Aufgabe Vorschlag A - Aufgabe 3 · Abitur Hessen Deutsch LK 2021
Thema: Erörterung und Stellungnahme · Aus der Prüfung LK (2021)
Aufgabenstellung
Material 1
Peter Kurzeck: Kein Frühling (1987)
Wie denn die Seelen zählen? Gekommen amtlich im Jahr des Herrn, im Hungerjahr 1946. Im Juli, mit
einem Flüchtlingstransport, da war ich drei Jahre alt. Die vorangegangenen vierhundert Tage und
Nächte unterwegs in Güterzügen ohne Bestimmung, mit Viehwaggons, auf enteigneten Lastwagen,
Soldatenautos, Planwagen, Pferdewagen die dir mit jedem Tag, wenn er geht, immer wieder davonfah-
5 ren. Der Himmel drüberhin ist ins Fließen geraten, kommt dir entgegen; jeder Schlaf träumt dich heim.
Immer bleibst du zurück, fährst dir hundertmal selbst davon und kannst dich nicht aufgeben. Mit
Handkarren, zu Fuß, zu Fuß und in Lagern: Schub-, Auffang-, Durchgangs-, Sammel- und Notaufnah-
melager durch die wir, die durch uns hindurch sind. Ferne Küsten am Himmel, ganze Kontinente im
Aufbruch begriffen. Seit wir uns erinnern, ziehen die Wolken nach Osten. Daß du keine Einzelheit je
10 vergessen dürftest, dein Bündel, dein Eigentum, das schleppst du von nun an mit.
Zuletzt in Gießen/Lahn: aufgefangen, gesammelt, zur Not, in der Not aufgenommen; weiter wohin?
Um Zeit, um Brot und um Suppe anstehn, eine Decke um Gottes Willen, so hat jeder Tag sein Gerüst
und dient uns zum Überleben. Und ein Jeder, so heißt es, soll nun bald eingetragen werden mit altem
Namen und neuer Nummer in eine gültige Liste: das ist er dann fortan selbst. Wenn du die Augen zu-
15 machst, gleich fangen die Baracken wie Käfer zu kriechen an, du bist ihre schwankende Last. Die Not
gelernt, erst hungern dann sprechen gelernt; jeder Schlaf träumt dich heim. Immer noch hinter dir
selbst her, wie denn ankommen? Du hast die Welt nicht verstanden und sie dir jeden Tag mit aller
Kraft neu erklären müssen. Damit sie dich nicht verläßt. Und immer wieder zum Anfang zurück. Daß
du nur nichts vergißt, es wäre verloren für immer! Allerorten der Flieder, der in diesem Jahr nicht auf-
20 hören will zu blühen, während in den Baracken die Menschen wie Fliegen verrecken, eine Redensart,
Eintagsfliegen in den Abendstunden, die fast ohne Übergang von matten Morgendämmerungen abge-
löst werden, so kurz sind jetzt hier die Nächte. Noch im Schlaf unterwegs, ein allgegenwärtiges dich-
tes Gemurmel das uns begleitet. So weit sich geschleppt bis zum Tod, Kreidekreuze. Aus jedem Lager
wird ein Spital, wird ein Fiebertraum. Rund und rot ging schon wieder die Sonne auf. Wie ein Vorzei-
25 chen, eine andere Sonne. Mit all den eigenen fremden Stimmen im Kopf: jeder hat sich insgeheim un-
umgänglich ein langes ernstes Gespräch mit Gott vorgenommen. Demnächst, unbedingt, jeder hat sei-
nen. Auf allen Wegen, auf Schritt und Tritt, hier bist du jetzt daheim, hier bist du registriert. Bloß ster-
ben woanders, nicht in der Finsternis, nicht im Gedränge, nicht in diesem Geruch! Die Leichen mit
Kalk bestreut, in eine Liste eingetragen, numeriert, durchgestrichen und verbrannt.
30 Am Morgen des dritten Tages als Lebende auf fröhlich lärmende Lastwagen verladen, zwölf Kilome-
ter Fahrt. In aller Frühe schon haben die Vögel dich geweckt. Du hast noch heute die Pracht der über-
mäßig blühenden Wegraine im Gedächtnis, die vergängliche Ewigkeit des zugehörigen Sommerhim-
mels und wie wir mit plötzlich gebremstem Schwung (gleich umso drängender klopft dein Herz) berg-
auf in den Burghof einfuhren. Hier sollt ihr der Reihe nach aussteigen, jeder mit seinem Bündel. Da
35 war es immer noch früher Morgen, hellblau die Luft, kühl und leicht. Kommt dir vor, daß mit dem
Ausladen, Absteigen und Verlesen der Listen der ganze unermeßliche Tag ist vertrödelt worden. Hat
jeder sich deutlich neben seinem Namen aufzustellen. Wie es sich trifft: die Einen bleiben gleich hier
auf der Burg, Notquartier, Sperrholzverschläge, die Anderen kriegen amtliche Zettel für ein Zimmer
im Dorf; man weiß nicht, wer besser (schlimmer) dran ist. Auf jedem Zettel ein runder Stempel; ein
40 Zettel ist noch kein Zimmer. Derweil ist der Tag vergangen, wie ging das denn zu? Vor einer Weile im
wäßrig zerfließenden Licht sind schwarzgefleckte Kühe am Burgtor vorbeigeführt worden. In weiter
Ferne, gerade das weißt du noch. Vorher hast du nur weiße und braune Kühe gekannt und jetzt ist der
Tag vergangen.
Die Burg eine verzweigte Abendruine, ein düsteres Felsgebirge und fängt an zu husten. Die Häuser
45 tun fremd und gaffen mit leeren Fenstern. Schwer lastet bis heute der amtlich vergeudete Tag auf dir.
Jetzt kannst du mit deiner einzigen großen Schwester da bei eurem wie erschlagenen Bündel sitzen,
die Lippen wie zu für immer. Unter diesem abendhellen Schweigehimmel voll Schwalben im Flug.
Wir sind Menschen. Die Mutter hat euch ein Lächeln dagelassen und ist mit dem amtlichen Zettel und
mit ihrer eigenen Müdigkeit hinunter ins fremde Dorf, um nach dem zugewiesenen Zimmer zu suchen.
50 Wie in einem Märchen, das Haus hat gewartet, sie wird an die Tür klopfen. Sie bringt es dann mit oder
holt euch gleich ab, auch wenn sie nie lernen wird, den hiesigen Dialekt zu verstehen. Bis sie starb
nicht ein einziges Wort. Jetzt kannst du dir in seiner unerläßlichen Dauer geduldig jeden einzelnen
Schritt von ihr vorstellen, jetzt am Abend liegt der Erdboden so still unter deinen Füßen. Die Schatten
die auf euch zu wachsen. Du wirst dich nicht rühren, bis sie zurück ist und du hast in ihrem Gesicht
55 gelesen.
Und daß du schon damals, schon bei der Ankunft dich hoffnungslos fremd gefühlt hättest, in der Ver-
bannung. Und die Gesichter der Häuser, den lieblosen Dialekt, das Fehlen des Lichts, die falschen Far-
ben als Kränkung empfunden; das bleibt. Jetzt liegt das Dorf unerreichbar im Jahr 1947. Staufenberg
im Kreis Gießen.
Peter Kurzeck: Kein Frühling. Roman, Frankfurt am Main 3. Aufl. 2014, S. 39 ff.
Material 2
Ralph Schock im Gespräch mit Peter Kurzeck: „Wenn ich schreibe, kann mir nichts passieren“ (2011)
PETER KURZECK: [...] Ich habe mir vorgenommen, mein Zeitalter aufzuschreiben. Jetzt ist es noch
wie eine Landkarte, die erst entsteht, oder ein Puzzle. Da und dort sind schon ein paar Flecken zu er-
kennen, aber es ist mühsam, sich vorzustellen, was aus dem Ganzen einmal wird. [...] Ich habe die
nächsten zwei oder drei Bücher schon angefangen, für jedes Hunderte von Manuskriptseiten geschrie-
5 ben und Hunderte von Seiten mit Notizen vorbereitet. Jetzt komme ich mir vor wie in der Nachkriegs-
zeit, mit acht, als wir kein Geld und keine richtige Wohnung hatten, nur ein Flüchtlingszimmer, einen
Gemeinschaftsdachboden und eine Gemeinschaftswaschküche, und aus den Lagern gerade erst heraus
und nach Hessen gekommen waren. Wir hatten nur einen geliehenen Küchentisch und eine Küchen-
lampe mit einer 15-Watt-Birne. Natürlich mußte gespart werden, die wurde nur angemacht, wenn es
10 ganz dunkel war – in der Dämmerung noch lange nicht. Wenn sie aber dann angemacht wurde, gab sie
ein schönes trübgoldenes Licht und machte aus dem Raum eine Art Höhle, weil sie die Ecken nicht
ausleuchtete. Es war ein Licht wie auf einem Rembrandt. Und ich sehe mich als Acht- oder Zehnjähri-
gen abends am Küchentisch sitzen, unter der geliehenen Lampe am geliehenen Küchentisch, auch die
Stühle waren nicht unsere eigenen, und ich habe ein Stück Papier vor mir. Papier war damals etwas
15 Kostbares. Auch heute werde ich beim Schreiben nie den Gedanken los, daß es etwas Kostbares ist
und daß man es bevorraten muß, damit man immer welches hat. Und ich sehe mich an diesem Tisch
sitzen und mich erst mit Bleistift und dann mit Buntstiften ein Königreich malen, weil wir so arm wa-
ren... Ich bin natürlich ein König, sonst wäre die Armut ja nicht auszuhalten gewesen. Und das ist,
glaube ich, so etwas wie die Vorwegnahme dessen, was ich jetzt tue, nämlich Bücher zu schreiben, die
20 mein Zeitalter festhalten sollen.
Ralph Schock: „Wenn ich schreibe, kann mir nichts passieren“. Gespräch mit Peter Kurzeck, SINN UND FORM 5/2011, S. 624–633, URL: https://sinn-und-form.de/index.php?tabelle=leseprobe&titel_id=4404 (abgerufen am 12.12.2019).
Hinweise
Peter Kurzeck (*1943 in Tachau, heute Tschechische Republik; †2013 in Frankfurt am Main) war ein deutscher Schriftsteller. Seine Familie wurde 1946 aus dem Sudetenland vertrieben. Er zog mit seiner Mutter und seiner Schwester nach Staufenberg bei Gießen, wo er auch seine Jugend verbrachte. Nach dem Tod seiner Mutter 1971 lebte er noch bis 1977 in der ehemaligen Flüchtlingswohnung in Staufenberg. Er begann Anfang der neunziger Jahre seine autobiografische Romanfolge „Das alte Jahrhundert“ zu verfassen. Er war Träger verschiedener Literaturpreise.
Rechtschreibung und Zeichensetzung beider Texte entsprechen den jeweiligen Textvorlagen.
Aufgabe 3
„Jetzt komme ich mir vor wie in der Nachkriegszeit“. (Material 2)
Beurteilen Sie anhand der beiden vorliegenden Materialien, inwieweit der Autor Kurzeck die Situation und das Selbstverständnis der Schriftsteller kurz nach dem Zweiten Weltkrieg literarisch verarbeitet. [30 BE]

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
3 Beurteilen Sie anhand der beiden vorliegenden Materialien, inwieweit der Autor Kurzeck die Situation und das Selbstverständnis der Schriftsteller kurz nach dem Zweiten Weltkrieg literarisch verarbeitet. [30 BE]
Lösung: Ausführliche und differenzierte Beurteilung der literarischen Verarbeitung der Nachkriegssituation und des schriftstellerischen Selbstverständnisses bei Kurzeck anhand beider Materialien.
Die ausführliche Erklärung Schritt für Schritt (mit KI) gibt es mit Premium. Premium
Löse sie direkt hier: automatische Korrektur, Hinweise und Lösung Schritt für Schritt.
‹ Aufgabe Vorschlag D - Aufgabe 3 · GK 2021 · Aufgabe Vorschlag C - Aufgabe 3 · LK 2021 ›