seines Patienten lokal und plazierte einen Siliziumchip un-
ter seiner Haut. Mit dem elektronischen Teil in seinem Körper konnte Warwick von diesem Tag an in
5 seinem Haus Türen öffnen, Licht ein- und ausschalten und die Heizung regulieren, ohne einen
Türknopf oder einen Schalter zu berühren. Sein Körper hatte sich eine neue Fähigkeit im Wortsinn
einverleibt. Viele, die davon hörten, hielten das Experiment des Wissenschaftlers der Universität Rea-
ding für eine Spielerei. Für die Anhänger der transhumanen 2 Bewegung setzte Kevin Warwick damals
zum großen Sprung an. Er verwandelte sich an einem Nachmittag zum weltweit ersten Cyborg – zu
10 einer Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine. Der Maschinenanteil nahm nur einen winzigen
Platz in seinem Körper ein, und er erlaubte ihm auch nichts, was nicht jeder Mensch auch mit seinem
Finger am Lichtschalter hätte erledigen können. Aber darum ging es ihm nicht. Er wollte die biologi-
sche Grenze seines Körpers übertreten. Das versuchen Menschen seit vielen Jahrhunderten, vor allem
benutzen sie dabei natürliche und später synthetische Substanzen 3. Warwicks Pioniertat bestand darin,
15 einen neuen Weg zu diesem alten Ziel zu nehmen. […]
Seit Generationen versuchen Menschen auf ziemlich unvollkommene Weise, ihre natürlichen Grenzen
mit Drogen zu überqueren. Mit einem zusätzlichen Element, nämlich der Technik, könnte es ihnen ge-
lingen, jetzt zum ersten Mal dauerhaft in eine transhumane Welt zu wechseln.
Unter Biohacking verstehen verschiedene Mitglieder der Szene unterschiedliche Dinge. Klassiker wie
20 Kevin Warwick ausschließlich eine Verbesserung durch Kombination von Biologie und Technik. An-
dere wie der russisch-amerikanische Unternehmer Serge Faguet optimieren sich durch Substanzen, die
sie sich […] zu einer fein orchestrierten chemischen Mischung zusammenstellen. Faguet, in Russland
geboren und erfolgreicher IT-Unternehmer nach seinem Studienabbruch in Stanford, entschied sich,
seine höchstpersönliche Mischung ins Netz zu stellen. Seiner Rezeptsammlung gab er dort die Über-
25 schrift: „Ich bin 32 und habe 200 000 Dollar für Biohacking ausgegeben. Bin ruhiger, dünner, extro-
vertierter, gesünder, glücklicher geworden.“ Seit dem Beginn seiner Selbstbehandlung, schreibt er,
habe er 26 Prozent Körperfett verloren, seinen Testosteronspiegel gesteigert, er schlafe besser, sei aus-
geglichen und habe großartigen Sex. Neben Kraftsport, dem Schlucken von Hormonpräparaten und
einem fett- und kohlenhydratarmen und entzündungshemmenden Speiseplan (Fisch, Avocados, grüner
30 Tee) gehört zu seinem Programm die Einnahme des Wachhalters Modafinil, des Stimmungsstabilisie-
rers Lithium und des Zufriedenmachers MDMA. Eine dritte Gruppe in der mittlerweile großen Bewe-
gung der Menschenoptimierer nutzt beide Möglichkeiten. Bei ihnen vereinen sich die beiden Kristalle,
die chemischen und die aus Silizium.
Es sind mehrere Dinge, die im Transhumanismus zusammenkommen, klassische, auf neue Weise be-
35 nutzte Drogen, injizierte Substanzen, von denen möglicherweise neue, auf Gentechnik basierte Varian-
ten entstehen, ständige Implantate und drittens – diese Möglichkeit bietet wahrscheinlich mehr als alle
anderen zusammen – der Anschluss an die kommende künstliche Intelligenz. […]
Durch das Feilen an den Genen bietet sich zum ersten Mal die Chance auf eine höchstpersönliche
Droge, entworfen für die Bedürfnisse eines einzelnen von sieben Milliarden Menschen. Verknüpfen
40 Avantgardisten der Transhumans -Bewegung außerdem noch eine andere sehr individuelle Struktur –
nämlich das Gehirn – mit den Fähigkeiten der Informationstechnologie, dann hätte endlich jeder die
Chance, aus der Spezies Mensch auszutreten, um seine eigene Schöpfung zu werden. Für ein transhu-
manes Manifest genügt im Prinzip der Satz: „Die Menschen haben nichts zu verlieren als die Ketten
ihrer ererbten DNA.“ […]
45 Die Französin Emmanuelle Charpentier entwickelte 2012 eine revolutionäre Technik zum Schneiden
von Gensequenzen. […] Ihre Genschere hört auf den Namen CRISPR-Cas9 […].
Die Genschere macht es also möglich, den Erbinformationsstrang an einer vorbestimmten Stelle zu
kappen und dort ein neues Stück DNA einzubauen. […]
Beim Zertrennen von DNA handelt es sich nur um die Basistechnik. Den Transhumanisten der Gene-
50 tikabteilung geht es um die aufregende Möglichkeit, ihr eigenes Erbgut umzubauen, indem sie schnei-
den und im Copy-and-Paste-Verfahren neue Sequenzen einsetzen. Was nichts anderes bedeutet, als
Fehler der menschlichen Grundausstattung auszumerzen. Es gibt Menschen, die besonders langlebig
sind, mit besonders wenig Schlaf auskommen, die über ein ungewöhnlich gutes Immunsystem verfü-
gen oder sich durch eine überdurchschnittliche Intelligenz auszeichnen. Dafür lassen sich möglicher-
55 weise genetische Grundlagen aufspüren. Wenn sie gefunden sind, könnte ein Optimierer sie sich –
vielleicht – in den eigenen gewundenen Strang weben 4. […] Das heißt, nicht alle könnten das tun.
Sondern nur happy few experts mit passenden Fähigkeiten und hinreichender Risikobereitschaft […].
Der Unternehmer und Selbstoptimierer Serge Faguet spricht in seinem Manifest mit einer gewissen
Brutalität aus, wie Körperveränderungen zu neuen Gesellschaftsverhältnissen führen. „Ich glaube, was
60 wir beim Biohacking tun, bedeutet die Spaltung der Menschheit in getrennte Spezies: Die in ihren
Möglichkeiten verstärkten Posthumans, die all diese Entscheidungen treffen (und die sehr wahrschein-
lich aus den Tech-Communities des Silicon Valley und aus China kommen werden) – und ‚einfache
Humane‘, die (vielleicht) gut behandelt werden, aber nicht wirklich bestimmen, was geschieht.“ […]
Auf der Webseite des amerikanischen Unternehmens Okion, das Biohackingbedarf vertreibt, heißt es:
65 „Du möchtest durch moderne Wissenschaft besser leben, und du weißt, dass es Werkzeuge gibt, um
dich zu mentalen Spitzenleistungen zu bringen. Du willst deine Arbeitsproduktivität maximieren, mo-
tiviert sein, um jeder Anstrengung die mentale Konzentration zu geben, die sie verdient, du möchtest
schneller lesen, bessere Konversationen haben und in einer Weise wirken, wie du es niemals zuvor ge-
tan hast.“ […]
70 Wie in der früheren Chemie leben auch heute die Schöpfer von Mensch/Maschine-Schnittstellen und
Genschneider im Zeitalter der Unschuld. In den Foren der Transhumans tauscht man sich über die
neuesten Errungenschaften aus und kaum über die Frage, wohin sie führen. Das spricht nicht unbe-
dingt für moralische Stumpfheit […]. Ein Kevin Warwick weiß, dass er grundsätzlichen Fragen be-
gegnen wird, oder die Fragen ihm, je nachdem. Sie liegen allerdings noch hinter einer Nebelwand.
Alexander Wendt: Kristall. Eine Reise in die Drogenwelt des 21. Jahrhunderts, Bonn 2019, S. 191–207.
Hinweise
Alexander Wendt (*1966), deutscher Journalist und Buchautor
Die Rechtschreibung entspricht der Textvorlage.
1 Kybernetik – wissenschaftliche Forschungsrichtung, die verschiedene Systeme auf selbsttätige Regelungs- und Steuerungsmechanismen untersucht
2 transhuman (auch posthuman) – Der Transhumanismus ist eine philosophische Denkrichtung, die die Grenzen menschlicher Möglichkeiten durch den Einsatz technischer oder anderer Hilfsmittel erweitern will.
3 synthetische Substanzen – künstliche, im Labor hergestellte Stoffe
4 in den eigenen gewundenen Strang weben – gemeint ist hier, in das eigene Erbgut einsetzen
3
Der deutsch-amerikanische Autor Tim Leberecht schreibt in der Süddeutschen Zeitung am 14. September 2015:
„Die total technisierte Gesellschaft braucht Romantik. Mit Algorithmen und Apps wollen wir unser Leben verbessern. Doch dieser Optimierungswahn entzaubert unsere Welt“.
Diskutieren Sie, auch unter Bezugnahme auf den vorliegenden Text von Alexander Wendt, ob Themen und Motive der Epoche der Romantik einen gelungenen Gegenentwurf zur Technisierung der Gegenwart darstellen.
(30 BE)
Aufgabe Vorschlag D · Materialgestütztes Verfassen von Texten
Vorschlag D: Gender und Sprache
Aufgabe (100 BE)
Unvermindert wird in der Gesellschaft darüber diskutiert, ob in öffentlichen Bereichen, z. B. in der Schule, Dokumente und Texte geschlechterneutral formuliert werden sollen. Deshalb greift eine überregionale Zeitung dieses Thema auf und bittet vor allem junge Leserinnen und Leser um einen Beitrag zu folgender Frage: „Sollen in Deutschland alle Schulen eine geschlechterneutrale Sprache verwenden?“
Verfassen Sie einen Kommentar als Beitrag zur Debatte über diese Frage.
Nutzen Sie dazu die folgenden Materialien (M1–M8) und beziehen Sie eigene Erfahrungen und unterrichtliches Wissen über den Zusammenhang von Sprache, Denken und Handeln ein.
Formulieren Sie eine geeignete Überschrift.
Material 1 – GenderKompetenzZentrum: Was ist Gender? (2006)
Gender hat sich als Fachbegriff für „Geschlecht“ auch im deutschsprachigen Raum etabliert. Für die Übernahme des englischen Wortes spricht, dass im Deutschen mit dem Begriff Geschlecht von den meisten Menschen vor allem das biologische Geschlecht assoziiert wird, also das, was im Englischen als „sex“ bezeichnet wird. Mit dem deutschen Wort „Geschlecht“ ist also bislang das Risiko verbunden, die Bedeutung von Geschlecht als ein historisch veränderbares, soziales und kulturelles Verhältnis aus dem Blick zu verlieren. […]
GenderKompetenzZentrum der Humboldt-Universität zu Berlin (2006)
Material 2 – Anna-Lena Scholz und Thomas Kerstan: Es heißt Stu- denten! dierende! (2016)
Nur fünf Buchstaben änderte unser Redakteur in einem Text unserer Autorin. Daraus entwickelte sich ein Streit: Über Sprache, Gender und die Macht an den Unis.
Lieber Thomas,
vielen Dank für Deine gute Redigatur meines Artikels! Ich bin mit allen Korrekturen einverstanden – fast jedenfalls. Du hast aus den „Studierenden“ in meinem Text die „Studenten“ gemacht. Das generische Maskulinum verschluckt die Studentinnen, mit denen ich bei meiner Recherche gesprochen habe! Einverstanden, dass wir die geschlechtsneutralen „Studierenden“ in meinem Artikel stehen lassen?
Herzliche Grüße Anna-Lena
Liebe Anna-Lena,
Du kannst gern bei den Studierenden bleiben, ich will Dir als Autorin da keine Vorschriften machen. Ich aber mag das Wort „Studierende“ nicht und werde weiter von „Studenten“ schreiben, wenn ich junge Menschen beiderlei Geschlechts meine, die studieren. Das Wort ist kurz und hat sich bewährt. „Studierende“ klingt für mich hingegen gestelzt und bürokratisch. Rund die Hälfte der Studenten ist weiblich; ich sehe nicht die Gefahr, dass ein Wort sie verschlucken könnte.
Herzliche Grüße zurück, Thomas
Lieber Thomas,
Du bist ja selbst Journalist und weißt, wie mächtig Sprache sein kann. Sie bildet die Welt nicht spiegelbildlich ab, sondern prägt und formt unsere Realität. Übrigens haben sprachwissenschaftliche und psychologische Studien nachgewiesen, wie groß der Einfluss geschlechtergerechter Sprache ist: Wenn wir von Politikern, Lesern, Studenten sprechen, dann aktiviert das in unserem Gedächtnis nur männliche Personengruppen. […]
Liebe Anna-Lena,
stimmt, Sprache kann sehr mächtig sein. Sie muss aber auch gut gepflegt werden, damit sie ein scharfes Schwert bleibt und nicht zu Brei wird. Das Herumdoktern an ihr, um sie vermeintlich gerechter oder weniger diskriminierend zu machen, tut ihr in den meisten Fällen nicht gut. […] Die Retortenwörter! Sie nerven mich, weil sie hässlich klingen und Fremdkörper in unserer Sprache sind. […] Beim Abwägen zwischen „geschlechtergerechter“ Sprache und guter Sprache entscheide ich mich für die gute Sprache.
Von: Anna-Lena Scholz
Ehrlich gesagt – wenn die sprachliche Brillanz und argumentative Kraft eines Zeitungsartikels am seidenen Faden des generischen Maskulinums hängt, dann taugt er nicht viel. Ich will mehr Mut zur Kreativität! […] Für mich ist „gute Sprache“ eine politisch reflektierte und bewegliche Sprache, die unseren emanzipatorischen Freiheitsgewinnen Ausdruck verleiht. […] PS: Ich gehe nicht von nur zwei Geschlechtern aus! […]
Anna-Lena Scholz und Thomas Kerstan (16.06.2016), Die ZEIT
Material 3 – Tatjana Thamerus: Brauchen wir eine genderneutrale Sprache? (2015)
[…] Menschen, die sich wie Inter- oder Transsexuelle keinem eindeutigen Geschlecht zuordnen können, sind aus der deutschen Sprache ausgeschlossen. Auch viele Frauen fühlen sich vom Deutschen ignoriert. Genderneutrale Sprache würde das Problem lösen, eine Sprache, in der alle Geschlechter vorkommen.
Sprache sei entscheidend für die Sichtbarkeit und die Akzeptanz von Trans- und Intersexuellen, erklärt Andreas Kraß […]: „Wir können nur mit der Sprache kommunizieren. Und mit der genderneutralen Sprache können wir der menschlichen Vielfalt Rechnung tragen.“ […]
England zum Beispiel hat im Sommer die neutrale Anrede Mx. […] in das Oxford English Dictionary aufgenommen. Außerdem wird im englischsprachigen Raum they als geschlechtsneutraler Ersatz für she oder he diskutiert. Und in Schweden wurde […] das Pronomen hen offiziell eingeführt […].
In Teilen ist die genderneutrale Sprache schon in Deutschland angekommen: So sind Unis schon länger dazu übergegangen, von Studierenden zu sprechen. […] Und auch die Grünen haben […] ihre Partei zum Gender-Star verpflichtet. Neben dem Gender Gap (Leser_innen) und dem Binnen-I (LeserInnen) versucht das Sternchen (Leser*innen) all jene Menschen einzubeziehen, die sich nicht in das binäre Mann/Frau-System einordnen wollen.
„Sprache übersetzt sich in Denken und damit auch in politisches Handeln […]“, erklärt Gesine Agena […].
Ludwig Eichinger, Direktor des Instituts für Deutsche Sprache in Mannheim, glaubt nicht an ein geschlechtsneutrales Deutsch: Es würde zu stark in das System der Sprache eingreifen, sagt er. „Im Gegensatz zum Englischen ist das grammatikalische Geschlecht im Deutschen stark verankert.“ […]
Tatjana Thamerus (18.12.2015), bento.de
Material 4 – Ingrid Thurner: Der Gender-Krampf verhunzt die deutsche Sprache (2013)
[…] So wurde nach Stilmitteln gesucht, die der Vielfalt an Identitäten jenseits von Mann und Frau sprachlich Ausdruck verschaffen. Lösungsvorschläge stammen aus der amerikanischen Queer-Theorie, die davon ausgeht, dass geschlechtliche und sexuelle Identität erst in soziokulturellen Prozessen geformt wird.
Der Gendergap_Unterstrich wird nach der Queer-Theorie jenen gerecht, die sich weder dem Männlichen noch dem Weiblichen zuordnen wollen oder können. Die sprachfeministische Erneuerung hatte noch andere Ideen: Statt des Gendergap_Unterstrichs könnte es auch ein Gender*Stern sein, eine Art Joker für alle verfügbaren Geschlechtsidentitäten. […]
Heutzutage wird die Sprachgerechtigkeit den Frauen von den Männern als Geschenk dargebracht, ist aber bloß ein Ablenkungsmanöver. […] Von den Universitäten marschierte die feministische Kampfrhetorik flugs in die Politik. Wer sich Wahlen stellen muss, schwatzt in Verdoppelungen. Bürgerinnen und Bürger. Da redet man mehr und muss weniger sagen. […] Drei Jahrzehnte sprachlicher Gleichbehandlung haben bloß unschöne Texte, aber keine gesellschaftliche Gleichstellung gebracht. […]
Ingrid Thurner (02.02.2013), Die Welt
Material 5 – Grafik: Das dritte Geschlecht (2017)
Material 6 – Kerstin Hensel: Gender-Debatte. Verzeihung, ein Maskulinum! (2015)
[…] Nun stellt sich ein Amazonenheer vor uns auf, das sich den Namen GENDER auf die Harnische geschrieben hat. Das Problem ist nicht der Gedanke, sondern die radikale Ideologie, mit der dieses Heer ein Gleichheitskonzept auf alles stülpt, was seinen Reiz, sein Leben aus Unterschieden bezieht. […]
Pardon, jetzt sind mir generische Maskulina herausgerutscht! Und nein, ich gelobe keine Besserung! Die größte Entsコミュニティ, scheint mir, ist die der Humorlosen. Über Geschlechterrollen wird in Mitteleuropa seit mehr als 100 Jahren diskutiert. Der Feminismus hat sein Hauptwerk getan. […]
Ich bin nicht gegen die Forderung gleicher Rechte von Frauen und Männern. Im Gegenteil. Sie ist noch immer notwendig, vor allem, wenn man in andere Teile der Welt sieht. Es ist Ideologie und Hysterie, die mich abstoßen beziehungsweise lachen lassen. Die Gender-Debatte spaltet inzwischen die Gesellschaft, anstatt Empathie, echte Toleranz und wirkliches Sprachbewusstsein anzustreben.
Kerstin Hensel (30.07.2015), Deutschlandradio Kultur
Material 7 – Anatol Stefanowitsch: Geschlechtergerechte Sprache und Lebensentscheidungen (2015)
[…] In dieser Studie legten die Autor/innen Schulkindern im Alter von 6–12 Jahren dreizehn Berufsbezeichnungen vor, die entweder stereotyp männlich waren […], oder die stereotyp weiblich waren […]. Jeder dieser Berufe wurde den Kindern vorgelesen und kurz definiert, wobei eine Gruppe Paarformen zu hören bekam (z. B. „Feuerwehrfrauen und Feuerwehrmänner sind Personen, die Feuer löschen“), und eine Gruppe das „generische“ Maskulinum (z. B. „Feuerwehrmänner sind Personen, die Feuer löschen“). Zu jedem Beruf mussten die Kinder vier Fragen beantworten […].
Bei den stereotyp männlichen Berufen wurden beide Faktoren durch die Art der Präsentation (Paarformel oder „generisches Maskulinum“) beeinflusst: Im generischen Maskulinum schrieben die Kinder den Berufen erstens einen höheren Status zu und hielten sie zweitens für schwerer zugänglich, als wenn sie in der Paarform präsentiert wurden. Bei den stereotyp weiblichen Berufen gab es keinen solchen Effekt.
[…] Auch hier zeigte sich ein Effekt der jeweiligen sprachlichen Bedingung dergestalt, dass sich Kinder beiderlei Geschlechts einen Beruf eher zutrauen, wenn er in der Paarformel präsentiert wird, als wenn er im „generischen“ Maskulinum präsentiert wird. […] Mit anderen Worten: Die Art, in der wir über stereotyp männliche Berufe reden, hat vor allem einen Einfluss darauf, ob Mädchen sich diesen Beruf zutrauen. Die konsequente Verwendung von Paarformeln kann dazu führen, dass sie den Beruf als zugänglicher bewerten und ihn für sich selbst als realistische Berufswahl einschätzen. […]
Anatol Stefanowitsch (09.06.2015), Sprachlog
Material 8 – Umfrage zur Nutzung geschlechtsneutraler Sprachformulierungen (2019)
Civey für t-online.de (2019)
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