Aufgabe HT 3 - 1: Texterschließung · Abitur NRW Orthodoxe Religionslehre GK · Haupttermin 2023
Thema: Texterschließung: Grundgedanken und Gedankengang · Aus der Prüfung GK · Haupttermin (2023)
Aufgabenstellung
In dem folgenden Text setzt sich der Theologe Theodor Nikolaou, ein Autor der Gegenwart, mit der Frage auseinander, wie die Nachfolge Christi heute gelebt werden kann.
(...) Die ureigenste Antwort auf den Aufruf zur Nachfolge im Christentum bildet, wie be-
reits ausgeführt, die christliche Askese und deren Konsequenz, das Mönchtum. Und gerade
dem Mönchtum, besonders dem östlichen, wird vorgehalten, daß es keine sozialen Leistun-
gen aufzuweisen hat. Sind etwa die Mönche von der sozialen Tätigkeit als Bestandteil der
5 Spiritualität befreit? Ein bekannter zeitgenössischer Athosmönch hebt bei dieser Fragestel-
lung mit Hinweis auf Jesus Christus das kontemplative Leben als höhere Lebensführung
hervor und zitiert die Worte Christi: „Wer das erfassen kann, der erfasse es“ (Mt 19,12).
Damit verkennt er nicht die Bedeutung von sozialen und philanthropischen Aufgaben für
die Mönche der Orthodoxen Kirche. Er setzt vielmehr die richtigen Prioritäten und betrach-
10 tet das Wirken der Mönche in der Welt als sekundär, als eine Art Ergänzung. Unter dieser
Prämisse sind Mönche, die über ihr kontemplatives Leben hinaus soziale Leistungen voll-
bringen, auf einem „Kampffeld doppelter Ausstrahlung und doppelten Lebens, nach innen
und nach außen“, erfolgreich. So betrachtet gilt eher die Warnung vor der Gefahr, daß sozi-
ale Leistungen von Christen leicht in die Mühlen der politischen und ideologischen Antago-
15 nismen geraten könnten; daß sie dem Pseudodilemma 1 Einkehr 2 oder soziales Engagement
Vorschub leisten; daß sie leicht überschätzt und als an sich heilbringend angesehen werden.
Wie und wann lassen sich nun soziale Leistungen als Ausdruck wahrer christlicher Spiritu-
alität erkennen? Gibt es so etwas wie ein Barometer der Spiritualität? Gibt es insbesondere
eine goldene Regel 3 oder ein objektives Kriterium, womit soziales Engagement von Chris-
20 ten sich mit Gewißheit beurteilen läßt? Dies sind Fragen, welche der verweltlichte, aber zu-
gleich religiös interessierte Mensch von heute mit aller Intensität stellt und auf die er eine
eindeutige Antwort – möglichst mit ja oder nein – erwartet. Aber die Theologie kann, so
meine ich, nur eine Antwort der Art geben, die allerdings genau das Gegenteil, nämlich die
Ungewißheit in den Vordergrund stellt und Demut verkündet. Soll menschliches Tun nicht
25 in Selbstgefälligkeit und trügerische Heilsgewißheit entarten, so behält das Wort Christi
seine Gültigkeit: „Wenn ihr alles getan habt, was euch befohlen wurde, sollt ihr sagen: Wir
sind unnütze Diener; wir haben nur unsere Schuldigkeit getan.“ (Lk 17,10)
Im Hinblick auf die Beurteilung (διάκρισις 4) der sozialen Leistungen als Bestandteil der
christlichen Spiritualität ist äußerste Demut angebracht. Dies läßt sich besonders durch fol-
30 gendes Gleichnis von Symeon Metaphrastes (10. Jahrhundert) in seiner Paraphrase der
Homilien von Makarios dem Ägypter verdeutlichen: Die Spiritualität (πνευματική κατάστασις 5)
gleicht einem königlichen Palast, der verschiedene Vorhöfe und Nebengebäude, aber auch
Hauptgebäude und innere Gemächer hat, in denen Purpur 6 und Schätze zu finden sind. Dar-
über hinaus gibt es die innersten Gemächer, die dem Aufenthalt des Königs dienen. Es gibt
35 nun Menschen, die in den Vorhöfen und den äußeren Gebäuden gewesen sind und glauben,
das Innerste des Palastes gesehen zu haben. Ähnlich verhält es sich mit jenen Menschen,
die fasten, wachen und in Psalmodien 7 und Gebeten verharren und deshalb glauben, des
geistigen Lebens teilhaftig zu sein. Aber auch sie sind über die Vorhöfe nicht hinausgekom-
men. Wenn also ein solches Urteil schon über das Fasten und Beten gefällt wird, wieviel
40 mehr trifft es dann auf rein soziales Engagement zu?
Theodor Nikolaou, Askese, Mönchtum und Mystik in der Orthodoxen Kirche, St. Ottilien 1995, S. 169 f.
1 Pseudodilemma – eine fälschliche Annahme eines unlösbaren Widerspruchs
2 Einkehr – innere Besinnung
3 goldene Regel – hier zu verstehen als: klassisch, ideal
4 Διάκρισις – griechisch: Beurteilung, Unterscheidungsgabe
5 πνευματική κατάστασις – griechisch: spiritueller, geistlicher Zustand
6 Purpur – hier: kostbares purpurrotes Gewand
7 Psalmodien – kirchliche Gesänge
1. Stellen Sie dar, worum es im Text inhaltlich geht und wie er argumentativ aufgebaut ist. Erläutern Sie vor allem, welches Verständnis des Mönchtums dem Text zugrunde liegt. (20 Punkte)

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
1. Stellen Sie dar, worum es im Text inhaltlich geht und wie er argumentativ aufgebaut ist. Erläutern Sie vor allem, welches Verständnis des Mönchtums dem Text zugrunde liegt.
Lösung: Eine vollständige Ausarbeitung beinhaltet: - Nennung von Autor (Theodor Nikolaou) und Titel bzw. Thema des Textes. - Darstellung von Inhalt und Gedankengang: * Die christliche Askese ist Christusnachfolge. * Das Mönchtum ist eine intensive Form der Askese, die sich aus der Christusnachfolge ableitet. * Der Vorwurf, das orthodoxe Mönchtum habe keine soziale Komponente, ist ungerechtfertigt. * Die Mönche setzen allerdings andere Prioritäten als die Weltchristen. * Die theologische Bewertung einer angemessenen sozialen Spiritualität bzw. spirituellen Sozialhaltung wird stets apophatisch ausfallen. * Beten, Fasten, Gottesdienst u. a. m. sind ebenso wie das soziale Engagement nur ein Teil des monastischen Lebens, nicht das Ganze (Hinweis auf den Text des Symeon Metaphrastes). - Erläuterung des zugrundeliegenden orthodoxen Verständnisses des Mönchtums: * Der Mönch verbindet in der Christusnachfolge Spiritualität mit sozialem Engagement. * Der Mönch befindet sich in einem 'Kampffeld doppelter Ausstrahlung' (Z. 12) – nach innen und nach außen. * Dem Gebet und der Kontemplation wird eine höhere Priorität und Wertigkeit als dem Dienst an der Welt zugemessen.
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