Aufgabe HT 2 - 2 und 3: Gott, Christus und Vollendung · Abitur NRW Orthodoxe Religionslehre GK · Haupttermin 2023
Thema: Gott, Christus und die Hoffnung auf Vollendung · Aus der Prüfung GK · Haupttermin (2023)
Aufgabenstellung
Der Theologe Kilian Kirchhoff legt in der Einleitung zu seiner deutschen Übersetzung orthodoxer Texte für die Karwoche und die Osterzeit dar, welche Bedeutung das Osterfest hat.
In der Auferstehung Christi strahlte auf das Licht, das denen Licht brachte, die in Finsternis
wohnten und in der Nacht der Unwissenheit. Es hat die ganze Erde erleuchtet mit göttlichen
Strahlen. Die Völker sind aus der Finsternis des Irrtums zum Lichte versammelt. Das Gesetz
des Todes ist gesprengt, der Teufel beschämt, der Stachel der Sünde gelähmt, mit Licht er-
5 füllt die Welt. Der Mächtige hat die Verwesung besiegt, verbannt ist die Vergänglichkeit,
erleuchtet ist das Menschengeschlecht. Vom Irrtum des Feindes ist befreit die Welt. Die
Furcht vor der Verdammnis ist verscheucht, zerstreut die Nacht. Die Verwesten sind
erweckt. Die Unverweslichkeit 1 blühte auf. „Alt waren wir, du hast neu uns gemacht;
wir waren verweslich, du hast uns unverweslich gemacht … und befahlst, in der Neu-
10 heit des Lebens würdig zu wandeln.“ 2 Durch Unverweslichkeit ist alles erleuchtet, den
Himmeln die Erde vereint. Alle Trauer ist geschwunden über den Fluch von einst mit die-
sem strahlenden und über alles herrlichen Tag der lichtvollen Gnade, an dem der Kyrios 3 strah-
lend in Schönheit erschien. Die ganze Welt strahlt in Licht. Denn seit er von den Toten erstand,
ist befreit vom Fluche die Welt und aus der Knechtschaft des Feindes befreit. „Es jubeln die
15 Reigen der Engel. Es weicht der Wahn der Dämonen. Der gefesselte Adam steht auf. Ver-
nichtet ist Satan.“ 4 Wir sind errettet aus den Toren des Todes. Das gefallene Menschenge-
schlecht ist zum Leben erweckt, das Sterbliche mit der Ehre der Unverweslichkeit beklei-
det. Erleuchtet ist das All, das Paradies wieder geöffnet. Was einst der Tod, die Verwesung
beherrschte, ist emporgeführt zum unverweslichen Leben. Es frohlocken die Enden der
20 Welt. Die Schöpfung tanzet im Chor. Christi Kirche feiert ein Fest.
So erklingt in den wogenden und rauschenden Rhythmen der fünfzigtägigen Osterfeier das
Siegeslied der Kirche, des mystischen Leibes Christi, in den die Gläubigen durch die hei-
lige Taufe eingegliedert sind. Denn als der Kyrios am Kreuze seine heiligen Hände aus-
spannte, tat er es, um alle Völker in seinem Reich der Kirche zu versammeln. Aus seiner
25 lebenbringenden, durchstochenen Seite 5 ließ er sein göttliches Blut und das kostbare Was-
ser des Heils als ewiglebende Quelle der Unsterblichkeit der Welt hervorsprudeln. Aus sei-
ner Seite ließ er die „Mutter aller Lebendigen“, eine einzige Herde aus Engeln und Men-
schen, eine einzige Kirche hervorgehen. Da blühte Unsterblichkeit auf aus der immerflie-
ßenden Seite des Retters. Die Kirche ist wie die Gottesmutter, die Allheilige, das Tor des
30 Lichtes und des Lebens, des Königs Burg und Palast, für alle Menschen und Völker der
Weg zu Christus. Durch die Taufe, die sie spendet, und das Brot des Wortes, das sie bricht,
und das Blut des Heiles, das sie weiterleitet, durch ihre Lehre, ihren Glauben an den drei-
einigen Gott hat der Kyrios selber uns den Weg zum Himmel gezeigt. Schon in der Ge-
schichte des auserwählten Volkes Israel 6, des Vorbildes der Kirche, hat er sich als den
35 Pantokrator, den Allgewaltigen erwiesen. Beim Durchzug durch das Rote Meer hat er, die
kosmischen Gesetze unterbrechend und überwindend, die Kräfte und Gewalten der Natur
besiegt, um Israel zu schützen, zu retten und ins Gelobte Land hinüberzuführen. Mit Mann
und Roß und Wagen ward Pharao versenkt. Wie Israel einst in der Wüste mit des Moses
kreuzweise ausgestreckten Armen Amaleks Macht in die Flucht schlug, so hat der Kyrios
40 das neue Israel errettet durch das Kreuz: Statt der Feuersäule ging auf die Sonne der Ge-
rechtigkeit, statt Moses kam Christus, die Rettung unserer Seelen. Wie Moses einst das aus-
erwählte Volk mit Wasser aus dem Felsen tränkte, so tränkt der Kyrios der Kirche erkore-
nes Volk mit dem Blut und Wasser der Taufe und reicht ihm den Felsen des Glaubens,
spendet ihm den Born 7 seiner Weisheit und das Wasser des Heiles als geistigen und mysti-
45 schen Trank, durch den wir voll werden göttlicher Lehren, das Wasser des Lebens, das hin-
überquillt zum ewigen Leben, die Gottesströme der Weisheit und der Tugenden, den
Mischkrug unerschöpflicher Gaben, den Quell seiner Menschenfreundlichkeit und Liebe,
der der Welt die Vergebung sprudelt und fortspült die Fehler, das Bad der Taufe, aus dem
der Mensch als neue Schöpfung, als erneuertes Bild Gottes hervorgeht. Wie Moses einst
50 das Volk führte, so führt Christus die in seinem Reiche vereinten Völker auf guten Weg.
Wer ihm nachfolgt, wandelt nicht in Finsternis, sondern wird erlangen das Licht des un-
sterblichen Lebens.
Materialgrundlage: Kilian Kirchhoff, Osterjubel der Ostkirche, Bd. 1, Münster, Regensberg 1940, S. XV – XVII.
1 Unverweslichkeit meint Unvergänglichkeit
2 Aus einem Hymnus des Ostergottesdienstes.
3 Kyrios (griech. Herr) = Christustitel der alten Kirche
4 Aus einem Hymnus des Ostermittwochs.
5 Bezieht sich auf die Seitenwunde Christi, die bei der Kreuzigung durch einen Lanzenstich verursacht wurde (siehe Joh. 19,33 – 37).
6 In Z. 34 ff. beschreibt der Autor einzelne Ereignisse der Befreiung des Volkes Israels aus der ägyptischen Sklaverei.
7 veraltet für Brunnen, Quelle
Aufgabenstellung 2 und 3
2.
Erläutern Sie, welche Bedeutung die Auferstehung und die Vollendung der Welt nach orthodoxem Verständnis haben, und gehen Sie dabei von der im Text erwähnten ‚Neuheit des Lebens‘ (Z. 9 f.) aus. [30 Punkte]
3.
Erörtern Sie, welche Folgen sich aus dem Glauben an die Auferstehung für das alltägliche Leben orthodoxer Christinnen und Christen ergeben. Nehmen Sie zum Schluss begründet Stellung. [26 Punkte]

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
2. Erläutern Sie, welche Bedeutung die Auferstehung und die Vollendung der Welt nach orthodoxem Verständnis haben, und gehen Sie dabei von der im Text erwähnten ‚Neuheit des Lebens‘ (Z. 9 f.) aus.
Lösung: Ausarbeitung zu Teilaufgabe 2 gemäß Bewertungsbogen: - Aufgabenbezogene Überleitung. - Erklärung des Begriffs ‚Neuheit des Lebens‘: Beginn mit der Auferstehung Christi; Überwindung des Todes; Quelle von Hoffnung, Festfreude und Unverweslichkeit. - Orthodoxes Verständnis der Auferstehung: Zentrales Heilsereignis der Orthodoxie; Vorwegnahme des Reiches Gottes (eschatologischer Vorbehalt); Grundlegung des neuen, unverweslichen Lebens. - Orthodoxes Verständnis von der Vollendung der Welt: Begonnen mit Jesu Verkündigung und Wirken; Vereinigung der Schöpfung mit Gott (Theosis); Hereinbrechen einer neuen eschatologischen Wirklichkeit; Vollendung bei der Wiederkunft Christi (Parusie).
3. Erörtern Sie, welche Folgen sich aus dem Glauben an die Auferstehung für das alltägliche Leben orthodoxer Christinnen und Christen ergeben. Nehmen Sie zum Schluss begründet Stellung.
Lösung: Ausarbeitung zu Teilaufgabe 3 gemäß Bewertungsbogen: - Aufgabenbezogene Überleitung. - Aspekte des Auferstehungsglaubens: Beginn des Reiches Christi, Teilhabe an der Ewigkeit; Kirche als sakramentale Vergegenwärtigung; Eintritt durch Taufe und Eucharistie; universelle Verbundenheit aller Menschen. - Erörterung der Konsequenzen für den Alltag: Lebensstil (geprägt von Osterfreude und liturgischem Rhythmus); ethisch-moralisches Handeln; gesellschaftliches Engagement (sozial, politisch, Bewahrung der Schöpfung / ökologische Verantwortung); GMMC-Modell (God, Mankind, Myself, Creation); Akzeptanz aller Menschen und Kulturen. - Abschließende begründete Stellungnahme: Eigenständiges Abwägen und Urteil zur Relevanz und Realisierbarkeit dieser Konsequenzen in der modernen Lebenswelt.
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