Aufgabe 4 · Abitur NRW Sozialwissenschaften LK · Nachtermin 2021

Thema: Globalisierung, internationaler Handel und Standort Deutschland · Aus der Prüfung LK · Nachtermin (2021)

Aufgabenstellung

Abiturprüfung 2021 – Sozialwissenschaften, Leistungskurs

Thema: Ausweitung des Freihandels – eine Antwort auf die Herausforderungen der Globalisierung?

Materialgrundlage

Galina Kolev und Jürgen Matthes

Multilaterale Abkommen: Enthusiasmus und Enttäuschung

[...] Obwohl sie in längerfristiger Perspektive ein Erfolgsmodell ist, wurde die Welthandelsorganisation (WTO) in den letzten Jahren in mehrfacher Hinsicht geschwächt. Das Scheitern der Doha-Welthandelsrunde nach letzten Wiederbelebungsversuchen im Jahr 2008 hat gezeigt, dass sie ihrer Funktion, die Liberalisierung der Handelsregeln voranzubringen, nicht mehr hinreichend gerecht wird. Zudem ist ihre Funktion zur Durchsetzung des bestehenden Regelwerks empfindlich geschwächt, seit die WTO-Berufungsinstanz außer Kraft gesetzt wurde. [...] Auch die Globalisierungskritik wirkt bremsend auf die Weiterentwicklung der Handelsregeln und begünstigt den neuen Protektionismus.

[...]

Die aktuelle Krisensituation offenbart die enorme Relevanz multinationaler Organisationen wie der WTO, um die internationale Kooperation zu stärken und globale Lösungen für globale Probleme zu suchen. Aus heutiger Sicht ist es jedoch alles andere als klar, ob in Zukunft die Länder weltweit ihre Zusammenarbeit in handelspolitischen Fragen ausbauen und den Multilateralismus wieder beleben werden, zumal die Unterbrechung der internationalen Wertschöpfungsketten als Folge der Virusausbreitung eine Neubewertung der mit der internationalen Arbeitsteilung verbundenen Risiken und Chancen notwendig gemacht hat. Es ist nicht ausgeschlossen, dass nach der vorübergehenden Reduktion der Handelshemmnisse im Handel mit Medizinprodukten eine neue Welle von protektionistischen Maßnahmen folgt, um wichtige Branchen vor ausländischem Wettbewerb zu schützen und Produktionskapazitäten im Inland aufzubauen. Hierbei ist es von entscheidender Bedeutung, solche Eingriffe auf das Minimum zu beschränken und in jedem Fall genau abzuwägen, ob es sich in der Tat um einen Bereich handelt, der zu der Versorgung der Bevölkerung mit lebensnotwendigen Gütern gehört. Das Gebot der Stunde soll es jedoch sein, die bereits gestörten Lieferketten nicht durch zusätzliche Handelskonflikte weiter zu beeinträchtigen.

[...]

Jenseits des Blicks auf die aktuelle Situation stellt sich die Frage, was die tieferen Ursachen für die eingangs aufgezeigten Probleme der WTO sind und wie eine erfolgreiche Zukunft der multilateralen Handelsordnung gesichert werden kann. In der Phase um und nach der Gründung der WTO im Jahr 1995 herrschte allenthalben Enthusiasmus mit Blick auf die internationale Handelspolitik. [...] Mitte der 1990er Jahre wurde in Europa der Binnenmarkt weiterentwickelt, die Euro-Einführung vorbereitet und auch die handelspolitischen Weichen für die Osterweiterung gestellt. Das Credo von Liberalisierung und Offenheit schien unangefochten zu dominieren.

Doch schon um die Jahrtausendwende zeigten sich erste Sollbruchstellen, die im weiteren Zeitverlauf zunehmend aufbrechen sollten. Zivilgesellschaftliche Globalisierungskritik nahm immer weiter zu, wie das Scheitern der WTO-Ministerkonferenz in Seattle bereits 1999 zeigte. Zwar wurde 2001 die Doha-Runde begonnen und China in die WTO aufgenommen. Doch der Konkurrenzdruck, der in der Folge durch sehr schnell steigende chinesische Exporte weltweit entstand, wurde schon bald zu einer der Ursachen für das spätere Scheitern der Doha-Runde.

Darüber hinaus erwies sich paradoxerweise ein wichtiger Erfolg der Uruguay-Runde als zentraler Hemmschuh für die weitere Handelsliberalisierung. Denn mit der Gründung der WTO wurde das Konsensprinzip eingeführt. Damit erhielt jedes einzelne Entwicklungs- und Schwellenland als Gegenleistung für die stärkere Bindungskraft der Handelsregeln eine Vetomöglichkeit. Gerade die großen aufstrebenden Schwellenländer wie China, Indien und Brasilien münzten zudem ihre wirtschaftlichen Erfolge in zunehmendes Selbstbewusstsein in der WTO um. Sie verweigerten die weitere Liberalisierung des Industriegüterhandels, weil die Industrieländer aus ihrer Sicht ihre Agrar- und Textilmärkte nicht weit genug liberalisieren wollten. Vor allem an dieser Konfrontation scheiterte die Doha-Runde.

Die Unternehmen in den Industrieländern drängten trotz der stockenden Doha-Runde auf eine Erweiterung der Handelsregeln, um ihre Globalisierungsstrategien besser abzusichern. In Reaktion auf diesen politischen Druck wichen immer mehr Industrieländer vom erstbesten multilateralen Weg ab und setzten auf zumeist bilaterale und vereinzelt auch regionale Handelsabkommen. [...] Auch in den Entwicklungs- und Schwellenländern setzte sich dieser Trend zunehmend durch. [...]

Wie eingangs erwähnt ist die Außerkraftsetzung der Berufungsinstanz ihres Streitschlichtungsmechanismus ein schwerer Schlag für die WTO. Die USA haben so lange die Ernennung neuer Mitglieder des Appellate Body blockiert, bis dieser aufgrund einer nicht mehr ausreichenden Besetzung handlungsunfähig wurde. Dieses Vorgehen ging einher mit einer zunehmend protektionistischen Ausrichtung der US-Handelspolitik, vor allem gegenüber China, aber auch gegenüber anderen Handelspartnern wie der EU. [...]

Doch neben weiteren eher technischen Gründen liegt eine wesentliche Ursache der US-Blockadepolitik darin, dass die US-Administration dem Appellate Body vorwerfen, die WTO-Regeln aus ihrer Sicht fragwürdig ausgelegt zu haben. Es wird vor allem kritisiert, dass die Nutzung von Handelsschutzinstrumenten zu sehr eingeschränkt wurde. [...] Nach Ansicht der USA hat der Appellate Body seine Kompetenzen damit überschritten, weil er nicht die institutionelle Stellung eines unabhängigen nationalen Gerichts habe, das über Präzedenzfälle Richterrecht schafft, sondern sich sehr eng an die von den souveränen Mitgliedstaaten gesetzten Regeln halten müsse. Diese Kritik erscheint durchaus nachvollziehbar. [...]

Im Zusammenhang mit den angesprochenen Handelspraktiken Chinas ist zu kritisieren, dass die WTO-Regeln zu große Lücken aufweisen, um die zunehmenden Auswirkungen des chinesischen Staatskapitalismus auf die Weltmärkte einzuhegen. Hier liegt wohl der größte Kritikpunkt an der WTO und die Kernursache für die aggressive Handelspolitik der USA gegenüber China und der WTO. Es geht insbesondere um Wettbewerbsverzerrungen durch vielfältige industriepolitische Subventionen, Staatsunternehmen und resultierende Überkapazitäten. Zudem bedient sich China verschiedener Praktiken eines forcierten Technologietransfers, vor allem im Rahmen von erzwungenen Joint Ventures als Vorbedingungen für den Marktzugang in China. Zwar hat China hier zuletzt verschiedene Liberalisierungsmaßnahmen ergriffen, [...]. Viele Bestimmungen bleiben dabei jedoch vage und es ist fraglich, ob sie bei nicht unabhängigen Gerichten im Zweifelsfall erfolgreich einklagbar wären. Zudem spricht einiges dafür, dass die Liberalisierungsmaßnahmen auch als Reaktion auf den massiven Druck der USA im Zuge des Handelskriegs gegenüber China umgesetzt wurden.

In der WTO hat sich China jedoch schon seit längerem den Versuchen der EU und der USA widersetzt, die WTO-Regeln zu reformieren, um die chinesischen Handelspraktiken einzuhegen. [...]

Als Fazit bleibt festzuhalten: Wenn die Spillovers von Chinas Staatskapitalismus auf den Weltmarkt weiter zunehmen und China weiterhin ausreichende Reformen des WTO-Regelwerks blockiert, wird die WTO aus der Phase der Enttäuschung wohl nicht mehr herauskommen und auf Dauer nur noch in der Erinnerung auf die Zeiten des früheren Enthusiasmus zurückblicken können.

Quelle: Kolev, Galina und Matthes, Jürgen: Multilaterale Abkommen: Enthusiasmus und Enttäuschung. In: Über die WTO hinaus – Eckpunkte einer zukunftsfähigen Handelsordnung nach Corona, Wirtschaftsdienst 5 (2020), S. 320–324 (Gekürzt).

1.

Stellen Sie zwei Ansätze zur Erklärung internationaler Handelsbeziehungen sowie zwei Ursachen für protektionistisches Handeln dar.

[24 Punkte]

2. a)

Analysieren Sie den Text hinsichtlich der Haltung der Autoren und ihrer Argumentation zur Rolle der WTO innerhalb der internationalen Handelsordnung.

[30 Punkte]

2. b)

Erläutern Sie unter Bezugnahme auf die Textpassage Z. 30–32 zwei Verbindungen zwischen der europäischen Integration und dem Freihandel.

[16 Punkte]

3.

Erörtern Sie unter Berücksichtigung der Haltung der Autoren, inwiefern Freihandel eine geeignete Antwort auf zwei globale Herausforderungen darstellen kann.

[30 Punkte]

Aufgabenstellung: Aufgabe 4 · Abitur NRW Sozialwissenschaften LK · Nachtermin 2021

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

1. Erster Ansatz zur Erklärung internationaler Handelsbeziehungen

Lösung: Theorie der absoluten Kostenvorteile (Smith), Theorie der komparativen Kostenvorteile (Ricardo) oder Faktorproportionentheorie (Heckscher/Ohlin).

1. Zweiter Ansatz zur Erklärung internationaler Handelsbeziehungen

Lösung: Zweiter Erklärungsansatz aus den etablierten Außenhandelstheorien (Smith, Ricardo oder Heckscher/Ohlin).

1. Erste Ursache für Protektionismus

Lösung: Schutz vor Konkurrenz (Erziehungszölle / Strukturwandel), Schutz vor unfairen Handelspraktiken (Dumping / Subventionen), Sicherheitsinteressen oder Vermehrung des eigenen Wohlstands.

1. Zweite Ursache für Protektionismus

Lösung: Zweiter plausibler Grund für handelspolitischen Protektionismus.

2. a) Analyse des Textes zur Rolle der WTO

Lösung: Strukturierte Analyse von Textart, Thema, Autorenposition, Begründungsgang, Argumentationsweise und Intention.

2. b) Erste Verbindung zwischen europäischer Integration und Freihandel (Z. 30–32)

Lösung: Erläuterung anhand des EU-Binnenmarktes/EWR, der Währungsunion (Euro) oder der Osterweiterung.

2. b) Zweite Verbindung zwischen europäischer Integration und Freihandel (Z. 30–32)

Lösung: Erläuterung eines zweiten Zusammenhangs (Binnenmarkt, Euro-Einführung oder Osterweiterung).

3. Erörterung: Freihandel als geeignete Antwort auf zwei globale Herausforderungen

Lösung: Dialektische Erörterung zweier Herausforderungen mit differenzierter Urteilsbildung anhand ausgewiesener Kriterien.

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