Sujet 2 - Partie 1 : Synthèse du dossier · Bac Allemand Métropole 2025
Thème : Exil et migrations · Tiré du sujet Métropole France (2025)
Énoncé
Dokument A
Der Roman Lichtspiel ist inspiriert von der Figur des Filmregisseurs Georg Wilhelm Papst. Papst war in Frankreich, als die Nationalsozialisten 1933 an die Macht kamen. Er kehrte nicht nach Deutschland zurück, sondern emigrierte wie viele andere avantgardistische Künstler in die USA.
Der Mann im Liegestuhl, dessen Namen er vorhin nicht verstanden hatte, und jetzt war
es zu spät zum Nachfragen, sah ihn an, ohne die orange getönte Brille abzunehmen.
Dann sprach der Mann. Papst verstand kein Wort.
Er nickte 1. Was sollte er sonst auch tun? Seitdem er in Hollywood angekommen war,
5 kämpfte er darum, sich nicht anmerken zu lassen, wie schlecht sein Englisch war.
Ermutigt durch Papsts Nicken, sagte der Mann noch etwas, und jetzt verstand Papst
immerhin, dass er einen Film lobte, in dem es entweder um Cowboys oder um eine
verliebte Frau ging. Der Mann hatte, auch das verstand Papst, diesen Film entweder
gerade gesehen oder noch nicht gesehen. Entweder hatte er ihn selbst produziert,
10 oder aber er wollte ihn produzieren.
„Großartig“, sagte Papst. Great. Er wusste, dieses Wort war immer am Platz bei
Amerikanern, so wie es auch nie falsch war, ihre Schuhe zu loben.
Der Mann sagte, dass er sich sehr freue, Papst zu treffen, weil er ein großer
Bewunderer von dessen Werken sei. Das verstand Papst, weil es ihm alle sagten. Am
15 Anfang hatte ihn das mit Stolz erfüllt und mit Vorfreude auf die Arbeit hier, aber
inzwischen wusste er, dass es nichts bedeutete.
Der Mann sagte, dass seine Anwesenheit ein großes Glück und eine Chance für die
Warner Brüder 2 sei.
Papst nestelte an seinem Kragen und lockerte seine Krawatte. Er hatte einen Fehler
20 gemacht: In seinem Hotelzimmer war es der Klimaanlage wegen so kalt gewesen,
dass er das dicke Leinenhemd und sein warmes Jacket angezogen hatte. Er spürte,
dass ihm Schweißtropfen übers Gesicht liefen.
Er freue sich sehr über dieses Treffen, sagte Papst. Er habe ja vieles gemacht, seit er
seine Heimat verlassen musste, habe Filme in Frankreich gedreht, unter anderem Don
25 Quixote mit dem Sänger Schaljapin 3 …
Ja ja ja ja, sagte der Mann, ein großartiger Film. Great! […]
Papst nickte dankbar und nestelte an seiner Krawatte, um mehr Luft zu bekommen.
Aber am besten, sagte der Mann, habe ihm Metropolis 4 gefallen.
Der sei nicht von ihm, sagte Papst.
30 Der Mann lobte ihn für seine Bescheidenheit 5.
Aus: Daniel KEHLMANN, Lichtspiel, 2023
1 nicken: hocher la tête
2 Die Warner Brüder gründeten 1923 das „Warner Brothers Film-Studio“ in Hollywood.
3 Fjodor Iwaowitsch Schaljapin war ein russischer Opernsänger (1873-1938).
4 Metropolis ist ein Film des Regisseurs Fritz Lang aus dem Jahre 1927.
5 die Bescheidenheit: la modestie
Dokument B
Die studierte Krankenschwester aus Brasilien
Thaiana Santos aus Rio de Janeiro war schnell klar, dass sie nicht mehr in ihrem
Heimatland arbeiten will. „Ich habe aus finanziellen Gründen teilweise in zwei oder drei
Krankenhäusern gleichzeitig gearbeitet“, erzählt die 29-jährige Krankenschwester.
Trotzdem reichte das Gehalt nicht aus, um in den Urlaub zu fahren. „Ich war überlastet,
5 müde und habe nur gearbeitet, um meine Rechnungen zu bezahlen“, erzählt sie. Nach
Gesprächen mit Freunden, die in Deutschland arbeiten, entschied sie sich
auszuwandern.
Einige Kliniken in Deutschland arbeiten mit Vermittlern 1 zusammen, um Fachkräfte 2
aus dem Ausland unter Vertrag zu nehmen. Diese regeln den gesamten Prozess von
10 der Anwerbung bis zur Einreise nach Deutschland. Dazu gehören auch
Deutschunterricht in Brasilien und Visaanträge. Auch Thaiana Santos kam auf diesem
Weg nach Deutschland.
Krankenpflegerin Thaiana Santos hat sich gut in Deutschland eingelebt und eine
eigene Wohnung in Berlin gefunden. Doch trotzdem gebe es einiges, an das sie sich
15 erst einmal habe gewöhnen müssen. Denn Arbeit und Ausbildung unterscheiden sich
in Deutschland und Brasilien deutlich voneinander. Während Krankenpflege in
Brasilien ein Studienfach ist, gehört der Bereich in Deutschland zu den
Ausbildungsberufen.
Die brasilianische Krankenpflegerin verfügt folglich über einen Universitätsabschluss.
20 So musste Thaiana Santos sich umstellen. In Brasilien sei es nicht ihre Aufgabe
gewesen, Medikamente vorzubereiten oder zu verabreichen. Diese Aufgabe und auch
das Waschen würde von anderen Mitarbeitenden übernommen. Mit einem
Universitätsabschluss seien Krankenpflegerinnen und Pfleger in Brasilien eher darauf
vorbereitet, eine Stationsleitung zu übernehmen. „Wir haben mehr Autorität und mehr
25 Freiheiten“, betont sie. Deshalb sei sie am Anfang teilweise frustriert gewesen. Dazu
komme außerdem die Angst, etwas falsch zu machen: „Was in Brasilien richtig ist,
kann hier falsch sein.“
Trotzdem will sie nicht nach Brasilien zurück. „Die Lebensqualität ist besser, ich habe
Ferien, ich kann in den Urlaub fahren und meine Freizeit genießen.“ Auch habe sie in
30 ihrer Heimat oft Angst gehabt, alleine durch die Straßen zu gehen, das sei in
Deutschland nicht der Fall.
Nach: Elisa Brinkhoff, aus: www.dw.com, 6. Juni 2023
1 der Vermittler (-): l'intermédiaire
2 die Fachkraft (¨e): le personnel qualifié
Dokument C
Partie 1: Synthèse du dossier (16 points)
Gehen Sie auf die folgenden Punkte in einem zusammenhängenden Text ein. (circa 500 Wörter)
Geben Sie den thematischen und zeitlichen Hintergrund dieses Dossiers wieder.
Vergleichen Sie die Situation und die Gefühle der Auswanderer in den Arbeitsvorlagen A und B.
Erläutern Sie anhand des Dossiers und Ihrer Kenntnisse, aus welchen Gründen Menschen heute nach Deutschland einwandern.

Corrigé
Corrigé proposé par AprenAI (non officiel)
Gehen Sie auf die folgenden Punkte in einem zusammenhängenden Text ein (circa 500 Wörter): thematischer und zeitlicher Hintergrund; Vergleich der Situation und Gefühle der Auswanderer in A und B; Gründe für die heutige Zuwanderung nach Deutschland.
Réponse : Musterlösung für die Synthese: Das vorliegende Dossier ordnet sich in die Thematik „Reisen: Zirkulation von Menschen und Ideen“ und den Schwerpunkt „Exil und Migrationen“ ein. Die drei Dokumente beleuchten unterschiedliche Facetten von Migrationsbewegungen über verschiedene Zeitepochen hinweg – vom nationalsozialistischen Deutschland des Jahres 1933 bis hin zur Gegenwart des Jahres 2023. In Text A („Lichtspiel“ von Daniel Kehlmann, 2023) steht die Flucht vor dem NS-Regime im Mittelpunkt: Der österreichisch-deutsche Filmregisseur Georg Wilhelm Pabst emigriert 1933 nach Hollywood. Text B (DW-Artikel von Elisa Brinkhoff, 2023) behandelt hingegen die moderne Arbeitsmigration der brasilianischen Krankenschwester Thaiana Santos, die auf der Suche nach besseren Lebensbedingungen nach Berlin zieht. Das Dokument C, eine Statista-Grafik aus dem Jahr 2023, ergänzt diese individuellen Schicksale durch statistische Daten über die quantitativen Zuwanderungsströme nach Deutschland. Ein Vergleich der beiden Einzelschicksale in Dokument A und B offenbart deutliche Parallelen, aber auch fundamentale Unterschiede. Pabst flieht aus existenzieller politischer Notwendigkeit. Im Exil leidet er unter einer massiven Sprachbarriere („kämpfte er darum, sich nicht anmerken zu lassen, wie schlecht sein Englisch war“) sowie unter dem Druck der oberflächlichen Hollywood-Kultur. Seine Gefühle sind von Entfremdung, Unsicherheit und Anpassungsstress geprägt. Im Gegensatz dazu basiert Thaianas Auswanderung auf einer freien, wohlüberlegten Entscheidung: Sie verlässt Brasilien wegen Überarbeitung, schlechter Bezahlung und Kriminalität. Zwar erlebt auch sie anfängliche Frustrationen und Verunsicherung – insbesondere durch die geringere berufliche Autonomie und Anerkennung ihres akademischen Abschlusses in Deutschland –, doch überwiegt bei ihr das Gefühl von Sicherheit, höherer Lebensqualität und beruflicher Entlastung. Darüber hinaus verdeutlichen Dokument C und historisch-politisches Hintergrundwissen die vielfältigen Ursachen heutiger Zuwanderung nach Deutschland. An erster Stelle stehen humanitäre Gründe und Flucht vor Krieg, wie die Spitzenposition der Ukraine (über 276.000 Zuwanderer 2023) sowie Geflüchtete aus Syrien und Afghanistan belegen. Zweitens spielt die europäische Freizügigkeit eine zentrale Rolle, die Arbeitskräften aus Rumänien, Polen, Bulgarien oder südeuropäischen Ländern neue wirtschaftliche Perspektiven eröffnet. Drittens wirbt Deutschland angesichts des akuten Fachkräftemangels gezielt qualifizierte Arbeitskräfte aus Drittstaaten wie Brasilien oder Indien an. Zusammenfassend zeigt das Dossier den historischen Wandel Deutschlands vom Auswanderungs- und Unrechtsland im 20. Jahrhundert hin zu einem der attraktivsten Einwanderungsländer der Gegenwart.
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