Aufgabe 2 · Abitur NRW Musik LK · Haupttermin 2023

Thema: Liebe und Tod im Musiktheater · Aus der Prüfung LK · Haupttermin (2023)

Aufgabenstellung

Abiturprüfung 2023 – Musik, Leistungskurs

Aufgabe 2: Erörterung fachspezifischer Aspekte

Die Arie Che farò senza Euridice aus der Oper Orfeo ed Euridice (1762) zählt zu den bekanntesten und beliebtesten Werken Christoph Willibald Glucks, ist aber seit ihrer Entstehung Gegenstand von Kontroversen.

Als Arbeitsgrundlage erhalten Sie:

Auszüge eines Aufsatzes des Musikhistorikers Ludwig Finscher (1930 – 2020) aus dem Jahr 1964,

die Arie Che farò senza Euridice von C. W. Gluck mit Hinzufügungen analytischer Hinweise und einer wörtlichen Übersetzung im Notentext,

zwei Einspielungen der Arie durch die Sänger Dietrich Fischer-Dieskau (Bariton, HB 01) und Derek Lee Ragin (Countertenor, HB 02).

Einbettung der Arie in den dramaturgischen Zusammenhang der Oper

Die Oper Orfeo ed Euridice spielt in der griechischen Antike. Orpheus trauert am Grab seiner verstorbenen Frau und fasst den Entschluss, sie aus der Unterwelt zurück ins Leben zu holen. Die Götter erhören Orpheus' Wunsch, allerdings nur unter der Bedingung, dass er sich auf dem Weg zur Oberwelt nicht nach ihr umsehen darf. Als sich Euridice über seine Missachtung beklagt, blickt er sich trotzdem um. Daraufhin stirbt sie zum zweiten Mal. Orpheus will sich nun das Leben nehmen, in der Arie Che farò senza Euridice beklagt er sein Leid. Der Gott Eros bemitleidet ihn jedoch und erweckt Euridice noch einmal zum Leben.

Textgrundlage: Ludwig Finscher – Che farò senza Euridice? Ein Beitrag zur Gluck-Interpretation (1964)

Die Frage, ob „Che farò“ nur eine melodisch unmittelbar eingängige und unbestimmt rührende Musik oder im Gegenteil eine angemessene Darstellung der dramatischen Situation sei, hat die Zeitgenossen fast mehr beschäftigt als die ganze Opernreform und Reformoper selbst.

Prinzessin Eszterhazy [fand] „Che farò“ zu heiter für einen dramatischen Charakter, der im Begriff steht, Selbstmord zu begehen. Boyé benutzte die französische Fassung als Beleg für seine These, daß Musik mehrdeutig sei – ebensogut könne man „J'ai trouvé“ statt „J'ai perdu mon Euridice“ singen. Selbst die bedeutendsten Gluck-Kenner und -Forscher haben die Arie als psychologisch und dramatisch verfehlt betrachtet.

[Diesen] Deutungen [stehen] Stimmen aus Glucks Mitwelt und Nachwelt gegenüber, die der Arie mit Enthusiasmus dramatische Richtigkeit und Wirkung, Leidenschaftlichkeit und Genauigkeit des Ausdrucks nachrühmen. Erst diese Unversöhnlichkeit der Meinungen deutet darauf hin, daß es nicht um bloße Auffassungsschwierigkeiten geht, daß vielmehr hinter dem Streit ein Problem liegen muß, daß die musikalische Substanz der Arie, ihren Vortrag oder ihre Überlieferung – oder all dies zusammen – betrifft.

Unter den rühmenden Stimmen der Zeitgenossen ist das Urteil Wilhelm Heinse vielleicht die bekannteste, sicherlich die extremste [Stimme]: „Aber die Arie, die Orpheus singt, ist göttlich, und gehört unter Glucks Vortrefflichstes. Sie ist durchaus reine nackte Darstellung der allerheftigsten Leidenschaft; die Melodie ist allgemeine schöne menschliche Natur.“ Wesentlich für unseren Zusammenhang ist, daß [für] Heinse der „nackte“ Ausdruck entscheidend war.

Die jüngere Gluckliteratur hat nach differenzierteren Erklärungen gesucht, deren Kompliziertheit die Vielschichtigkeit des Problems deutlich spiegelt. Walther Vetter lehnt Heinses extreme Deutung ausdrücklich ab, deutet die Rondo-Ritornelle dreifach als Haltung des „göttlichen Sängers“, „potenzierte Zärtlichkeit“ für die abermals verlorene Euridice und Ausdruck der Unfähigkeit Orfeos, den betäubenden neuen Schmerz sogleich zu erleben und zu artikulieren, legt dann aber entscheidendes Gewicht auf die Rondo-Episoden, in denen das „Übermaß an Schmerz“ ungebändigt hervorbreche. Schließlich [hat] Rudolf Gerber „Che farò“ als „Verzweiflungs- und Wahnsinnsarie“ gedeutet und einen „höchst gesteigerten dramatischen“, keinesfalls „musikalisch-schönheitlichen“ Vortrag der Arie gefordert.

Übersetzung der Spielanweisungen im Notentext

Andante espressivo · ein ausdrucksvolles, gehendes Tempo

spiccato assai · die Töne deutlich voneinander abgesetzt spielen

un poco lento · etwas langsam(er)

Tempo I · im Anfangstempo

Più lento · viel oder deutlich langsamer

Adagio · langsam

Arientext: Che farò senza Euridice?

Partitur: C. W. Gluck – Orfeo ed Euridice, Arie „Che farò senza Euridice?“

1.

Geben Sie die Kernaussagen von Ludwig Finschers Abhandlung wieder. Stellen Sie dar, wie Sie den Arientext verstehen, und beschreiben Sie, welchen Eindruck die Arie in der Einspielung mit Dietrich Fischer-Dieskau auf Sie macht. [24 Punkte]

2.

Untersuchen Sie die Arie Che farò senza Euridice und beziehen Sie dabei diese Aspekte ein: wie der im Arientext angelegte Ausdruck in der Komposition der Ritornelle und Couplets umgesetzt wird,

wie dies in den beiden Einspielungen interpretatorisch verwirklicht wird.

[36 Punkte]

3.

Erläutern Sie unter Rückgriff auf Ihre Untersuchungsergebnisse das von Ludwig Finscher beschriebene Problem, inwieweit die Vertonung der Textgrundlage im Hinblick auf die Handlung der Oper angemessen ist. Berücksichtigen Sie dabei Ihre Beobachtungen zu den beiden Einspielungen. Erörtern Sie davon ausgehend, inwieweit die „dramatische Richtigkeit“ (Finscher, Z. 10) der Arie bereits durch die Komposition allein oder erst durch das Zusammenwirken mit der Interpretation eines Sängers entsteht. [27 Punkte]

Hinweis: Für die Darstellungsleistung werden bis zu 13 Punkte vergeben. Gesamtpunktzahl: 100 Punkte.

Aufgabenstellung: Aufgabe 2 · Abitur NRW Musik LK · Haupttermin 2023

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

1. Geben Sie die Kernaussagen von Ludwig Finschers Abhandlung wieder. Stellen Sie dar, wie Sie den Arientext verstehen, und beschreiben Sie, welchen Eindruck die Arie in der Einspielung mit Dietrich Fischer-Dieskau auf Sie macht.

Lösung: Ausarbeitung mit Wiedergabe der Kernaussagen Finschers, Darstellung des Arientextes sowie Beschreibung des Hörbeitrags mit Dietrich Fischer-Dieskau.

2. Untersuchen Sie die Arie Che farò senza Euridice und beziehen Sie dabei diese Aspekte ein: wie der im Arientext angelegte Ausdruck in der Komposition der Ritornelle und Couplets umgesetzt wird; wie dies in den beiden Einspielungen interpretatorisch verwirklicht wird.

Lösung: Analyse der kompositorischen Gestaltung der Ritornelle und Couplets sowie Vergleich der interpretatorischen Verwirklichung durch Dietrich Fischer-Dieskau und Derek Lee Ragin.

3. Erläutern Sie unter Rückgriff auf Ihre Untersuchungsergebnisse das von Ludwig Finscher beschriebene Problem, inwieweit die Vertonung der Textgrundlage im Hinblick auf die Handlung der Oper angemessen ist. Berücksichtigen Sie dabei Ihre Beobachtungen zu den beiden Einspielungen. Erörtern Sie davon ausgehend, inwieweit die „dramatische Richtigkeit“ (Finscher, Z. 10) der Arie bereits durch die Komposition allein oder erst durch das Zusammenwirken mit der Interpretation eines Sängers entsteht.

Lösung: Erörterung der Angemessenheit der Vertonung und Diskussion, ob die 'dramatische Richtigkeit' in der Komposition angelegt ist oder primär durch die sängerische Interpretation entsteht.

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