Aufgabe HT 4: Teilaufgaben 3 und 4 - Christliches Mensche… · Abitur NRW Katholische Religion LK · Haupttermin 2022
Thema: Christliches Menschenbild und Würde des Lebens · Aus der Prüfung LK · Haupttermin (2022)
Aufgabenstellung
Ist Gott wichtig?
Jürgen Werbick: Gott als Begründung oder als Herausforderung? Warum Gott nicht „notwendig“ sein kann. In: Knop, Julia (Hrsg.): Die Gottesfrage zwischen Umbruch und Abbruch. Theologie und Pastoral unter säkularen Bedingungen (QD 297). Freiburg i. Br. 2019, S. 325–337 (Auszug).
* Jürgen Werbick (*1946) ist röm.-kath. Theologe und Professor für Fundamentaltheologie.
Ist das nicht eine blöde Frage? Oder eine kinderschwere, oft gestellt oder gar nicht gestellt,
aber folgenreich beantwortet? Was wichtig ist, verlangt Aufmerksamkeit. Klar, es muss dazu
gesagt werden, wofür etwas wichtig ist, wofür es – höchste? – Priorität hat. Da gibt es Unter-
schiede zwischen „richtig wichtig für die Schuhpflege“ und „richtig wichtig für ein gutes,
5 erfülltes Leben“. Aber in beiden Fällen ist richtig wichtig, was man unabdingbar braucht, was
jeweils notwendig ist. Für viele Zeitgenossen in Deutschland ist Gott nicht so wichtig und
keineswegs notwendig: für ein erfülltes Leben, für Werte und Moral, für ein gutes Miteinan-
der, für die Überwindung der Angst vor den Unwägbarkeiten des Lebens, für ein stabiles
Selbstbewusstsein, für den Lebens-Erfolg. Ich brauch ihn nicht ist die Ich-Botschaft, die
10 Gespräche beendet, ehe sie in die Nähe der „Gottesfrage“ kommen.
Aber wenn Gott da ist, der Gott, von dem die Bibel spricht, der, von dem Muhammad sagte,
er habe ihm sein Wort offenbart, wie kann er unwichtig sein? Hängt nicht alles davon ab,
dass man sein Leben auf ihn ausrichtet? […]
Sollte man nicht wenigstens dafür offen sein, dass es einem mit Gott besser geht? Finanziell
15 potente Stiftungen finanzieren Forschungsprojekte, in denen offenbar herauskommt, dass
Gläubige gesünder leben, weniger wiegen, ein stabileres Immunsystem haben als Ungläubige.
Andere Untersuchungen führen zu dem Ergebnis, man könne dies gerade nicht nachweisen.
Es wäre auch noch schöner, wenn Gott sich dadurch empfiehlt, dass man mehr Resilienz 1
entwickelt. Andererseits: Wäre es so unangemessen, die Relevanz Gottes für ein gutes Leben
20 herauszustellen: dafür, dass ein Leben reicher wird und eine Hoffnungs-Perspektive gewinnt?
Dass der Gottesglaube – in welchem Sinne auch immer – „glücklich“ macht? […]
Wenn biblisch vom Glück des JHWH-Glaubens die Rede ist, heißt es genau hinschauen:
„Glücklich sind wir, das Volk Israel“ – heißt es im deuterokanonischen 2 Buch Baruch – „denn
wir wissen, was Gott gefällt“ (Bar 4,4). Wie weit ist das doch von gegenwärtigem Selbst-
25 verständnis entfernt: Glücklich ist man nicht in der zufriedenen Übereinstimmung mit sich
selbst, sondern im Mitfühlen und Mitwissen dessen, was „Gott gefällt“. Wie könnte von die-
ser Glückserfahrung heute noch die Rede sein? Kann man auf sie zurückkommen, wenn man
den Grund anzugeben versucht, warum Gott für mich wichtig ist? […]
Für Baruchs Weisheit ist JHWH im Zentrum; ihm nahekommen bedeutet Glück. Für die heute
30 gestellte Frage, ob Gott glücklich macht, steht unser Lebensglück im Zentrum – Gott kommt
in Betracht, wenn er zu ihm beiträgt. Wir fragen von unserem Glück ausgehend nach Gott;
Israels Weisheit fragt von JHWH ausgehend, was es heißt, mit ihm glücklich zu sein. […]
Gott ist um seiner selbst willen wichtig: 3 „Hast du es irgendwie auf dich oder irgendetwas
oder irgendwen abgesehen“, so bist du nicht an dem Ort, an dem Gott dich erreichen kann
35 und du Gott Gott sein lässt, an dem Gott sich dir zu eigen gibt, „wie er sich selbst gehört“.
Sucht der Mensch „irgendwie“ das Seine, findet er Gott nicht, da er „nicht ausschließlich
Gott“, sondern seinen Nutzen sucht: Gott „um äußeren Reichtums oder inneren Trostes willen
lieben“ will. Gott entzieht sich, wo man mit ihm in der Welt anderes anfangen will als ihn
selbst: sein Dasein in der Welt. Wenn man ihn nicht lässt, ist es nicht Gott, mit dem man es
40 zu tun bekommt. Gott darf nicht um eines Warum willen in Anspruch genommen werden. Er
ist das Ohne Warum, das sich Grund und Ziel ist und – wenn sie im Menschen Wirklichkeit
wird – diesen teilhaben lässt an der höchsten Selbstverständlichkeit des Ohne Warum, des
Grundes, aus dem grundlos hervorgeht, worin und woraus ich sein und wirken darf: „Aus die-
sem innersten Grunde sollst du alle deine Werke wirken ohne Warum.“ Gott und ein Warum
45 zusammenzubringen bedeutet, ihn in eine bestimmte, durch die Warum-Frage bestimmte
Perspektive – „Weise“ – einzusperren. „Wer aber Gott ohne Weise sucht, der erfasst ihn, wie
er in sich selbst ist; und ein solcher Mensch lebt mit dem Sohne, und er ist das Leben selbst.“
Er gönnt Gott, dass er „Gott in dir sei.“ […]
So käme es wohl darauf an, die Figur der Selbstbezüglichkeit neu zu bedenken und Gottes
50 Grundlosigkeit als mir zugutekommend zu verstehen. Lebensweltlich gehört die Qualifika-
tion „Um seiner bzw. ihrer selbst willen“ der Sprache der Liebe an. Es soll mit ihr die Erfah-
rung oder auch nur die Ahnung ausgesprochen werden, dass es Menschen gibt, die für mich
als sie selbst wichtig sind, nicht nur deshalb, weil sie mir etwas bringen. Will man erläutern,
was es bedeutet, dass sie mir um ihrer selbst willen wichtig sind, kommt man vielleicht zu
55 der Aussage: Ich will nicht ohne sie leben. Ich möchte an ihrem Leben teilhaben – und bin
bereit, sehne mich danach, dass sie an meinem Leben teilnehmen. Um ihrer selbst willen:
weil sie sind, wie sie sind, und ich möchte, dass sie mein Leben „bewohnen“, es für ihr Dasein
öffnen, sodass es eine Weite und Bedeutung erlangt, die es aus sich nicht hätte.
Teilnehmen dürfen statt Zugriff erlangen und Nutzenkönnen: mit dieser Differenzierung
60 scheint das „Um seiner selbst willen“ Bedeutung zu gewinnen. Teilnehmendürfen – ich bin
nicht ausgeschlossen, übersehen, sondern eines Interesses an mir selbst gewürdigt, für einen
Mitmenschen wichtig geworden, der mir selbst unendlich wichtig ist, sodass das Teilnehmen-
dürfen an seinem Leben für mich ohne weiteres Warum höchste Bedeutung hat: so dass es
höchste Bedeutung hat, dass und wie es mir geschieht, mein Leben verändert. […]
65 Biblischer Gottesglaube imaginiert einen Gott, der nicht ohne die Menschen „leben“ will,
sich in ihr Leben und ihre Geschichte „involvieren“ lässt und die Menschen herausfordert,
ihrerseits an seinem Leben und seinem guten Willen für die Menschen teilzunehmen. Christ-
lich glauben heißt, sich der Teilhabe an Gottes eigenem Leben gewürdigt zu wissen und an
Gottes Dasein für die Menschen teilzunehmen; es bedeutet, sich verlässlich in Gottes an Jesus
70 Christus greifbar gewordene Liebe eingebunden zu wissen […] und so […] zur Wirklichkeit
der Liebe Gottes in der Menschenwelt zu werden.
Gottes Dasein ist sein Daseinwollen mit und in jedem Menschen. Keinen hält er für eine
Quantité négligeable 4; jedem will er zuinnerst verbunden bleiben, jeden würdigt er als unver-
lierbar in sich und für ihn selbst bedeutsam. So bedeutet die Teilnahme an Gottes Dasein in
75 der Welt das Lebenszeugnis für die unverlierbare Bedeutung jedes Mitmenschen als eines
Geschöpfs, mit dem Gott ewig zusammenleben und für den er ewig Gott sein will. Was das
bedeutet, dass den Menschen dieser gute Wille Gottes geschieht, lässt sich […] am Geschehen
der Sendung, des Kreuzes und der Auferweckung des Gekreuzigten, in welchem eine Solida-
rität geschieht, wie sie größer nicht geschehen kann[, wahrnehmen].
80 Das Zeugnis Christi und derer, die Christus-Nachfolge wagen, ist Grund der Hoffnung darauf,
dass Menschen-Solidarität stärker ist als Menschen-Missachtung, weil Gott in ihr seine Men-
schen-Solidarität lebt. Der Grund der Hoffnung ist dieses Geschehen, in dem Gott und seine
Solidarität aus sich selbst glaubwürdig werden und die Menschen herausfordern, diese Soli-
darität mitzuleben, darauf zu setzen, dass diese Solidarität den Sieg davonträgt, weil Gott an
85 ihr teilnimmt und in ihr die Teilnahme an seinem Dasein öffnet.
1 Resilienz: psychische Widerstandskraft; Fähigkeit, mit belastenden Situationen umgehen zu können.
2 deuterokanonisch: Der Begriff bezeichnet Schriften des AT, die nur in der griechischen Fassung überliefert wurden und von der kath. Kirche als biblische Bücher anerkannt sind.
3 Werbick zitiert in diesem Absatz Meister Eckharts Predigten. Meister Eckhart, Eckhart von Hochheim (ca. 1260 – 1328), Theologe und Philosoph.
4 Quantité négligeable: eine zu vernachlässigende Größe, Belanglosigkeit.
3. Prüfen Sie, inwiefern Werbicks Darlegungen zum Verhältnis von Gott und Mensch mit den zentralen Aussagen und Anliegen der Kirche zum besonderen Wert und zur Würde des menschlichen Lebens übereinstimmen, die in Kap. IV der Gemeinsamen Erklärung „Gott ist ein Freund des Lebens“ entfaltet werden. [16 Punkte]
4. Beurteilen Sie zum Abschluss unter Einbeziehung Ihrer bisherigen Ergebnisse, ob Werbicks Darlegungen einen Anstoß für ein gelingendes Leben geben können. [16 Punkte]
Ihre Texte zu den Teilaufgaben 3 und 4 wurden gespeichert. Vergleichen Sie diese anschließend mit den offiziellen Bewertungskriterien.

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
3. Prüfen Sie, inwiefern Werbicks Darlegungen zum Verhältnis von Gott und Mensch mit den zentralen Aussagen und Anliegen der Kirche zum besonderen Wert und zur Würde des menschlichen Lebens übereinstimmen, die in Kap. IV der Gemeinsamen Erklärung „Gott ist ein Freund des Lebens“ entfaltet werden.
Lösung: Vergleich gemäß den Vorgaben der Lehrkraftunterlagen: Hinsichtlich grundlegender Aussagen: - *Geschöpflichkeit:* Die Gemeinsame Erklärung argumentiert schöpfungstheologisch (Gottes Ebenbild); Werbick deutet den Menschen ebenfalls als Geschöpf, mit dem Gott ewig zusammenleben will („zuinnerst verbunden bleiben“, Z. 74), ohne den Schöpfungsbegriff explizit auszuführen. - *Unbedingte Würde:* Beide sehen den Wert des Menschen als Geschenk Gottes, der unabhängig von gesellschaftlicher Nützlichkeit, Funktion oder Gesundheit gilt (kein Mensch ist eine „Quantité négligeable“). - *Personsein:* Die Erklärung betont, dass Gottes Anerkennung den Menschen als Person konstituiert; Werbick hebt hervor, dass der Mensch des Mitmenschen bedarf, der ihn „um seiner selbst willen“ achtet, statt auf ihn utilitaristisch „Zugriff [zu] erlangen“. - *Akzentuierung:* Werbick reflektiert zusätzlich die säkulare Gleichgültigkeit und die Frage nach dem Sinn des Redens von Gott. Hinsichtlich grundlegender Anliegen: - *Praxisauftrag:* Die Erklärung ruft dazu auf, den Schutz des Lebens in Gesetzgebung und Bewusstsein einzubringen. Werbick fordert allgemeiner dazu auf, ein solidarisches „Lebenszeugnis für die unverlierbare Bedeutung jedes Mitmenschen“ (Z. 76) abzulegen. - *Überwindung von Missachtung:* Beide betonen den Einsatz für Schwache und Benachteiligte; Werbick fokussiert das Überwinden von „Menschen-Missachtung“ durch sichtbare „Menschen-Solidarität“. - *Bewältigung von Krisen:* Die Erklärung ermutigt dazu, Lasten im Gottvertrauen zu tragen; Werbick betont die „Hoffnungs-Perspektive“, die aus der Verbundenheit mit Gott erwächst.
4. Beurteilen Sie zum Abschluss unter Einbeziehung Ihrer bisherigen Ergebnisse, ob Werbicks Darlegungen einen Anstoß für ein gelingendes Leben geben können.
Lösung: Differenzierte Beurteilung (Zustimmung und/oder Kritik): Begründet zustimmende Aspekte: - *Schutz vor Leistungsdruck:* Die Zusage, dass kein Mensch eine vernachlässigbare Größe ist, entlastet vom Zwang zur permanenten Selbstoptimierung und schützt kranke, behinderte oder alte Menschen in einer ökonomisierten Welt. - *Trost und Hoffnung im Scheitern:* Die Verwurzelung der Hoffnung in Kreuz und Auferstehung schenkt Zuversicht auch in ausweglosen Situationen, da Gott selbst im tiefsten Leid solidarisch gegenwärtig ist. - *Impuls zu aktivem sozialem Engagement:* Werbicks Ethik der Teilhabe motiviert zur konkreten Solidarität, Mediation, Versöhnungsarbeit und zum Einsatz für Benachteiligte. Begründet ablehnende / distanzierte Aspekte: - *Säkulare Autonomie:* In modernen pluralen Gesellschaften lässt sich Menschenwürde auch säkular, philosophisch (z. B. Immanuel Kant: Zweck an sich selbst) oder menschenrechtlich begründen, ohne zwingend einen Gottesbezug vorauszusetzen. - *Glaubwürdigkeitsproblem / Theodizee:* Die Rede von Gottes liebender Zuwendung und Solidarität stößt angesichts real erfahrener Grausamkeit, Katastrophen und unverschuldeten Leids (malum physicum und morale) an Plausibilitätsgrenzen, wenn Gott das Leiden faktisch nicht abwendet. - *Anspruch vs. Realität:* Die zweckfreie Liebe („Ohne Warum“) stellt ein Ideal dar, das im Alltag und in wirtschaftlichen Strukturen nur schwer durchgängig einzulösen ist.
Die ausführliche Erklärung Schritt für Schritt (mit KI) gibt es mit Premium. Premium
Löse sie direkt hier: automatische Korrektur, Hinweise und Lösung Schritt für Schritt.
‹ Aufgabe HT 2 - Teilaufgaben 3 und 4: Christliches Mensche… · LK · Haupttermin 2023 · Aufgabe 3 - Teilaufgabe 2 · GK · Haupttermin 2021 ›