Aufgabe HT 2 - Teilaufgaben 3 und 4: Christliches Mensche… · Abitur NRW Katholische Religion LK · Haupttermin 2023
Thema: Christliches Menschenbild und Würde des Lebens · Aus der Prüfung LK · Haupttermin (2023)
Aufgabenstellung
Materialgrundlage
Andreas Knapp*: Vom Segen der Zerbrechlichkeit. Würzburg ⁴2019, S. 61–72.
* Andreas Knapp (*1958) ist Priester und Poet. Als Mitglied der Ordensgemeinschaft der „Kleinen Brüder vom Evangelium“ lebt und arbeitet er in Leipzig.
Menschen entwickeln und befinden sich in einem Prozess ständiger Erneuerung. Wer sich
nicht mehr verändern will, dem droht Erschlaffen und Stagnation. Eine bekannte Geschichte
von Bert Brecht erzählt von Herrn Keuner, der einen alten Bekannten trifft. Dieser begrüßt
Herrn Keuner mit den Worten: „Sie haben sich gar nicht verändert!“ Was als Kompliment
5 gemeint war – nämlich nicht gealtert zu sein –, lässt Herrn Keuner erblassen und erbleichen.
Wer sich nicht mehr ändert, läuft Gefahr, zu verknöchern, zu verkalken, zu versteinern. […]
Der lebendige Mensch hingegen zeichnet sich wie alle Lebewesen durch Wachstum und
Wandlung aus. […]
Das tief in uns eingeschriebene Grundgesetz des Lebens befördert in uns eine Sehnsucht nach
10 Wechsel und Wandel. Leben drängt immer weiter, will sich entfalten und entwickeln. Zugleich
kennen wir auch die Angst vor Veränderungen. Denn was ich jetzt habe, damit bin ich ver-
traut. Manche Menschen umgeben sich gern mit toten Dingen – weil sie das Risiko und die
Unwägbarkeit des Lebendigen fürchten. Ein solches Leben gleicht allerdings einem Museum.
Die schön sortierten Schaustücke stammen aus einer anderen Zeit. Da erwartet einen nichts
15 Neues mehr, kein Risiko und keine Überraschung, weder Krise noch Kreatives. Stillstand aber
ist nur ein anderes Wort für Tod.
Das gilt auch für Beziehungen: Wie schön ist es, von einer alten Freundschaft zu schwärmen.
Denn da kann nichts mehr passieren. Wie gefährlich und aufregend gestaltet sich dagegen
eine lebendige Beziehung, derer man nie ganz sicher sein kann! Immer bleibt sie zerbrechlich,
20 bedroht, gefährdet, voller Überraschungen und Herausforderungen: Hier passiert etwas! Stets
bin ich gefordert, Altes zu verabschieden und neu zu werden. Wir spüren Angst vor solchen
Wandlungen, weil sie unser festes Gefüge durcheinanderbringen können. Die größte Angst
haben wir vor der größten Wandlung des Lebens: dem Sterben.
Wir Menschen kennen also zwei sich widersprechende Grundbedürfnisse. Zum einen wollen
25 wir Autonomie und Freiheit: Das heranwachsende Kind will die Dinge selber tun und von den
Eltern unabhängig werden. Wir sehnen uns nach Fortschritt, Entwicklung und Veränderung.
Wir suchen das Neue, das Risiko und das Abenteuer. Zum anderen steckt uns eine Angst vor
dem Neuen in den Knochen. Denn wir sind auch angewiesen auf feste Beziehungen und Ver-
lässlichkeit, auf Halt und Geborgenheit. Wir brauchen beides: das Vertraute und das Neue.
30 Je nach Persönlichkeit und Lebenssituation sind diese beiden gegensätzlichen Bedürfnisse
unterschiedlich ausgeprägt. Wie kann man diese Gegensätze leben?
Wenn alles fließt, wo finden wir Halt? Bin ich morgen noch derselbe wie heute? Ich will doch
nicht beliebig formbar oder gar manipulierbar sein, sondern mit mir selbst identisch bleiben.
Bei allen Veränderungen wünsche ich, mir selbst treu zu sein. Worin kann ich meine Identi-
35 tät festmachen? Interessanterweise zeigen wir alte Fotos aus unserer Kindheit, auf denen wir
kaum zu erkennen sind, und deuten darauf mit den Worten: „Das bin ich!“ oder: „Das war ich
als Kind.“
Was ist dieses „Ich“ als Träger und Garant meiner Identität?
In der Natur wird die Identität eines Lebewesens durch den genetischen Code garantiert. Aus
40 einem winzigen Ei entwickelt sich eine Raupe. Diese frisst sich fett, verpuppt sich und flattert
schließlich als bunter Schmetterling durch die Lüfte. Kaum zu glauben, dass die gefräßige
und träge am Boden kriechende Raupe und der leichtflügelige Schmetterling ein und dasselbe
Lebewesen sein sollen. Und doch stellen sie Ausdrucksformen eines einzigen genetischen
Programms dar, das stufenweise abläuft.
45 Auch die körperliche Entwicklung des Menschen wird von einem genetischen Programm
gesteuert. Genügt dies, um uns eine Identität zu geben? Kennen wir nicht vor allem innere
Entwicklungen, Stufen, Brüche, Neuanfänge, die uns fragen lassen: Bin ich nach einer großen
Entscheidung noch der- oder dieselbe? Was, wenn ich mich selbst nicht wiedererkenne? Wenn
ich etwas getan habe, durch das mein bisheriges Selbstbild zusammenbricht? Oder wenn neue,
50 ungeahnte Fähigkeiten und Eigenschaften auftauchen?
Für unsere Identität als Person genügt der genetische Code nicht. Denn wir fragen nach der
Identität unseres „Ichs“, das manches frei gestalten kann und nicht nur genetisch gesteuert
wird. Unsere menschliche Persönlichkeit wächst und entfaltet sich primär durch Beziehung:
Der Mensch wird am Du zum Ich (Martin Buber 1). Erst in der persönlichen Beziehung wer-
55 den wir zur Person. Nur im Angesprochen-Werden lernen wir Wort und Antwort und finden
darin zu unserem eigentlichen Namen – als Chiffre 2 für unsere Identität. […]
Der 1. Johannesbrief sucht nach Worten für diese dynamische, nach vorne offene, sich erst in
der Zukunft realisierende Identität des Menschen: „Liebe Schwestern und Brüder, jetzt sind
wir Kinder Gottes. Aber was wir sein werden, ist noch nicht offenbar geworden“ (1 Joh 3,2).
60 Noch wissen wir also nicht, wie wir sein werden, wenn wir ganz in Gottes Liebe eingetaucht
sind. Wir wissen nur, dass wir ihm ähnlich sein werden als Ebenbilder seiner Liebe.
Der glaubende Mensch findet in Gott den Grund seiner Identität. Der Zuspruch Gottes lässt
den Menschen erfahren, dass er als Person gemeint und geliebt ist. Identität wird nicht durch
den genetischen Code gewährleistet, sondern durch den „Genesis-Code“: Denn die durch
65 menschliche Zuwendung und Ansprache gründende Identität wurzelt selbst wieder in einem
Urwort, im Schöpferwort Gottes. Gott ruft alles und jeden ins Dasein. Diese Welt wurde und
wird, weil Gott sie will. Jeder Mensch ist eine Person, weil er oder sie persönlich von Gott
gekannt und benannt wird. Die Bibel findet dafür sprechende Bilder: Gott ruft jeden Menschen
beim Namen und spricht ihn mit „Du“ an. Er schreibt den Namen des Menschen in seine
70 Hand – quasi zur Erinnerung, damit ihm dieser Name unvergesslich vor Augen steht. Dieser
geheime, noch verborgene Name macht mich einmalig. Die Erfahrung, von Gottes Liebe be-
schenkt zu sein, und der Wunsch, dieser Liebe zu antworten, bilden den tiefsten Grund mei-
ner Identität.
Die in Gott gegründete Identität jedes Menschen meint nichts Statisches. Im Unterschied zum
75 genetischen Code bedeutet der von Gott geschenkte Name kein Programm, das abläuft, sondern
das Versprechen einer ungeahnten Zukunft. Nicht mein Festhalten, sondern Gottes Treue zu
seinem Versprechen gibt Halt in allen Wandlungen und Wendungen des Lebens. Gott erweist
sich als treu – und zugleich als schöpferisch; sein Geist weht und wirkt dynamisch. Der Gott
der Bibel ist ein lebendiger Gott, der immer kreativ am Werk bleibt. Die Weltschöpfung ist
80 nicht abgeschlossen, sondern wir schwimmen mitten in diesem großen Strom. Die Geschichte
Gottes mit der Menschheit und jedem Einzelnen gleicht einem spannenden Drama, dessen
Ende noch offen steht. Denn die Mitspielenden sind frei, und es hängt auch von ihren Ent-
scheidungen ab, wie die Geschichte Gottes mit den Menschen weiterläuft und am Ende aus-
geht. […]
85 Der biblische Glaube an den lebendigen Gott erlaubt nicht nur Wandlungen, er provoziert
sie geradezu. Denn die von Gott geschenkte Identität meint gerade kein fixiertes Programm,
sondern eine Pro-vokation, eine Heraus-Rufung, die den Menschen weiter und höher führen
möchte. In immer neuen Herausforderungen des Lebens und der Geschichte kann und soll der
Mensch zugleich seine Beziehung zu Gott vertiefen. Auf neuen und ungeahnten Wegen kann
90 das Vertrauen auf Gott wachsen, der sich als treu erweist und dessen Versprechen von Nähe
und Liebe sich gerade im Unwägbaren bewährt. Die Identität des Glaubenden wird also nicht
durch ein Programm gestiftet, sondern durch eine Berufung; sie liegt nicht in der Herkunft
begründet, sondern in der Ausrichtung; sie besteht nicht in einem festgelegten Status, sondern
in einer lebendigen Beziehung. Diese gibt dem Menschen Halt, ohne ihn festzuhalten. Wer
95 sich glaubend in Gott verwurzelt, kann sich dadurch frei entfalten und entwickeln.
1 Martin Buber (1878 – 1965) war ein österreichisch-israelischer jüdischer Religionsphilosoph.
2 Chiffre: Kennzeichen.
3.
Entfalten Sie, welche Aspekte des christlichen Menschenbildes in Kapitel IV der Gemeinsamen Erklärung „Gott ist ein Freund des Lebens“ hervortreten, und vergleichen Sie anschließend Knapps Aussagen mit denen der Gemeinsamen Erklärung. (18 Punkte)
4.
Setzen Sie sich unter Einbeziehung Ihrer bisherigen Ergebnisse mit der Frage auseinander, ob der von Knapp dargestellte „Genesis-Code“ (Z. 64) einem Menschen in existenziellen Krisen (z. B. Krieg und Flucht, Krankheit, Mobbing, Tod und Trauer) Halt geben kann. (16 Punkte)

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
3. Entfalten Sie, welche Aspekte des christlichen Menschenbildes in Kapitel IV der Gemeinsamen Erklärung „Gott ist ein Freund des Lebens“ hervortreten, und vergleichen Sie anschließend Knapps Aussagen mit denen der Gemeinsamen Erklärung.
Lösung: Ausarbeitung der Aspekte des christlichen Menschenbildes (10 Pkt.) und theologische Gegenüberstellung mit Knapps Position (8 Pkt.).
4. Setzen Sie sich unter Einbeziehung Ihrer bisherigen Ergebnisse mit der Frage auseinander, ob der von Knapp dargestellte „Genesis-Code“ (Z. 64) einem Menschen in existenziellen Krisen (z. B. Krieg und Flucht, Krankheit, Mobbing, Tod und Trauer) Halt geben kann.
Lösung: Differenzierte dialektische Erörterung (zustimmend und ablehnend) mit begründetem Fazit.
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