Aufgabe 3 - Teilaufgabe 2 · Abitur NRW Katholische Religion GK · Haupttermin 2021
Thema: Christliches Menschenbild und Würde des Lebens · Aus der Prüfung GK · Haupttermin (2021)
Aufgabenstellung
Materialgrundlage
Christian Olding*: Glauben, wie geht das eigentlich?
Beitrag für die Katholische Hörfunkarbeit „Am Sonntagmorgen“ vom 30.12.2018 (Auszug)
Schmerz, Leid, zerstörte Hoffnungen und Narben, die das Leben hinterlässt, sind wohl der
einzige Besitz des Menschen, der keinen Neid auf sich zieht. Niemand sucht nach Leiden und
Krankheit, aber auszulöschen sind sie nicht. Es ist unmöglich, sich das Leiden ganz und gar
vom Leib zu halten. Außer, man hört auf zu leben, geht keine Beziehungen mehr ein und ver-
5 sucht sich selbst zur einsamen Insel zu machen. Leiden und Tod konfrontieren den Menschen
radikal mit seiner Begrenztheit und Sinnlosigkeit. Die bitteren Erfahrungen von Niederlagen
und Verlusten […] zeigen uns eine oft übersehene Wahrheit des Lebens: Dass unsere Kraft
begrenzt ist und wir auf grenzenlose Kraft angewiesen bleiben.
Die erste Lehrstunde in dieser Hinsicht erhielt ich im Alter von 13 Jahren. […] Als ich an die-
10 sem Tag von der Schule kam, wartete zu Hause ein befremdliches Szenario auf mich. […]
Erst als meine Mutter mit Tränen in den Augen mir sagte „Papa ist tot“, wusste ich, was los
war. Na ja, eigentlich wusste ich noch immer nicht, was los war. […]
Erst gegen Abend erfuhr ich, dass mein Vater sich das Leben genommen hatte und meines
damit für immer veränderte.
15 Die Situation machte uns allesamt im wahrsten Sinne des Wortes sprachlos und jeder ver-
suchte einen Weg zu finden.
Ich fand gleich zwei. Der erste war reine Kompensation. Es war der Versuch, der Situation
Herr zu werden, ohne sich wirklich mit ihr auseinandersetzen zu müssen. Aber er gab das
Gefühl von Kontrolle zurück. Mein Vater hatte sich seinen Weg vom Bauernsohn zum Banker
20 hart erarbeitet. […] So versuchte ich ihm wenigstens im Nachhinein noch zu zeigen, was in
mir steckte. In der Schule ging es also auf zu neuen Höchstleistungen. Der zweite Weg ver-
lief an ganz anderer Front. Als Kind vom Land hatte ich die Grundlagen katholischer Sozia-
lisation gelernt. Eine hieß: Kerzen anzünden, wenn man Sorgen und Nöte hat. In der Kirche
zündete ich vor dem Marienbild eine Kerze an und wartete darauf, dass etwas passierte: dass
25 die Last leichter würde, der Schmerz weniger und die Verwirrung geordneter. Nichts davon
geschah. […] Enttäuschend. […]
Tja, und dann stand ich plötzlich vor diesem Kreuz. Zig Male schon gesehen, zig Male schon
betrachtet, aber nie wirklich verstanden, worum es ging. An diesem Tag war es anders. Ich
sah plötzlich jemanden, der so dreckig aussah, wie ich mich innerlich fühlte. Ich sah jeman-
30 den, der wie ich von seinem Vater im Stich gelassen worden war. Ich sah jemanden, der min-
destens so erbärmlich an diesem Leben litt, wie meiner einer. Da blieb ich.
Auch in diesem Moment purzelten keine Steine vom Herzen, kehrte keine unbändige Lebens-
freude zurück oder wurde alles gut. Aber es wurde anders. Ich war nicht mehr einsam. Da war
jemand, der mich verstand, ohne dass ich mich erklären musste. Er hielt es mit mir aus. Das
35 ließ mein Inneres zur Ruhe kommen. In den kommenden Wochen, Monaten und Jahren wurde
der Platz unterm Kreuz mein Ort der Trauerbewältigung, des Schmerzes, der Hoffnung.
Der Verlust meines Vaters, das Erleben der Grenzen der eigenen Leistungsfähigkeit und Per-
fektion, das waren Wunden, die nicht wirklich heilen wollten. Mir wurde klar, es gibt kein
Zurück zu einem Zustand davor, zu einer Wiederherstellung alter Zeiten. Sondern es kann
40 nur darum gehen, diese Wunden zu einem Teil von mir zu machen. Es war wie der verstor-
bene Regisseur Christoph Schlingensief 1 sagte: „Wer seine Wunden zeigt, wird geheilt, wer
sie verbirgt, wird nicht geheilt.“ Alles, was ich zu verbergen versuche und geheim zu halten,
fängt irgendwann an zu stinken und zu faulen. Denn es geht nicht mehr um mein Leben, son-
dern um eines, was sich nach eingebildeten Ansprüchen und Anforderungen richtet. Das ver-
45 änderte zwangsläufig mein Ego. Und das mochte ich gar nicht. Das polierte Selbstbild eines
leistungsfähigen und einsatzbereiten Musterknaben zerbrach immer mehr. Die Kraft reichte
einfach nicht mehr. Wenn Leiden nicht aufhört, hat das etwas zutiefst Demütigendes, weil
wir uns machtlos und ohnmächtig fühlen. Falsches Vertrauen auf eigenes Können wird auf-
gelöst. In der Tiefe des Leidens verstehen sich Menschen als aufgegeben und von allem ver-
50 lassen. Was dem Leben Sinn gab, ist leer und nichtig geworden: es hat sich als Irrtum heraus-
gestellt, als eine Illusion, die enttäuscht worden ist.
Dass man als glaubender Mensch weniger leidet, diese Vorstellung entspringt einem über-
züchteten Ego. Wer nach dem Motto lebt: ‚Gott wird doch wohl für mich mal eine Ausnahme
machen‘, der degradiert Gott zu einem Bedürfnisbefriediger des eigenen Egos. Wenn ich mich
55 ständig mit der Frage quäle, warum verursacht Gott dieses oder jenes, dann fixiere ich mich
nur auf das, was Gott mir gibt, bringt, verspricht – oder eben auch nicht. Dann allerdings geht
es mir letztlich nicht um Gott selbst. Im Letzten habe ich nur Interesse an dem, was Gott zu
geben hat.
Diese Vorstellung muss auf Dauer enttäuschen. […]
60 Im Laufe der Zeit hatte ich beim Anblick des Kreuzes verstanden: Gott ist nicht meine Ver-
sicherung gegen Leiden und Sterben. Aber: Er ist dem Leidenden nahe! Dieser Gott, der sich
selbst das Elend nicht vom Leib gehalten hat, steht in all den widerwärtigen und sprachlos-
machenden Momenten an meiner Seite. Damit ich immer wieder die Kraft finde, doch noch
den nächsten Schritt zu wagen und nicht vollkommen irre an diesem Leben zu werden.
65 Man kann nun mal nicht immer alles wegkurieren, bloß weil es wehtut. Manche Krisen tun
gut und seien sie noch so schwer. Sie tun gut, weil sie unseren Blick klären und unsere Priori-
täten ordnen. Krisen geben uns mehr als deutlich zu verstehen, worauf es wirklich ankommt
in diesem Leben, wofür es sich zu leben lohnt. Das allerdings lässt sich immer erst am Ende
formulieren, nie am Anfang und mitten in der Krise. Da ist Vieles, oft sogar Alles einfach nur
70 sinnlos. […]
Diese Erfahrung von Leid in meinem Leben hat mich dazu motiviert, Priester zu werden.
Nicht weil ich Leiden ach so toll finde. Nein. Sondern, weil ich in diesem Glauben an Jesus
und seinen Vater erfahren habe, dass es tragfähige und alltagstaugliche Hoffnung gibt. Eine
Hoffnung, die am Ende immer wieder stärker war als alles, was das Leben zugemutet hat.
75 Eine Hoffnung, von der ich glaube, dass sie diese Welt bitter nötig hat. Glauben bedeutet für
mich Ja-Sagen zu diesem Leben, so wie es ist und nicht wie es sein sollte. Ja-Sagen, weil es
dieses Leben wert ist und weil es eine Zukunft gibt, die Gott mir verspricht. Eine Zukunft, in
der das Leid einmal vollkommen überwunden sein wird.
Dafür lohnt es sich einzutreten. Dafür braucht es Menschen, die ihre Narben anbieten, die
80 ihre verheilten und manchmal wieder aufbrechenden Wunden zeigen. […] Es ist christlich,
dass einer des Anderen Last trage 2. Das ist der simple Ruf, der aus dem Leiden dringt. […]
Narben erzählen eine Geschichte, eine Geschichte voller Schmerz. Sie sind glaubwürdig,
denn sie stehen für überwundenes Leiden. Deshalb wurde der Auferstandene Jesus eben
auch nicht an hübschen weißen Kleidern erkannt, sondern an den Wundmalen, die die Nägel
85 an seinen Händen und Füßen hinterlassen haben, und an der Narbe, die ihm die Lanze zuge-
fügt hat.
Und hier zeigt sich, worum es beim Glauben am Ende wirklich geht. […] Entscheidend[] ist
die Frage, ob ich Gott in all meinen Kämpfen und Ungewissheiten für vertrauenswürdig halte.
* Christian Olding, geb. 1983, katholischer Pfarrer und Publizist; er wird u. a. aufgrund seiner außergewöhnlichen „veni!-Gottesdienste“, die einen großen Andrang erleben, von den Medien als „Pop-Kaplan“ bezeichnet.
1 Christoph Schlingensief (1960 – 2010): deutscher Film- und Theaterregisseur, Autor und Aktionskünstler, der nach dreijähriger Erkrankung dem Lungenkrebs erlag.
2 vgl. Gal 6,2.
Aufgabenstellung:
2. Erläutern Sie, welche Aussagen und Anliegen die Kirche bezüglich des Werts und der Würde des menschlichen Lebens vertritt, und beziehen Sie sich dabei auf Kapitel IV der Gemeinsamen Erklärung „Gott ist ein Freund des Lebens“. Untersuchen Sie danach, inwiefern sich diese auch in Oldings Ausführungen wiederfinden. (26 Punkte)

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
Erläutern Sie, welche Aussagen und Anliegen die Kirche bezüglich des Werts und der Würde des menschlichen Lebens vertritt, und beziehen Sie sich dabei auf Kapitel IV der Gemeinsamen Erklärung „Gott ist ein Freund des Lebens“.
Lösung: Aussagen: - Der Mensch ist von Gott geschaffen und gewollt; seine besondere Würde gründet schöpfungstheologisch in der Gottebenbildlichkeit und begründet einen absoluten Eigenwert (Geschenk Gottes). - Die Anerkennung durch Gott konstituiert das Personsein unabhängig von gesellschaftlicher Bewertung, Fähigkeiten oder Beeinträchtigungen. - Jedes Menschenleben besitzt stets vollen Wert und volle Würde. Anliegen: - Einbringen des christlichen Verständnisses von Würde in gesellschaftliches Bewusstsein und Rechtsordnung sowie Einforderung einer entsprechenden Praxis. - Eintreten dafür, dass Lebensrecht und Würde auch bei schweren Belastungen unantastbar bleiben; Begleitung bei individueller Auslotung von Zumutbarkeit. - Ermutigung, sich auf Unvorhersehbarkeiten einzulassen im Vertrauen darauf, dass Gott Bürden in Segen verwandeln kann.
Untersuchen Sie danach, inwiefern sich diese auch in Oldings Ausführungen wiederfinden.
Lösung: Gemeinsamkeiten und Entsprechungen: - Beide betonen den Wert menschlichen Lebens auch bei größter Beeinträchtigung (Erklärung schöpfungstheologisch, Olding kreuzestheologisch im bedingungslosen „Ja-Sagen zu diesem Leben“). - Beide lehnen Leistungsorientierung als Kriterium für Menschenwürde ab: Menschenwert hängt nicht von Leistungsfähigkeit ab; Olding entlarvt das „Vertrauen auf eigenes Können“ und die Rolle des „Musterknaben“ als Illusion. - Beide fordern Solidarität mit Leidenden: Bei Olding spiegelt sich die Zuwendung des gekreuzigten Gottes im zwischenmenschlichen Tragen von Lasten („dass einer des Anderen Last trage“). - Wahrnehmung von Belastung: Entspricht Oldings Aufruf, Wunden und Narben nicht zu verbergen, sondern sichtbar zu machen. - Positive Wende aus Krisen: Nach der Erklärung kann Gott Bürden in Segen wandeln; bei Olding klären Krisen Prioritäten und eröffnen Hoffnung auf eschatologische Leidüberwindung.
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