Aufgabe HT 3 - Aufgabe II.2 · Abitur NRW Latein GK · Haupttermin · fortgeführt 2022
Thema: Sprachlich-stilistische Mittel und ihre Funktion · Aus der Prüfung GK · Haupttermin · fortgeführt (2022)
Aufgabenstellung
Text:
Das goldene Zeitalter und seine Grundlagen
In diesem Brief schildert Seneca, wie die Herrschaft in der Urzeit organisiert war. Er geht zunächst vom Tierreich aus: Bei Herdentieren führe immer das körperlich größte oder stärkste Tier (vgl. Z. 1), die Anführer einer menschlichen Gemeinschaft hingegen zeichneten sich durch geistige Fähigkeiten aus.
1 Elephantorum gregem excelsissimus ducit. Inter homines pro maximo est
2 optimum. Animo itaque rector eligebatur ideoque summa felicitas erat gentium,
3 in quibus non poterat potentior esse nisi melior. Tuto enim quantum vult potest
4 qui se nisi quod debet non putat posse. Illo ergo saeculo, quod aureum perhibent,
5 penes sapientes fuisse regnum Posidonius iudicat. Hi continebant manus et
6 infirmiorem a validioribus tuebantur. Suadebant dissuadebantque et utilia atque
7 inutilia monstrabant. Horum prudentia, ne quid deesset suis, providebat.
8 Fortitudo pericula arcebat. Beneficentia augebat ornabatque subiectos. Officium
9 erat imperare, non regnum. Nemo quantum posset adversus eos experiebatur, per
10 quos coeperat posse. Nec erat cuiquam aut animus in iniuriam aut causa, cum
11 bene imperanti bene pareretur nihilque rex maius minari male parentibus posset,
12 quam ut abiret e regno. Sed postquam subrepentibus vitiis in tyrannidem regna
13 conversa sunt, opus esse legibus coepit, quas et ipsas inter initia tulerunt
14 sapientes. Solon, qui Athenas aequo iure fundavit, inter septem fuit sapientia
15 notos.
Übersetzungshilfen:
Z. 1 · excelsissimus, excelsissimi m. · der, der am höchsten emporragt
· pro maximo · anstelle des Größten
Z. 2 · optimum, -i n. · das Beste
· animo · hier: nach (dem Maßstab) seiner Geisteskraft
Z. 3/4 · Tuto enim quantum vult potest qui se nisi quod debet non putat posse. · Fügen Sie folgende Passage in Ihre Übersetzung ein:
Gefahrlos kann nämlich nur derjenige tun, was er will, der glaubt, nur das tun zu können, was er tun soll.
Z. 4 · perhibent · hier: = nominatur
Z. 5 · penes ( mit Akk.) · = apud ( mit Akk.)
Z. 5, 9, 12 · regnum, -i n. · hier: Herrschaft
· Posidonius, Posidonii m. · Poseidonios ( stoischer Philosoph)
Z. 5 · manus continere
continere, contineo, continui, contentum · Gewalttätigkeiten unterdrücken
Z. 7 · sui, suorum m · die Ihrigen
· providere, ne · sorgen dafür, dass nicht …
Z. 8 · Fortitudo … Beneficentia … · Ergänzen Sie jeweils horum.
· augere, augeo, auxi, auctum · hier: stärken
· subiecti, subiectorum m. · hier: die ihnen Unterstellten
Z. 9 · quantum posset experiri
experiri, experior, expertus sum · hier: auf eine Machtprobe ankommen lassen
Z. 10 · posse · hier: mächtig sein
· Nec erat cuiquam aut animus in iniuriam aut causa, … · Fügen Sie folgende Passage in Ihre Übersetzung ein:
Niemand hatte die Absicht oder einen Beweggrund, Unrecht zu begehen, …
Z. 11/12 · maius minari …, quam ut · Schlimmeres androhen …, als dass
Z. 12 · subrepere, subrepo, subrepsi · sich einschleichen
· regna · Übersetzen Sie hier Singular.
Z. 13 · coepit opus esse ( mit Abl.) · hier: es entstand die Notwendigkeit zu
· leges ferre
ferre, fero, tuli, latum · = leges dare
· inter initia · während dieser Anfangszeit
Z. 14 · Solon, Solonis m. · Solon ( Ein athenischer Politiker, der für seine kluge Gesetzgebung berühmt war.)
· Athenae, Athenarum f. · Athen
· fundare, fundo, fundavi, fundatum ( mit Akk.) · jemandem oder etwas eine Grundlage geben
Z. 14/15 · inter septem fuit sapientia notos. · = inter septem philosophos sapientia notos fuit.
2. Analysieren Sie, welche sprachlich-stilistischen Mittel Seneca in den Zeilen 4 – 12 einsetzt, und untersuchen Sie, welche Funktion diese haben. Gehen Sie dabei auf vier unterschiedliche Mittel ein. (12 Punkte)

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
2. Analysieren Sie, welche sprachlich-stilistischen Mittel Seneca in den Zeilen 4 – 12 einsetzt, und untersuchen Sie, welche Funktion diese haben. Gehen Sie dabei auf vier unterschiedliche Mittel ein.
Lösung: Mögliche Mittel und Belege (vier auszuwählen): 1. Trikolon von Antithesen: *infirmiorem a validioribus*, Z. 6; *Suadebant dissuadebantque*, Z. 6; *utilia atque inutilia*, Z. 6/7. 2. Kurze Sätze: *Fortitudo pericula arcebat. Beneficentia augebat ornabatque subiectos. Officium erat imperare, non regnum*, Z. 8/9. 3. Chiasmus und betonte Front- und Endstellung: *Beneficentia augebat ornabatque subiectos*, Z. 8. 4. Polysyndeton: *aut animus ... aut causa*, Z. 10. 5. Alliteration: *in iniuriam*, Z. 10. 6. Anapher: *bene imperanti bene pareretur*, Z. 11. 7. Polyptoton: *pareretur, ... parentibus*, Z. 11. 8. Antithese: *bene pareretur ... male parentibus*, Z. 11. 9. Alliterationen: *maius minari male parentibus posset*, Z. 11. Erläuterung der Funktionen: - Das Trikolon der Antithesen drückt das weite und ausgewogene Spektrum der guten Handlungen der *sapientes* aus. - Die knappen und klaren Satzstrukturen stellen grundlegende Tugenden der *sapientes* heraus: *fortitudo*, *beneficentia*, *officium*. - Durch den Chiasmus stehen die Handlungen des Weisen im Mittelpunkt und Inhalt und Adressat an den betonten Satzstellen. - Das Polysyndeton umschließt formal die Alliteration und bildet so das Nicht-Vorhandensein irgendwelcher Unrechtshandlungen oder auch nur Absichten zu denselben ab. - Anapher und Polyptoton heben den notwendigen gegenseitigen Beitrag von Herrscher und Untertan in einer funktionierenden Gemeinschaft hervor. - Antithese und Alliterationen unterstützen sprachlich das pointierte Ende der Beschreibung des goldenen Zeitalters.
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