Aufgabe HT 4 - Teilaufgaben 1 und 3: Sozialisation und Ju… · Abitur NRW Soziologie LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2022
Thema: Sozialisation, Identität, Gruppen und abweichendes Verhalten · Aus der Prüfung LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg (2022)
Aufgabenstellung
Maja Brankovic, Corinna Budras und Jan Scholl
Generation flexibel
Eigentlich würde Kiara Busse jetzt auf gepackten Koffern sitzen. Im August wollte sie für ein
soziales Jahr nach Bolivien, als Assistentin an eine Schule. Die Welt wollte sie entdecken,
Spanisch lernen und dabei auch noch Gutes tun. Doch Kiara musste umdisponieren. Schon
die Abi-Zeit war eine ganz andere als sonst: erst die Unsicherheit, dann Prüfungen unter er-
5 schwerten Bedingungen, schließlich eine abgespeckte Abi-Feier. [...] Und dann musste sie
auch noch auf Bolivien verzichten. Vorerst jedenfalls, vielleicht kann sie ja etwas später hin.
Statt Südamerika plant sie jetzt ihren Einsatz im Taunus, an der örtlichen Grundschule. [...]
Eine ganze Generation plant um. Zurückstecken tun wir doch alle, mag mancher jetzt einwen-
den. Das stimmt. Die einen mehr, die anderen weniger. Aber während die meisten jetzt Erfah-
10 rungen machen, auf die sie gerne verzichtet hätten, gilt gerade für junge Menschen zusätzlich
genau das Gegenteil: Sie verzichten auf Erfahrungen, die sie gerne gemacht hätten. Und das
ist noch einmal eine ganz andere Nummer. [...]
Was macht dieser flächendeckende Kahlschlag mit der Generation der Schulabgänger und
Berufsanfänger? Schon zu Beginn der Krise kam der Abgesang. Als „verlorene Generation“
15 wurden sie bezeichnet. Das war zwar nett gemeint, ein Ausdruck der Empathie. Tatsächlich
aber klingt es nach Sackgasse ohne Wendekreis. Da will man als hoffnungsfroher Mensch,
gerade dem Grauen der Pubertät entronnen, lieber nicht schnurstracks hineinrauschen. [...]
Zu den Warnern gehört niemand Geringerer als Paul Romer, Nobelpreisträger und Wirtschafts-
professor an der New York University. Aus gesamtwirtschaftlicher Sicht sei die Krise der
20 Jungen ein fundamentales Problem, sagt der Ökonom. „Das Unsichtbare, was die gesamte
Debatte um die wirtschaftlichen Folgen der Krise nicht berücksichtigt, sind die Brüche in der
Ausbildung.“ Es gebe Kinder und junge Erwachsene, die sich niemals von der Krise erholen
würden. Sie schmeißen die Schule, brechen ihre Ausbildung oder ihr Studium ab, werden wo-
möglich arbeitslos und beschreiten fortan einen anderen beruflichen Pfad. „Dieser Verlust ist
25 weit größer als die verlorengegangene Produktion“, sagt er. Und die Folgen dieser Brüche
seien für die Wirtschaft auch Jahrzehnte später verheerend.
Was es heißt, in einer großen Wirtschaftskrise jung zu sein, haben Wissenschaftler umfassend
erforscht. Im Grundsatz gilt: Wer als junger Mensch eine Wirtschaftskrise erlebt hat, trägt
diese Erfahrung ein Leben lang mit sich. Krisenkinder scheuen eher das Risiko, machen sich
30 seltener selbständig, handeln weniger mit Aktien und nehmen seltener Kredite auf. Schlechte
Nachrichten hält die Krise vor allem mit Blick aufs Gehalt parat – auch über den Lockdown-
Sommer hinaus. Studien zeigen, dass Kinder der Krise ihren Eltern länger auf der Tasche lie-
gen, weil sie es einerseits schwieriger haben, überhaupt einen Job zu finden, und andererseits
das Gehalt, wenn sie denn eines bekommen, seltener fürs Leben reicht. Zumindest in früheren
35 Krisen glichen sich die Einbußen auch Jahre später nicht aus. [...]
Eine Generation also, die ihre Verunsicherung nie wieder loswird? Das Bemerkenswerte ist:
So miesepetrig, wie ihre Zukunft gerade gemalt wird, schaut die Jugend gar nicht drein. Kiara
Busse jedenfalls fasst zusammen, was sie, ihre Freunde und wohl die meisten in ihrem Alter
gerade denken: „Man muss eben das Beste draus machen.“ Das bedeutet: Solange sich Plan
40 A nicht realisieren lässt, muss eben ein Plan B her. [...]
Beruhigend aus der Perspektive der Jungen ist, dass sie unter der Pandemie lange nicht am
stärksten leiden. Sie müssen weder gesundheitlich große Ängste haben, noch sind sie existen-
tiell gefährdet. Junge Menschen haben noch nicht viel zu verlieren, aber vieles zu gewinnen.
Auch war kaum eine Generation vor ihr so gut ausgebildet wie sie. Im Vergleich zu anderen
45 Altersgruppen und auch anderen Ländern sorgt das für Beruhigung.
Roland Verwiebe, Professor für Sozialstruktur und soziale Ungleichheit an der Uni Potsdam,
sieht das Problem auch eher woanders. Nach seinen Beobachtungen sorgen sich die jungen
Leute weniger um ihre berufliche Perspektive als um die soziale Isolation. „Die Gefahr der
Vereinsamung ist ein großes Thema bei meinen Studenten gewesen“, sagt er. Ein Teil der
50 Studenten habe sich zu den Eltern zurückgezogen. Keine vollen Seminare mehr, kein gemein-
sames Lernen in der Bibliothek, dafür Zoom-Meetings den ganzen Tag – es seien vor allem
diese Einschnitte im sozialen Leben, die seine Studenten beschäftigen.
Forschungen zur Verfassung der jüngeren Generation sind bislang rar. Noch lässt sich das
Ausmaß der negativen Folgen kaum abschätzen, dazu kam die Krise zu schnell, zu heftig, und
55 dazu ist die Zukunft zu ungewiss. Völlig unbekannt sei also, was es für sie bedeute, dass die
Pandemie in eine sensible Lebensphase fällt und diese unterbricht, sagt Steffen Hillmert,
Soziologieprofessor an der Universität Tübingen, dessen Schwerpunkt die Lebensverlaufs-
forschung ist. Mit sensiblen Lebensphasen meint er die sehr kleinen Zeitfenster, in denen
Menschen die Weichen für ihre Zukunft stellen oder den Grundstein für einen Lebenslauf
60 legen. Zum Beispiel eine Ausbildung. Diese macht man nur in einem ganz bestimmten Alter,
danach meist nie wieder. Gleichwohl können junge Menschen gewisse Lebensphasen auch
einfacher überbrücken, weil sie flexibler sind, keine eigene Familie haben und generell weni-
ger Verpflichtungen. Sie planen um, indem sie manchen Plan nach vorne ziehen, andere in
die Zukunft verlagern und neue Ideen entwickeln.
Diese Überbrückung sei schon in vollem Gange, sagt Pia Schober, ebenfalls Professorin für
Soziologie an der Universität Tübingen. „Die jungen Leute ziehen gewisse Grundsatzent-
scheidungen vor, fangen zum Beispiel früher an zu studieren.“ Auch änderten sich ihre Prä-
ferenzen: Der sichere Job erscheint in Krisenzeiten besonders attraktiv, „unsichere Studien-
gänge“ verlieren an Reiz.
70 Schober findet, man müsse aufpassen, dass man nichts herbeiredet, was es gar nicht gibt. „In
meiner Wahrnehmung haben junge Menschen in Deutschland mit die besten Chancen und
Möglichkeiten. Nur weil man kein Praktikum im Ausland machen kann, bedeutet das für die
langfristige Arbeitsmarktperspektive noch nichts Dramatisches“, sagt sie. [...]
Was Krisen nämlich auch leisten, davon zeugen Studien immer wieder: Sie bringen das Beste
75 im Menschen hervor. In einer großangelegten Untersuchung wühlte sich eine Forschergruppe
um die Psychologin Emily Bianchi durch detaillierte Umfragedaten von 35.000 Amerikanern,
die in den Jahren zwischen 1930 und 1994 geboren wurden, und glichen diese mit dem Zu-
stand der Wirtschaft in ihrer Jugend ab. Dabei fanden sie heraus, dass Kinder der Krise weni-
ger selbstbezogen und überheblich waren und seltener narzisstische Eigenschaften zeigten als
80 Menschen, deren Jugend in eine Zeit des Aufschwungs fiel. In einer anderen Arbeit zeigte die
Psychologin, dass sie in späteren Jahren zufriedener mit ihrer Arbeit waren. [...]
Auch [Sozialforscher] Verwiebe will in den Krisengenerationen einen Trend für das Gemein-
schaftliche erkennen. Ihre Mitglieder seien selbstloser und übten sich stärker in individuellem
Verzicht, sagt der Sozialforscher. Dass eine individuelle und kollektive Gesundheit zum Leit-
85 motiv für gesellschaftliches Handeln wird, damit hätten vor der Krise die wenigsten gerech-
net. Corona hat die sozialen Werte eher gestärkt – zu diesem Wertewandel trugen auch ganz
erheblich die jungen Menschen bei.
Zu den Autorinnen und zum Autor:
Maja Brankovic (geb. 1988) studierte Volkswirtschaftslehre und arbeitet für die Frankfurter Allgemeine Zeitung.
Corinna Budras (geb. 1976) studierte Jura und arbeitet für die Frankfurter Allgemeine Zeitung.
Jan Scholl ist Gastautor für die Frankfurter Allgemeine Zeitung.
Thema: Jugend in der Pandemie – flexible oder verlorene Generation?
1.
Analysieren Sie, was die Autorinnen und der Autor über mögliche Auswirkungen der Corona-Pandemie auf Jugendliche und junge Erwachsene aussagen. Stellen Sie hierbei dar, welche Bedeutung die sekundäre Sozialisationsphase hat, und erläutern Sie vor diesem Hintergrund, mit welchen Problemen junge Menschen infolge der Corona-Pandemie konfrontiert sein können. (30 Punkte)
3.
Erörtern Sie, ob man die von der Corona-Pandemie betroffenen Schulabgänger und Berufsanfänger als verlorene Generation bezeichnen kann. (24 Punkte)

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
1. Analysieren Sie, was die Autorinnen und der Autor über mögliche Auswirkungen der Corona-Pandemie auf Jugendliche und junge Erwachsene aussagen. Stellen Sie hierbei dar, welche Bedeutung die sekundäre Sozialisationsphase hat, und erläutern Sie vor diesem Hintergrund, mit welchen Problemen junge Menschen infolge der Corona-Pandemie konfrontiert sein können.
Lösung: Ausführliche Textanalyse des Beitrags 'Generation flexibel' (Autorinnen/Autor, Titel, Veröffentlichungsort/-datum, journalistische Textart) mit den zentralen Kernaussagen, der Argumentationsstruktur und Intention sowie Einordnung in die Theorie der sekundären Sozialisation (Schule, Peer-Group, Ablösung vom Elternhaus, Enkulturation, Identitätsbildung) und Darlegung pandemiebedingter Belastungen.
3. Erörtern Sie, ob man die von der Corona-Pandemie betroffenen Schulabgänger und Berufsanfänger als verlorene Generation bezeichnen kann.
Lösung: Differenzierte, kriteriengeleitete Erörterung der These von der 'verlorenen Generation' unter Abwägung von Argumenten dafür (soziale Ungleichheit, Digital Divide, eingeschränkte soziale Kontakte, psychische Belastungen) und dagegen (Autonomie- und Resilienzentwicklung, erfolgreiche Abschlüsse, Flexibilität) mit begründetem Schlusssurteil.
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