Aufgabe Vorschlag D · Abitur Hessen Deutsch LK 2021

Thema: Materialgestütztes Verfassen von Texten · Aus der Prüfung LK (2021)

Aufgabenstellung

Vorschlag D: Gender und Sprache

Aufgabe (100 BE)

Unvermindert wird in der Gesellschaft darüber diskutiert, ob in öffentlichen Bereichen, z. B. in der Schule, Dokumente und Texte geschlechterneutral formuliert werden sollen. Deshalb greift eine überregionale Zeitung dieses Thema auf und bittet vor allem junge Leserinnen und Leser um einen Beitrag zu folgender Frage: „Sollen in Deutschland alle Schulen eine geschlechterneutrale Sprache verwenden?“

Verfassen Sie einen Kommentar als Beitrag zur Debatte über diese Frage.

Nutzen Sie dazu die folgenden Materialien (M1–M8) und beziehen Sie eigene Erfahrungen und unterrichtliches Wissen über den Zusammenhang von Sprache, Denken und Handeln ein.

Formulieren Sie eine geeignete Überschrift.

Material 1 – GenderKompetenzZentrum: Was ist Gender? (2006)

Gender hat sich als Fachbegriff für „Geschlecht“ auch im deutschsprachigen Raum etabliert. Für die Übernahme des englischen Wortes spricht, dass im Deutschen mit dem Begriff Geschlecht von den meisten Menschen vor allem das biologische Geschlecht assoziiert wird, also das, was im Englischen als „sex“ bezeichnet wird. Mit dem deutschen Wort „Geschlecht“ ist also bislang das Risiko verbunden, die Bedeutung von Geschlecht als ein historisch veränderbares, soziales und kulturelles Verhältnis aus dem Blick zu verlieren. […]

GenderKompetenzZentrum der Humboldt-Universität zu Berlin (2006)

Material 2 – Anna-Lena Scholz und Thomas Kerstan: Es heißt Stu- denten! dierende! (2016)

Nur fünf Buchstaben änderte unser Redakteur in einem Text unserer Autorin. Daraus entwickelte sich ein Streit: Über Sprache, Gender und die Macht an den Unis.

Lieber Thomas,

vielen Dank für Deine gute Redigatur meines Artikels! Ich bin mit allen Korrekturen einverstanden – fast jedenfalls. Du hast aus den „Studierenden“ in meinem Text die „Studenten“ gemacht. Das generische Maskulinum verschluckt die Studentinnen, mit denen ich bei meiner Recherche gesprochen habe! Einverstanden, dass wir die geschlechtsneutralen „Studierenden“ in meinem Artikel stehen lassen?

Herzliche Grüße Anna-Lena

Liebe Anna-Lena,

Du kannst gern bei den Studierenden bleiben, ich will Dir als Autorin da keine Vorschriften machen. Ich aber mag das Wort „Studierende“ nicht und werde weiter von „Studenten“ schreiben, wenn ich junge Menschen beiderlei Geschlechts meine, die studieren. Das Wort ist kurz und hat sich bewährt. „Studierende“ klingt für mich hingegen gestelzt und bürokratisch. Rund die Hälfte der Studenten ist weiblich; ich sehe nicht die Gefahr, dass ein Wort sie verschlucken könnte.

Herzliche Grüße zurück, Thomas

Lieber Thomas,

Du bist ja selbst Journalist und weißt, wie mächtig Sprache sein kann. Sie bildet die Welt nicht spiegelbildlich ab, sondern prägt und formt unsere Realität. Übrigens haben sprachwissenschaftliche und psychologische Studien nachgewiesen, wie groß der Einfluss geschlechtergerechter Sprache ist: Wenn wir von Politikern, Lesern, Studenten sprechen, dann aktiviert das in unserem Gedächtnis nur männliche Personengruppen. […]

Liebe Anna-Lena,

stimmt, Sprache kann sehr mächtig sein. Sie muss aber auch gut gepflegt werden, damit sie ein scharfes Schwert bleibt und nicht zu Brei wird. Das Herumdoktern an ihr, um sie vermeintlich gerechter oder weniger diskriminierend zu machen, tut ihr in den meisten Fällen nicht gut. […] Die Retortenwörter! Sie nerven mich, weil sie hässlich klingen und Fremdkörper in unserer Sprache sind. […] Beim Abwägen zwischen „geschlechtergerechter“ Sprache und guter Sprache entscheide ich mich für die gute Sprache.

Von: Anna-Lena Scholz

Ehrlich gesagt – wenn die sprachliche Brillanz und argumentative Kraft eines Zeitungsartikels am seidenen Faden des generischen Maskulinums hängt, dann taugt er nicht viel. Ich will mehr Mut zur Kreativität! […] Für mich ist „gute Sprache“ eine politisch reflektierte und bewegliche Sprache, die unseren emanzipatorischen Freiheitsgewinnen Ausdruck verleiht. […] PS: Ich gehe nicht von nur zwei Geschlechtern aus! […]

Anna-Lena Scholz und Thomas Kerstan (16.06.2016), Die ZEIT

Material 3 – Tatjana Thamerus: Brauchen wir eine genderneutrale Sprache? (2015)

[…] Menschen, die sich wie Inter- oder Transsexuelle keinem eindeutigen Geschlecht zuordnen können, sind aus der deutschen Sprache ausgeschlossen. Auch viele Frauen fühlen sich vom Deutschen ignoriert. Genderneutrale Sprache würde das Problem lösen, eine Sprache, in der alle Geschlechter vorkommen.

Sprache sei entscheidend für die Sichtbarkeit und die Akzeptanz von Trans- und Intersexuellen, erklärt Andreas Kraß […]: „Wir können nur mit der Sprache kommunizieren. Und mit der genderneutralen Sprache können wir der menschlichen Vielfalt Rechnung tragen.“ […]

England zum Beispiel hat im Sommer die neutrale Anrede Mx. […] in das Oxford English Dictionary aufgenommen. Außerdem wird im englischsprachigen Raum they als geschlechtsneutraler Ersatz für she oder he diskutiert. Und in Schweden wurde […] das Pronomen hen offiziell eingeführt […].

In Teilen ist die genderneutrale Sprache schon in Deutschland angekommen: So sind Unis schon länger dazu übergegangen, von Studierenden zu sprechen. […] Und auch die Grünen haben […] ihre Partei zum Gender-Star verpflichtet. Neben dem Gender Gap (Leser_innen) und dem Binnen-I (LeserInnen) versucht das Sternchen (Leser*innen) all jene Menschen einzubeziehen, die sich nicht in das binäre Mann/Frau-System einordnen wollen.

„Sprache übersetzt sich in Denken und damit auch in politisches Handeln […]“, erklärt Gesine Agena […].

Ludwig Eichinger, Direktor des Instituts für Deutsche Sprache in Mannheim, glaubt nicht an ein geschlechtsneutrales Deutsch: Es würde zu stark in das System der Sprache eingreifen, sagt er. „Im Gegensatz zum Englischen ist das grammatikalische Geschlecht im Deutschen stark verankert.“ […]

Tatjana Thamerus (18.12.2015), bento.de

Material 4 – Ingrid Thurner: Der Gender-Krampf verhunzt die deutsche Sprache (2013)

[…] So wurde nach Stilmitteln gesucht, die der Vielfalt an Identitäten jenseits von Mann und Frau sprachlich Ausdruck verschaffen. Lösungsvorschläge stammen aus der amerikanischen Queer-Theorie, die davon ausgeht, dass geschlechtliche und sexuelle Identität erst in soziokulturellen Prozessen geformt wird.

Der Gendergap_Unterstrich wird nach der Queer-Theorie jenen gerecht, die sich weder dem Männlichen noch dem Weiblichen zuordnen wollen oder können. Die sprachfeministische Erneuerung hatte noch andere Ideen: Statt des Gendergap_Unterstrichs könnte es auch ein Gender*Stern sein, eine Art Joker für alle verfügbaren Geschlechtsidentitäten. […]

Heutzutage wird die Sprachgerechtigkeit den Frauen von den Männern als Geschenk dargebracht, ist aber bloß ein Ablenkungsmanöver. […] Von den Universitäten marschierte die feministische Kampfrhetorik flugs in die Politik. Wer sich Wahlen stellen muss, schwatzt in Verdoppelungen. Bürgerinnen und Bürger. Da redet man mehr und muss weniger sagen. […] Drei Jahrzehnte sprachlicher Gleichbehandlung haben bloß unschöne Texte, aber keine gesellschaftliche Gleichstellung gebracht. […]

Ingrid Thurner (02.02.2013), Die Welt

Material 5 – Grafik: Das dritte Geschlecht (2017)

Material 6 – Kerstin Hensel: Gender-Debatte. Verzeihung, ein Maskulinum! (2015)

[…] Nun stellt sich ein Amazonenheer vor uns auf, das sich den Namen GENDER auf die Harnische geschrieben hat. Das Problem ist nicht der Gedanke, sondern die radikale Ideologie, mit der dieses Heer ein Gleichheitskonzept auf alles stülpt, was seinen Reiz, sein Leben aus Unterschieden bezieht. […]

Pardon, jetzt sind mir generische Maskulina herausgerutscht! Und nein, ich gelobe keine Besserung! Die größte Entsコミュニティ, scheint mir, ist die der Humorlosen. Über Geschlechterrollen wird in Mitteleuropa seit mehr als 100 Jahren diskutiert. Der Feminismus hat sein Hauptwerk getan. […]

Ich bin nicht gegen die Forderung gleicher Rechte von Frauen und Männern. Im Gegenteil. Sie ist noch immer notwendig, vor allem, wenn man in andere Teile der Welt sieht. Es ist Ideologie und Hysterie, die mich abstoßen beziehungsweise lachen lassen. Die Gender-Debatte spaltet inzwischen die Gesellschaft, anstatt Empathie, echte Toleranz und wirkliches Sprachbewusstsein anzustreben.

Kerstin Hensel (30.07.2015), Deutschlandradio Kultur

Material 7 – Anatol Stefanowitsch: Geschlechtergerechte Sprache und Lebensentscheidungen (2015)

[…] In dieser Studie legten die Autor/innen Schulkindern im Alter von 6–12 Jahren dreizehn Berufsbezeichnungen vor, die entweder stereotyp männlich waren […], oder die stereotyp weiblich waren […]. Jeder dieser Berufe wurde den Kindern vorgelesen und kurz definiert, wobei eine Gruppe Paarformen zu hören bekam (z. B. „Feuerwehrfrauen und Feuerwehrmänner sind Personen, die Feuer löschen“), und eine Gruppe das „generische“ Maskulinum (z. B. „Feuerwehrmänner sind Personen, die Feuer löschen“). Zu jedem Beruf mussten die Kinder vier Fragen beantworten […].

Bei den stereotyp männlichen Berufen wurden beide Faktoren durch die Art der Präsentation (Paarformel oder „generisches Maskulinum“) beeinflusst: Im generischen Maskulinum schrieben die Kinder den Berufen erstens einen höheren Status zu und hielten sie zweitens für schwerer zugänglich, als wenn sie in der Paarform präsentiert wurden. Bei den stereotyp weiblichen Berufen gab es keinen solchen Effekt.

[…] Auch hier zeigte sich ein Effekt der jeweiligen sprachlichen Bedingung dergestalt, dass sich Kinder beiderlei Geschlechts einen Beruf eher zutrauen, wenn er in der Paarformel präsentiert wird, als wenn er im „generischen“ Maskulinum präsentiert wird. […] Mit anderen Worten: Die Art, in der wir über stereotyp männliche Berufe reden, hat vor allem einen Einfluss darauf, ob Mädchen sich diesen Beruf zutrauen. Die konsequente Verwendung von Paarformeln kann dazu führen, dass sie den Beruf als zugänglicher bewerten und ihn für sich selbst als realistische Berufswahl einschätzen. […]

Anatol Stefanowitsch (09.06.2015), Sprachlog

Material 8 – Umfrage zur Nutzung geschlechtsneutraler Sprachformulierungen (2019)

Civey für t-online.de (2019)

Aufgabenstellung: Aufgabe Vorschlag D · Abitur Hessen Deutsch LK 2021

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

Formulieren Sie eine geeignete Überschrift.

Lösung: Eine dem Text und seiner Intention entsprechende, prägnante Überschrift.

Verfassen Sie einen Kommentar als Beitrag zur Debatte über diese Frage: „Sollen in Deutschland alle Schulen eine geschlechterneutrale Sprache verwenden?“

Lösung: Ein eigenständiger, strukturierter Kommentar mit klarer eigener Positionierung, adressatengerechter Sprache und funktionaler Einbindung der Materialien M1–M8.

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