Aufgabe HT 1 - 1: Texterschließung · Abitur NRW Orthodoxe Religionslehre GK · Haupttermin 2023
Thema: Texterschließung: Grundgedanken und Gedankengang · Aus der Prüfung GK · Haupttermin (2023)
Aufgabenstellung
Wenn ein Glied der Kirche nicht das Leben der Kirche lebt, schwächt es die Bindung mit
ihr und baut durch sein sündhaftes Leben den Leib der Kirche ab. Deswegen übt die Sünde
negativen Einfluß auf das Leben des ganzen Leibes der Kirche aus, denn sie schwächt und
bricht den Bund der Liebe zwischen den Gliedern. Demnach ist sie keine private Angele-
5 genheit des Gläubigen. Sie hat ernste Auswirkungen auf den gesamten Leib der Kirche, wie
es in den Apostolischen Konstitutionen 1 heißt: »Wenn jemand überführt wird, daß er Un-
recht tat, schadete er nicht nur sich selbst, sondern fügte dem gesamten Leib der Kirche
Schmähung zu und auch der Lehre, weil uns dann der Vorwurf trifft, daß wir nicht tun, was
wir gut heißen.« Wenn es Hauptziel der Kirche ist, die zerstreuten Kinder Gottes zur Ein-
10 heit zu sammeln, widersetzt sich die Sünde diesem Ziel nicht nur, weil sie Wunden am Leib
der Kirche verursacht, sondern auch, weil sie die Kraft der kirchlichen Botschaft vor den
Nichtchristen schwächt. Beim Überwinden der Sünde handelt es sich also nicht einfach um
die Zurückführung des einzelnen, des »verlorenen Schafes«, sondern um Sicherheit und
Heil der ganzen Herde, die durch den Weggang und die Trennung des einen gefährdet wird.
15 [...]
Gegen die Sünde und ihre Auswirkungen besitzt die Kirche als Heilmittel Buße und
Beichte. Die Metanoia führt den Menschen nämlich an seinen alten Platz bei den Brüdern
und zur Einheit der Kirche zurück. Der Sünder wird durch die Metanoia wieder »der Herde
Christi zugehörig«, wie Chrysostomos 2 sagt. Der Hirt darf sich also einem reuigen Sünder
20 gegenüber nicht gleichgültig verhalten, wenn er nicht Verrat üben will am Leib der Kirche.
Die Kirche muß den Sünder wieder in ihre volle Gemeinschaft aufnehmen; sie muß ihn
wieder in die Situation versetzen, die er nach der Taufe hatte, von der er sich aber durch die
Sünde entfernte. Bei der Rückkehr in die volle Gemeinschaft der Kirche wird die Krankheit
von Christus, dem Gottmenschen, aufgenommen und geheilt. So repräsentiert der Beicht-
25 vater »nicht nur Christus, sondern auch den Leib Christi, die Kirche, mit der er den Beich-
tenden versöhnt«. Die Wunde wird geheilt von der Kirche, vom Leib Christi, und damit
von Christus selbst, der die Sünde überwand und deren Sold, den Tod, besiegelte. Auch das
Herrenwort von der Löse- und Bindegewalt 3 an Petrus und an die übrigen Apostel macht
deutlich, daß das Sakrament der Beichte nicht unabhängig oder losgelöst von der Kirche
30 vollzogen werden kann. So betet der Geistliche beim Lossprechen 4: »Und trenne ihn nicht
von deiner heiligen katholischen Kirche, sondern füge ihn deiner reinen Schafherde bei und
würdige ihn wieder, Erbe deiner Königsherrschaft zu werden.«
Versöhntsein mit der Kirche ist ein wesentliches Merkmal des Lebens in Christus; denn au-
ßerhalb ihrer Gemeinschaft kann es dieses Leben nicht geben. Darum durchdringt der Ge-
35 danke der Versöhnung und der Eingliederung in den Leib der Kirche beziehungsweise der
Förderung dieser Einheit das gesamte liturgische Leben der orthodoxen Kirche, in dem es
nichts gibt, was rein privaten Charakter hätte. Aus den Gebeten der Kirche spricht die pas-
torale Sorge um den Aufbau ihres Leibes, der in der Taufe grundgelegt, im Bußsakrament
erneuert und durch die Teilnahme an der hl. Eucharistie vollendet wird. Das Sakrament der
40 Kirche ist ein Zusammenführen der zerstreuten Kinder Gottes zur Einheit untereinander
und mit der heiligen Dreifaltigkeit im Leibe Christi. Zeugnis und Offenbarung dieses Er-
eignisses ist das liturgische Leben der Kirche, vor allem die hl. Eucharistie. Die Sorge um
das Wiedergewinnen oder Aufrechterhalten der Einheit der Gläubigen mit dem Vater
durch den Sohn im heiligen (sic!) Geist wird deutlich, wenn der Priester in der Anaphora
45 der Basiliusliturgie 5 betet: »Sammle die Zerstreuten; führe die Verführten zurück und ver-
eine sie mit deiner heiligen, katholischen und apostolischen Kirche!« und: »Uns alle, die
wir an demselben Brot und demselben Kelch teilhaben, laß untereinander eins sein in der
Gemeinschaft des einen Heiligen Geistes.« In diesem ekklesiologischen Rahmen erschei-
nen Metanoia und Beichte als zweite Taufe, als Rückkehr in den Zustand der Taufe, als
50 »ἀνάκλησις βαπτίσματος« 6 wie Johannes Klimakos 7 sagt. Durch die Taufe bekommt der
Gläubige Anteil an Christi Kreuzestod, durch die Eucharistie an seiner Auferstehung, die
die Auferstehung des ganzen Leibes der Kirche ist. Unabdingbare Voraussetzung solchen
Anteilnehmens, das Teilhabe an der Königsherrschaft Gottes bedeutet, ist die Metanoia.
Deshalb verstehen wir Johannes Klimakos, der sagt, daß keiner ohne Sündenbekenntnis das
55 Heil erlange.
So wird deutlich, daß die Metanoia nicht nur dem sittlichen Leben und der moralischen
Förderung des Menschen dient, sondern auch eine Stütze ist für seine wahre Natur, für die
in der Taufe gewährte Wiedergeburt zur Teilhabe am Leib Christi und zur inneren Ver-
klärung 8. Das erste, entscheidende Gebot des Evangeliums ist der Bußruf des Herrn, der
60 mit der Verkündigung der Königsherrschaft Gottes in eins gesetzt wird. Der Bußruf
»μετανοεῖτε« 9 ist die entscheidende Forderung des Herrn an den Menschen. Im Bußsakra-
ment erreicht daher die pastorale Sorge des Hirten den Höhepunkt, denn dieses bewirkt
die volle Rückführung des Sünders und trägt zum Aufbau des Leibes der Kirche bei, der
in der Teilnahme an der Eucharistie noch vollendet und besiegelt werden wird. Nach Sy-
65 meon, dem neuen Theologen 10, »muß der Mensch wirklich umkehren und wahrhaftig durch
die Tore der Metanoia gehen. Die Tränen müssen ihn reinigen und ihm eine zweite Taufe
spenden, jene Taufe, von der der Herr im Evangelium sagt: >Wenn jemand nicht aus Was-
ser und Geist geboren wird, kann er nicht in das Gottesreich eingehen<. [...]«
Es ist eine Tatsache, daß der ekklesiologische Charakter der Beichte in der Praxis der or-
70 thodoxen Kirche besser ausgeprägt blieb. Bezeichnenderweise ist der Orthodoxie der
Beichtstuhl der römisch-katholischen Kirche unbekannt, der den Beichtenden vom
Beichtvater trennt und nur durch eine kleine Öffnung für das Ohr allein Kontakt erlaubt.
Wir beichten in der Kirche, ohne Trennung zwischen Priester und Beichtendem. Der
ekklesiologische Bezug wird auch dadurch bekräftigt, daß es in der orthodoxen Kirche
75 einen eigenen Gottesdienstritus für die Beichte gibt. Er ist im Ritualbuch enthalten, das
heute bei den Priestern Griechenlands in Gebrauch ist. So ist das Beichtsakrament fest in
das liturgische Leben der Kirche eingefügt.
1 Eine Sammlung altkirchlicher Texte (4. Jahrhundert)
2 Kirchenvater des 4. Jahrhunderts
3 Bezieht sich auf Mt 16,19: „Was du auf Erden binden wirst, das wird im Himmel gebunden sein, und was du auf Erden lösen wirst, das wird im Himmel gelöst sein“.
4 Im Sinne von Vergebung der Sünden
5 Anaphora der Basiliusliturgie: Hauptgebet der dem Hl. Basilius zugeschriebenen Liturgie
6 griech.: Erneuerung der Taufe.
7 Wüstenvater des 6./7. Jahrhunderts
8 Im Sinne von geistige Wandlung
9 griech.: „Tut Buße!“ Mt 4,17
10 Kirchenvater aus dem 10./11. Jahrhundert
Alevisopoulos Antonios, Buße und Beichte in Pastoral und Katechese der Kirche von Griechenland. In: Suttner, Ernst Christoph (Hg.), Buße und Beichte, Regensburg 1972, S. 61 ff.
1. Stellen Sie die zentralen Gedanken des Textes dar und erläutern Sie in diesem Zusammenhang, wie die Beichte in ihm verstanden wird. (24 Punkte)

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
1. Stellen Sie die zentralen Gedanken des Textes dar und erläutern Sie in diesem Zusammenhang, wie die Beichte in ihm verstanden wird.
Lösung: Eine vollständige Ausarbeitung umfasst gemäß den Vorgaben: - Nennung von Autor (Antonios Alevisopoulos) und Titel des Textes („Buße und Beichte in Pastoral und Katechese der Kirche von Griechenland“). - Darstellung der zentralen Grundgedanken: • Die Kirche und ihr liturgisches Leben sind keine private Angelegenheit. • Durch das liturgische Leben, insbesondere die Eucharistie, wird die Kirche konstituiert. • Die Sünde übt negativen Einfluss auf den gesamten Leib der Kirche aus und schwächt das Zeugnis der Kirche vor der Welt. • Buße und Beichte sind das Heilmittel der Kirche; die Metanoia führt den Einzelnen zur Einheit mit den Brüdern und der Kirche zurück. • Hirten/Kirchenvorsteher tragen Verantwortung für diese Einheit. • Versöhnung mit der Kirche ist wesentliches Merkmal des Lebens in Christus; Christus selbst heilt die Wunden. • Ziel ist die Sammlung der zerstreuten Gotteskinder zur Einheit mit dem Vater durch Christus im Heiligen Geist. - Erläuterung des Verständnisses der Beichte: • Grundlage ist der neutestamentliche Bußruf des Herrn („Metanoeite“). • Beichte bedeutet Rückführung des Sünders in den Zustand der Taufe („zweite Taufe“ nach Symeon dem Neuen Theologen). • Das Bußsakrament ist Höhepunkt pastoraler Sorge und dient dem Aufbau des Leibes Christi. • Die Beichte findet von Angesicht zu Angesicht (ohne Beichtstuhl-Trennung) im gottesdienstlichen Raum statt und wird in der eucharistischen Gemeinschaft besiegelt.
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