Aufgabe 1 · Abitur NRW Philosophie GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2023

Thema: Ethische Fallerörterung: Utilitarismus und Kant · Aus der Prüfung GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg (2023)

Aufgabenstellung

Aufgabenstellung:

Erörtern Sie das philosophische Problem, das durch das folgende Fallbeispiel entsteht, indem Sie

Im Wahllokal

In einem demokratischen Rechtsstaat versucht die offen rassistische und nationalistische Partei „Zeit für radikale nationale Lösungen“ (ZRNL) an die Macht zu gelangen. Hierzu ist der Partei jedes nach den geltenden Gesetzen des Staates gerade noch legale Mittel recht. So verbreitet sie offensichtliche Falschmeldungen und Fehlinformationen in sozialen Netzwerken. Sie hetzt gegen Minderheiten. Außerdem versuchen immer wieder militante Anhänger und Anhängerinnen der ZRNL die Anhänger und Anhängerinnen anderer Parteien mit Gewalt einzuschüchtern. Die Führung der ZRNL distanziert sich von diesen Übergriffen nur halbherzig und stachelt selbst immer wieder indirekt zu Gewalt an. Juristisch konnten führende Politiker und Politikerinnen der ZRNL jedoch bislang nie belangt werden.

Herr Meyer ist ein überzeugter Demokrat und entschiedener Gegner dieser Partei, die er für sehr gefährlich hält. Am Wahltag leitet er die Auszählung der Stimmen in einem Wahllokal. Nun zeichnet sich bei der Wahl zu Herrn Meyers großem Entsetzen ein hauchdünner Vorsprung für die extremistische ZRNL in seinem Wahllokal ab. Da schlägt ihm seine Kollegin, Frau Schmidt, vor, „noch ein paar Stimmzettel zu finden“, also die Wahl zu fälschen, um dazu beizutragen, einen Wahlsieg der ZRNL zu verhindern.

Materialgrundlage: fiktives Fallbeispiel nach Cordt Hollburg (2021, unveröffentlicht)

1.

die ethische Problemstellung der Entscheidung, vor der der Wahlleiter im Fallbeispiel steht, benennen und sie in ihren zentralen Aspekten analysieren. [16 Punkte]

2.

die ethische Problemstellung der im Fallbeispiel zu treffenden Entscheidung aus der Perspektive der utilitaristischen sowie der Kantischen Ethik erläutern und beurteilen und dabei die maßgeblichen Prinzipien dieser beiden Positionen darstellen. [48 Punkte]

3.

abwägend Stellung zur Frage nehmen, ob es zulässig ist, zum Schutz der Demokratie auch Rechtsgrenzen zu überschreiten. [16 Punkte]

Aufgabenstellung: Aufgabe 1 · Abitur NRW Philosophie GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2023

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

1. die ethische Problemstellung der Entscheidung, vor der der Wahlleiter im Fallbeispiel steht, benennen und sie in ihren zentralen Aspekten analysieren. (16 Punkte)

Lösung: Benennung des Entscheidungsproblems (z. B. Frage, ob durch widerrechtliche Fälschung eines Wahlergebnisses der Sieg einer Partei verhindert werden darf, die zentralen demokratischen Prinzipien zuwiderhandelt) sowie Analyse der wesentlichen ethischen Aspekte (Motive/Gründe, Werte/Prinzipien und Situationsbedingungen/Folgenabwägung).

2. die ethische Problemstellung der im Fallbeispiel zu treffenden Entscheidung aus der Perspektive der utilitaristischen sowie der Kantischen Ethik erläutern und beurteilen und dabei die maßgeblichen Prinzipien dieser beiden Positionen darstellen. (48 Punkte)

Lösung: Darstellung der Grundsätze des Utilitarismus (Konsequenz-, Utilitäts-, hedonistisches und Universalitätsprinzip) und Kants (kategorischer Imperativ, Pflicht vs. Neigung, Autonomie) sowie Erläuterung und Beurteilung des Problems aus beiden ethischen Perspektiven.

3. abwägend Stellung zur Frage nehmen, ob es zulässig ist, zum Schutz der Demokratie auch Rechtsgrenzen zu überschreiten. (16 Punkte)

Lösung: Eigenständige, differenzierte und abwägende Stellungnahme mit fundierter Argumentation und Berücksichtigung von Gegenargumenten zur Frage der Überschreitung rechtlicher Grenzen zum Schutz der Demokratie.

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