Aufgabe 3 - Soziale Ungleichheit: Dimensionen, Mo… · Abitur NRW Soziologie LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2023
Thema: Soziale Ungleichheit: Dimensionen, Modelle und Armut · Aus der Prüfung LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg (2023)
Aufgabenstellung
Thema: Soziale Ungleichheit – hat sich Deutschland zu einer Klassengesellschaft entwickelt?
Jana Gioia Baurmann
„Die Mittelschicht braucht Dienstboten“ – Interview mit Oliver Nachtwey
ZEIT ONLINE: Deutschland steckt in der vierten Welle, Pflegekräfte sind völlig überarbeitet, es gibt zu wenige Intensivbetten. Warum bekommen diese Menschen, die unverzichtbar für unsere Gesellschaft sind, Merci-Schokolade – und nicht einen angemessenen Lohn für das, was sie leisten?
5 Oliver Nachtwey: Weil sich die Auffassung, was Leistung ist, in den vergangenen Jahrzehnten verändert hat. Die gesellschaftliche Norm der Leistung wurde nachhaltig umgedeutet. Als Leistungsträgerinnen und Leistungsträger wurden nicht mehr diejenigen angesehen, die hart arbeiten – sondern all diejenigen, die Geld, Einfluss und Erfolg haben. Unternehmer, Managerinnen, Berater zum Beispiel. Sprechen wir über Leistung, geht es aber nicht allein
10 um Geld und Anerkennung, sondern um übergeordnete Fragen: Wie wollen wir leben? Und wie wollen wir arbeiten?
Haben Sie den Eindruck, dass sich die Gesellschaft diese Fragen stellt?
Durchaus. Zu Beginn der Pandemie haben Menschen ja nicht nur auf den Balkonen stehend geklatscht. Da kamen auch Diskussionen darüber auf, wie unsere Gesellschaft, unter anderem
15 das Gesundheitssystem, funktionieren könnte. Die systemrelevanten Berufe sind für eine kurze Zeit – so als hätte man in der Gesellschaft einmal das Licht angemacht – in den Vordergrund gerückt. Diese Öffnung in der Debatte wurde jedoch wieder zurückgenommen. Corona und die damit zusammenhängenden Probleme wurden in der Welt der Arbeit stark normalisiert, indem einfach so weitergemacht wurde. Die Schäden werden immens sein – und es wird einen
20 Wandel geben.
Was meinen Sie?
Man ignoriert sowohl die Belastung der Beschäftigten als auch die Tatsache, dass unsere Gesellschaft immer weniger auf Produktion ausgerichtet ist. Wir sind längst zu einer reproduktiven Gesellschaft geworden. Im Gesundheitssektor arbeiten dreimal mehr Menschen als
25 in der Automobilindustrie. Das produzierende Gewerbe stellt nur noch ein Viertel aller Beschäftigten. Pflege, Erziehung, Gesundheit gehören zu den größten Sektoren. Das ist eine Folge der gesellschaftlichen Modernisierung. Die Gesellschaft wird älter, aber dadurch auch vulnerabler 1. Weil viele Menschen von zu Hause wegziehen, können sie auch ihre Eltern nicht mehr pflegen, und weil immer häufiger beide Partner berufstätig sind, müssen die Kin-
30 der außer Haus versorgt werden. Und dann gibt es noch die aufgestiegene Mittelklasse, die – um in ihren Berufen besonders kompetitiv 2 zu sein – verschiedene Dienstboten braucht. Das will die Gesellschaft jedoch nicht sehen. Es wird verdrängt, dass unsere Gesellschaft auf einer reproduktiven Arbeiter:innenklasse beruht.
An wen denken Sie, wenn Sie von Dienstboten sprechen?
35 Die Mittelklasse kann ihr Mittelklassedasein in der Form nur praktizieren, weil sie von einer Reihe von Dienstboten abgesichert wird: Man hat eine Nanny 3, eine Zugehfrau 4, Hemden und Hosen gibt man zum Bügeln ab, das Essen wird bis an die Haustür geliefert.
Sollte die Mittelklasse ein schlechtes Gewissen haben, weil sie andere ausbeutet, um ihren eigenen Wohlstand zu halten?
40 Wenn man Tariflöhne zahlt und einen fairen Umgang pflegt – nicht unbedingt. Diese Form der Mittelklassenexistenz ist auch ein Resultat der gesellschaftlichen Arbeitsteilung. Die Emanzipation aus der Hausfrauenehe macht es für Familien und vor allem für Frauen unmöglich, Care-Tätigkeiten und gleichzeitig Erwerbsarbeit nachzukommen. Der Druck ist jetzt schon enorm. Wenn die Mittelklasse aufhören würde, Tätigkeiten zu delegieren, wäre sie nicht mehr
45 konkurrenzfähig. Man kann sich aber fragen: Will ich so leben? Oder noch besser: Sollten wir alle so leben? Individuelle Auswege sind kaum möglich, nur kollektiv würde das gehen. Etwa durch eine radikale Verkürzung der Arbeitszeit – dann bräuchte es auch diese Form der Arbeitsteilung nicht mehr. [...]
Ist uns [...] nicht bewusst, dass wir in einer Klassengesellschaft leben?
50 In Großbritannien beispielsweise gehört die Existenz der Klassengesellschaft zum Alltagswissen, man erkennt sie an, blickt aber auch auf die Unterschicht herab. In Deutschland erzählt niemand stolz, dass dreimal in der Woche die Zugehfrau kommt. Stolz ist man hingegen, und erzählt es auch, wenn das fünfjährige Kind Englisch lernt. Die Leute wissen also ganz genau, dass es eine Klassengesellschaft gibt – sonst würden sie ihre Kinder nicht darauf
55 trimmen, oben bleiben zu können. Es ist nicht einfach Unwissen, sondern ein Wissen, das man leugnet, aber das durchaus da ist.
Sie haben vorhin gesagt, dass es eigentlich um zwei viel größere Fragen gehe, nämlich: Wie wollen wir arbeiten? Und wie wollen wir leben? Sie zu beantworten ist doch schwierig, wenn man die Tatsache verdrängt, dass es eine Klassengesellschaft gibt. Oder?
60 Ich glaube, dass wir in dieser Hinsicht in einer besonderen Situation sind. Das Bundesarbeitsgericht hat beispielsweise entschieden, dass für die 24-Stunden-Pflege der Mindestlohn gezahlt werden muss. Bei den Berliner Krankenhäusern wurde kürzlich gestreikt, Gorillas 5 -Fahrer streikten, Dutzende sind sogar vor Gericht gezogen. In den vergangenen fünf Jahren wurde nicht deutlich mehr gestreikt, aber zumindest mehr als früher. Paradoxerweise hat das auch
65 was mit der Ausweitung der Prekarisierung zu tun.
Inwiefern?
Mittlerweile gibt es mehr Jobs, aber auch mehr schlecht bezahlte mit hoher Arbeitsverdichtung. In der Pandemie haben viele Beschäftigte angefangen, sich anders zu orientieren. Es gibt nicht nur einen Fachkräftemangel, sondern mittlerweile auch einen relativen Servicekräfte-
70 mangel. Das hat die Verhandlungsposition vieler Arbeiterinnen und Arbeiter gestärkt. Aber um zu Ihrer Frage zurückzukommen: Die Existenz der Klassengesellschaft wird nicht durch einen Erkenntnisprozess der Mittelklasse stattfinden. Die Einsicht, dass es eine Klassengesellschaft gibt, kann nur durch soziale Kämpfe und Konflikte geschehen. Weil dadurch auch eine andere Form von gesellschaftlicher Selbstwahrnehmung passiert und neue Legitimations-
75 zwänge entstehen. Solange wir nur wenige Kämpfe sehen, ist es möglich, die Leistungstragenden im Schatten zu lassen.
Warum verhält sich die Unterschicht so ruhig? Warum begehrt sie nicht mehr auf?
Das ist eine interessante Frage. Zunächst, weil sie müde und erschöpft ist. Arbeiterinnen und Arbeiter aus der Unterklasse haben lange Arbeitszeiten, bekommen viel Druck, spüren stän-
80 dig, flexibel sein zu müssen. Lohn und Anerkennung sind niedrig, das Beschäftigungsverhältnis in der Regel ungesichert, bei migrantischen Beschäftigten ist der Aufenthaltsstatus prekär. Dazu kommt, dass viele Arbeiterinnen und Arbeiter desillusioniert sind – von der Politik, den Parteien, aber auch von den Gewerkschaften. [...] Individuell haben die Angehörigen der Unterklasse meistens nicht aufbegehrt, sondern am Ende auf Exit gesetzt: Sie haben sich weni-
85 ger am politischen Geschehen beteiligt, sind nicht mehr zur Wahl gegangen. Wenn es ihnen möglich ist, kämpfen sie nicht für bessere Bedingungen in ihren Jobs, sondern suchen sich vermeintlich bessere. Aber die Vektoren haben die Richtung geändert. Es gibt vorerst keine großen Kämpfe, aber wieder mehr Widerstand im Kleinen. [...]
Solange wir nur wenige Kämpfe sehen, bleibt es bei den verkannten Leistungstragenden, haben Sie vorhin gesagt. Aber wer beantwortet nun Fragen wie: Wie wollen wir leben? Wie wollen wir arbeiten?
Am Ende wird es nicht der Staat lösen, sondern in ihm verdichten sich die Resultate gesellschaftlicher Debatten und Konflikte. Erste Anzeichen sehe ich, wie gesagt, schon jetzt. Die Bilder von der Berliner Krankenhausbewegung waren beeindruckend. Die Beschäftigten, die
95 sonst in ihren Stationen gefangen waren, kaum zu Hause bei ihren Familien sein konnten, diese Menschen haben plötzlich eine Form von kollektiver Stärke erlebt [...]. Es wird jetzt kein direktes politisches Klassenbewusstsein entstehen, aber schon jetzt gibt es eine kollektive Wahrnehmung im Sinne von: Wir haben mehr Macht, als wir dachten. Ein zartes Pflänzchen von Selbstbewusstsein.
1 vulnerabel: verletzlich
2 kompetitiv: wettbewerbs- oder konkurrenzfähig
3 Nanny: häusliche Angestellte, die sich um die Kinder einer Familie kümmert
4 Zugehfrau: Haushaltshilfe
5 Gorillas: Lebensmittel-Lieferdienst
Zur Interviewerin:
Jana Gioia Baurmann, geb. 1985, ist Redakteurin bei ZEIT ONLINE.
Zum Interviewten:
Prof. Dr. Oliver Nachtwey, geb. 1975, ist Professor für Sozialstrukturanalyse an der Universität Basel.
Baurmann, Jana Gioia: „Die Mittelschicht braucht Dienstboten“ – Interview mit Oliver Nachtwey. In: ZEIT ONLINE vom 09.12.2021 (Auszüge; auf Zwischenüberschriften wurde zugunsten der besseren Lesbarkeit verzichtet).
2.
Beschreiben Sie ein Modell, mit dem sich vertikale soziale Ungleichheit erfassen lässt. Stellen Sie außerdem ein Modell dar, das darüber hinaus auch horizontale Ungleichheiten berücksichtigt. Vergleichen Sie die Gesellschaftsanalyse Nachtweys mit diesen beiden Modellen. (26 Punkte)
3.
Erörtern Sie die Auffassung Nachtweys, wonach die deutsche Gesellschaft als Klassengesellschaft zu verstehen sei (vgl. Z. 54 ff.). (24 Punkte)

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
2. Beschreiben Sie ein Modell, mit dem sich vertikale soziale Ungleichheit erfassen lässt. Stellen Sie außerdem ein Modell dar, das darüber hinaus auch horizontale Ungleichheiten berücksichtigt. Vergleichen Sie die Gesellschaftsanalyse Nachtweys mit diesen beiden Modellen. (26 Punkte)
Lösung: Detaillierte Beschreibung eines vertikalen Schichtmodells (z. B. Geißlers Hausmodell) und eines Modells mit horizontalen Dimensionen (z. B. Sinus-Milieu-Modell) sowie systematischer Vergleich mit Nachtweys Konzept der Dienstboten- und Arbeiterklasse.
3. Erörtern Sie die Auffassung Nachtweys, wonach die deutsche Gesellschaft als Klassengesellschaft zu verstehen sei (vgl. Z. 54 ff.). (24 Punkte)
Lösung: Ausgewogene, kriteriengeleitete Erörterung von Nachtweys Klassengesellschaftsthese mit Pro- und Contra-Argumenten sowie einem konsistenten, begründeten Gesamturteil.
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