Aufgabe HT 1: Teilaufgabe 1 - Texterschließung · Abitur NRW Katholische Religion LK · Haupttermin 2022
Thema: Texterschließung: Thema, Gedankengang und Intention · Aus der Prüfung LK · Haupttermin (2022)
Aufgabenstellung
HT 1 · Teilaufgabe 1
Materialgrundlage
André Comte-Sponville*: Woran glaubt ein Atheist? Spiritualität ohne Gott. Zürich 2009, S. 115–121.
* André Comte-Sponville (*1952) ist ein französischer Philosoph. Er war bis 1998 Professor für Philosophie an der Sorbonne, Paris, und arbeitet heute als freier Schriftsteller.
Einer meiner prinzipiellen Gründe, nicht an Gott zu glauben, ist, dass ich keine entsprechen-
den Erfahrungen habe. Das ist das einfachste Argument. Und eines der stärksten. Keiner wird
mich von der Vorstellung abbringen, dass Gott, so es ihn denn gäbe, sichtbarer, fühlbarer
wäre. Es müsste doch reichen, Augen und Seele aufzutun. Ich versuche es. Und je besser es
5 mir gelingt, desto mehr sehe ich die Welt, und desto mehr liebe ich die Menschen.
Die meisten Theologen und einige Philosophen geben sich die größte Mühe, uns von der
Existenz Gottes zu überzeugen. Das ist löblich. Aber wäre es nicht viel einfacher und wir-
kungsvoller, wenn Gott sich freundlicherweise selber zeigte? Das ist immer das erste Argu-
ment, das mir einfällt, wenn ein Gläubiger mich bekehren will. „Warum strengst du dich so
10 an? Wenn Gott wollte, dass ich an ihn glaube, könnte er das ganz leicht haben. Und wenn er
es nicht will, warum beharrst du dann so darauf?“
Ich weiß, dass die Gläubigen zumindest seit Jesaja einen „verborgenen“ Gott anrufen, den
Deus absconditus. Manche sehen darin eine zusätzliche Qualität, eine Art göttlicher Zurück-
haltung, ein übernatürliches Taktgefühl, das umso bewundernswerter ist, als es uns den schöns-
15 ten, staunenswertesten, strahlendsten Anblick überhaupt vorenthält. Ich empfinde da anders.
Ich könnte mich, wäre ich gläubig, über einen Gott, der sich so beharrlich verbirgt, nur wun-
dern. Ich sähe darin weniger Taktgefühl als kindisches Verhalten, weniger Diskretion als Ver-
stellung. Ich bin aus dem Alter heraus, wo man Verstecken spielt. Da finde ich die Welt und
das Leben doch spannender.
20 Nun zur anthropomorphen Metapher, die im Begriff des „verborgenen Gottes“ steckt und zur
ausgewiesensten Tradition gehört [...]. Versuchen wir sie zu verstehen. Menschen verbergen
sich zum Spiel, aus Angst oder aus Scham. Aber Gott? Seine Allmacht befreit ihn von jeder
Angst, seine Vollkommenheit von der Scham. Warum also verbirgt er sich? Um uns zu ver-
blüffen? Um sich einen Spaß zu machen? Dann spielt er mit unserer Verzweiflung. „Mein
25 Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ – das schreit unser Bruder im Leiden 1. Aber
was ist das für einer, der sich verbirgt, wenn sein Sohn gekreuzigt wird? Welcher Gott kann
darin Vergnügen finden?
Kommen wir von der Metapher zum Grundsätzlichen. Obwohl Gott überall (allgegenwärtig)
ist, ist er unsichtbar. Das heißt – da er ja auch allmächtig ist –, dass er sich nicht zeigen will.
30 Warum?
Die häufigste Antwort der Gläubigen lautet, dass er es aus Respekt vor unserer Freiheit tut,
um uns die Wahl zu lassen. Würde Gott sich in all seinem Glanz offenbaren, stünde uns die
Entscheidung nicht mehr frei, an ihn zu glauben oder nicht. Der Glaube würde sich aufzwin-
gen, oder besser, es wäre kein Glaube mehr, sondern eine Selbstverständlichkeit. Was bliebe
35 dann von unserer Freiheit? Nichts, erklärt Kant 2 in seiner Kritik der praktischen Vernunft,
und die Moral würde das nicht überleben. Wenn Gott „uns unablässig vor Augen liegen“
würde oder wir seine Existenz beweisen könnten, was auf das Gleiche hinausliefe, würde uns
diese Gewissheit der Heteronomie 3 ausliefern, anders gesagt, dem eigennützigen Gehorsam.
Das wäre keine Moral mehr, sondern Vernunft. Wir würden es selbstverständlich vermeiden,
40 Gebote zu übertreten, und das moralische Gesetz faktisch respektieren, aber bloß aus Eigen-
nutz: „So würden die mehresten 4 gesetzmäßigen Handlungen aus Furcht, nur wenige aus
Hoffnung und gar keine aus Pflicht geschehen“, und damit „ein moralischer Wert der Hand-
lungen [...] gar nicht existieren“, befindet Kant. Unser Verhalten „würde in einen bloßen
Mechanismus verwandelt“, und wir würden wie Marionetten des Egoismus an den Fäden der
45 Hoffnung (auf einen gerechten Lohn) und der Angst (vor Strafe) zappeln. Alles wäre voll-
kommen, aber es wäre das Ende unserer Freiheit. Umgekehrt sind wir, da Gott sich verbirgt
oder ungewiss bleibt, frei, an ihn zu glauben oder nicht, also auch frei, unserer Pflicht nach-
zukommen oder nicht.
Ich halte die Antwort für schwach, und zwar hauptsächlich aus drei Gründen:
50 Erstens, wenn Gott sich nicht zeigte, um uns die Wahl zu lassen, wenn also, um es anders zu
sagen, das Nichtwissen die Bedingung unserer Freiheit wäre, dann wären wir freier als Gott
selbst, weil er, der Arme, nicht die Wahl hätte, an seine eigene Existenz zu glauben oder nicht.
[...] Die Vorstellung jedoch, dass wir gewöhnlichen Sterblichen freier sein sollen als Gott,
[...] erscheint mir aus theologischer Sicht ebenso unannehmbar wie aus philosophischer Sicht
55 undenkbar.
Mein zweiter Einwand gegen diese Erklärung lautet, dass Nichtwissen weniger Freiheit bringt
als Wissen. [...] Wer behauptet, dass Gott sich verbirgt, um unsere Freiheit zu wahren, unter-
stellt, dass Nichtwissen ein Faktor der Freiheit sei. Welcher Lehrer könnte das unterschrei-
ben? Welche Eltern, die diese Bezeichnung verdienen, würden das akzeptieren? Wir wollen,
60 dass jedes Kind zur Schule gehen kann, weil wir glauben, dass im Wissen stets mehr Freiheit
liegt als im Nichtwissen. [...] Dann ist aber das Nichtwissen, in dem Gott uns hält, was seine
eigene Existenz betrifft, mit der Absicht, uns die Freiheit zu lassen, nicht zu rechtfertigen.
Wissen befreit, Nichtwissen nicht.
Kants Argument – wenn Gott sich zeigte, wäre unser Tun nur mehr aus Hoffnung und Furcht
65 zu erklären und erfolgte nicht mehr aus Pflichtgefühl – ist vor allem ein Beleg dafür, dass die
Vorstellungen von Lohn und Strafe, Furcht und Hoffnung der Moral ganz fremd sind und
diese nur verderben können. Damit bin ich einverstanden. Moralisches Handeln, zeigt Kant,
ist uneigennütziges Handeln, das heißt, man tut seine Pflicht, ohne dafür etwas zu erwarten.
Bravissimo. Das ist ein sehr gutes Argument gegen Himmel und Hölle, weniger für das Nicht-
70 wissen der Menschen und das Verborgensein Gottes.
Der dritte Grund, aus dem ich mich weigere, diese Antwort zu akzeptieren, ist, dass ich sie für
unvereinbar mit der schönen und in unserer Tradition so tief verwurzelten Vorstellung eines
Gottvaters halte. Ich habe drei Kinder. Als sie noch klein waren, hatten sie die Wahl, mir zu
gehorchen oder nicht, mich zu achten oder nicht, mich eventuell zu lieben oder nicht. Aber
75 natürlich mussten sie wissen, dass es mich gab! Natürlich musste ich mich genügend um sie
kümmern, damit sie tatsächlich frei werden konnten! Was würden Sie zu einem Vater sagen,
der sich vor seinen Kindern versteckt? „Ich habe nichts getan, um ihnen meine Existenz zu
offenbaren, sie haben mich nie gesehen, nie getroffen. Ich habe sie in dem Glauben gelassen,
dass sie Waisen oder ledige Kinder sind, damit sie die Freiheit haben, an mich zu glauben
80 oder nicht.“ Der ist doch krank, würden Sie sagen, verrückt, ein Monster! Und hätten damit
völlig recht. Und was ist das erst für ein Vater, der sich sogar dann noch verbirgt, wenn seine
Kinder in Auschwitz, im Gulag, in Ruanda verschleppt, ausgehungert, gefoltert und ermordet
werden? Die Vorstellung von einem Gott, der sich vor den Menschen verbirgt, lässt sich mit
der Vorstellung von einem Gottvater nicht vereinen. [...]
85 „Keine Gotteserfahrung? Sie vielleicht!“, werden einige antworten. „Ich spüre seine Gegen-
wart ständig, ich fühle, dass er da ist, dass er mich hört, dass er mich liebt.“
Was kann ich ihnen entgegnen, außer dass ich noch nie Derartiges empfunden habe? Das
liegt nicht daran, dass ich nicht danach gesucht oder nicht daran geglaubt hätte. Aber der
Glaube konnte mir nicht seine Gegenwart ersetzen. [...]
90 Jedem seine Erfahrung. Eines der wenigen Dinge, deren ich mir in Hinblick auf Religion ganz
sicher bin, ist, dass Gott nie etwas zu mir gesagt hat. Aber das ist weniger ein Einwand als
eine Feststellung. Andere, die nicht weniger aufrichtig sind als ich, scheinen in der Tat eine
Gegenwart, eine Liebe, eine Kommunikation, einen Austausch zu erleben. Umso besser für
sie, wenn’s ihnen hilft. Die Menschen sind zu schwach und das Leben zu schwer, als dass
95 man es sich erlauben dürfte, auf den Glauben eines anderen zu spucken. Fanatismus ist mir
fremd, auch der atheistische.
[...] Erfahrungen sind also ein schwaches Argument. Das beweist natürlich nichts, ist aber
ein guter Grund, nicht zu glauben. Wenn Gott sich nicht zeigt – jedenfalls nicht mir und nicht
allen –, dann vielleicht, weil er es nicht will. Es kann aber auch sein, und diese Hypothese
100 scheint mir naheliegender, dass er nicht existiert.
1 „unser Bruder im Leiden“: gemeint ist hier Jesus von Nazareth.
2 Immanuel Kant (1724–1804) war ein deutscher Philosoph der Aufklärung.
3 Heteronomie: Abhängigkeit von der (sittlichen) Gesetzlichkeit anderer.
4 mehresten: meisten
1.
Erarbeiten Sie, welches Thema der Text behandelt und wie sein Gedankengang aufgebaut ist. (26 Punkte)

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
Erarbeiten Sie, welches Thema der Text behandelt.
Lösung: Argumentative Darlegung einer atheistischen Position in Auseinandersetzung mit theologisch-philosophischen sowie erfahrungsbasierten theistischen Argumenten.
Erarbeiten Sie, wie der Gedankengang des Textes aufgebaut ist.
Lösung: Strukturierter Gedankengang: - Ausgangsthese (Z. 1–11): Gegen den Glauben an Gott spricht die persönliche Nicht-Erfahrung seiner Gegenwart; hierauf gründet der Autor sein Bekenntnis zum Atheismus. - Entfaltung der These (Z. 12–29): Die theologische Rede vom „verborgenen Gott“ (*deus absconditus*) gibt Anlass zur Verwunderung. Ein Gott, der „Verstecken spielt“, offenbart ein kindisches Verhalten. Scham, Angst, Spiel oder Vergnügen als Motive für ein Verbergen in menschlicher Not (z. B. Jesu Kreuzestod) sind unplausibel. Warum zeigt sich der allmächtige und allgegenwärtige Gott nicht? - Darlegung einer Antwort aus Theologie/Philosophie (Z. 30–48): Nach theistischer Auffassung und Immanuel Kant verbirgt sich Gott aus Respekt vor der menschlichen Freiheit. Ein offenbarer Gott würde den Glauben aufzwingen; Handeln geschähe aus Furcht vor Strafe oder Hoffnung auf Lohn (Heteronomie) statt aus Pflicht und reiner Moral. - Dreifache Widerlegung dieser theistischen Antwort (Z. 49–84): 1. Wäre Nichtwissen Bedingung der Freiheit, wäre der Mensch freier als Gott selbst, da Gott keine Wahl hat, an sich zu glauben oder nicht. 2. Nichtwissen bringt weniger Freiheit als Wissen („Wissen befreit. Nichtwissen nicht“). 3. Die Verborgenheit widerspricht der Vorstellung eines liebenden Gottvaters; ein menschlicher Vater, der sich vor seinen leidenden Kindern verbirgt (z. B. in Auschwitz, im Gulag), wäre „krank“ und grausam. - Abschließende Auseinandersetzung und Rückkehr zur Ausgangsthese (Z. 85–101): Subjektive Zeugnisse von Gotteserfahrungen überzeugen Außenstehende nicht. Zwar soll man den Glauben anderer respektieren und Fanatismus meiden, doch angesichts des Schweigens Gottes ist die Nichtexistenz Gottes die naheliegendste Hypothese.
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