Aufgabe 2 · Abitur NRW Soziologie LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2023
Thema: Sozialisation, Identität, Gruppen und abweichendes Verhalten · Aus der Prüfung LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg (2023)
Aufgabenstellung
Thema: Rechtsextremistische Gewalt – lassen sich junge Männer vor Radikalisierung schützen?
Materialgrundlage
Ratmann, Mirjam: „Wer solche Gewalttaten begeht, wird schnell zum Helden der Szene“ – Interview mit Judith Rahner. In: ze.tt vom 13.05.2022 (Auszüge).
Mirjam Ratmann
„Wer solche Gewalttaten begeht, wird schnell zum Helden der Szene“ – Interview mit Judith Rahner
Material zum Bau einer Bombe, selbstgebaute Schusswaffen, antisemitisches und rassistisches Textmaterial und Neonazisymbolik – das alles fand die Polizei […] in dem Zimmer eines 16-jährigen Schülers in Essen. Der Verdacht: Er habe mutmaßlich einen rechtsextremistisch motivierten Anschlag an seiner Schule geplant. […] Auch in Halle, Christchurch, Hanau oder München waren es rechtsextreme Männer, die Terroranschläge verübten. Was Männlichkeit mit rechter Gewalt zu tun hat, darüber sprachen wir mit Judith Rahner von der Amadeu Antonio Stiftung.
ze.tt: Frau Rahner, Sie beschäftigen sich in Ihrer Arbeit mit der Prävention von Rechtsextremismus. Warum sind es meistens Männer, die rechtsterroristische Attentate verüben oder diese planen?
Judith Rahner: Das liegt in erster Linie daran, dass Gewalt dicht mit Männlichkeit verknüpft ist. Das heißt nicht, dass Frauen keinen rechtsextremen Terror verüben. Aber tätliche Gewalt ist gesamtgesellschaftlich männlich konnotiert. So haben Männer eine höhere Affinität zu Waffen oder interessieren sich mehr für Körperlichkeit. Viele eifern dem Ideal eines muskelbepackten, starken Mannes nach. Das hat mit ihrer Sozialisation zu tun. Also damit, wie junge Männer in dieser Gesellschaft geprägt werden und wie sie aufwachsen. Oft wird von ihnen erwartet: Sei stark, sei hart, sei männlich, setz dich durch und steh für deine Sache ein. Diese Art, Männer zu adressieren, beinhaltet viel von dem, was im Rechtsextremismus von Männlichkeit erwartet wird.
Trotzdem werden ja nicht alle Männer, die so geprägt wurden, Rechtsterroristen.
Es geht nicht um Männer oder Männlichkeit, sondern um toxische Männlichkeit und um das Ideal eines überlegenen, soldatischen Mannes, der im Zentrum rechtsextremen Denkens steht. Sie unterscheiden sich vorrangig in der Radikalität von anderen Männern in der Mitte der Gesellschaft. Rechtsextremisten wollen eine komplett andere, menschenfeindliche und rassistische Gesellschaftsform etablieren. Für Rechtsextremisten sind Frauen und Männer nicht gleich und es gibt klare Hierarchien zwischen Menschen. Also wird dieser demokratische Grundsatz gezielt bekämpft – zur Not mit Gewalt.
Was genau macht den Rechtsextremismus dann für Männer so attraktiv?
Der Rechtsextremismus bietet eine Überlegenheit an: die Vorstellung der Überlegenheit des weißen Mannes. Wenn ich mich als junger Mensch schwach fühle, verspricht einem die rechtsextremistische Ideologie vermeintlich über allen anderen Männern zu stehen. Vor allem über schwulen, jüdischen oder muslimischen Männern. Und natürlich über Frauen. Angebote von rechtsextremen Gruppierungen oder Parteien versuchen oft genau mit dieser Ideologie zu werben, nach dem Motto: Bei uns kannst du wieder ein richtiger Mann sein. Sie locken mit Kampfsport und Wettbewerben, in denen Männer ihre Stärke und ihre Muskeln beweisen können.
Was haben Verschwörungserzählungen damit zu tun?
Im Rechtsextremismus steht der weiße Mann, der seine Vormachtstellung unter Beweis stellen muss, im Zentrum. Er muss jeden Tag aufs Neue für die Wiederherstellung oder Erhaltung einer weißen Männlichkeit und die weiße Bevölkerungsgruppe kämpfen. Diese Männer werden als Soldaten stilisiert, die die deutschen Mädchen und Frauen von außen, also vor allem vor Migranten, schützen müssen. Hinzu kommen verschiedene Verschwörungserzählungen: Beispielsweise, dass irgendwelche Eliten – meist als jüdisch deklariert – den weißen Mann ausrotten wollten. Oder dass der Feminismus, der den Mann verweiblichen würde, der Grund allen Übels sei. Deswegen fühlen sich Rechtsextremisten so sehr vom Feminismus bedroht. Dieses Narrativ kann auf Männer mobilisierend wirken und dazu führen, dass sie sich vom Rechtsextremismus angezogen fühlen und sich radikalisieren. […]
Sind Männer gefährdeter sich zu radikalisieren als Frauen?
Nein. Auch Frauen können sich radikalisieren. Aber Männer sind durch die Privilegien, die sie in unserer Gesellschaft aufgrund ihres Geschlechts haben, für viele Aspekte der rechtsextremistischen Ideologie prädestinierter. Denn diese Ideologie stellt sich schützend vor eine patriarchale Gesellschaft, die Männer klar bevorteilt und gegen all jene kämpft, die Männern ihre Privilegien streitig machen wollen. Männer können eher über die Erzählung „Taten statt Worte“ erreicht werden, vor allem dann, wenn es vermeintlich etwas zu beschützen gilt. Wenn sie dann auch noch glauben, dass irgendeine Elite sich gegen die weiße „Rasse“ verschworen hat und diese ausrotten will – dann ist der Schritt hin zu einer gewaltvollen Radikalisierung nicht mehr weit.
Wie findet so eine Radikalisierung statt?
Vor allem da, wo eine Normalisierung von Rechtsextremismus stattfindet, sind junge Menschen gefährdet, ebenfalls in der Szene zu landen. Zum Beispiel, wenn man als junger Mensch in einer Gemeinde aufwächst, in der Rechtsextremismus zum Stadtbild dazugehört. Und dann gibt es natürlich die Gefahr, dass man online in einen Strudel von Videos und Chatverläufen hineingezogen wird, die man gerade als junger Mensch noch nicht richtig einschätzen kann. Oft sind das gewaltvolle Videos oder Erzählungen, die in rechten Foren abgefeiert werden. Wenn man selbst solche Gewalttaten begeht und davon erzählt, wird man schnell zum Helden der Szene stilisiert. Das sind natürlich Dinge, die junge Menschen ansprechen, vor allem, wenn sie ohnehin für Gewalt empfänglich sind.
Der Tatverdächtige in Essen ist 16 Jahre alt. Wie kann es passieren, dass jemand so jung schon Bomben baut?
Der Grat zwischen einer Radikalität mit bloßen Gewaltfantasien und einer Radikalität, in der die Gewalt tatsächlich ausgeübt wird, ist sehr schmal. Da könnte jedes Detail dazu führen, dass so jemand ausrastet: Vielleicht wurde er in der Schule gemobbt? Hat Probleme zu Hause mit den Eltern? Hat schlechte Erfahrungen in der Schule gemacht? Oder will sich einfach in der rechtsextremen Gruppe beweisen? Hat ein rassistisches Weltbild? Wenn also noch Vorurteile gegen bestimmte Menschengruppen hinzukommen, hat das Ganze ein politisches Ziel, gegen das sich dieser Hass und diese Aggression wenden. Es gibt also viele Faktoren, die begünstigen können, dass jemand sehr jung rechtsterroristisch aktiv wird. Problematisch finde ich allerdings die Erzählung des psychisch verwirrten Einzeltäters, die auch in Essen wieder einmal gesponnen wird.
Inwiefern?
Natürlich kann der Junge psychische Probleme gehabt haben – aber nicht alle Menschen, die psychische Probleme haben, wollen an ihrer Schule Sprengstoff deponieren. Man darf nicht vergessen, dass rechtsextreme Ideologien ganz entscheidend zu einer solchen Tat motivieren können. Und so ist es dann nicht ein vereitelter Amoklauf an einer Schule, sondern ein vereitelter rechtsextremer Terroranschlag, hinter dem ein klares Motiv steht, mit dem eine wie auch immer geartete Kränkung kompensiert wird.
Sind also gekränkte Männer das eigentliche Problem?
In rechtsextremen Milieus können gekränkte Männer brandgefährlich sein. Vor allem, wenn sie sich als Opfer einer modernen und vielfältigen Gesellschaft verstehen. Oft nehmen sie eine Kränkung als Entmännlichung wahr. Um das vermeintliche Gleichgewicht wieder herzustellen, wollen sie dann ihre Männlichkeit beweisen. Genau da wird es gefährlich: nämlich, wenn sie sich dazu entscheiden, dies durch Gewalt zu tun. Wenn gekränkte Männer ideologisch in Szenen eingebunden sind, die zusätzlich noch rassistisch und antisemitisch geprägt sind, birgt das eine sehr große Gefahr. Und da kann ein 16-Jähriger dann genauso gefährlich sein, wie ein 50-Jähriger.
1.
Analysieren Sie, was die interviewte Person über die rechtsextreme Radikalisierung junger Männer aussagt. Erläutern Sie dabei aus sozialisationstheoretischer Perspektive mögliche Ursachen. [27 Punkte]
2.
Stellen Sie zwei theoretische Ansätze dar, die abweichendes Verhalten erklären. Vergleichen Sie anschließend die Erklärung der interviewten Person mit diesen Ansätzen. [26 Punkte]
3.
Gestalten Sie in der Rolle einer eingeladenen Soziologin bzw. eines eingeladenen Soziologen einen Redebeitrag für eine Fachtagung zur Rechtsextremismusprävention. Entwickeln Sie darin zwei Vorschläge, wie sich vor allem junge Männer vor einer Radikalisierung schützen lassen. [27 Punkte]

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
1. Analysieren Sie, was die interviewte Person über die rechtsextreme Radikalisierung junger Männer aussagt. Erläutern Sie dabei aus sozialisationstheoretischer Perspektive mögliche Ursachen.
Lösung: Ausführliche Textanalyse des Interviews und sozialisationstheoretische Ursachenerklärung.
2. Stellen Sie zwei theoretische Ansätze dar, die abweichendes Verhalten erklären. Vergleichen Sie anschließend die Erklärung der interviewten Person mit diesen Ansätzen.
Lösung: Darstellung zweier Devianztheorien (z. B. Anomietheorie und Desintegrationstheorie) und vergleichende Einordnung des Erklärungsansatzes der Interviewten.
3. Gestalten Sie in der Rolle einer eingeladenen Soziologin bzw. eines eingeladenen Soziologen einen Redebeitrag für eine Fachtagung zur Rechtsextremismusprävention. Entwickeln Sie darin zwei Vorschläge, wie sich vor allem junge Männer vor einer Radikalisierung schützen lassen.
Lösung: Kontextbezogener Redebeitrag mit zwei begründeten Präventionsmaßnahmen.
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