Aufgabe 1 · Abitur NRW Sozialwissenschaften LK · Nachtermin 2023

Thema: Globalisierung, internationaler Handel und Standort Deutschland · Aus der Prüfung LK · Nachtermin (2023)

Aufgabenstellung

Aufgabenstellung

Thema: Zur Zukunft der internationalen Arbeitsteilung – „Entglobalisierung“ als Konsequenz der Corona-Pandemie?

Materialgrundlage

M 1: Gerald Hosp: Die Globalisierung ist tot, es lebe die Globalisierung!

In: Neue Zürcher Zeitung, online veröffentlicht am 7. Mai 2021 (um Teasertext gekürzt; Anpassungen an die sprachliche Richtigkeit wurden vorgenommen.)

1 Seit mehr als einem Jahr führt uns das Coronavirus [...] vor Augen, wie komplex und zerbrechlich die wirtschaftliche Vernetzung geworden ist. So verwundert es nicht, dass in den vergangenen Monaten der Abgesang auf die Globalisierung lauter geworden ist.

5 Dass der grenzüberschreitende Handel nicht in bester Verfassung ist, zeigte sich schon vor der Pandemie: Bereits seit rund zehn Jahren stagniert der Anteil des Handels und auch der Direktinvestitionen an der globalen Wirtschaftsleistung.

8 Und auch der politische Diskurs hat sich stark gewandelt: Mit Donald Trump war 2016 ein amerikanischer Präsident ins Weiße Haus gezogen, der den Protektionismus und das Anzetteln von Handelskriegen als Tugend pries. Die Wahrnehmung der sozialen, politischen und wirtschaftlichen Kosten der Globalisierung war aber schon vor Trump in den Vordergrund getreten. Mit der Propagierung offener Grenzen ist vielerorts kein Staat mehr zu machen: So ist Joe Biden in der Sache ähnlich protektionistisch wie sein Vorgänger Trump, wenn auch die Methoden weniger brachial sein mögen.

15 Es gibt wohl derzeit keine Analyse der wirtschaftlichen Situation, die nicht mehr Resilienz der Lieferketten fordern würde. Die kosteneffiziente Just-in-time-Fertigung, die auf lückenlosen Nachschub von Rohstoffen und Zwischenprodukten angewiesen ist, soll wieder einem „just in case“ weichen, der traditionellen Herstellungsweise mit Lagerhaltung. Lieferketten sollen nach Hause geholt werden, selbst die Autarkie feiert hier und da als wirtschaftspolitisches Ideal eine ideelle Wiederauferstehung. Der über ein Jahr andauernde Stresstest hat jedoch eines gezeigt: Die globalisierte Weltwirtschaft hat sich besser geschlagen als erwartet. Laut der Welthandelsorganisation (WTO) ist das Volumen des Güterhandels im vergangenen Jahr um rund fünf Prozent zurückgegangen – angesichts einer globalen Krise mit ganzen Staaten im monatelangen Lockdown ein geringes Minus. Die WTO schätzt, dass der Welthandel in diesem Jahr um acht Prozent wachsen könnte. Damit wäre wieder das Niveau von vor der Pandemie erreicht.

27 Viele Lieferketten funktionierten nicht nur wie geölt, sie waren auch Teil der Lösung und nicht des Problems. Die Supermärkte waren und sind gut bestückt, auch wenn einmal Toilettenpapier und Hefe Mangelware waren. Die Tankstellen sind offen, und die online bestellten Pakete kommen an. Selbst medizinische Schutzausrüstungen müssen nicht mehr von unternehmerischen Trüffelhunden aufgespürt werden, das internationale Angebot hat zur Nachfrage aufgeschlossen.

33 Die Knappheit an Computerchips, an Vorprodukten für die Industrie und an manchen Konsumgütern lässt sich auf verschiedene Faktoren zurückführen: Aufholeffekte, die Schwierigkeit der Lagerplanung, eine Verknappung des Angebots wie durch einen Brand in einer Halbleiterfabrik oder eine unerwartet hohe Nachfrage. Die Lieferketten sind angespannt. Das hemmt zwar die wirtschaftliche Erholung. Aber relativ zu den düsteren Erwartungen zeigen sich die Weltmärkte resilient.

39 Und überhaupt: Wäre die Weltwirtschaft besser dran, wenn die Lieferketten kürzer wären und vieles im Heimmarkt produziert würde? Kaum. Denn das Zauberwort heißt Diversifizierung der Produktion, und das bedingt eben gerade ein gewisses Maß an Auslagerung an mehrere Standorte.

43 Mehr Protektionismus würde zudem höhere Importpreise und verschlechterte Exportmöglichkeiten mit sich bringen. Auch ist mehr als fraglich, ob eine staatlich verordnete Lagerhaltung oder Subventionen für eine heimische Herstellung tatsächlich mehr Schutz brächten.

46 Die internationale Arbeitsteilung steht derzeit übermäßig unter Druck von links, von der Mitte und von rechts: Jobs sollen wieder nach Hause geholt werden, es gilt aus strategischer Sicht, die Abhängigkeit von anderen Ländern abzubauen. Nationale Regierungen möchten so viele politische Freiräume wie möglich, die Frage nach der Souveränität hat an Bedeutung gewonnen. Lieferketten und die Verantwortung der Unternehmen dafür geraten ins Visier von Politik und Zivilgesellschaft. Offene Grenzen und ihre Vorteile haben keine Lobby mehr.

54 Um das richtige Maß an offenen Grenzen für Güter, Dienstleistungen, Kapital, Personen, Daten und Ideen wurde und muss immer wieder gestritten werden. Das größte Problem ist aber derzeit die überproportionale Kritik, die einen Wandel im Denken darstellt: die fehlgeleitete Vorstellung, dass weniger Offenheit eine Zwangsläufigkeit sei. Dadurch wird die Entglobalisierung zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung.

59 Dagegen gilt es anzukämpfen, damit die Welt nicht dem Talmiglanz 1 eines ökonomischen Nationalismus erliegt. Denn die internationale Arbeitsteilung ist die Grundlage unseres Wohlstands.

Zum Autor: Gerald Hosp, geb. 1973, ist Wirtschaftskorrespondent der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ).

1 Talmiglanz: hier: unechter Glanz

M 2: Silvan Wegmann: Karikatur mit dem Titel „Lieferketten“

In: Silvan Wegmann – Cartoons made in Switzerland, online veröffentlicht am 14. Oktober 2021.

Zum Karikaturisten: Silvan Wegmann, geb. 1969, ist ein schweizerischer Karikaturist.

1. a)

Analysieren Sie den Text, indem Sie herausarbeiten, welche Position der Autor zur Entwicklung der Globalisierung nach der Corona-Pandemie einnimmt und wie er diese argumentativ stützt. (30 Punkte)

1. b)

Interpretieren Sie die Karikatur M 2 hinsichtlich der Haltung des Karikaturisten dazu, wie sich die Corona-Pandemie auf die Globalisierung auswirkt, und vergleichen Sie diese mit der Position des Autors von M 1. (16 Punkte)

2.

Stellen Sie drei Standortfaktoren dar und gehen Sie jeweils auf ihre Bedeutung für den Wirtschaftsstandort Deutschland ein. (24 Punkte)

3.

Erörtern Sie sowohl unter wirtschaftlichem als auch unter sozialem Blickwinkel, ob Deutschland seine Abhängigkeit von der internationalen Arbeitsteilung künftig verringern sollte. Beziehen Sie dabei auch die Materialien M 1 und M 2 ein. (30 Punkte)

Aufgabenstellung: Aufgabe 1 · Abitur NRW Sozialwissenschaften LK · Nachtermin 2023

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

1. a) Analysieren Sie den Text, indem Sie herausarbeiten, welche Position der Autor zur Entwicklung der Globalisierung nach der Corona-Pandemie einnimmt und wie er diese argumentativ stützt.

Lösung: Ausführliche Textanalyse gemäß den Vorgaben des Kriterienrasters (Textart/Thema, Position, Begründungsgang, Argumentationsweise, Intention).

1. b) Interpretieren Sie die Karikatur M 2 hinsichtlich der Haltung des Karikaturisten dazu, wie sich die Corona-Pandemie auf die Globalisierung auswirkt, und vergleichen Sie diese mit der Position des Autors von M 1.

Lösung: Ausführliche Karikaturinterpretation und vergleichende Gegenüberstellung beider Positionen gemäß Kriterienraster.

2. Stellen Sie drei Standortfaktoren dar und gehen Sie jeweils auf ihre Bedeutung für den Wirtschaftsstandort Deutschland ein.

Lösung: Darstellung von drei Standortfaktoren (z. B. Infrastruktur, Qualifikationsniveau, Steuern/Abgaben, Forschungseinrichtungen) und deren Relevanz für Deutschland.

3. Erörtern Sie sowohl unter wirtschaftlichem als auch unter sozialem Blickwinkel, ob Deutschland seine Abhängigkeit von der internationalen Arbeitsteilung künftig verringern sollte. Beziehen Sie dabei auch die Materialien M 1 und M 2 ein.

Lösung: Differenzierte Erörterung aus ökonomischer und sozialer Perspektive mit eigenständigem, kriteriengeleitetem Gesamturteil.

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