Aufgabe HT 3 - Aufgabe I · Abitur NRW Latein LK · Haupttermin · fortgeführt 2021
Thema: Übersetzung lateinischer Prosa (Cicero, Seneca, Livius, Augustinus) · Aus der Prüfung LK · Haupttermin · fortgeführt (2021)
Aufgabenstellung
Text:
Der Konsul Lucius Tarquinius Collatinus soll Rom verlassen: Viele Bürger sorgen sich, er könne die Republik gefährden, da er der Familie des letzten Königs entstammt. Brutus wendet sich stellvertretend für die anderen unmittelbar an Collatinus:
1 „Hunc tu“, inquit, „tua voluntate, L. Tarquini, remove metum! Meminimus,
2 fatemur: Eiecisti reges. Absolve beneficium tuum! Aufer hinc regium nomen!
3 Res tuas tibi non solum reddent cives tui auctore me, sed, si quid deest, munifice
4 augebunt. Amicus abi! Exonera civitatem vano forsitan metu! Ita persuasum est
5 animis cum gente Tarquinia regnum hinc abiturum.“ Consuli primum tam novae
6 rei ac subitae admiratio incluserat vocem. Dicere deinde incipientem primores
7 civitatis circumsistunt, eadem multis precibus orant. Et ceteri quidem movebant
8 minus; postquam Sp. Lucretius, maior aetate ac dignitate, socer praeterea ipsius,
9 agere varie rogando alternis suadendoque coepit, ut vinci se consensu civitatis
10 pateretur, timens consul, ne postmodum privato sibi eadem illa cum bonorum
11 amissione additaque alia insuper ignominia acciderent, abdicavit se consulatu
12 rebusque suis omnibus Lavinium translatis civitate cessit. Brutus ex senatus
13 consulto ad populum tulit, ut omnes Tarquiniae gentis exsules essent. Collegam
14 sibi comitiis centuriatis creavit P. Valerium, quo adiutore reges eiecerat. Cum
15 haud cuiquam in dubio esset bellum ab Tarquiniis imminere, id quidem spe
16 omnium serius fuit. Ceterum id, quod non timebant: Per dolum ac proditionem
17 prope libertas amissa est!
Der folgende Text berichtet davon, dass man versucht, die junge res publica durch die Wiedereinführung der Königsherrschaft zu ersetzen.
Übersetzungshilfen:
Z. 1 · tua voluntate · hier = tua sponte
· L. Tarquinius · Lucius Tarquinius Collatinus
Z. 2 · beneficia absolvere
absolvere, absolvo, absolvi, absolutum · hier: gute Leistung zu einem guten Ende bringen
Z. 2 u. 5 · hinc · Gemeint ist aus Rom hinaus.
Z. 3 u. 12 · res, rerum f. ( Pl.) · hier jeweils: Besitztümer
Z. 3 · reddere, reddo, reddidi, redditum · hier: lassen
· quid · = aliquid
Z. 4 · vanus, -a, -um · hier: unbegründet
Z. 4/5 · Ita persuasum est animis … ( mit AcI) · So herrscht die feste Überzeugung vor, dass …
Z. 5 u. 13 · gens Tarquinia, gentis Tarquiniae f. · Geschlecht der Tarquinier
Z. 5 · abiturum · ergänzen Sie: esse
Z. 6 · vocem includere ( mit Dativ) · hier: (jemandem) die Sprache verschlagen
· incipientem · Ergänzen Sie consulem
· primores, -um m. ( Pl.) · hier: führende Männer
Z. 8 · postquam · hier: = sed postquam
· Sp. Lucretius, Sp. Lucretii m. · Spurius Lucretius ( Schwiegervater des Collatinus)
Z. 9 · agere …, ut …
agere, ago, egi, actum · hier: dazu drängen, dass …
· alternis ( Adv.) · abwechselnd
Z. 10/11 · …, ne …acciderent, … · Fügen Sie folgende Textpassage in Ihre Übersetzung ein:
…, es werde ihm später, wenn er aus dem Amt geschieden sei, dasselbe widerfahren zusammen mit dem Verlust seines Besitzes und einer noch darüber hinaus zugefügten Schmach, …
Z. 12 · Lavinium, -i n. · Lavinium ( Stadt in der Nähe Roms)
· Brutus, Bruti m. · Lucius Brutus
Z. 13 · ad populum ferre
ferre, fero, tuli, latum · einen Antrag an die Volksversammlung stellen
Z. 14 · comitiis centuriatis creare
creare, creo, creavi, creatum · in der Zenturiatsversammlung wählen lassen
· P. Valerius, P. Valerii m. · Publius Valerius
· quo adiutore · mit dessen Unterstützung
Z. 14/15 · Cum haud cuiquam in dubio esset … · = Quamquam nemo dubitabat …
Z. 15 · Tarquinii, Tarquiniorum m. · die Tarquinier
· quidem · Lassen Sie quidem unübersetzt.
Z. 15/16 · … spe omnium · … als es alle erwartet hatten
Z. 16 · Ceterum … timebant: · Legen Sie Ihrer Übersetzung folgende veränderte und ergänzte Textfassung zugrunde:
Ceterum id factum est, quod Romani non timebant:
I. Übersetzungsaufgabe
Übersetzen Sie den vorliegenden lateinischen Text ins Deutsche.

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
I. Übersetzen Sie den vorliegenden lateinischen Text ins Deutsche.
Lösung: „Nimm du uns, Lucius Tarquinius“, sagte er, „freiwillig diese Furcht! Wir erinnern uns, wir geben es zu: Du hast die Könige vertrieben. Bringe deine gute Leistung zu einem guten Ende! Entferne den königlichen Namen von hier! Deine Besitztümer werden dir deine Mitbürger auf meine Veranlassung hin nicht nur lassen, sondern, wenn etwas fehlt, sie auch großzügig vermehren. Geh als Freund! Entlaste die Bürgerschaft von ihrer vielleicht unbegründeten Furcht! So herrscht die feste Überzeugung vor, dass das Königtum (nur) zusammen mit dem Geschlecht der Tarquinier von hier weggehen wird.“ Die Verwunderung über das so neuartige und unerwartete Anliegen hatte dem Konsul zunächst die Sprache verschlagen. Als der Konsul dann zu sprechen ansetzt, umringen ihn die führenden Männer der Bürgerschaft, (und) unter zahlreichen Bitten äußern sie den gleichen Wunsch. Und die anderen bewegten ihn zwar weniger; aber nachdem Spurius Lucretius, der sie an Alter und persönlicher Würde übertraf und zudem sein eigener Schwiegervater war, begonnen hatte, ihn auf unterschiedliche Weise abwechselnd durch Bitten und mit gutem Zureden dazu zu drängen, dass er sich der einstimmigen Meinung der Bürgerschaft unterwerfe, da legte der Konsul, weil er fürchtete, es werde ihm später, wenn er aus dem Amt geschieden sei, dasselbe widerfahren zusammen mit dem Verlust seines Besitzes und einer noch darüber hinaus zugefügten Schmach sein Amt als Konsul nieder und verließ, nachdem er all seine Besitztümer hatte nach Lavinium bringen lassen, die Bürgerschaft. Brutus (aber) stellte gemäß Senatsbeschluss an die Volksversammlung den Antrag, dass alle Mitglieder des Geschlechts der Tarquinier verbannt werden sollten. In der Zenturiatsversammlung ließ er als Amtskollegen (für sich) den Publius Valerius wählen, mit dessen Unterstützung er die Könige vertrieben hatte. Obwohl niemand daran zweifelte, dass von den Tarquiniern ein Krieg drohe, fand dieser später statt, als es alle erwartet hatten. Im Übrigen geschah etwas, das die Römer nicht befürchteten: Beinahe wäre die Freiheit durch Intrige und Verrat verloren gegangen!
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