Abitur NRW Orthodoxe Religionslehre 2023 · GK · Haupttermin

Abiturprüfung Orthodoxe Religionslehre in Nordrhein-Westfalen 2023, GK · Haupttermin: 6 Aufgaben mit Lösungen. Mit automatischer Korrektur.

Themen der Prüfung: Texterschließung: Grundgedanken und Gedankengang · Kirche und Mysterien: Eucharistie, Buße und Metanoia · Gott, Christus und die Hoffnung auf Vollendung · Menschenbild und Orthopraxie: Ebenbildlichkeit und soziales Handeln

Aufgabe HT 1 - 1: Texterschließung · Texterschließung: Grundgedanken und Gedankengang

Wenn ein Glied der Kirche nicht das Leben der Kirche lebt, schwächt es die Bindung mit

ihr und baut durch sein sündhaftes Leben den Leib der Kirche ab. Deswegen übt die Sünde

negativen Einfluß auf das Leben des ganzen Leibes der Kirche aus, denn sie schwächt und

bricht den Bund der Liebe zwischen den Gliedern. Demnach ist sie keine private Angele-

5 genheit des Gläubigen. Sie hat ernste Auswirkungen auf den gesamten Leib der Kirche, wie

es in den Apostolischen Konstitutionen 1 heißt: »Wenn jemand überführt wird, daß er Un-

recht tat, schadete er nicht nur sich selbst, sondern fügte dem gesamten Leib der Kirche

Schmähung zu und auch der Lehre, weil uns dann der Vorwurf trifft, daß wir nicht tun, was

wir gut heißen.« Wenn es Hauptziel der Kirche ist, die zerstreuten Kinder Gottes zur Ein-

10 heit zu sammeln, widersetzt sich die Sünde diesem Ziel nicht nur, weil sie Wunden am Leib

der Kirche verursacht, sondern auch, weil sie die Kraft der kirchlichen Botschaft vor den

Nichtchristen schwächt. Beim Überwinden der Sünde handelt es sich also nicht einfach um

die Zurückführung des einzelnen, des »verlorenen Schafes«, sondern um Sicherheit und

Heil der ganzen Herde, die durch den Weggang und die Trennung des einen gefährdet wird.

15 [...]

Gegen die Sünde und ihre Auswirkungen besitzt die Kirche als Heilmittel Buße und

Beichte. Die Metanoia führt den Menschen nämlich an seinen alten Platz bei den Brüdern

und zur Einheit der Kirche zurück. Der Sünder wird durch die Metanoia wieder »der Herde

Christi zugehörig«, wie Chrysostomos 2 sagt. Der Hirt darf sich also einem reuigen Sünder

20 gegenüber nicht gleichgültig verhalten, wenn er nicht Verrat üben will am Leib der Kirche.

Die Kirche muß den Sünder wieder in ihre volle Gemeinschaft aufnehmen; sie muß ihn

wieder in die Situation versetzen, die er nach der Taufe hatte, von der er sich aber durch die

Sünde entfernte. Bei der Rückkehr in die volle Gemeinschaft der Kirche wird die Krankheit

von Christus, dem Gottmenschen, aufgenommen und geheilt. So repräsentiert der Beicht-

25 vater »nicht nur Christus, sondern auch den Leib Christi, die Kirche, mit der er den Beich-

tenden versöhnt«. Die Wunde wird geheilt von der Kirche, vom Leib Christi, und damit

von Christus selbst, der die Sünde überwand und deren Sold, den Tod, besiegelte. Auch das

Herrenwort von der Löse- und Bindegewalt 3 an Petrus und an die übrigen Apostel macht

deutlich, daß das Sakrament der Beichte nicht unabhängig oder losgelöst von der Kirche

30 vollzogen werden kann. So betet der Geistliche beim Lossprechen 4: »Und trenne ihn nicht

von deiner heiligen katholischen Kirche, sondern füge ihn deiner reinen Schafherde bei und

würdige ihn wieder, Erbe deiner Königsherrschaft zu werden.«

Versöhntsein mit der Kirche ist ein wesentliches Merkmal des Lebens in Christus; denn au-

ßerhalb ihrer Gemeinschaft kann es dieses Leben nicht geben. Darum durchdringt der Ge-

35 danke der Versöhnung und der Eingliederung in den Leib der Kirche beziehungsweise der

Förderung dieser Einheit das gesamte liturgische Leben der orthodoxen Kirche, in dem es

nichts gibt, was rein privaten Charakter hätte. Aus den Gebeten der Kirche spricht die pas-

torale Sorge um den Aufbau ihres Leibes, der in der Taufe grundgelegt, im Bußsakrament

erneuert und durch die Teilnahme an der hl. Eucharistie vollendet wird. Das Sakrament der

40 Kirche ist ein Zusammenführen der zerstreuten Kinder Gottes zur Einheit untereinander

und mit der heiligen Dreifaltigkeit im Leibe Christi. Zeugnis und Offenbarung dieses Er-

eignisses ist das liturgische Leben der Kirche, vor allem die hl. Eucharistie. Die Sorge um

das Wiedergewinnen oder Aufrechterhalten der Einheit der Gläubigen mit dem Vater

durch den Sohn im heiligen (sic!) Geist wird deutlich, wenn der Priester in der Anaphora

45 der Basiliusliturgie 5 betet: »Sammle die Zerstreuten; führe die Verführten zurück und ver-

eine sie mit deiner heiligen, katholischen und apostolischen Kirche!« und: »Uns alle, die

wir an demselben Brot und demselben Kelch teilhaben, laß untereinander eins sein in der

Gemeinschaft des einen Heiligen Geistes.« In diesem ekklesiologischen Rahmen erschei-

nen Metanoia und Beichte als zweite Taufe, als Rückkehr in den Zustand der Taufe, als

50 »ἀνάκλησις βαπτίσματος« 6 wie Johannes Klimakos 7 sagt. Durch die Taufe bekommt der

Gläubige Anteil an Christi Kreuzestod, durch die Eucharistie an seiner Auferstehung, die

die Auferstehung des ganzen Leibes der Kirche ist. Unabdingbare Voraussetzung solchen

Anteilnehmens, das Teilhabe an der Königsherrschaft Gottes bedeutet, ist die Metanoia.

Deshalb verstehen wir Johannes Klimakos, der sagt, daß keiner ohne Sündenbekenntnis das

55 Heil erlange.

So wird deutlich, daß die Metanoia nicht nur dem sittlichen Leben und der moralischen

Förderung des Menschen dient, sondern auch eine Stütze ist für seine wahre Natur, für die

in der Taufe gewährte Wiedergeburt zur Teilhabe am Leib Christi und zur inneren Ver-

klärung 8. Das erste, entscheidende Gebot des Evangeliums ist der Bußruf des Herrn, der

60 mit der Verkündigung der Königsherrschaft Gottes in eins gesetzt wird. Der Bußruf

»μετανοεῖτε« 9 ist die entscheidende Forderung des Herrn an den Menschen. Im Bußsakra-

ment erreicht daher die pastorale Sorge des Hirten den Höhepunkt, denn dieses bewirkt

die volle Rückführung des Sünders und trägt zum Aufbau des Leibes der Kirche bei, der

in der Teilnahme an der Eucharistie noch vollendet und besiegelt werden wird. Nach Sy-

65 meon, dem neuen Theologen 10, »muß der Mensch wirklich umkehren und wahrhaftig durch

die Tore der Metanoia gehen. Die Tränen müssen ihn reinigen und ihm eine zweite Taufe

spenden, jene Taufe, von der der Herr im Evangelium sagt: >Wenn jemand nicht aus Was-

ser und Geist geboren wird, kann er nicht in das Gottesreich eingehen<. [...]«

Es ist eine Tatsache, daß der ekklesiologische Charakter der Beichte in der Praxis der or-

70 thodoxen Kirche besser ausgeprägt blieb. Bezeichnenderweise ist der Orthodoxie der

Beichtstuhl der römisch-katholischen Kirche unbekannt, der den Beichtenden vom

Beichtvater trennt und nur durch eine kleine Öffnung für das Ohr allein Kontakt erlaubt.

Wir beichten in der Kirche, ohne Trennung zwischen Priester und Beichtendem. Der

ekklesiologische Bezug wird auch dadurch bekräftigt, daß es in der orthodoxen Kirche

75 einen eigenen Gottesdienstritus für die Beichte gibt. Er ist im Ritualbuch enthalten, das

heute bei den Priestern Griechenlands in Gebrauch ist. So ist das Beichtsakrament fest in

das liturgische Leben der Kirche eingefügt.

1 Eine Sammlung altkirchlicher Texte (4. Jahrhundert)

2 Kirchenvater des 4. Jahrhunderts

3 Bezieht sich auf Mt 16,19: „Was du auf Erden binden wirst, das wird im Himmel gebunden sein, und was du auf Erden lösen wirst, das wird im Himmel gelöst sein“.

4 Im Sinne von Vergebung der Sünden

5 Anaphora der Basiliusliturgie: Hauptgebet der dem Hl. Basilius zugeschriebenen Liturgie

6 griech.: Erneuerung der Taufe.

7 Wüstenvater des 6./7. Jahrhunderts

8 Im Sinne von geistige Wandlung

9 griech.: „Tut Buße!“ Mt 4,17

10 Kirchenvater aus dem 10./11. Jahrhundert

Alevisopoulos Antonios, Buße und Beichte in Pastoral und Katechese der Kirche von Griechenland. In: Suttner, Ernst Christoph (Hg.), Buße und Beichte, Regensburg 1972, S. 61 ff.

1. Stellen Sie die zentralen Gedanken des Textes dar und erläutern Sie in diesem Zusammenhang, wie die Beichte in ihm verstanden wird. (24 Punkte)

Aufgabe HT 1 - 2 und 3: Kirche und Mysterien · Kirche und Mysterien: Eucharistie, Buße und Metanoia

Wenn ein Glied der Kirche nicht das Leben der Kirche lebt, schwächt es die Bindung mit

ihr und baut durch sein sündhaftes Leben den Leib der Kirche ab. Deswegen übt die Sünde

negativen Einfluß auf das Leben des ganzen Leibes der Kirche aus, denn sie schwächt und

bricht den Bund der Liebe zwischen den Gliedern. Demnach ist sie keine private Angele-

5 genheit des Gläubigen. Sie hat ernste Auswirkungen auf den gesamten Leib der Kirche, wie

es in den Apostolischen Konstitutionen 1 heißt: »Wenn jemand überführt wird, daß er Un-

recht tat, schadete er nicht nur sich selbst, sondern fügte dem gesamten Leib der Kirche

Schmähung zu und auch der Lehre, weil uns dann der Vorwurf trifft, daß wir nicht tun, was

wir gut heißen.« Wenn es Hauptziel der Kirche ist, die zerstreuten Kinder Gottes zur Ein-

10 heit zu sammeln, widersetzt sich die Sünde diesem Ziel nicht nur, weil sie Wunden am Leib

der Kirche verursacht, sondern auch, weil sie die Kraft der kirchlichen Botschaft vor den

Nichtchristen schwächt. Beim Überwinden der Sünde handelt es sich also nicht einfach um

die Zurückführung des einzelnen, des »verlorenen Schafes«, sondern um Sicherheit und

Heil der ganzen Herde, die durch den Weggang und die Trennung des einen gefährdet wird.

15 [...]

Gegen die Sünde und ihre Auswirkungen besitzt die Kirche als Heilmittel Buße und

Beichte. Die Metanoia führt den Menschen nämlich an seinen alten Platz bei den Brüdern

und zur Einheit der Kirche zurück. Der Sünder wird durch die Metanoia wieder »der Herde

Christi zugehörig«, wie Chrysostomos 2 sagt. Der Hirt darf sich also einem reuigen Sünder

20 gegenüber nicht gleichgültig verhalten, wenn er nicht Verrat üben will am Leib der Kirche.

Die Kirche muß den Sünder wieder in ihre volle Gemeinschaft aufnehmen; sie muß ihn

wieder in die Situation versetzen, die er nach der Taufe hatte, von der er sich aber durch die

Sünde entfernte. Bei der Rückkehr in die volle Gemeinschaft der Kirche wird die Krankheit

von Christus, dem Gottmenschen, aufgenommen und geheilt. So repräsentiert der Beicht-

25 vater »nicht nur Christus, sondern auch den Leib Christi, die Kirche, mit der er den Beich-

tenden versöhnt«. Die Wunde wird geheilt von der Kirche, vom Leib Christi, und damit

von Christus selbst, der die Sünde überwand und deren Sold, den Tod, besiegelte. Auch das

Herrenwort von der Löse- und Bindegewalt 3 an Petrus und an die übrigen Apostel macht

deutlich, daß das Sakrament der Beichte nicht unabhängig oder losgelöst von der Kirche

30 vollzogen werden kann. So betet der Geistliche beim Lossprechen 4: »Und trenne ihn nicht

von deiner heiligen katholischen Kirche, sondern füge ihn deiner reinen Schafherde bei und

würdige ihn wieder, Erbe deiner Königsherrschaft zu werden.«

Versöhntsein mit der Kirche ist ein wesentliches Merkmal des Lebens in Christus; denn au-

ßerhalb ihrer Gemeinschaft kann es dieses Leben nicht geben. Darum durchdringt der Ge-

35 danke der Versöhnung und der Eingliederung in den Leib der Kirche beziehungsweise der

Förderung dieser Einheit das gesamte liturgische Leben der orthodoxen Kirche, in dem es

nichts gibt, was rein privaten Charakter hätte. Aus den Gebeten der Kirche spricht die pas-

torale Sorge um den Aufbau ihres Leibes, der in der Taufe grundgelegt, im Bußsakrament

erneuert und durch die Teilnahme an der hl. Eucharistie vollendet wird. Das Sakrament der

40 Kirche ist ein Zusammenführen der zerstreuten Kinder Gottes zur Einheit untereinander

und mit der heiligen Dreifaltigkeit im Leibe Christi. Zeugnis und Offenbarung dieses Er-

eignisses ist das liturgische Leben der Kirche, vor allem die hl. Eucharistie. Die Sorge um

das Wiedergewinnen oder Aufrechterhalten der Einheit der Gläubigen mit dem Vater

durch den Sohn im heiligen (sic!) Geist wird deutlich, wenn der Priester in der Anaphora

45 der Basiliusliturgie 5 betet: »Sammle die Zerstreuten; führe die Verführten zurück und ver-

eine sie mit deiner heiligen, katholischen und apostolischen Kirche!« und: »Uns alle, die

wir an demselben Brot und demselben Kelch teilhaben, laß untereinander eins sein in der

Gemeinschaft des einen Heiligen Geistes.« In diesem ekklesiologischen Rahmen erschei-

nen Metanoia und Beichte als zweite Taufe, als Rückkehr in den Zustand der Taufe, als

50 »ἀνάκλησις βαπτίσματος« 6 wie Johannes Klimakos 7 sagt. Durch die Taufe bekommt der

Gläubige Anteil an Christi Kreuzestod, durch die Eucharistie an seiner Auferstehung, die

die Auferstehung des ganzen Leibes der Kirche ist. Unabdingbare Voraussetzung solchen

Anteilnehmens, das Teilhabe an der Königsherrschaft Gottes bedeutet, ist die Metanoia.

Deshalb verstehen wir Johannes Klimakos, der sagt, daß keiner ohne Sündenbekenntnis das

55 Heil erlange.

So wird deutlich, daß die Metanoia nicht nur dem sittlichen Leben und der moralischen

Förderung des Menschen dient, sondern auch eine Stütze ist für seine wahre Natur, für die

in der Taufe gewährte Wiedergeburt zur Teilhabe am Leib Christi und zur inneren Ver-

klärung 8. Das erste, entscheidende Gebot des Evangeliums ist der Bußruf des Herrn, der

60 mit der Verkündigung der Königsherrschaft Gottes in eins gesetzt wird. Der Bußruf

»μετανοεῖτε« 9 ist die entscheidende Forderung des Herrn an den Menschen. Im Bußsakra-

ment erreicht daher die pastorale Sorge des Hirten den Höhepunkt, denn dieses bewirkt

die volle Rückführung des Sünders und trägt zum Aufbau des Leibes der Kirche bei, der

in der Teilnahme an der Eucharistie noch vollendet und besiegelt werden wird. Nach Sy-

65 meon, dem neuen Theologen 10, »muß der Mensch wirklich umkehren und wahrhaftig durch

die Tore der Metanoia gehen. Die Tränen müssen ihn reinigen und ihm eine zweite Taufe

spenden, jene Taufe, von der der Herr im Evangelium sagt: >Wenn jemand nicht aus Was-

ser und Geist geboren wird, kann er nicht in das Gottesreich eingehen<. [...]«

Es ist eine Tatsache, daß der ekklesiologische Charakter der Beichte in der Praxis der or-

70 thodoxen Kirche besser ausgeprägt blieb. Bezeichnenderweise ist der Orthodoxie der

Beichtstuhl der römisch-katholischen Kirche unbekannt, der den Beichtenden vom

Beichtvater trennt und nur durch eine kleine Öffnung für das Ohr allein Kontakt erlaubt.

Wir beichten in der Kirche, ohne Trennung zwischen Priester und Beichtendem. Der

ekklesiologische Bezug wird auch dadurch bekräftigt, daß es in der orthodoxen Kirche

75 einen eigenen Gottesdienstritus für die Beichte gibt. Er ist im Ritualbuch enthalten, das

heute bei den Priestern Griechenlands in Gebrauch ist. So ist das Beichtsakrament fest in

das liturgische Leben der Kirche eingefügt.

1 Eine Sammlung altkirchlicher Texte (4. Jahrhundert)

2 Kirchenvater des 4. Jahrhunderts

3 Bezieht sich auf Mt 16,19: „Was du auf Erden binden wirst, das wird im Himmel gebunden sein, und was du auf Erden lösen wirst, das wird im Himmel gelöst sein“.

4 Im Sinne von Vergebung der Sünden

5 Anaphora der Basiliusliturgie: Hauptgebet der dem Hl. Basilius zugeschriebenen Liturgie

6 griech.: Erneuerung der Taufe.

7 Wüstenvater des 6./7. Jahrhunderts

8 Im Sinne von geistige Wandlung

9 griech.: „Tut Buße!“ Mt 4,17

10 Kirchenvater aus dem 10./11. Jahrhundert

Alevisopoulos Antonios, Buße und Beichte in Pastoral und Katechese der Kirche von Griechenland. In: Suttner, Ernst Christoph (Hg.), Buße und Beichte, Regensburg 1972, S. 61 ff.

2.

Erläutern Sie, wie die orthodoxe Tradition Kirche versteht, und bringen Sie dieses Verständnis mit dem im Text zentral gesetzten Zitat (Z. 45 f.) aus der Anaphora der Basiliusliturgie in Verbindung. (30 Punkte)

3.

Erörtern Sie unter Rückgriff auf Ihre bisherigen Ergebnisse, wie sich die Metanoia auf das Handeln des Einzelnen und der Gesellschaft auswirken kann, und nehmen Sie zum Schluss persönlich Stellung. (26 Punkte)

Aufgabe HT 2 - 1: Texterschließung · Texterschließung: Grundgedanken und Gedankengang

Der Theologe Kilian Kirchhoff legt in der Einleitung zu seiner deutschen Übersetzung orthodoxer Texte für die Karwoche und die Osterzeit dar, welche Bedeutung das Osterfest hat.

In der Auferstehung Christi strahlte auf das Licht, das denen Licht brachte, die in Finsternis

wohnten und in der Nacht der Unwissenheit. Es hat die ganze Erde erleuchtet mit göttlichen

Strahlen. Die Völker sind aus der Finsternis des Irrtums zum Lichte versammelt. Das Gesetz

des Todes ist gesprengt, der Teufel beschämt, der Stachel der Sünde gelähmt, mit Licht er-

5 füllt die Welt. Der Mächtige hat die Verwesung besiegt, verbannt ist die Vergänglichkeit,

erleuchtet ist das Menschengeschlecht. Vom Irrtum des Feindes ist befreit die Welt. Die

Furcht vor der Verdammnis ist verscheucht, zerstreut die Nacht. Die Verwesten sind

erweckt. Die Unverweslichkeit 1 blühte auf. „Alt waren wir, du hast neu uns gemacht;

wir waren verweslich, du hast uns unverweslich gemacht … und befahlst, in der Neu-

10 heit des Lebens würdig zu wandeln.“ 2 Durch Unverweslichkeit ist alles erleuchtet, den

Himmeln die Erde vereint. Alle Trauer ist geschwunden über den Fluch von einst mit die-

sem strahlenden und über alles herrlichen Tag der lichtvollen Gnade, an dem der Kyrios 3 strah-

lend in Schönheit erschien. Die ganze Welt strahlt in Licht. Denn seit er von den Toten erstand,

ist befreit vom Fluche die Welt und aus der Knechtschaft des Feindes befreit. „Es jubeln die

15 Reigen der Engel. Es weicht der Wahn der Dämonen. Der gefesselte Adam steht auf. Ver-

nichtet ist Satan.“ 4 Wir sind errettet aus den Toren des Todes. Das gefallene Menschenge-

schlecht ist zum Leben erweckt, das Sterbliche mit der Ehre der Unverweslichkeit beklei-

det. Erleuchtet ist das All, das Paradies wieder geöffnet. Was einst der Tod, die Verwesung

beherrschte, ist emporgeführt zum unverweslichen Leben. Es frohlocken die Enden der

20 Welt. Die Schöpfung tanzet im Chor. Christi Kirche feiert ein Fest.

So erklingt in den wogenden und rauschenden Rhythmen der fünfzigtägigen Osterfeier das

Siegeslied der Kirche, des mystischen Leibes Christi, in den die Gläubigen durch die hei-

lige Taufe eingegliedert sind. Denn als der Kyrios am Kreuze seine heiligen Hände aus-

spannte, tat er es, um alle Völker in seinem Reich der Kirche zu versammeln. Aus seiner

25 lebenbringenden, durchstochenen Seite 5 ließ er sein göttliches Blut und das kostbare Was-

ser des Heils als ewiglebende Quelle der Unsterblichkeit der Welt hervorsprudeln. Aus sei-

ner Seite ließ er die „Mutter aller Lebendigen“, eine einzige Herde aus Engeln und Men-

schen, eine einzige Kirche hervorgehen. Da blühte Unsterblichkeit auf aus der immerflie-

ßenden Seite des Retters. Die Kirche ist wie die Gottesmutter, die Allheilige, das Tor des

30 Lichtes und des Lebens, des Königs Burg und Palast, für alle Menschen und Völker der

Weg zu Christus. Durch die Taufe, die sie spendet, und das Brot des Wortes, das sie bricht,

und das Blut des Heiles, das sie weiterleitet, durch ihre Lehre, ihren Glauben an den drei-

einigen Gott hat der Kyrios selber uns den Weg zum Himmel gezeigt. Schon in der Ge-

schichte des auserwählten Volkes Israel 6, des Vorbildes der Kirche, hat er sich als den

35 Pantokrator, den Allgewaltigen erwiesen. Beim Durchzug durch das Rote Meer hat er, die

kosmischen Gesetze unterbrechend und überwindend, die Kräfte und Gewalten der Natur

besiegt, um Israel zu schützen, zu retten und ins Gelobte Land hinüberzuführen. Mit Mann

und Roß und Wagen ward Pharao versenkt. Wie Israel einst in der Wüste mit des Moses

kreuzweise ausgestreckten Armen Amaleks Macht in die Flucht schlug, so hat der Kyrios

40 das neue Israel errettet durch das Kreuz: Statt der Feuersäule ging auf die Sonne der Ge-

rechtigkeit, statt Moses kam Christus, die Rettung unserer Seelen. Wie Moses einst das aus-

erwählte Volk mit Wasser aus dem Felsen tränkte, so tränkt der Kyrios der Kirche erkore-

nes Volk mit dem Blut und Wasser der Taufe und reicht ihm den Felsen des Glaubens,

spendet ihm den Born 7 seiner Weisheit und das Wasser des Heiles als geistigen und mysti-

45 schen Trank, durch den wir voll werden göttlicher Lehren, das Wasser des Lebens, das hin-

überquillt zum ewigen Leben, die Gottesströme der Weisheit und der Tugenden, den

Mischkrug unerschöpflicher Gaben, den Quell seiner Menschenfreundlichkeit und Liebe,

der der Welt die Vergebung sprudelt und fortspült die Fehler, das Bad der Taufe, aus dem

der Mensch als neue Schöpfung, als erneuertes Bild Gottes hervorgeht. Wie Moses einst

50 das Volk führte, so führt Christus die in seinem Reiche vereinten Völker auf guten Weg.

Wer ihm nachfolgt, wandelt nicht in Finsternis, sondern wird erlangen das Licht des un-

sterblichen Lebens.

Materialgrundlage: Kilian Kirchhoff, Osterjubel der Ostkirche, Bd. 1, Münster, Regensberg 1940, S. XV – XVII.

1 Unverweslichkeit meint Unvergänglichkeit

2 Aus einem Hymnus des Ostergottesdienstes.

3 Kyrios (griech. Herr) = Christustitel der alten Kirche

4 Aus einem Hymnus des Ostermittwochs.

5 Bezieht sich auf die Seitenwunde Christi, die bei der Kreuzigung durch einen Lanzenstich verursacht wurde (siehe Joh. 19,33 – 37).

6 In Z. 34 ff. beschreibt der Autor einzelne Ereignisse der Befreiung des Volkes Israels aus der ägyptischen Sklaverei.

7 veraltet für Brunnen, Quelle

Aufgabenstellung 1

1. Geben Sie die zentralen Gedanken des Textes wieder und erläutern Sie, ausgehend vom Begriff ‚Pantokrator‘ (Z. 35), wie die orthodoxe Theologie Gott versteht. [24 Punkte]

Aufgabe HT 2 - 2 und 3: Gott, Christus und Vollendung · Gott, Christus und die Hoffnung auf Vollendung

Der Theologe Kilian Kirchhoff legt in der Einleitung zu seiner deutschen Übersetzung orthodoxer Texte für die Karwoche und die Osterzeit dar, welche Bedeutung das Osterfest hat.

In der Auferstehung Christi strahlte auf das Licht, das denen Licht brachte, die in Finsternis

wohnten und in der Nacht der Unwissenheit. Es hat die ganze Erde erleuchtet mit göttlichen

Strahlen. Die Völker sind aus der Finsternis des Irrtums zum Lichte versammelt. Das Gesetz

des Todes ist gesprengt, der Teufel beschämt, der Stachel der Sünde gelähmt, mit Licht er-

5 füllt die Welt. Der Mächtige hat die Verwesung besiegt, verbannt ist die Vergänglichkeit,

erleuchtet ist das Menschengeschlecht. Vom Irrtum des Feindes ist befreit die Welt. Die

Furcht vor der Verdammnis ist verscheucht, zerstreut die Nacht. Die Verwesten sind

erweckt. Die Unverweslichkeit 1 blühte auf. „Alt waren wir, du hast neu uns gemacht;

wir waren verweslich, du hast uns unverweslich gemacht … und befahlst, in der Neu-

10 heit des Lebens würdig zu wandeln.“ 2 Durch Unverweslichkeit ist alles erleuchtet, den

Himmeln die Erde vereint. Alle Trauer ist geschwunden über den Fluch von einst mit die-

sem strahlenden und über alles herrlichen Tag der lichtvollen Gnade, an dem der Kyrios 3 strah-

lend in Schönheit erschien. Die ganze Welt strahlt in Licht. Denn seit er von den Toten erstand,

ist befreit vom Fluche die Welt und aus der Knechtschaft des Feindes befreit. „Es jubeln die

15 Reigen der Engel. Es weicht der Wahn der Dämonen. Der gefesselte Adam steht auf. Ver-

nichtet ist Satan.“ 4 Wir sind errettet aus den Toren des Todes. Das gefallene Menschenge-

schlecht ist zum Leben erweckt, das Sterbliche mit der Ehre der Unverweslichkeit beklei-

det. Erleuchtet ist das All, das Paradies wieder geöffnet. Was einst der Tod, die Verwesung

beherrschte, ist emporgeführt zum unverweslichen Leben. Es frohlocken die Enden der

20 Welt. Die Schöpfung tanzet im Chor. Christi Kirche feiert ein Fest.

So erklingt in den wogenden und rauschenden Rhythmen der fünfzigtägigen Osterfeier das

Siegeslied der Kirche, des mystischen Leibes Christi, in den die Gläubigen durch die hei-

lige Taufe eingegliedert sind. Denn als der Kyrios am Kreuze seine heiligen Hände aus-

spannte, tat er es, um alle Völker in seinem Reich der Kirche zu versammeln. Aus seiner

25 lebenbringenden, durchstochenen Seite 5 ließ er sein göttliches Blut und das kostbare Was-

ser des Heils als ewiglebende Quelle der Unsterblichkeit der Welt hervorsprudeln. Aus sei-

ner Seite ließ er die „Mutter aller Lebendigen“, eine einzige Herde aus Engeln und Men-

schen, eine einzige Kirche hervorgehen. Da blühte Unsterblichkeit auf aus der immerflie-

ßenden Seite des Retters. Die Kirche ist wie die Gottesmutter, die Allheilige, das Tor des

30 Lichtes und des Lebens, des Königs Burg und Palast, für alle Menschen und Völker der

Weg zu Christus. Durch die Taufe, die sie spendet, und das Brot des Wortes, das sie bricht,

und das Blut des Heiles, das sie weiterleitet, durch ihre Lehre, ihren Glauben an den drei-

einigen Gott hat der Kyrios selber uns den Weg zum Himmel gezeigt. Schon in der Ge-

schichte des auserwählten Volkes Israel 6, des Vorbildes der Kirche, hat er sich als den

35 Pantokrator, den Allgewaltigen erwiesen. Beim Durchzug durch das Rote Meer hat er, die

kosmischen Gesetze unterbrechend und überwindend, die Kräfte und Gewalten der Natur

besiegt, um Israel zu schützen, zu retten und ins Gelobte Land hinüberzuführen. Mit Mann

und Roß und Wagen ward Pharao versenkt. Wie Israel einst in der Wüste mit des Moses

kreuzweise ausgestreckten Armen Amaleks Macht in die Flucht schlug, so hat der Kyrios

40 das neue Israel errettet durch das Kreuz: Statt der Feuersäule ging auf die Sonne der Ge-

rechtigkeit, statt Moses kam Christus, die Rettung unserer Seelen. Wie Moses einst das aus-

erwählte Volk mit Wasser aus dem Felsen tränkte, so tränkt der Kyrios der Kirche erkore-

nes Volk mit dem Blut und Wasser der Taufe und reicht ihm den Felsen des Glaubens,

spendet ihm den Born 7 seiner Weisheit und das Wasser des Heiles als geistigen und mysti-

45 schen Trank, durch den wir voll werden göttlicher Lehren, das Wasser des Lebens, das hin-

überquillt zum ewigen Leben, die Gottesströme der Weisheit und der Tugenden, den

Mischkrug unerschöpflicher Gaben, den Quell seiner Menschenfreundlichkeit und Liebe,

der der Welt die Vergebung sprudelt und fortspült die Fehler, das Bad der Taufe, aus dem

der Mensch als neue Schöpfung, als erneuertes Bild Gottes hervorgeht. Wie Moses einst

50 das Volk führte, so führt Christus die in seinem Reiche vereinten Völker auf guten Weg.

Wer ihm nachfolgt, wandelt nicht in Finsternis, sondern wird erlangen das Licht des un-

sterblichen Lebens.

Materialgrundlage: Kilian Kirchhoff, Osterjubel der Ostkirche, Bd. 1, Münster, Regensberg 1940, S. XV – XVII.

1 Unverweslichkeit meint Unvergänglichkeit

2 Aus einem Hymnus des Ostergottesdienstes.

3 Kyrios (griech. Herr) = Christustitel der alten Kirche

4 Aus einem Hymnus des Ostermittwochs.

5 Bezieht sich auf die Seitenwunde Christi, die bei der Kreuzigung durch einen Lanzenstich verursacht wurde (siehe Joh. 19,33 – 37).

6 In Z. 34 ff. beschreibt der Autor einzelne Ereignisse der Befreiung des Volkes Israels aus der ägyptischen Sklaverei.

7 veraltet für Brunnen, Quelle

Aufgabenstellung 2 und 3

2.

Erläutern Sie, welche Bedeutung die Auferstehung und die Vollendung der Welt nach orthodoxem Verständnis haben, und gehen Sie dabei von der im Text erwähnten ‚Neuheit des Lebens‘ (Z. 9 f.) aus. [30 Punkte]

3.

Erörtern Sie, welche Folgen sich aus dem Glauben an die Auferstehung für das alltägliche Leben orthodoxer Christinnen und Christen ergeben. Nehmen Sie zum Schluss begründet Stellung. [26 Punkte]

Aufgabe HT 3 - 1: Texterschließung · Texterschließung: Grundgedanken und Gedankengang

In dem folgenden Text setzt sich der Theologe Theodor Nikolaou, ein Autor der Gegenwart, mit der Frage auseinander, wie die Nachfolge Christi heute gelebt werden kann.

(...) Die ureigenste Antwort auf den Aufruf zur Nachfolge im Christentum bildet, wie be-

reits ausgeführt, die christliche Askese und deren Konsequenz, das Mönchtum. Und gerade

dem Mönchtum, besonders dem östlichen, wird vorgehalten, daß es keine sozialen Leistun-

gen aufzuweisen hat. Sind etwa die Mönche von der sozialen Tätigkeit als Bestandteil der

5 Spiritualität befreit? Ein bekannter zeitgenössischer Athosmönch hebt bei dieser Fragestel-

lung mit Hinweis auf Jesus Christus das kontemplative Leben als höhere Lebensführung

hervor und zitiert die Worte Christi: „Wer das erfassen kann, der erfasse es“ (Mt 19,12).

Damit verkennt er nicht die Bedeutung von sozialen und philanthropischen Aufgaben für

die Mönche der Orthodoxen Kirche. Er setzt vielmehr die richtigen Prioritäten und betrach-

10 tet das Wirken der Mönche in der Welt als sekundär, als eine Art Ergänzung. Unter dieser

Prämisse sind Mönche, die über ihr kontemplatives Leben hinaus soziale Leistungen voll-

bringen, auf einem „Kampffeld doppelter Ausstrahlung und doppelten Lebens, nach innen

und nach außen“, erfolgreich. So betrachtet gilt eher die Warnung vor der Gefahr, daß sozi-

ale Leistungen von Christen leicht in die Mühlen der politischen und ideologischen Antago-

15 nismen geraten könnten; daß sie dem Pseudodilemma 1 Einkehr 2 oder soziales Engagement

Vorschub leisten; daß sie leicht überschätzt und als an sich heilbringend angesehen werden.

Wie und wann lassen sich nun soziale Leistungen als Ausdruck wahrer christlicher Spiritu-

alität erkennen? Gibt es so etwas wie ein Barometer der Spiritualität? Gibt es insbesondere

eine goldene Regel 3 oder ein objektives Kriterium, womit soziales Engagement von Chris-

20 ten sich mit Gewißheit beurteilen läßt? Dies sind Fragen, welche der verweltlichte, aber zu-

gleich religiös interessierte Mensch von heute mit aller Intensität stellt und auf die er eine

eindeutige Antwort – möglichst mit ja oder nein – erwartet. Aber die Theologie kann, so

meine ich, nur eine Antwort der Art geben, die allerdings genau das Gegenteil, nämlich die

Ungewißheit in den Vordergrund stellt und Demut verkündet. Soll menschliches Tun nicht

25 in Selbstgefälligkeit und trügerische Heilsgewißheit entarten, so behält das Wort Christi

seine Gültigkeit: „Wenn ihr alles getan habt, was euch befohlen wurde, sollt ihr sagen: Wir

sind unnütze Diener; wir haben nur unsere Schuldigkeit getan.“ (Lk 17,10)

Im Hinblick auf die Beurteilung (διάκρισις 4) der sozialen Leistungen als Bestandteil der

christlichen Spiritualität ist äußerste Demut angebracht. Dies läßt sich besonders durch fol-

30 gendes Gleichnis von Symeon Metaphrastes (10. Jahrhundert) in seiner Paraphrase der

Homilien von Makarios dem Ägypter verdeutlichen: Die Spiritualität (πνευματική κατάστασις 5)

gleicht einem königlichen Palast, der verschiedene Vorhöfe und Nebengebäude, aber auch

Hauptgebäude und innere Gemächer hat, in denen Purpur 6 und Schätze zu finden sind. Dar-

über hinaus gibt es die innersten Gemächer, die dem Aufenthalt des Königs dienen. Es gibt

35 nun Menschen, die in den Vorhöfen und den äußeren Gebäuden gewesen sind und glauben,

das Innerste des Palastes gesehen zu haben. Ähnlich verhält es sich mit jenen Menschen,

die fasten, wachen und in Psalmodien 7 und Gebeten verharren und deshalb glauben, des

geistigen Lebens teilhaftig zu sein. Aber auch sie sind über die Vorhöfe nicht hinausgekom-

men. Wenn also ein solches Urteil schon über das Fasten und Beten gefällt wird, wieviel

40 mehr trifft es dann auf rein soziales Engagement zu?

Theodor Nikolaou, Askese, Mönchtum und Mystik in der Orthodoxen Kirche, St. Ottilien 1995, S. 169 f.

1 Pseudodilemma – eine fälschliche Annahme eines unlösbaren Widerspruchs

2 Einkehr – innere Besinnung

3 goldene Regel – hier zu verstehen als: klassisch, ideal

4 Διάκρισις – griechisch: Beurteilung, Unterscheidungsgabe

5 πνευματική κατάστασις – griechisch: spiritueller, geistlicher Zustand

6 Purpur – hier: kostbares purpurrotes Gewand

7 Psalmodien – kirchliche Gesänge

1. Stellen Sie dar, worum es im Text inhaltlich geht und wie er argumentativ aufgebaut ist. Erläutern Sie vor allem, welches Verständnis des Mönchtums dem Text zugrunde liegt. (20 Punkte)

Aufgabe HT 3 - 2 und 3: Menschenbild und Orthopraxie · Menschenbild und Orthopraxie: Ebenbildlichkeit und soziales Handeln

In dem folgenden Text setzt sich der Theologe Theodor Nikolaou, ein Autor der Gegenwart, mit der Frage auseinander, wie die Nachfolge Christi heute gelebt werden kann.

(...) Die ureigenste Antwort auf den Aufruf zur Nachfolge im Christentum bildet, wie be-

reits ausgeführt, die christliche Askese und deren Konsequenz, das Mönchtum. Und gerade

dem Mönchtum, besonders dem östlichen, wird vorgehalten, daß es keine sozialen Leistun-

gen aufzuweisen hat. Sind etwa die Mönche von der sozialen Tätigkeit als Bestandteil der

5 Spiritualität befreit? Ein bekannter zeitgenössischer Athosmönch hebt bei dieser Fragestel-

lung mit Hinweis auf Jesus Christus das kontemplative Leben als höhere Lebensführung

hervor und zitiert die Worte Christi: „Wer das erfassen kann, der erfasse es“ (Mt 19,12).

Damit verkennt er nicht die Bedeutung von sozialen und philanthropischen Aufgaben für

die Mönche der Orthodoxen Kirche. Er setzt vielmehr die richtigen Prioritäten und betrach-

10 tet das Wirken der Mönche in der Welt als sekundär, als eine Art Ergänzung. Unter dieser

Prämisse sind Mönche, die über ihr kontemplatives Leben hinaus soziale Leistungen voll-

bringen, auf einem „Kampffeld doppelter Ausstrahlung und doppelten Lebens, nach innen

und nach außen“, erfolgreich. So betrachtet gilt eher die Warnung vor der Gefahr, daß sozi-

ale Leistungen von Christen leicht in die Mühlen der politischen und ideologischen Antago-

15 nismen geraten könnten; daß sie dem Pseudodilemma 1 Einkehr 2 oder soziales Engagement

Vorschub leisten; daß sie leicht überschätzt und als an sich heilbringend angesehen werden.

Wie und wann lassen sich nun soziale Leistungen als Ausdruck wahrer christlicher Spiritu-

alität erkennen? Gibt es so etwas wie ein Barometer der Spiritualität? Gibt es insbesondere

eine goldene Regel 3 oder ein objektives Kriterium, womit soziales Engagement von Chris-

20 ten sich mit Gewißheit beurteilen läßt? Dies sind Fragen, welche der verweltlichte, aber zu-

gleich religiös interessierte Mensch von heute mit aller Intensität stellt und auf die er eine

eindeutige Antwort – möglichst mit ja oder nein – erwartet. Aber die Theologie kann, so

meine ich, nur eine Antwort der Art geben, die allerdings genau das Gegenteil, nämlich die

Ungewißheit in den Vordergrund stellt und Demut verkündet. Soll menschliches Tun nicht

25 in Selbstgefälligkeit und trügerische Heilsgewißheit entarten, so behält das Wort Christi

seine Gültigkeit: „Wenn ihr alles getan habt, was euch befohlen wurde, sollt ihr sagen: Wir

sind unnütze Diener; wir haben nur unsere Schuldigkeit getan.“ (Lk 17,10)

Im Hinblick auf die Beurteilung (διάκρισις 4) der sozialen Leistungen als Bestandteil der

christlichen Spiritualität ist äußerste Demut angebracht. Dies läßt sich besonders durch fol-

30 gendes Gleichnis von Symeon Metaphrastes (10. Jahrhundert) in seiner Paraphrase der

Homilien von Makarios dem Ägypter verdeutlichen: Die Spiritualität (πνευματική κατάστασις 5)

gleicht einem königlichen Palast, der verschiedene Vorhöfe und Nebengebäude, aber auch

Hauptgebäude und innere Gemächer hat, in denen Purpur 6 und Schätze zu finden sind. Dar-

über hinaus gibt es die innersten Gemächer, die dem Aufenthalt des Königs dienen. Es gibt

35 nun Menschen, die in den Vorhöfen und den äußeren Gebäuden gewesen sind und glauben,

das Innerste des Palastes gesehen zu haben. Ähnlich verhält es sich mit jenen Menschen,

die fasten, wachen und in Psalmodien 7 und Gebeten verharren und deshalb glauben, des

geistigen Lebens teilhaftig zu sein. Aber auch sie sind über die Vorhöfe nicht hinausgekom-

men. Wenn also ein solches Urteil schon über das Fasten und Beten gefällt wird, wieviel

40 mehr trifft es dann auf rein soziales Engagement zu?

Theodor Nikolaou, Askese, Mönchtum und Mystik in der Orthodoxen Kirche, St. Ottilien 1995, S. 169 f.

1 Pseudodilemma – eine fälschliche Annahme eines unlösbaren Widerspruchs

2 Einkehr – innere Besinnung

3 goldene Regel – hier zu verstehen als: klassisch, ideal

4 Διάκρισις – griechisch: Beurteilung, Unterscheidungsgabe

5 πνευματική κατάστασις – griechisch: spiritueller, geistlicher Zustand

6 Purpur – hier: kostbares purpurrotes Gewand

7 Psalmodien – kirchliche Gesänge

2. Erläutern Sie, wie die orthodoxe Tradition den Menschen versteht (Anthropologie), und verknüpfen Sie dieses Verständnis mit den im Text genannten Gesichtspunkten der Einkehr und des sozialen Engagements. (32 Punkte)

3. Erörtern Sie die Behauptung des Verfassers, soziales Handeln gehöre zur Spiritualität dazu (Z. 5 ff.). Nehmen Sie zum Schluss begründet Stellung! (28 Punkte)

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