Aufgabe Vorschlag C - Aufgabe 2 · Abitur Hessen Deutsch LK 2021

Thema: Pflichtlektüre: Vergleich und literarische Erörterung · Aus der Prüfung LK (2021)

Aufgabenstellung

Material

Alexander Wendt: Kristall. Eine Reise in die Drogenwelt des 21. Jahrhunderts (2018)

Am 24. August 1998 um vier Uhr nachmittags unterzog sich der britische Kybernetikprofessor 1 Kevin

Warwick, damals 44 Jahre alt, einer Operation. Der Chirurg Georg Boulous betäubte in der Tilehurst

Surgery Klinik von Reading den Unterarm seines Patienten lokal und plazierte einen Siliziumchip un-

ter seiner Haut. Mit dem elektronischen Teil in seinem Körper konnte Warwick von diesem Tag an in

5 seinem Haus Türen öffnen, Licht ein- und ausschalten und die Heizung regulieren, ohne einen

Türknopf oder einen Schalter zu berühren. Sein Körper hatte sich eine neue Fähigkeit im Wortsinn

einverleibt. Viele, die davon hörten, hielten das Experiment des Wissenschaftlers der Universität Rea-

ding für eine Spielerei. Für die Anhänger der transhumanen 2 Bewegung setzte Kevin Warwick damals

zum großen Sprung an. Er verwandelte sich an einem Nachmittag zum weltweit ersten Cyborg – zu

10 einer Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine. Der Maschinenanteil nahm nur einen winzigen

Platz in seinem Körper ein, und er erlaubte ihm auch nichts, was nicht jeder Mensch auch mit seinem

Finger am Lichtschalter hätte erledigen können. Aber darum ging es ihm nicht. Er wollte die biologi-

sche Grenze seines Körpers übertreten. Das versuchen Menschen seit vielen Jahrhunderten, vor allem

benutzen sie dabei natürliche und später synthetische Substanzen 3. Warwicks Pioniertat bestand darin,

15 einen neuen Weg zu diesem alten Ziel zu nehmen. […]

Seit Generationen versuchen Menschen auf ziemlich unvollkommene Weise, ihre natürlichen Grenzen

mit Drogen zu überqueren. Mit einem zusätzlichen Element, nämlich der Technik, könnte es ihnen ge-

lingen, jetzt zum ersten Mal dauerhaft in eine transhumane Welt zu wechseln.

Unter Biohacking verstehen verschiedene Mitglieder der Szene unterschiedliche Dinge. Klassiker wie

20 Kevin Warwick ausschließlich eine Verbesserung durch Kombination von Biologie und Technik. An-

dere wie der russisch-amerikanische Unternehmer Serge Faguet optimieren sich durch Substanzen, die

sie sich […] zu einer fein orchestrierten chemischen Mischung zusammenstellen. Faguet, in Russland

geboren und erfolgreicher IT-Unternehmer nach seinem Studienabbruch in Stanford, entschied sich,

seine höchstpersönliche Mischung ins Netz zu stellen. Seiner Rezeptsammlung gab er dort die Über-

25 schrift: „Ich bin 32 und habe 200 000 Dollar für Biohacking ausgegeben. Bin ruhiger, dünner, extro-

vertierter, gesünder, glücklicher geworden.“ Seit dem Beginn seiner Selbstbehandlung, schreibt er,

habe er 26 Prozent Körperfett verloren, seinen Testosteronspiegel gesteigert, er schlafe besser, sei aus-

geglichen und habe großartigen Sex. Neben Kraftsport, dem Schlucken von Hormonpräparaten und

einem fett- und kohlenhydratarmen und entzündungshemmenden Speiseplan (Fisch, Avocados, grüner

30 Tee) gehört zu seinem Programm die Einnahme des Wachhalters Modafinil, des Stimmungsstabilisie-

rers Lithium und des Zufriedenmachers MDMA. Eine dritte Gruppe in der mittlerweile großen Bewe-

gung der Menschenoptimierer nutzt beide Möglichkeiten. Bei ihnen vereinen sich die beiden Kristalle,

die chemischen und die aus Silizium.

Es sind mehrere Dinge, die im Transhumanismus zusammenkommen, klassische, auf neue Weise be-

35 nutzte Drogen, injizierte Substanzen, von denen möglicherweise neue, auf Gentechnik basierte Varian-

ten entstehen, ständige Implantate und drittens – diese Möglichkeit bietet wahrscheinlich mehr als alle

anderen zusammen – der Anschluss an die kommende künstliche Intelligenz. […]

Durch das Feilen an den Genen bietet sich zum ersten Mal die Chance auf eine höchstpersönliche

Droge, entworfen für die Bedürfnisse eines einzelnen von sieben Milliarden Menschen. Verknüpfen

40 Avantgardisten der Transhumans -Bewegung außerdem noch eine andere sehr individuelle Struktur –

nämlich das Gehirn – mit den Fähigkeiten der Informationstechnologie, dann hätte endlich jeder die

Chance, aus der Spezies Mensch auszutreten, um seine eigene Schöpfung zu werden. Für ein transhu-

manes Manifest genügt im Prinzip der Satz: „Die Menschen haben nichts zu verlieren als die Ketten

ihrer ererbten DNA.“ […]

45 Die Französin Emmanuelle Charpentier entwickelte 2012 eine revolutionäre Technik zum Schneiden

von Gensequenzen. […] Ihre Genschere hört auf den Namen CRISPR-Cas9 […].

Die Genschere macht es also möglich, den Erbinformationsstrang an einer vorbestimmten Stelle zu

kappen und dort ein neues Stück DNA einzubauen. […]

Beim Zertrennen von DNA handelt es sich nur um die Basistechnik. Den Transhumanisten der Gene-

50 tikabteilung geht es um die aufregende Möglichkeit, ihr eigenes Erbgut umzubauen, indem sie schnei-

den und im Copy-and-Paste-Verfahren neue Sequenzen einsetzen. Was nichts anderes bedeutet, als

Fehler der menschlichen Grundausstattung auszumerzen. Es gibt Menschen, die besonders langlebig

sind, mit besonders wenig Schlaf auskommen, die über ein ungewöhnlich gutes Immunsystem verfü-

gen oder sich durch eine überdurchschnittliche Intelligenz auszeichnen. Dafür lassen sich möglicher-

55 weise genetische Grundlagen aufspüren. Wenn sie gefunden sind, könnte ein Optimierer sie sich –

vielleicht – in den eigenen gewundenen Strang weben 4. […] Das heißt, nicht alle könnten das tun.

Sondern nur happy few experts mit passenden Fähigkeiten und hinreichender Risikobereitschaft […].

Der Unternehmer und Selbstoptimierer Serge Faguet spricht in seinem Manifest mit einer gewissen

Brutalität aus, wie Körperveränderungen zu neuen Gesellschaftsverhältnissen führen. „Ich glaube, was

60 wir beim Biohacking tun, bedeutet die Spaltung der Menschheit in getrennte Spezies: Die in ihren

Möglichkeiten verstärkten Posthumans, die all diese Entscheidungen treffen (und die sehr wahrschein-

lich aus den Tech-Communities des Silicon Valley und aus China kommen werden) – und ‚einfache

Humane‘, die (vielleicht) gut behandelt werden, aber nicht wirklich bestimmen, was geschieht.“ […]

Auf der Webseite des amerikanischen Unternehmens Okion, das Biohackingbedarf vertreibt, heißt es:

65 „Du möchtest durch moderne Wissenschaft besser leben, und du weißt, dass es Werkzeuge gibt, um

dich zu mentalen Spitzenleistungen zu bringen. Du willst deine Arbeitsproduktivität maximieren, mo-

tiviert sein, um jeder Anstrengung die mentale Konzentration zu geben, die sie verdient, du möchtest

schneller lesen, bessere Konversationen haben und in einer Weise wirken, wie du es niemals zuvor ge-

tan hast.“ […]

70 Wie in der früheren Chemie leben auch heute die Schöpfer von Mensch/Maschine-Schnittstellen und

Genschneider im Zeitalter der Unschuld. In den Foren der Transhumans tauscht man sich über die

neuesten Errungenschaften aus und kaum über die Frage, wohin sie führen. Das spricht nicht unbe-

dingt für moralische Stumpfheit […]. Ein Kevin Warwick weiß, dass er grundsätzlichen Fragen be-

gegnen wird, oder die Fragen ihm, je nachdem. Sie liegen allerdings noch hinter einer Nebelwand.

Alexander Wendt: Kristall. Eine Reise in die Drogenwelt des 21. Jahrhunderts, Bonn 2019, S. 191–207.

Hinweise

Alexander Wendt (*1966), deutscher Journalist und Buchautor

Die Rechtschreibung entspricht der Textvorlage.

1 Kybernetik – wissenschaftliche Forschungsrichtung, die verschiedene Systeme auf selbsttätige Regelungs- und Steuerungsmechanismen untersucht

2 transhuman (auch posthuman) – Der Transhumanismus ist eine philosophische Denkrichtung, die die Grenzen menschlicher Möglichkeiten durch den Einsatz technischer oder anderer Hilfsmittel erweitern will.

3 synthetische Substanzen – künstliche, im Labor hergestellte Stoffe

4 in den eigenen gewundenen Strang weben – gemeint ist hier, in das eigene Erbgut einsetzen

2

Setzen Sie die im vorliegenden Textauszug von Alexander Wendt geschilderten Optimierungsversuche am Menschen in Beziehung zu Juli Zehs Roman „Corpus Delicti“ und zu Goethes Drama „Faust I“.

(40 BE)

Aufgabenstellung: Aufgabe Vorschlag C - Aufgabe 2 · Abitur Hessen Deutsch LK 2021

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

2 Setzen Sie die im vorliegenden Textauszug von Alexander Wendt geschilderten Optimierungsversuche am Menschen in Beziehung zu Juli Zehs Roman „Corpus Delicti“ und zu Goethes Drama „Faust I“.

Lösung: Differenzierter literarischer Vergleich mit Juli Zehs „Corpus Delicti“ und Goethes „Faust I“ gemäß Lösungshinweisen.

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