Aufgabe 3 · Abitur NRW Philosophie GK · Nachtermin 2023

Thema: Gelingendes Leben und Glück (Aristoteles) · Aus der Prüfung GK · Nachtermin (2023)

Aufgabenstellung

Abiturprüfung 2023 – Philosophie, Grundkurs

Aufgabenstellung:

1.

Stellen Sie die Problemfrage, von der der Text ausgeht, sowie die Hauptthese des Verfassers dar und arbeiten Sie dessen Argumentationsgang heraus. (26 Punkte)

2.

Vergleichen Sie die Aussagen Roths mit den entsprechenden Überlegungen des Aristoteles. Stellen Sie hierfür zuerst die Position des Aristoteles in ihren Grundzügen dar. (30 Punkte)

3.

Beurteilen Sie, wie überzeugend beide Positionen jeweils sind, und nehmen Sie Stellung zur Frage, ob bzw. inwiefern das Glück an eine gelungene Selbstverwirklichung geknüpft ist. (24 Punkte)

Hinweis: Für die Darstellungsleistung können bis zu 20 Punkte erreicht werden (Gesamtpunktzahl: 100 Punkte).

Materialgrundlage: Gerhard Roth: Happy – Thalamus 1 (2002)

1 Versuchen Sie, sich an die glücklichsten Momente in Ihrem Leben zu erinnern! Es wird Ihnen

2 nicht auf Anhieb gelingen. Die furchtbarsten Augenblicke dagegen haben Sie sofort vor

3 Augen, die brennen sich ein. Aus biologischer Sicht gibt es gute Gründe, warum das so ist.

4 Ich beschäftige mich bei meiner Arbeit vor allem mit der Entstehung von negativen Gefühlen

5 und wie sie unser Leben bestimmen. Dabei lerne ich viel über das Glück. Warum wir so selten

6 glücklich sind und so oft in Furcht? Ganz einfach. Weil die Furcht für das Überleben wich-

7 tiger ist als das Glück. Ob wir glücklich sind oder unglücklich – wir leben trotzdem. Wenn

8 wir aber bei Rot über eine Straße laufen, weil wir keine Furcht haben, werden wir womöglich

9 überfahren. Glück hat die unangenehme Eigenschaft, dass es die Furcht und den Realitätssinn

10 verdrängt. Deshalb sind die Stoffe, die im Gehirn ein Glücksgefühl auslösen, viel kurzlebiger

11 als die, die uns in Furcht versetzen. Wir sind nur lebensfähig, wenn wir nicht zu oft glücklich

12 sind. Die Tragik unserer Existenz.

13 Chemisch gesehen sind die Stoffe, die in einem Teil des Gehirns freigesetzt werden, Drogen

14 wie Ecstasy sehr ähnlich. Die Ausschüttung dieser Stoffe kann man bei Testpersonen verfol-

15 gen. So gesehen ist Glück messbar. Je mehr hirneigene Opiate ausgeschüttet werden, desto

16 glücklicher sind wir. Das ist bei jedem gesunden Menschen gleich. Leider ist dieser Zustand

17 auch rein chemisch nur von kurzer Dauer. Was den Einzelnen einmal glücklich machen soll,

18 bildet sich schon früh in der Kindheit aus. Manche Kinder klammern sich an die Mutter, sind

19 ängstlich, die anderen krabbeln herum, können gar nicht genug unterwegs sein. So findet der

20 eine später sein Glück eher im stillen Kämmerchen, der andere in der weiten Welt. Der eine

21 kriegt den Kick bei der Eroberung einer Frau oder eines Mannes, ein anderer beim Gewinn

22 eines Nobelpreises oder bei einem Olympiasieg. Das letzte Mal, als ich glücklich war? Ich

23 erhielt einen Preis, und fast tausend Menschen applaudierten minutenlang. Da war ich über-

24 wältigt. Dieser rauschhafte Augenblick, den unser Gehirn für uns bereithält, entlohnt für alles.

25 Für diese kurzen und seltenen Momente trainieren und ackern wir oft jahrelang und nehmen

26 viel Frust auf uns. Je länger wir für etwas gekämpft haben, desto stärker ist das Glück, das wir

27 empfinden. Das liegt daran, dass es im Gehirn einen Bewertungsapparat gibt, der feststellt,

28 wie sehr wir die Belohnung verdient haben. Je mehr, umso glücklicher.

29 Glück kann man auch mit Drogen hervorrufen. Das Drogenglück kann so stark sein wie zehn

30 Nobelpreise oder zehn Olympiasiege auf einmal – und das ist problematisch. Denn wenn man

31 ein solches Gefühl einmal erlebt hat, hat man eine neue Vorstellung von Glück, die ohne Dro-

32 gen nicht zu erreichen ist. Außerdem stellt das Gehirn fest, dass die Belohnung nicht verdient

33 war. Es reagiert dann wie ein verwöhntes Kind, es will die Belohnung immer wieder, ohne

34 etwas dafür tun zu müssen. Nach häufigerem Konsum ruft die Droge aber kein Glück mehr

35 hervor, sondern betäubt nur noch das Unwohlsein. Auch eine tragische Eigenschaft des Glücks:

36 Es ist in derselben Form auf Dauer selbst mit Drogen nicht wiederholbar. Wir sehnen uns ja

37 alle nach vergangenem Glück. Das Gehirn merkt sich jedoch, wenn wir ein Glücksgefühl

38 schon mal hatten. Beim zweiten Mal ist es nicht mehr so stark. Auch dafür gibt es einen biolo-

39 gischen Grund. Unser Unbewusstes treibt uns so dazu, neue Dinge zu probieren: neue Bezie-

40 hungen zu haben, neue Berge zu besteigen, neue Welten zu erforschen. Der Mensch ist so ver-

41 breitet auf diesem Planeten, weil er sehnsüchtig ist, immer auf der Suche. Auch aus diesem

42 Grunde gibt es wohl kein endgültiges Glück. Denn wenn es das geben würde, würden wir

43 wahrscheinlich gar nichts mehr machen und aussterben.

Gerhard Roth: Happy – Thalamus. In: Jetzt (Süddeutsche Zeitung) vom 13.05.2002.

1 Thalamus: Kerngebiet des Zwischenhirns, das für die Verarbeitung von Sinneseindrücken und Schmerzempfindung wichtig ist.

Zum Autor: Gerhard Roth (*1942) ist ein deutscher Philosoph und Biologe, der das Institut für Hirnforschung an der Universität Bremen geleitet hat.

Aufgabenstellung: Aufgabe 3 · Abitur NRW Philosophie GK · Nachtermin 2023

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

1. Stellen Sie die Problemfrage, von der der Text ausgeht, sowie die Hauptthese des Verfassers dar und arbeiten Sie dessen Argumentationsgang heraus. (26 Punkte)

Lösung: Individuelle Ausarbeitung gemäß den zentralen Kriterien des Erwartungshorizonts.

2. Vergleichen Sie die Aussagen Roths mit den entsprechenden Überlegungen des Aristoteles. Stellen Sie hierfür zuerst die Position des Aristoteles in ihren Grundzügen dar. (30 Punkte)

Lösung: Individuelle Ausarbeitung zum Vergleich der Positionen von Roth und Aristoteles.

3. Beurteilen Sie, wie überzeugend beide Positionen jeweils sind, und nehmen Sie Stellung zur Frage, ob bzw. inwiefern das Glück an eine gelungene Selbstverwirklichung geknüpft ist. (24 Punkte)

Lösung: Individuelle Urteilsbildung und begründete Stellungnahme.

Die ausführliche Erklärung Schritt für Schritt (mit KI) gibt es mit Premium. Premium

Löse sie direkt hier: automatische Korrektur, Hinweise und Lösung Schritt für Schritt.

Aufgabe 2 · GK · Haupttermin 2022 ›

Mehr Aufgaben zu Gelingendes Leben und Glück (Aristoteles)