Aufgabe 3 · Abitur NRW Soziologie GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2023

Thema: Sozialstaat und soziale Sicherung · Aus der Prüfung GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg (2023)

Aufgabenstellung

Abiturprüfung 2023 – Soziologie, Grundkurs

Thema: Arbeitsmarkt und Sozialstaat – kann die Position von Frauen auf dem Arbeitsmarkt gestärkt werden?

Materialgrundlage: Marcel Fratzscher: Das größte Potenzial auf dem Arbeitsmarkt sind die Frauen

In: ZEIT ONLINE vom 19.08.2022 (Auszüge; auf Zwischenüberschriften wurde zugunsten der besseren Lesbarkeit verzichtet, Anpassungen an die sprachliche Richtigkeit wurden vorgenommen)

1 Rente ab 70 und 42 Stunden Wochenarbeitszeit – diesen Vorschlag verbreitete Gesamtmetall-

2 Chef Stefan Wolf vor den anstehenden Tarifverhandlungen. Damit will er den Arbeitskräfte-

3 mangel lindern und künftigen Belastungen der Sozial- und Rentenkassen vorbeugen. Die Maß-

4 nahmen werden jedoch kaum zu einer nachhaltigen Lösung des Problems beitragen, weil sie

5 unrealistisch sind und an der Lebenswirklichkeit der meisten Menschen vorbeigehen.

6 Sehr viel sinnvoller dagegen wäre [...] eine strukturelle Stärkung der Erwerbstätigkeit von

7 Frauen. [...] Das würde nicht nur enormes wirtschaftliches Potenzial für Deutschland mobi-

8 lisieren und die Sozialsysteme zukunftsfester machen, sondern auch mehr Freiheit und Chan-

9 cengleichheit schaffen.

10 Die Zahlen und Fakten sind ernüchternd: Obwohl die Erwerbsquote von Frauen in Deutsch-

11 land seit den Neunzigerjahren stetig gestiegen ist, arbeitet die Mehrheit der Frauen auch heute

12 noch in Teilzeit. Nur etwa 35 Prozent der Frauen im erwerbstätigen Alter arbeiten in Vollzeit,

13 im Vergleich zu fast 70 Prozent der Männer. Knapp 20 Prozent der Frauen sind beruflich

14 inaktiv und suchen auch keine Beschäftigung. Eine Studie der Bertelsmann-Stiftung zeigt,

15 dass dies nicht eine Generationenfrage ist, sondern dass dieses Schema auch heute für junge

16 Frauen (geboren nach 1980) gilt.

17 Die Konsequenzen dieser Beschäftigungsstruktur sind dramatisch. So verdienen Frauen über

18 ihr gesamtes Erwerbsleben zwischen 40 Prozent (Ostdeutschland) und 45 Prozent (West-

19 deutschland) weniger als Männer. Frauen erhalten durchschnittlich weniger als halb so viel

20 Rente wie Männer. Sie haben ein deutlich höheres Armutsrisiko, auch weil 40 Prozent der

21 Ehen geschieden werden. Da staatliche Leistungen nur einen geringen Teil dieser Verluste

22 auffangen können, erfahren viele Frauen dadurch einen erheblichen Rückgang ihres Lebens-

23 standards.

24 Geringere Einkommen, Armut und eine Abhängigkeit vom Sozialstaat sind mit einer hohen

25 psychischen Belastung, weniger Lebenszufriedenheit und einer schlechteren Gesundheit ver-

26 bunden. Somit entsteht nicht nur vielen Frauen selbst, sondern auch uns als Gesellschaft ein

27 enormer Schaden.

28 Umfragen zeigen, dass dies nicht so sein muss und Frauen diese geringere Erwerbsbeteiligung

29 nicht aktiv wählen. Vielmehr tragen wir als Gesellschaft eine erhebliche Verantwortung dafür.

30 Viele erwerbstätige Frauen geben an, gerne mehr Stunden arbeiten zu wollen. Frauen, die

31 inaktiv oder arbeitslos sind, würden gerne eine Beschäftigung aufnehmen. Sie klagen jedoch

32 über viele Hürden, die es für sie wenig attraktiv oder gar unmöglich machen, zu arbeiten.

33 Die Hürden auf dem deutschen Arbeitsmarkt sind auch im internationalen Vergleich relativ

34 zahlreich und dazu außergewöhnlich hoch. So sind Löhne und Arbeitseinkommen für Frauen

35 häufig deutlich geringer als für Männer. Deutschland hat einen der größten Gender-Pay-Gaps

36 (Unterschied im Stundenlohn zwischen Männern und Frauen) in Europa, was nicht nur mit

37 dem hohen Teilzeitanteil von Frauen zu tun hat. Auch die vergleichsweise hohe Diskriminie-

38 rung auf dem Arbeitsmarkt und die geringere Bezahlung von Berufen, die primär von Frauen

39 geleistet werden, tragen zum Geschlechterunterschied bei den Stundenlöhnen bei.

40 Viele weitere Hürden finden sich im deutschen Steuersystem. Das Ehegattensplitting 1 und die

41 Möglichkeit der Mitversicherung führen dazu, dass Erwerbsarbeit sich für viele Frauen über-

42 haupt nicht oder nur in Teilzeit lohnt. [...]

43 Neben der schlechten Bezahlung und steuerlichen Fehlanreizen spielt auch die geringe Wert-

44 schätzung eine zentrale Rolle. So zeigt eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschafts-

45 forschung (DIW), dass sogenannte systemrelevante Berufe in Deutschland – also jene Berufe,

46 die in der Pandemie so essenziell waren – generell schlechter bezahlt werden, weniger Wert-

47 schätzung erhalten und vorwiegend von Frauen gemacht werden. Auch die geringeren Kar-

48 rierechancen für Frauen begrenzen die Anreize für Frauen, mehr zu arbeiten.

49 Die noch immer völlig unzureichende Infrastruktur bei Kitas und Schulen trägt ebenfalls dazu

50 bei, dass Frauen ihr Erwerbspotenzial nicht ausschöpfen können. Insbesondere fehlt es an

51 Ganztagsplätzen. Und selbst wenn diese vorhanden sind, trägt deren mäßige Qualität häufig

52 dazu bei, dass Mütter weniger oder gar nicht arbeiten, um sich mehr um die eigenen Kinder

53 kümmern zu können.

54 Die Situation spiegelt die in der Breite unserer Gesellschaft vertretenen Werte: Noch immer

55 kommt Frauen eine deutlich größere Rolle bei der Kinderbetreuung und Pflege von Angehö-

56 rigen zu als Männern. Diese Werte ändern sich langsam, da auch immer mehr junge Väter

57 sich stärker um die Familie kümmern wollen und ihnen die gleichen Arbeitsmarktchancen

58 ihrer Partnerinnen wichtig sind.

59 Es geht darum, alle Menschen in der Gesellschaft mit den gleichen Chancen und Freiheiten

60 auszustatten, sodass jede und jeder individuell für sich und seine Familie entscheiden kann.

61 [...]

62 Politische Handlungsmöglichkeiten gibt es genug. Die Regierung sollte [...] das Ehegatten-

63 splitting reformieren. Außerdem brauchen wir eine Infrastruktur an Kitas und Schulen, die

64 Eltern wirklich wählen lässt, wie viel sie arbeiten wollen. Der Staat [...] könnte selbst damit

65 anfangen, die Bezahlung und die Arbeitsbedingungen etwa in den Bereichen Pflege, Gesund-

66 heit und Erziehung zu verbessern, sodass auch für diese typischen Frauenberufe wieder mehr

67 Wertschätzung entstehen kann.

68 Das größte Potenzial auf dem Arbeitsmarkt Deutschlands sind die vielen Frauen, die meist

69 gut ausgebildet sind und mehr arbeiten möchten. Politik, Unternehmen und Gesellschaft soll-

70 ten ihnen dringend dabei helfen, indem sie die vielen Hürden dafür aus dem Weg räumen.

71 Die Lösungen dafür sind vorhanden. Dies würde für viele Millionen Frauen in Deutschland

72 mehr Freiheit und Chancen bedeuten und wäre ein riesiger Gewinn für den Arbeitsmarkt und

73 die Sozialsysteme.

1 Ehegattensplitting: Verfahren zur gemeinsamen Besteuerung von Ehepartnern, welches in der Regel dazu führt, dass Ehepaare mit unterschiedlicher Einkommensverteilung geringer besteuert werden.

Zum Autor: Marcel Fratzscher (geb. 1971) leitet das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) und ist Professor für Makroökonomie an der Humboldt-Universität zu Berlin.

1.

Analysieren Sie, was der Autor über die Erwerbstätigkeit von Frauen aussagt. Erläutern Sie in diesem Zusammenhang die sozialen und ökonomischen Ursachen, die der geschilderten Ungleichheit von Frauen und Männern auf dem Arbeitsmarkt zugrunde liegen. (30 Punkte)

2.

Stellen Sie dar, wie der deutsche Sozialstaat rechtlich verankert ist, welches Ziel er verfolgt und auf welchen Grundprinzipien sozialer Sicherung er beruht, und beschreiben Sie die Grundlagen des deutschen Sozialversicherungssystems. Erläutern Sie am Beispiel des Sozialversicherungssystems, dass eine strukturelle Stärkung der Position der Frauen auf dem Arbeitsmarkt „die Sozialsysteme zukunftsfester machen [werde]“ (Z. 8). (26 Punkte)

3.

Beurteilen Sie die drei politischen Handlungsmöglichkeiten, die Fratzscher nennt, um die Stellung der Frauen auf dem Arbeitsmarkt zu verbessern (vgl. Z. 62 – 67). (24 Punkte)

Hinweis: Weitere 20 Punkte der Gesamtpunktzahl (100 Punkte) werden für die Darstellungsleistung nach den Abiturvorgaben vergeben.

Aufgabenstellung: Aufgabe 3 · Abitur NRW Soziologie GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2023

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

1. Analysieren Sie, was der Autor über die Erwerbstätigkeit von Frauen aussagt. Erläutern Sie in diesem Zusammenhang die sozialen und ökonomischen Ursachen, die der geschilderten Ungleichheit von Frauen und Männern auf dem Arbeitsmarkt zugrunde liegen. (30 Punkte)

Lösung: Ausarbeitung mit Textanalyse (Einleitung mit formalen Textangaben, Kernaussagen, Struktur/Argumentationsweise, Intention) sowie Erläuterung sozialer und ökonomischer Ursachen für die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern auf dem Arbeitsmarkt.

2. Stellen Sie dar, wie der deutsche Sozialstaat rechtlich verankert ist, welches Ziel er verfolgt und auf welchen Grundprinzipien sozialer Sicherung er beruht, und beschreiben Sie die Grundlagen des deutschen Sozialversicherungssystems. Erläutern Sie am Beispiel des Sozialversicherungssystems, dass eine strukturelle Stärkung der Position der Frauen auf dem Arbeitsmarkt „die Sozialsysteme zukunftsfester machen [werde]“ (Z. 8). (26 Punkte)

Lösung: Darstellung der verfassungsrechtlichen Grundlagen, Ziele und Prinzipien des Sozialstaates, Beschreibung der fünf Säulen der Sozialversicherung sowie Erläuterung der stabilisierenden Wirkung höherer Frauenerwerbstätigkeit auf die Sozialkassen.

3. Beurteilen Sie die drei politischen Handlungsmöglichkeiten, die Fratzscher nennt, um die Stellung der Frauen auf dem Arbeitsmarkt zu verbessern (vgl. Z. 62 – 67). (24 Punkte)

Lösung: Differenzierte Beurteilung der drei Maßnahmen (Reform des Ehegattensplittings, Ausbau von Kitas/Ganztagsschulen, staatliche Vorreiterrolle bei Entlohnung/Arbeitsbedingungen in Care-Berufen) anhand von Kriterien wie Umsetzbarkeit, Finanzierbarkeit, Zielgenauigkeit und Gerechtigkeit sowie ein begründetes Gesamturteil.

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