Abitur Hessen Deutsch 2021 · LK · Handke: Die linkshändige Frau
Aufgabe Deutsch aus dem IQB-Pool 2021, LK · Handke: Die linkshändige Frau: 1 Teilaufgabe mit Lösungen. Themen: Interpretation epischer Texte. Kostenlos.
Themen der Prüfung: Interpretation epischer Texte
Aufgabe 1
1 Aufgabe
Aufgabenstellung
Interpretieren Sie den Auszug aus Peter Handkes Erzählung „Die linkshändige Frau“. Gehen Sie dabei insbesondere auf die Figurendarstellung und die erzählerische Gestaltung des Textes ein.
Material
Peter Handke (*1942): Die linkshändige Frau (1976)
Die Frau (Marianne) hat sich von ihrem Mann Bruno getrennt. Die Handlung spielt zu Beginn der 1970er-Jahre, als in der Bundesrepublik Deutschland eine breite gesellschaftliche Debatte über die Emanzipation der Frau angestoßen wurde.
[...] Es war ein heller Wintermorgen, wo aus dem aufreißenden Nebel Flocken wie Schnee fielen, nur langsamer, spärlicher. Vor der Schule traf die Frau ihre Freundin, die Lehrerin Franziska, eine kräftige Person mit kurzen blonden Haaren und einer Stimme, die man aus jeder Menschenansammlung heraushörte, auch wenn sie gar nicht laut sprach. Sie redete
5 fast nur in Meinungen, aber nicht aus Überzeugtheit, sondern aus Sorge, daß Gespräche sonst als Tratsch erscheinen würden.
Die Schulglocke läutete gerade. Franziska begrüßte das Kind mit einem Schulterschlag und sagte zu der Frau, als der Junge im Tor verschwunden war: „Ich weiß alles. Bruno hat mich gleich angerufen. Ich habe zu ihm gesagt: Endlich ist deine Marianne aufgewacht. – Meinst
10 du es so? Ist es dir überhaupt ernst?“
Die Frau: „Ich kann jetzt nicht reden, Franziska.“ Die Lehrerin rief, schon im Hineingehen: „Wir treffen uns nach der Schule im Café. Ich bin ganz aufgeregt.“
Die Frau kam mit Paketen aus einem Reinigungsgeschäft; stand an in einem Metzgerladen; räumte auf dem Parkplatz vor dem Supermarkt der kleinen Stadt schwere Plastik-
15 tragetaschen hinten in ihren VW. Sie hatte dann noch ein bißchen Zeit und ging durch den weiten, hügeligen Stadtpark an den zugefrorenen Teichen vorbei, wo ein paar Enten schlitterten. Sie wollte sich irgendwo hinsetzen, aber die Sitzflächen aller Bänke waren während des Winters abmontiert. So stand sie da und betrachtete den bewölkten Himmel. Ein paar alte Leute blieben neben ihr stehen, schauten auch.
20 Sie traf sich mit Franziska im Café; das Kind neben ihr las ein Comic-Heft. Franziska zeigte darauf und sagte: „Diese Ente¹ ist die einzige von den Heftchenfiguren, die ich in meiner Klasse zulasse. Ich fordere sogar auf, seine traurigen Abenteuer zu lesen. Die Kinder erfahren an diesem immer zu kurz kommenden Tier mehr über die Daseins-Formen, als sie in der gutsituierten Haus- und Grundbesitzerlandschaft hier sonst jemals mitkriegen werden,
25 wo das Leben nur darin besteht, das Fernsehen nachzuspielen.“ Das Kind hinter dem Heft und die Frau tauschten Blicke aus.
Franziska fragte: „Und was wirst du jetzt tun, allein?“
Die Frau: „Im Zimmer sitzen und weder aus noch ein wissen.“
Franziska: „Nein, im Ernst: Gibt es jemand andern?“
30 Die Frau schüttelte nur den Kopf.
Franziska: „Hast du darüber nachgedacht, wovon ihr beide leben werdet?“
Die Frau: „Nein. Aber ich möchte gern wieder mit dem Übersetzen anfangen. Wie ich damals vom Verlag wegging, sagte der Verleger, nun könnte ich doch endlich, statt immer nur die ausländischen Rechtsverträge zu behandeln, wie ich das als Verlagsangestellte tun mußte,
35 richtige Bücher übersetzen. Und seitdem hat er mir regelmäßig Angebote gemacht.“
Franziska: „Romane. Gedichte! Und so was dann vielleicht auch noch für zwanzig Mark die Seite, Stundenlohn drei Mark².“
Die Frau: „Fünfzehn Mark die Seite, glaube ich.“ Franziska betrachtete sie lange. „Ich möchte, daß du möglichst bald zu unserer Gruppe³ kommst. Du wirst sehen: Wir sind eine
40 Gemeinschaft, wo jede von uns aufblüht. Und wir tauschen keine Kochrezepte aus! Du weißt gar nicht, wieviel Paradiesisches unter Frauen möglich ist.“
Die Frau: „Ich komme gern einmal.“
Franziska: „Hast du eigentlich jemals allein gelebt?“
Als die Frau wieder den Kopf schüttelte, sagte Franziska: „Ich ja. Und ich verachte das
45 Alleinsein. Ich verachte mich, wenn ich allein bin. [...] Bruno wird übrigens vorerst bei mir wohnen – wenn du ihn nicht, wie ich fast vermute, heute abend wieder zurückhaben willst. Ich kann das alles noch gar nicht glauben. Und trotzdem bin ich begeistert, Marianne, und seltsamerweise stolz auf dich.“
Sie zog die Frau an sich heran und umarmte sie. Dann sagte sie zu dem Kind hinter dem
50 Heft, indem sie ihm auf die Knie klopfte: „Wie kriegt der Geldprotz seinen armen Verwandten denn diesmal dran?“ Das Kind, ins Lesen vertieft, reagierte nicht, und so sagte eine Zeitlang niemand was. Dann antwortete die Frau: „Stefan möchte immer der Reiche sein – weil der, wie er sagt, der Bessere ist.“
Franziska hob ihr leeres Glas zum Mund; machte daran Trinkbewegungen. Sie setzte das
55 Glas ab und schaute zwischen der Frau und dem Kind hin und her, wobei ihr Gesicht allmählich weich wurde. (Manchmal passierte es Franziska, daß sie plötzlich, über gar nichts Bestimmtes, in eine sprachlose Gerührtheit ausbrach, wobei ihr Gesicht in der Entspannung eine Ähnlichkeit mit vielen anderen, und sehr verschiedenen, Gesichtern bekam – als entdecke sie in dieser unbestimmten Rührung sich selber.)
60 Zu Hause im Flur des Bungalows packte die Frau, vor den offenen Wandschränken, die Koffer für Bruno. Als sie einen der bereitliegenden Koffer aufschlug, lag, zusammengerollt, das Kind darin; es sprang auf, lief hinaus. Aus dem zweiten Koffer stieg ein Freund Stefans, ein ziemlich dicker Junge, der ihm auf die Terrasse nachlief, wo die beiden dann die Gesichter an die Scheiben preßten und die Zungen herausstreckten, was ihnen an den
65 eiskalten Scheiben gleich wehtat. Die Frau, im Flur kniend, faltete sorgfältig die Hemden, schleppte die Koffer in den Wohnraum und stellte sie mittendrin, abholfertig, nieder. Als es läutete, ging sie schnell weg in die Küche. Bruno schloß auf, kam herein, um sich blickend wie ein Eindringling. Er sah die Koffer stehen und rief die Frau; zeigte auf das Gepäck und grinste. „Hast du auch schon mein Foto vom Nachttisch entfernt?“
70 Sie gaben einander die Hand.
Er fragte sie nach Stefan; sie zeigte auf die große Fensterseite, wo die zwei Kinder stumme Fratzen schnitten.
Bruno sagte nach einer Weile: „Seltsam, was uns heute morgen passiert ist, nicht wahr? Und dabei waren wir doch gar nicht betrunken. Jetzt komme ich mir ein bißchen lächerlich vor; du
75 dir nicht?“
Die Frau: „Ja, doch. Nein, eigentlich nicht.“
Bruno nahm die Koffer: „Gut, daß morgen wieder das Büro anfängt. – Du hast ja noch nie allein gelebt.“
Die Frau: „Du kommst also von Franziska?“
80 Und dann sagte sie: „Willst du dich nicht setzen?“
Beim Hinausgehen sagte Bruno kopfschüttelnd: „Deine Sorglosigkeit... Erinnerst du dich überhaupt noch, daß es zwischen uns einmal eine Innigkeit gab, jenseits davon, daß wir Mann und Frau waren, und doch bestimmt davon, daß wir es waren?“ Die Frau schloß hinter ihm die Tür und blieb stehen. Sie hörte das Geräusch des abfahrenden Autos; ging zur
85 Garderobe neben der Tür und steckte den Kopf zwischen die dort hängenden Kleidungsstücke.
In der Dämmerung saß die Frau, ohne Licht zu machen, vor dem Fernseher, der einen Zusatzkanal hatte, zur Beobachtung des Kinderspielplatzes der Siedlung. Sie sah das stumme, schwarzweiße Bild an, in dem gerade ihr Sohn auf einem Baumstamm balancierte,
90 während sein dicker Freund immer wieder herunterfiel; außer den beiden war niemand auf dem öden Platz. Die Augen der Frau schimmerten von Tränen.
Am Abend aßen die Frau und das Kind allein im Wohnraum. Sie war schon fertig und schaute dem Kind zu, das schlürfte und schmatzte. Es war sonst sehr still; nur ab und zu kam das Brummen des Kühlschranks aus der Küche, die mit dem Raum durch eine
95 Durchreiche verbunden war. Zu Füßen der Frau stand ein Telefon.
Sie fragte Stefan, ob sie ihn zu Bett bringen solle. Das Kind antwortete: „Ich gehe doch immer allein ins Bett.“
Die Frau: „Laß mich dich wenigstens begleiten.“
Im Kinderzimmer zog sie dem erstaunten Jungen den Pyjama an, wollte ihn dann
100 emporheben und ins Bett legen. Er wehrte sich; legte sich selber hin, worauf sie ihn bis zum Hals zudeckte. Er hatte ein Buch in der Hand und zeigte auf ein Foto darin, das ein Hochgebirge im klaren Licht darstellte; Dohlen flogen davor. Er las laut die Legende unter dem Bild: „‚Spätherbst vor der Kulisse der Berge: Auch um diese Zeit noch locken, wenn das Wetter mitmacht, die Gipfel.‘“ Er fragte sie, was das heiße, und sie übersetzte ihm die
105 Legende: daß man auch noch im Spätherbst bei schönem Wetter auf die Berge steigen könne. Sie beugte sich zu ihm, und er sagte: „Du riechst nach Zwiebeln.“
Allein, hockte die Frau in der Küche vor dem offenen Fach, in dem der Abfalleimer stand, den nicht leergegessenen Teller des Kindes in der Hand, den Fuß schon auf den Tritt des Eimers gestellt, so daß der Deckel aufstand. Sie nahm, so im Hocken, mit der Gabel noch
110 ein paar Bissen in den Mund; blieb kauend hocken, schob den Rest in den Abfall. Sie verharrte eine Zeitlang bewegungslos in dieser Haltung.
In der Nacht, auf dem Rücken im Bett liegend, öffnete die Frau einmal ganz weit die Augen. Völlige Geräuschlosigkeit; sie lief zum Fenster und machte es auf; aber die Stille wich nur einem leisen Geraune. Sie ging ins Zimmer des Kindes, ihre Decke im Arm, und legte sich
115 neben dessen Bett auf den Boden. [...]
¹ diese Ente: Donald Duck.
² Stundenlohn drei Mark: eine damals sehr niedrige Entlohnung.
³ unsere Gruppe: Gemeint ist eine sich regelmäßig treffende Gruppe von Frauen, die im Kontext der Emanzipationsbewegung der 1960er- und 1970er-Jahre nach einem veränderten Selbstverständnis suchen, unkonventionelle Lebenswege erproben und für gesellschaftliche Gleichstellung eintreten.
Handke, Peter: Die linkshändige Frau. Erzählung. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag 2002, S. 20-27.
Rechtschreibung und Zeichensetzung entsprechen der Textquelle.
Du kannst auch nach Themen lernen
Übe ein Thema mit gemischten Aufgaben aus den Prüfungen und dem IQB-Pool aller Jahre.
- Erörterung und Stellungnahme · 38 Aufgaben · 35 % Wahrscheinlichkeit
- Analyse pragmatischer Texte · 34 Aufgaben · 35 % Wahrscheinlichkeit
- Interpretation lyrischer Texte · 24 Aufgaben · 25 % Wahrscheinlichkeit
- Interpretation epischer Texte · 21 Aufgaben · 20 % Wahrscheinlichkeit
- Pflichtlektüre: Vergleich und literarische Erörterung · 17 Aufgaben · 10 % Wahrscheinlichkeit
- Materialgestütztes Verfassen von Texten · 10 Aufgaben · 10 % Wahrscheinlichkeit
Andere Prüfungen und Aufgaben 2021
GK (2021) · GK · Bächler/Kunert (2021) · GK · Hesse/Heine (2021) · GK · regulierende Eingriffe in den Gebrauch der deutschen Sprache aus Gründen der Gendergerechtigkeit (2021) · GK · Uhland: Reisen (2021) · GK · Umgang mit digital vermittelten Sprachnachrichten (2021) · LK (2021) · LK · Deutung der Figur Mephisto (2021) · LK · Domin/Kunert (2021) · LK · Framing (2021) · LK · gesellschaftliche und sprachpraktische Auswirkungen einer genderneutralen Sprachverwendung (2021) · LK · Hesse: Der Maler (2021) · LK · Motiv der Großstadt in der Literatur der frühen Moderne am Beispiel Berlins (2021) · LK · Sprachkritik und Sprachpflege im aktuellen und historischen Kontext (2021) · LK · Sprachveränderungen infolge des Gebrauchs geschlechtergerechter Sprache (2021) · LK · Verwendung einer genderneutralen Sprache in Schulen (2021)