Sujet 1 - Partie 1 : Synthèse · Bac Allemand Métropole 2024
Thème : Exil et migrations · Tiré du sujet Métropole France (2024)
Énoncé
DOCUMENT A
Die Reise
In seinem Roman Die Vermessung 1 der Welt (2005) behandelt Daniel Kehlmann die Lebensläufe des Naturforschers Alexander von Humboldt und des Mathematikers Friedrich Gauß. Beide haben zur Vermessung der Welt beigetragen, obwohl die Biografie beider Männer nicht unterschiedlicher hätte sein können. Der Naturforscher Alexander von Humboldt, reist durch ganz Südamerika, der Mathematiker Carl Friedrich Gauß bleibt sein Leben lang im heimischen Göttingen.
Im September 1828 verließ der größte Mathematiker des Landes zum erstenmal seit Jahren seine Heimatstadt, um am deutschen Naturforscherkongreß in Berlin teilzunehmen. Selbstverständlich wollte er nicht dorthin. Monatelang hatte er sich geweigert, aber Alexander von Humboldt war hartnäckig geblieben, bis er in einem 5 schwachen Moment und in der Hoffnung, der Tag käme nie, zugesagt hatte.
Nun also versteckte sich Professor Gauß im Bett. Als Minna ihn aufforderte aufzustehen, die Kutsche warte und der Weg sei weit, klammerte er sich ans Kissen und versuchte seine Frau zum Verschwinden zu bringen, indem er die Augen schloß. Als sie wieder öffnete und Minna noch immer da war, nannte er sie lästig, beschränkt 10 und das Unglück seiner späten Jahre. Da auch das nicht half, streifte er die Decke ab und setzte die Füße auf den Boden.
Grimmig und notdürftig gewaschen ging er die Treppe hinunter. Im Wohnzimmer wartete sein Sohn Eugen mit gepackter Reisetasche. Als Gauß ihn sah, bekam er einen Wutanfall: Er zerbrach einen auf dem Fensterbrett stehenden Krug, stampfte mit 15 dem Fuß und schlug um sich. Er beruhigte sich nicht einmal, als Eugen von der einen und Minna von der anderen Seite ihre Hände auf seine Schultern legten und beteuerten, man werde gut für ihn sorgen, er werde bald wieder daheim sein, es werde so schnell vorbeigehen wie ein böser Traum. Erst als seine uralte Mutter, aufgestört 20 vom Lärm, aus ihrem Zimmer kam, ihm in die Wange kniff und fragte, wo denn ihr tapferer Junge sei, faßte 2 er sich. Ohne Herzlichkeit verabschiedete er sich von Minna; seiner Tochter und dem jüngsten Sohn strich er geistesabwesend über den Kopf. Dann ließ er sich in die Kutsche helfen.
Aus: KEHLMANN, Daniel, Die Vermessung der Welt, 2005
1 vermessen: mesurer
2 sich fassen: se ressaisir
DOCUMENT B
Die größten Fehler der Mallorca-Auswanderer
Es ist nicht von der Hand zu weisen: Wer schon öfters im Urlaub in Mallorca war, Klima, Landschaft und Lebensqualität genossen hat, kann leicht auf den Gedanken kommen, doch einfach Mallorca zu seinem Lebensmittelpunkt zu machen und hier ein neues Leben 5 zu beginnen. „Arbeiten, wo andere Urlaub machen“, das klingt doch großartig, oder? Und wenn man dann der Familie und Freunden in Deutschland von seinen Plänen erzählt, da werden die ganz schön neidisch schauen.
Kein Wunder also, dass es sehr viele Deutsche gibt, die hier, sei es als Angestellte oder als Selbstständige, Arbeit suchen oder ein Geschäft eröffnen wollen. Eine andere 10 Motivation ist gelegentlich auch die grundsätzliche Überlegung, in Mallorca ein „neues Leben“ beginnen zu wollen, und einfach nur weg aus Deutschland, hierfür gibt es einige, manchmal auch nachvollziehbare Gründe.
Viele denken aber viel zu blauäugig 3: emotionale Begeisterung überdeckt strategische und 15 vor allem finanzielle Überlegungen.
Mein Beruf als Anwalt bringt es mit sich, dass genau solche „Auswanderer“ mir mit glänzenden Augen von ihren Plänen und gesicherter beruflicher Zukunft in Mallorca berichten, weil sie zudem davon überzeugt sind, eine überaus überzeugende Geschäftsidee zu haben.
20 Es gibt also eine Menge Gründe, die wichtigsten Fragen anzusprechen, die sich in diesem Zusammenhang eigentlich jedem stellen müssten.
Wer in Mallorca mit einer Geschäftsidee neu starten will, muss (mindestens) drei wichtige Kriterien erfüllen:
er muss genug Geld in der Tasche haben, um auch möglicherweise ein Jahr ohne jeglichen Gewinn leben zu können,
er muss die spanische Sprache beherrschen,
er sollte auf keinen Fall an ein Geschäft denken, das sich ausschließlich an Deutsche richtet. Man wird hier nur dann erfolgreich sein können, wenn man die lokale Bevölkerung (immerhin ca. 950 000 Menschen) einbezieht.
30 Zudem sollte man sich vorher auf der Insel umschauen. Leider sind die Geschäftsmodelle deutscher Auswanderer oft sehr ähnlich, also bitte nicht noch ein Fitnessstudio, nicht noch eine Yogaschule und nicht noch ein Café für Deutsche, alles das gibt es hier zuhauf und kein Mensch braucht das.
35 Und hier ein letzter Trost: Man sollte keinesfalls die Brücken nach Deutschland gänzlich abbrechen, das Leben kann sich schnell ändern und man sollte nicht allzu enttäuscht sein, wenn man irgendwann mal feststellt, dass Mallorca als Urlaubsort großartig ist, aber man doch sein Geld lieber in Deutschland verdienen möchte.
REICHMANN, Armin, https://www.dr-reichmann.com, 18.08.2020
3 blauäugig: naïf (ici)
DOCUMENT C
Quelle: Statistisches Bundesamt (Destatis) 2020 und Jan Harmening — https://auswandern-info.com
Frankfurter Allgemeine Zeitung, Faz.net, März 2015
SUJET 1
Thématique: « Voyage: circulation des hommes et des idées » — Axe d'étude: Exil et migrations
Partie 1: Synthèse du dossier (16 points)
Gehen Sie auf die folgenden Punkte in einem zusammenhängenden Text ein. (ca. 500 Wörter)
Geben Sie den thematischen und zeitlichen Hintergrund dieses Dossiers wieder.
Erklären Sie anhand dieses Dossiers die verschiedenen Aspekte des Reisens und Auswanderns aus Deutschland. Sie können sich dabei auch auf Ihre Kenntnisse beziehen.
Beurteilen Sie, was die im Dossier genannten verschiedenen Aspekte über die deutsche Gesellschaft aussagen.

Corrigé
Corrigé proposé par AprenAI (non officiel)
Gehen Sie auf die folgenden Punkte in einem zusammenhängenden Text ein. (ca. 500 Wörter)
Réponse : Musterlösung (ca. 530 Wörter): Das vorliegende Dossier befasst sich im Rahmen der Thematik „Reisen und Migration“ mit der Mobilität der Deutschen vom 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Es setzt sich aus einem Auszug aus Daniel Kehlmanns Roman *Die Vermessung der Welt* (2005), einem Ratgeberartikel des Anwalts Armin Reichmann (2020) sowie zwei statistischen Grafiken zur Auswanderung (2015/2020) zusammen. Historisch spannt das Dossier einen Bogen vom Biedermeier des 19. Jahrhunderts bis in das globalisierte 21. Jahrhundert. Dokument A illustriert die ausgeprägte Sesshaftigkeit und Reiseunlust des Mathematikers Carl Friedrich Gauß im Jahr 1828, der nur unter großem Widerstand Göttingen verlässt, um nach Berlin zu reisen. Dieses Verhalten kontrastiert scharf mit seinem Zeitgenossen Alexander von Humboldt, welcher den Drang nach Weltentdeckung verkörpert. In Dokument B und C hingegen zeigt sich ein modernes Phänomen: Die Deutschen sind heute ausgesprochen mobil. Auswandern ist zu einer realen Lebensperspektive geworden – insbesondere in europäische Nachbarländer wie die Schweiz und Österreich oder in sonnige Urlaubsziele wie Spanien (Mallorca). Die Aspekte des Reisens und Auswanderns sind dabei vielschichtig. Während Reisen im 19. Jahrhundert oft noch strapaziös und wissenschaftlich motiviert war, stehen heute persönliche Selbstverwirklichung und wirtschaftliche Faktoren im Vordergrund. Wie die Grafik der FAZ belegt, sind die Hauptmotive für eine Auswanderung der Wunsch nach neuen Erfahrungen (72,2 %) und besseren beruflichen Chancen (66,9 %), gefolgt von familiären Gründen (50,9 %) und Unzufriedenheit mit dem Leben in Deutschland (41,4 %). Allerdings birgt diese Mobilität auch Schattenseiten. Reichmann warnt vor der Naivität („Blauäugigkeit“) vieler Auswanderer auf Mallorca: Urlaubsbegeisterung verleite oft zu unüberlegten geschäftlichen Schritten. Mangelnde Sprachkenntnisse, unzureichendes Eigenkapital und eine fehlende Ausrichtung auf die lokale Bevölkerung führten häufig zum Scheitern der Auswanderungsprojekte. Diese Befunde erlauben aufschlussreiche Rückschlüsse auf die deutsche Gesellschaft. Einerseits spiegelt Gauß’ Abneigung gegen das Verlassen der Heimat ein tief verwurzeltes Sicherheitsdenken und eine Sehnsucht nach Vertrautheit wider, die bis heute als Stereotyp der deutschen Mentalität gelten („German Angst“, Gemütlichkeit). Andererseits beweisen die aktuellen Daten, dass die deutsche Wohlstandsgesellschaft von Fernweh und einem ausgeprägten Wunsch nach beruflicher wie persönlicher Entfaltung geprägt ist. Die hohe Auswanderungsbereitschaft zeigt eine offene, leistungsorientierte Gesellschaft, in der Mobilität und Individualismus geschätzt werden. Gleichzeitig offenbart die Unzufriedenheit vieler Bürger mit dem Leben im Heimatland auch Kritik an bürokratischen Hürden oder am Alltag in Deutschland. Schließlich zeigt das Beispiel Mallorca eine Konsummentalität, bei der manche Auswanderer versuchen, ihre gewohnte deutsche Lebensweise ins Ausland zu übertragen (Cafés, Fitnessstudios „für Deutsche“), statt sich wirklich auf Sprache und Kultur des Gastlandes einzulassen. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass sich das Verhältnis der Deutschen zum Reisen und Auswandern grundlegend gewandelt hat: vom widerwilligen Reisenden Gauß hin zu einer hochmobilen Gesellschaft, für die das Leben im Ausland eine selbstverständliche Option ist. Dennoch bleibt die Bindung an die Heimat wichtig – nicht zufällig rät Reichmann, die Brücken nach Deutschland nie ganz abzubrechen. Die deutsche Gesellschaft schwankt somit bis heute zwischen Fernweh und Sicherheitsbedürfnis.
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