Aufgabe HT 2 - 1: Sozialpsychologische Theorien · Abitur NRW Psychologie LK · Haupttermin 2022
Thema: Sozialpsychologische Theorien anwenden · Aus der Prüfung LK · Haupttermin (2022)
Aufgabenstellung
Keine Angst vor Ignoranz
Bevor Sie diesen Artikel lesen, vergessen Sie bitte erst einmal, dass »ignorant« ein Schimpf-
wort ist. Wir benutzen es normalerweise, um andere abzuwerten. Ein ignoranter Mensch weiß
nicht nur nichts (oder sehr wenig), er will auch gar nichts wissen. Statt Fakten und Bildung
zu schätzen, pflegt er dumpfe Vorurteile, sei es aus Überforderung oder aus Bequemlichkeit.
5 Das macht ihn unempfänglich für Argumente, so dass man ihn kaum eines Besseren belehren
kann. Kurzum: Ignoranz ist schlecht – dumm und hartnäckig zugleich.
So weit der landläufige Gebrauch des Wortes. Psychologen und Kognitionsforscher verwen-
den es jedoch häufig rein beschreibend. Ignoranz ist für sie dann der Fall, wenn Menschen
Informationen ausblenden, verdrängen, vermeiden, nicht akzeptieren, herunterspielen oder
10 sonst wie die Augen davor verschließen. Und das kann, muss aber nicht schlecht sein.
Es kann zum Beispiel dabei helfen, die tägliche Informationsflut zu bewältigen, mit anderen
gut auszukommen oder sich nicht übermäßig zu ängstigen. Ein gewisses Arsenal an mentalen
Scheuklappen erscheint somit nicht bloß menschlich, sondern nützlich.
Wann und zu welchem Zweck wir lieber uninformiert bleiben, fragten sich vor einigen Jahren
15 der Psychologe Ralph Hertwig und der Ökonom Christoph Engel. Ihr Fachartikel mit dem
Titel »Homo ignorans« von 2016 wurde wegweisend für die Wissensvermeidungsforschung.
Hertwig und Engel unterschieden nicht weniger als sechs Felder, auf denen »deliberate
ignorance«, also willentliche Ignoranz, Früchte trägt [...].
Erstens regulieren wir damit häufig unsere Gefühle. Sich nicht zu fragen, was man hätte voraus-
20 sehen oder anders machen können, beugt der Reue vor, so wie es Sorgen lindert, wenn man
mögliche Gefahren ausblendet. Eine 2020 veröffentlichte Studie von Forschern um Lisa Bruttel
von der Universität Potsdam bestätigte: Probanden wollen lieber nicht wissen, wie viel Geld
andere Teilnehmer für das gleiche Experiment bekommen, wenn sie befürchten, das könne
bei ihnen selbst Neid wecken.
25 Zweitens erhalten wir uns auf ähnliche Weise manches Spannungsmoment im Leben: Wer
will schon gern im Voraus erfahren, was einem die Lieben zu Weihnachten schenken?
Drittens meistern wir viele Stresssituationen besser, wenn wir nicht alle Informationen haben.
So kann der Zwischenstand im Wettkampf oder Feedback bei einer Prüfung einen noch nervö-
ser machen oder gar entmutigen. Sich nicht darum zu kümmern, wie andere einen sehen, half
30 auch schon manchem Partygast oder Festredner dabei, entspannter aufzutreten.
Viertens kann Nichtwissen ein Gebot der Fairness sein, wenn wir es nutzen, um unsere Vor-
eingenommenheit auszuhebeln. Aus diesem Grund gehen Personaler heute zunehmend dazu
über, Fotos oder Namen in Bewerbungsunterlagen zu schwärzen, bevor diese gesichtet werden.
Der subtilen Macht der Vorurteile gegenüber Frauen oder Migranten beugt das am sichersten
35 vor.
Fünftens dient Ausblenden dem persönlichen »Informationsmanagement«. Sprich: Wir ver-
meiden, was uns ablenken oder verwirren könnte. Ohne Ignoranz kein Fokus. Wie sollten
wir etwa unsere digitale Alltagskommunikation bewältigen, würden wir viele der Nachrichten
und Angebote, die auf uns einprasseln, nicht ungelesen vom Handydisplay wischen? Selbst
40 Wissenschaftler müssen sich bei ihrer Forschung sehr genau überlegen, was sie alles nicht
wissen wollen [...].
Und sechstens schließlich ist Ignoranz ein strategischer Kniff im Zwischenmenschlichen. Wer
sich nicht auskennt, muss auch selten Verantwortung im Job oder zu Hause übernehmen. Der
Dumme hat es einfach leichter – er bewahrt sich selbst davor, tun zu müssen, was er nicht
45 will, indem er die unangenehmen Aufgaben anderen überlässt. Deshalb will der Ehemann
partout nicht wissen, wie das Bügeleisen funktioniert. Und die Kollegin klagt beim kleinsten
Auftrag, das könne sie nicht, habe sie ja noch nie gemacht. [...]
Offenbar gibt es also viele gute Gründe dafür, manches lieber nicht wissen zu wollen. Den-
noch gelangten Forscher erst allmählich zu der Einsicht, dass nicht immer kognitive Schwä-
50 chen oder Überforderung dahinterstecken. Selbst wenn es für uns ein Leichtes wäre, Wissen
zu erwerben, vermeiden wir es häufig, der genannten Vorteile wegen. Das Defizitmodell
der Ignoranz hingegen war lange Zeit so beherrschend, dass Studien dazu regelmäßig eine
Kur gegen das vermeintliche Übel empfahlen.
Auch James Shepperd, Psychologieprofessor an der University of Florida, erforschte mit
55 seiner Doktorandin Jennifer Howell und anderen, wie sich der Hang zur Informationsver-
meidung reduzieren lässt. Im Rahmen einer Studie [Studie 1] mit dem bezeichnenden Titel
»Hot or not?« (deutsch: »Scharf oder nicht?«) erklärten die Forscher ihren studentischen
Probanden, andere Teilnehmer würden ihre Attraktivität anhand von Porträtfotos bewerten.
Wollten die Betreffenden wissen, für wie gut aussehend man sie hielt?
60 Frauen reagierten auf dieses Angebot insgesamt zögerlicher als Männer. Und zwar vor allem
dann, wenn die Beurteiler (angeblich) Kommilitonen der eigenen Universität waren, also
die Konkurrenz auf dem heimischen Campus. Handelte es sich dagegen um irgendwelche
Erwachsenen oder um Kinder, war die Furcht vor wenig schmeichelhaften Kommentaren
viel geringer.
65 Je mehr sich Menschen von Wissen bedroht fühlen, desto eher vermeiden sie es. Das kenn-
zeichnet oft ebenfalls unseren Umgang mit Gesundheitsdaten. Denn diese sind nicht nur
potenziell hochbrisant, sie können uns auch unangenehme Entscheidungen oder Verhaltens-
änderungen abverlangen.
In einer Arbeit von 2012 [Studie 2] präsentierten Howell und Shepperd Probanden eine »kaum
70 bekannte« Stoffwechselstörung namens TAA-Defizit, die in Wahrheit komplett erfunden war.
Das Syndrom lasse sich, so hieß es, durch ein Screening, das die Teilnehmer neben anderen
Fragebogentests absolvierten, recht sicher erkennen. Wollten die Probanden ihr Resultat er-
fahren?
Mehr als jeder Zweite (55 Prozent) winkte ab. Erklärten die Forscher zudem, dass bei positi-
75 ven Tests eine genauere Untersuchung im Krankenhaus erforderlich sei oder dass solch ein
TAA-Defizit ein unbehandelbares »Lebenszeitrisiko« darstelle, stieg der Anteil der Vermeider
sogar auf 72 beziehungsweise 68 Prozent.
Selbstbestärkung gegen die Informationsangst
Doch die Psychologen fanden ein Mittel, um diese Quote zu drücken. Ein Teil der Freiwil-
80 ligen sollte zuvor überlegen, welche ihrer Eigenschaften ihnen persönlich besonders wichtig
waren, und an Momente zurückdenken, in denen sie diese guten Seiten hatten hervorkehren
können. Nach dieser Selbstbestärkung schwand die Ignoranz deutlich: Nun lehnten nur 15
bis 21 Prozent ab, den Befund zu erfahren.
Offenbar, so das Fazit, fördert ein gefestigtes Selbst das Vermögen, unbequemen Wahrheiten
85 ins Auge zu blicken. Aber soll man das überhaupt? Ist es ein Wert an sich? Ralph Hertwig
sieht das differenziert: »Wir schätzen Wissen allgemein sehr hoch. Und natürlich ist es eine
wichtige Grundlage für kluge Entscheidungen. Allerdings kann Wissen auch zu neuer Ver-
unsicherung, ja zu existenziellen Herausforderungen führen. Es ist fast nie abgeschlossen
und glasklar, sondern fragil und interpretationsbedürftig.« Solche Pferdefüße 1 gilt es beim
90 täglichen Informationsmanagement einzukalkulieren.
1 unangenehme Begleiterscheinungen
Was belastet, blenden wir aus
In der Konsequenz heißt das: Wissen, das belastet, das in seiner Bedeutung oder den sich
daraus ergebenden Schlussfolgerungen unklar ist oder das nichts an der jeweiligen Situation
ändert (wie etwa das eigene Risiko für eine unheilbare Krankheit zu kennen), sucht man
95 nicht unbedingt. Ob das sinnvoll ist, hängt von vielen Randbedingungen ab: etwa von persön-
lichen Ressourcen und Präferenzen, von sozialer Unterstützung, aber auch von der kulturellen
Prägung. [...]
Was für die Aufklärer zu Kants Zeiten jedoch noch unvorstellbar war, erfahren wir inzwischen
beinahe täglich: Vernünftiges Abwägen und Entscheiden erfordert, sich zu beschränken. Wir
100 müssen vieles außer Acht lassen und die möglichen Kosten mit dem Nutzen eines Informa-
tionsgewinns gegenrechnen. Und genau das tun wir in der Regel automatisch, intuitiv.
So gesehen ist das Etikett »willentliche Ignoranz« längst nicht selbsterklärend. Denn wir ver-
meiden unangenehme oder bedrohliche Fakten ja oft keineswegs bewusst. Es unterläuft uns
eher.
105 So etwa bei einer Frau, die Indizien für die Untreue ihres Mannes geflissentlich übergeht.
Seine vielen »Überstunden« oft bis in die Nacht hinein, das Desinteresse an Familienaktivi-
täten, selbst das fremde blonde Haar am Jackett – die Gattin sieht nicht, was sie nicht sehen
will. Dennoch glaubt sie womöglich ernsthaft, dass sie keinen Grund hat zu misstrauen und
gegenteiligen Hinweisen natürlich nachginge. Sie tut nicht nur so oder macht sich wider bes-
110 seres Wissen etwas vor, um etwa den Schein zu wahren.
Menschen meinen oft das eine, tun aber das andere. Sie bekunden gern, an Wissen und Trans-
parenz interessiert zu sein – und haben doch eine starke Neigung, bestimmte Dinge lieber
nicht zu erfahren oder aufzuklären. [...]
Wenn implizite Abneigung über bewusstes Nachdenken siegt
115 Wie sehr unbewusste Mechanismen das Vermeiden von Wissen beeinflussen, zeigte eine
andere Arbeit von Shepperd und Howell aus dem Jahr 2016 [Studie 3]. Wieder ging es um
den Umgang mit Gesundheitsinformationen. Die Forscher boten Teilnehmern in unterschiedli-
chen Szenarien an, ihr Risiko für eine unbekannte, tatsächlich aber fiktive Krankheit (das
erwähnte TAA-Defizit), für bösartigen Hautkrebs oder für Herz-Kreislauf-Störungen zu be-
120 stimmen. Neben der offenen Befragung zu bewussten Wünschen und Bedenken erhob man
auch die unbewusste Abneigung gegenüber der Wissensofferte. Dabei kam ein an den Impli-
ziten Assoziationstest (IAT) angelehntes Verfahren zum Einsatz, das am Tempo der Reaktionen
auf bestimmte Hinweisreize unbewusste Vorbehalte misst. Diese waren statistisch weitge-
hend unabhängig von den verbalen Auskünften – das heißt, selbst wer sich für das Tester-
125 gebnis offen zeigte, hegte häufig unbewusst Skepsis, oder umgekehrt.
Als man dann die Einstellung der Probanden zu verändern versuchte, zeigte sich, was von
beidem die Oberhand hatte – nämlich die intuitive Bewertung: Über die Gründe für die ei-
gene Zurückhaltung bewusst zu reflektieren, ließ die Informationsbereitschaft verblüffender-
weise nicht ansteigen. Im Gegenteil, es führte dazu, dass die impliziten Vorbehalte rationa-
130 lisiert wurden und im Schnitt sogar noch wuchsen. [...]
Wir sollten Ignoranz nicht vorschnell verurteilen. Sie ist eine effektive Form der Selbststeuerung
und schirmt uns wie eine unsichtbare Blase von vielen Beschwernissen des Lebens ab [...].
Teilaufgabe 1 (30 Punkte)
Arbeiten Sie die im Text genannten Ursachen willentlicher Ignoranz heraus, fassen Sie die dazu vorgestellten empirischen Befunde zusammen und setzen Sie sowohl die Ergebnisse der Studien 1 und 2 zur Theorie der kognitiven Dissonanz als auch die Ergebnisse der Studie 3 zum Konzept der impliziten und expliziten Einstellungen in Beziehung.
a)
b)
c)

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
Gründe für willentliche Ignoranz herausarbeiten und empirische Befunde zusammenfassen
Lösung: Gründe für willentliche Ignoranz nach Hertwig/Engel: - Feld 1: Regulierung der Gefühle (z. B. Linderung von Reue, Sorgen oder Neid) - Feld 2: Erhalt von Spannungsmomenten im Leben (z. B. Überraschungen wie Weihnachtsgeschenke) - Feld 3: Bessere Bewältigung von Stresssituationen (z. B. Ausblenden von Zwischenständen oder Bewertungen) - Feld 4: Gebot der Fairness / Vermeidung von Voreingenommenheit (z. B. Anonymisierung von Bewerbungen) - Feld 5: Persönliches Informationsmanagement (Fokus auf Wesentliches bei digitaler Reizüberflutung) - Feld 6: Strategische Verantwortungsabgabe durch vorgegebenes Nichtwissen Ergebnisse der Studien: - Studie 1 („Hot or not?“): Probanden zögerten, Attraktivitätsbewertungen einzusehen – insbesondere Frauen bei Konkurrenz auf dem eigenen Campus. - Studie 2 (Gesundheitsdaten/TAA-Defizit): Mehr als die Hälfte (55 %) bzw. bis zu 72 % der Probanden lehnten Testergebnisse zu einer fiktiven Stoffwechselkrankheit ab, vor allem bei gravierenden Konsequenzen (Krankenhaus, Lebenszeitrisiko). Durch Selbstbestärkung sank die Vermeidungsquote auf 15–21 %. - Studie 3 (Implizite Abneigung): Implizite Abneigung gegenüber Testdaten überlagerte das explizit bekundete Interesse; Reflexion führte eher zur Rationalisierung und Verstärkung impliziter Vorbehalte.
Theorie der kognitiven Dissonanz skizzieren und Ergebnisse der Studien 1 und 2 in Beziehung setzen
Lösung: Theorie der kognitiven Dissonanz: - Kognitive Dissonanz beschreibt einen aversiven inneren motivationalen Spannungszustand, der entsteht, wenn zwei oder mehr Kognitionen (Wahrnehmungen, Gedanken, Einstellungen, Verhaltensweisen) zueinander im Widerspruch stehen. - Individuen streben nach Dissonanzreduktion (z. B. durch Änderung dissonanter Kognitionen, Hinzufügen konsonanter Kognitionen, Umbewertung oder Verhaltensänderung). Bezug zu den Studien 1 und 2: - Bedrohliche Informationen (negative Bewertung des Aussehens durch Peers in Studie 1; Diagnose einer unheilbaren bzw. schweren Krankheit in Studie 2) stehen im direkten Widerspruch zum positiven Selbstbild und zum Bedürfnis nach Unversehrtheit/Sicherheit. - Das bewusste Ignorieren bzw. Ablehnen der Information fungiert als präventive Dissonanzvermeidung: Wo kein Wissen vorliegt, kann die Bedrohung des Selbstwerts nicht real werden, wodurch das Entstehen kognitiver Dissonanz von vornherein verhindert wird.
Konzept der impliziten und expliziten Einstellungen erläutern und Ergebnisse der Studie 3 in Beziehung setzen
Lösung: Konzept der Einstellungen: - Explizite Einstellungen sind bewusst zugänglich, verbalisierbar, willentlich kontrollierbar und werden meist über Selbstberichte/Fragebögen erfasst. - Implizite Einstellungen sind automatisierte, unwillkürliche und oft unbewusste affektive Reaktionen und Assoziationen, die über Reaktionszeitverfahren (z. B. IAT) gemessen werden. Bezug zu Studie 3: - Die verbalen Aussagen der Probanden erfassen explizite Einstellungen (Offenheit und Interesse an Diagnostik). - Das reaktionszeitbasierte Verfahren misst unbewusste Vorbehalte (implizite Furcht vor Hiobsbotschaften). - Die Diskrepanz zeigt, dass implizite Vorbehalte handlungsleitend für die Informationsvermeidung sind. Versuche der bewussten Reflexion führten nicht zur Einstellungsänderung, sondern zur nachträglichen Rationalisierung der impliziten Vorbehalte.
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