Abitur NRW Katholische Religion 2023 · LK · Haupttermin

Abiturprüfung Katholische Religion in Nordrhein-Westfalen 2023, LK · Haupttermin: 7 Aufgaben mit Lösungen. Mit automatischer Korrektur.

Themen der Prüfung: Texterschließung: Thema, Gedankengang und Intention · Materialgestützter Debattenbeitrag (Aufgabenart III) · Biblisches Reden von Gott: Gottesbilder · Theodizee: Leid als Preis der Freiheit, der solidarische Gott · Christliches Menschenbild und Würde des Lebens

Aufgabe HT 1: Materialgestützter Debattenbeitrag · Materialgestützter Debattenbeitrag (Aufgabenart III)

Entwerfen Sie einen Debattenbeitrag zu der Frage „Soll der Schülerrat am St. Michael-Gymnasium weiterhin am letzten Tag vor den Osterferien Osterlämmer aus Schokolade an alle Schülerinnen und Schüler verschenken?“, in dem Sie unter Rückgriff auf M 1 und M 2 das Thema des Debattenbeitrags und seine Bedeutung einführend entfalten, die in M 3 und M 4 dargestellten Positionen herausarbeiten und sich unter Bezugnahme auf unterrichtliches Wissen mit diesen auseinandersetzen, die Heilsbedeutung des Todes Jesu anhand einer aus dem Unterricht bekannten Deutung erläutern und in Beziehung zur Position in M 5 setzen, auf ein frei gewähltes Material (M 6, M 7 oder M 8) zurückgreifen und dieses in Ihre Argumentation einbeziehen, sowie Ihre persönliche Position in einem Fazit formulieren.

Aufgabe HT 2 - Teilaufgabe 1: Texterschließung · Texterschließung: Thema, Gedankengang und Intention

Materialgrundlage

Andreas Knapp*: Vom Segen der Zerbrechlichkeit. Würzburg ⁴2019, S. 61–72.

* Andreas Knapp (*1958) ist Priester und Poet. Als Mitglied der Ordensgemeinschaft der „Kleinen Brüder vom Evangelium“ lebt und arbeitet er in Leipzig.

Menschen entwickeln und befinden sich in einem Prozess ständiger Erneuerung. Wer sich

nicht mehr verändern will, dem droht Erschlaffen und Stagnation. Eine bekannte Geschichte

von Bert Brecht erzählt von Herrn Keuner, der einen alten Bekannten trifft. Dieser begrüßt

Herrn Keuner mit den Worten: „Sie haben sich gar nicht verändert!“ Was als Kompliment

5 gemeint war – nämlich nicht gealtert zu sein –, lässt Herrn Keuner erblassen und erbleichen.

Wer sich nicht mehr ändert, läuft Gefahr, zu verknöchern, zu verkalken, zu versteinern. […]

Der lebendige Mensch hingegen zeichnet sich wie alle Lebewesen durch Wachstum und

Wandlung aus. […]

Das tief in uns eingeschriebene Grundgesetz des Lebens befördert in uns eine Sehnsucht nach

10 Wechsel und Wandel. Leben drängt immer weiter, will sich entfalten und entwickeln. Zugleich

kennen wir auch die Angst vor Veränderungen. Denn was ich jetzt habe, damit bin ich ver-

traut. Manche Menschen umgeben sich gern mit toten Dingen – weil sie das Risiko und die

Unwägbarkeit des Lebendigen fürchten. Ein solches Leben gleicht allerdings einem Museum.

Die schön sortierten Schaustücke stammen aus einer anderen Zeit. Da erwartet einen nichts

15 Neues mehr, kein Risiko und keine Überraschung, weder Krise noch Kreatives. Stillstand aber

ist nur ein anderes Wort für Tod.

Das gilt auch für Beziehungen: Wie schön ist es, von einer alten Freundschaft zu schwärmen.

Denn da kann nichts mehr passieren. Wie gefährlich und aufregend gestaltet sich dagegen

eine lebendige Beziehung, derer man nie ganz sicher sein kann! Immer bleibt sie zerbrechlich,

20 bedroht, gefährdet, voller Überraschungen und Herausforderungen: Hier passiert etwas! Stets

bin ich gefordert, Altes zu verabschieden und neu zu werden. Wir spüren Angst vor solchen

Wandlungen, weil sie unser festes Gefüge durcheinanderbringen können. Die größte Angst

haben wir vor der größten Wandlung des Lebens: dem Sterben.

Wir Menschen kennen also zwei sich widersprechende Grundbedürfnisse. Zum einen wollen

25 wir Autonomie und Freiheit: Das heranwachsende Kind will die Dinge selber tun und von den

Eltern unabhängig werden. Wir sehnen uns nach Fortschritt, Entwicklung und Veränderung.

Wir suchen das Neue, das Risiko und das Abenteuer. Zum anderen steckt uns eine Angst vor

dem Neuen in den Knochen. Denn wir sind auch angewiesen auf feste Beziehungen und Ver-

lässlichkeit, auf Halt und Geborgenheit. Wir brauchen beides: das Vertraute und das Neue.

30 Je nach Persönlichkeit und Lebenssituation sind diese beiden gegensätzlichen Bedürfnisse

unterschiedlich ausgeprägt. Wie kann man diese Gegensätze leben?

Wenn alles fließt, wo finden wir Halt? Bin ich morgen noch derselbe wie heute? Ich will doch

nicht beliebig formbar oder gar manipulierbar sein, sondern mit mir selbst identisch bleiben.

Bei allen Veränderungen wünsche ich, mir selbst treu zu sein. Worin kann ich meine Identi-

35 tät festmachen? Interessanterweise zeigen wir alte Fotos aus unserer Kindheit, auf denen wir

kaum zu erkennen sind, und deuten darauf mit den Worten: „Das bin ich!“ oder: „Das war ich

als Kind.“

Was ist dieses „Ich“ als Träger und Garant meiner Identität?

In der Natur wird die Identität eines Lebewesens durch den genetischen Code garantiert. Aus

40 einem winzigen Ei entwickelt sich eine Raupe. Diese frisst sich fett, verpuppt sich und flattert

schließlich als bunter Schmetterling durch die Lüfte. Kaum zu glauben, dass die gefräßige

und träge am Boden kriechende Raupe und der leichtflügelige Schmetterling ein und dasselbe

Lebewesen sein sollen. Und doch stellen sie Ausdrucksformen eines einzigen genetischen

Programms dar, das stufenweise abläuft.

45 Auch die körperliche Entwicklung des Menschen wird von einem genetischen Programm

gesteuert. Genügt dies, um uns eine Identität zu geben? Kennen wir nicht vor allem innere

Entwicklungen, Stufen, Brüche, Neuanfänge, die uns fragen lassen: Bin ich nach einer großen

Entscheidung noch der- oder dieselbe? Was, wenn ich mich selbst nicht wiedererkenne? Wenn

ich etwas getan habe, durch das mein bisheriges Selbstbild zusammenbricht? Oder wenn neue,

50 ungeahnte Fähigkeiten und Eigenschaften auftauchen?

Für unsere Identität als Person genügt der genetische Code nicht. Denn wir fragen nach der

Identität unseres „Ichs“, das manches frei gestalten kann und nicht nur genetisch gesteuert

wird. Unsere menschliche Persönlichkeit wächst und entfaltet sich primär durch Beziehung:

Der Mensch wird am Du zum Ich (Martin Buber 1). Erst in der persönlichen Beziehung wer-

55 den wir zur Person. Nur im Angesprochen-Werden lernen wir Wort und Antwort und finden

darin zu unserem eigentlichen Namen – als Chiffre 2 für unsere Identität. […]

Der 1. Johannesbrief sucht nach Worten für diese dynamische, nach vorne offene, sich erst in

der Zukunft realisierende Identität des Menschen: „Liebe Schwestern und Brüder, jetzt sind

wir Kinder Gottes. Aber was wir sein werden, ist noch nicht offenbar geworden“ (1 Joh 3,2).

60 Noch wissen wir also nicht, wie wir sein werden, wenn wir ganz in Gottes Liebe eingetaucht

sind. Wir wissen nur, dass wir ihm ähnlich sein werden als Ebenbilder seiner Liebe.

Der glaubende Mensch findet in Gott den Grund seiner Identität. Der Zuspruch Gottes lässt

den Menschen erfahren, dass er als Person gemeint und geliebt ist. Identität wird nicht durch

den genetischen Code gewährleistet, sondern durch den „Genesis-Code“: Denn die durch

65 menschliche Zuwendung und Ansprache gründende Identität wurzelt selbst wieder in einem

Urwort, im Schöpferwort Gottes. Gott ruft alles und jeden ins Dasein. Diese Welt wurde und

wird, weil Gott sie will. Jeder Mensch ist eine Person, weil er oder sie persönlich von Gott

gekannt und benannt wird. Die Bibel findet dafür sprechende Bilder: Gott ruft jeden Menschen

beim Namen und spricht ihn mit „Du“ an. Er schreibt den Namen des Menschen in seine

70 Hand – quasi zur Erinnerung, damit ihm dieser Name unvergesslich vor Augen steht. Dieser

geheime, noch verborgene Name macht mich einmalig. Die Erfahrung, von Gottes Liebe be-

schenkt zu sein, und der Wunsch, dieser Liebe zu antworten, bilden den tiefsten Grund mei-

ner Identität.

Die in Gott gegründete Identität jedes Menschen meint nichts Statisches. Im Unterschied zum

75 genetischen Code bedeutet der von Gott geschenkte Name kein Programm, das abläuft, sondern

das Versprechen einer ungeahnten Zukunft. Nicht mein Festhalten, sondern Gottes Treue zu

seinem Versprechen gibt Halt in allen Wandlungen und Wendungen des Lebens. Gott erweist

sich als treu – und zugleich als schöpferisch; sein Geist weht und wirkt dynamisch. Der Gott

der Bibel ist ein lebendiger Gott, der immer kreativ am Werk bleibt. Die Weltschöpfung ist

80 nicht abgeschlossen, sondern wir schwimmen mitten in diesem großen Strom. Die Geschichte

Gottes mit der Menschheit und jedem Einzelnen gleicht einem spannenden Drama, dessen

Ende noch offen steht. Denn die Mitspielenden sind frei, und es hängt auch von ihren Ent-

scheidungen ab, wie die Geschichte Gottes mit den Menschen weiterläuft und am Ende aus-

geht. […]

85 Der biblische Glaube an den lebendigen Gott erlaubt nicht nur Wandlungen, er provoziert

sie geradezu. Denn die von Gott geschenkte Identität meint gerade kein fixiertes Programm,

sondern eine Pro-vokation, eine Heraus-Rufung, die den Menschen weiter und höher führen

möchte. In immer neuen Herausforderungen des Lebens und der Geschichte kann und soll der

Mensch zugleich seine Beziehung zu Gott vertiefen. Auf neuen und ungeahnten Wegen kann

90 das Vertrauen auf Gott wachsen, der sich als treu erweist und dessen Versprechen von Nähe

und Liebe sich gerade im Unwägbaren bewährt. Die Identität des Glaubenden wird also nicht

durch ein Programm gestiftet, sondern durch eine Berufung; sie liegt nicht in der Herkunft

begründet, sondern in der Ausrichtung; sie besteht nicht in einem festgelegten Status, sondern

in einer lebendigen Beziehung. Diese gibt dem Menschen Halt, ohne ihn festzuhalten. Wer

95 sich glaubend in Gott verwurzelt, kann sich dadurch frei entfalten und entwickeln.

1 Martin Buber (1878 – 1965) war ein österreichisch-israelischer jüdischer Religionsphilosoph.

2 Chiffre: Kennzeichen.

1. Erarbeiten Sie, welches Thema der Text behandelt, wie der Gedankengang aufgebaut ist und welche Absicht der Text erkennen lässt. (26 Punkte)

Aufgabe HT 2 - Teilaufgabe 2: Biblisches Reden von Gott · Biblisches Reden von Gott: Gottesbilder

Materialgrundlage

Andreas Knapp*: Vom Segen der Zerbrechlichkeit. Würzburg ⁴2019, S. 61–72.

* Andreas Knapp (*1958) ist Priester und Poet. Als Mitglied der Ordensgemeinschaft der „Kleinen Brüder vom Evangelium“ lebt und arbeitet er in Leipzig.

Menschen entwickeln und befinden sich in einem Prozess ständiger Erneuerung. Wer sich

nicht mehr verändern will, dem droht Erschlaffen und Stagnation. Eine bekannte Geschichte

von Bert Brecht erzählt von Herrn Keuner, der einen alten Bekannten trifft. Dieser begrüßt

Herrn Keuner mit den Worten: „Sie haben sich gar nicht verändert!“ Was als Kompliment

5 gemeint war – nämlich nicht gealtert zu sein –, lässt Herrn Keuner erblassen und erbleichen.

Wer sich nicht mehr ändert, läuft Gefahr, zu verknöchern, zu verkalken, zu versteinern. […]

Der lebendige Mensch hingegen zeichnet sich wie alle Lebewesen durch Wachstum und

Wandlung aus. […]

Das tief in uns eingeschriebene Grundgesetz des Lebens befördert in uns eine Sehnsucht nach

10 Wechsel und Wandel. Leben drängt immer weiter, will sich entfalten und entwickeln. Zugleich

kennen wir auch die Angst vor Veränderungen. Denn was ich jetzt habe, damit bin ich ver-

traut. Manche Menschen umgeben sich gern mit toten Dingen – weil sie das Risiko und die

Unwägbarkeit des Lebendigen fürchten. Ein solches Leben gleicht allerdings einem Museum.

Die schön sortierten Schaustücke stammen aus einer anderen Zeit. Da erwartet einen nichts

15 Neues mehr, kein Risiko und keine Überraschung, weder Krise noch Kreatives. Stillstand aber

ist nur ein anderes Wort für Tod.

Das gilt auch für Beziehungen: Wie schön ist es, von einer alten Freundschaft zu schwärmen.

Denn da kann nichts mehr passieren. Wie gefährlich und aufregend gestaltet sich dagegen

eine lebendige Beziehung, derer man nie ganz sicher sein kann! Immer bleibt sie zerbrechlich,

20 bedroht, gefährdet, voller Überraschungen und Herausforderungen: Hier passiert etwas! Stets

bin ich gefordert, Altes zu verabschieden und neu zu werden. Wir spüren Angst vor solchen

Wandlungen, weil sie unser festes Gefüge durcheinanderbringen können. Die größte Angst

haben wir vor der größten Wandlung des Lebens: dem Sterben.

Wir Menschen kennen also zwei sich widersprechende Grundbedürfnisse. Zum einen wollen

25 wir Autonomie und Freiheit: Das heranwachsende Kind will die Dinge selber tun und von den

Eltern unabhängig werden. Wir sehnen uns nach Fortschritt, Entwicklung und Veränderung.

Wir suchen das Neue, das Risiko und das Abenteuer. Zum anderen steckt uns eine Angst vor

dem Neuen in den Knochen. Denn wir sind auch angewiesen auf feste Beziehungen und Ver-

lässlichkeit, auf Halt und Geborgenheit. Wir brauchen beides: das Vertraute und das Neue.

30 Je nach Persönlichkeit und Lebenssituation sind diese beiden gegensätzlichen Bedürfnisse

unterschiedlich ausgeprägt. Wie kann man diese Gegensätze leben?

Wenn alles fließt, wo finden wir Halt? Bin ich morgen noch derselbe wie heute? Ich will doch

nicht beliebig formbar oder gar manipulierbar sein, sondern mit mir selbst identisch bleiben.

Bei allen Veränderungen wünsche ich, mir selbst treu zu sein. Worin kann ich meine Identi-

35 tät festmachen? Interessanterweise zeigen wir alte Fotos aus unserer Kindheit, auf denen wir

kaum zu erkennen sind, und deuten darauf mit den Worten: „Das bin ich!“ oder: „Das war ich

als Kind.“

Was ist dieses „Ich“ als Träger und Garant meiner Identität?

In der Natur wird die Identität eines Lebewesens durch den genetischen Code garantiert. Aus

40 einem winzigen Ei entwickelt sich eine Raupe. Diese frisst sich fett, verpuppt sich und flattert

schließlich als bunter Schmetterling durch die Lüfte. Kaum zu glauben, dass die gefräßige

und träge am Boden kriechende Raupe und der leichtflügelige Schmetterling ein und dasselbe

Lebewesen sein sollen. Und doch stellen sie Ausdrucksformen eines einzigen genetischen

Programms dar, das stufenweise abläuft.

45 Auch die körperliche Entwicklung des Menschen wird von einem genetischen Programm

gesteuert. Genügt dies, um uns eine Identität zu geben? Kennen wir nicht vor allem innere

Entwicklungen, Stufen, Brüche, Neuanfänge, die uns fragen lassen: Bin ich nach einer großen

Entscheidung noch der- oder dieselbe? Was, wenn ich mich selbst nicht wiedererkenne? Wenn

ich etwas getan habe, durch das mein bisheriges Selbstbild zusammenbricht? Oder wenn neue,

50 ungeahnte Fähigkeiten und Eigenschaften auftauchen?

Für unsere Identität als Person genügt der genetische Code nicht. Denn wir fragen nach der

Identität unseres „Ichs“, das manches frei gestalten kann und nicht nur genetisch gesteuert

wird. Unsere menschliche Persönlichkeit wächst und entfaltet sich primär durch Beziehung:

Der Mensch wird am Du zum Ich (Martin Buber 1). Erst in der persönlichen Beziehung wer-

55 den wir zur Person. Nur im Angesprochen-Werden lernen wir Wort und Antwort und finden

darin zu unserem eigentlichen Namen – als Chiffre 2 für unsere Identität. […]

Der 1. Johannesbrief sucht nach Worten für diese dynamische, nach vorne offene, sich erst in

der Zukunft realisierende Identität des Menschen: „Liebe Schwestern und Brüder, jetzt sind

wir Kinder Gottes. Aber was wir sein werden, ist noch nicht offenbar geworden“ (1 Joh 3,2).

60 Noch wissen wir also nicht, wie wir sein werden, wenn wir ganz in Gottes Liebe eingetaucht

sind. Wir wissen nur, dass wir ihm ähnlich sein werden als Ebenbilder seiner Liebe.

Der glaubende Mensch findet in Gott den Grund seiner Identität. Der Zuspruch Gottes lässt

den Menschen erfahren, dass er als Person gemeint und geliebt ist. Identität wird nicht durch

den genetischen Code gewährleistet, sondern durch den „Genesis-Code“: Denn die durch

65 menschliche Zuwendung und Ansprache gründende Identität wurzelt selbst wieder in einem

Urwort, im Schöpferwort Gottes. Gott ruft alles und jeden ins Dasein. Diese Welt wurde und

wird, weil Gott sie will. Jeder Mensch ist eine Person, weil er oder sie persönlich von Gott

gekannt und benannt wird. Die Bibel findet dafür sprechende Bilder: Gott ruft jeden Menschen

beim Namen und spricht ihn mit „Du“ an. Er schreibt den Namen des Menschen in seine

70 Hand – quasi zur Erinnerung, damit ihm dieser Name unvergesslich vor Augen steht. Dieser

geheime, noch verborgene Name macht mich einmalig. Die Erfahrung, von Gottes Liebe be-

schenkt zu sein, und der Wunsch, dieser Liebe zu antworten, bilden den tiefsten Grund mei-

ner Identität.

Die in Gott gegründete Identität jedes Menschen meint nichts Statisches. Im Unterschied zum

75 genetischen Code bedeutet der von Gott geschenkte Name kein Programm, das abläuft, sondern

das Versprechen einer ungeahnten Zukunft. Nicht mein Festhalten, sondern Gottes Treue zu

seinem Versprechen gibt Halt in allen Wandlungen und Wendungen des Lebens. Gott erweist

sich als treu – und zugleich als schöpferisch; sein Geist weht und wirkt dynamisch. Der Gott

der Bibel ist ein lebendiger Gott, der immer kreativ am Werk bleibt. Die Weltschöpfung ist

80 nicht abgeschlossen, sondern wir schwimmen mitten in diesem großen Strom. Die Geschichte

Gottes mit der Menschheit und jedem Einzelnen gleicht einem spannenden Drama, dessen

Ende noch offen steht. Denn die Mitspielenden sind frei, und es hängt auch von ihren Ent-

scheidungen ab, wie die Geschichte Gottes mit den Menschen weiterläuft und am Ende aus-

geht. […]

85 Der biblische Glaube an den lebendigen Gott erlaubt nicht nur Wandlungen, er provoziert

sie geradezu. Denn die von Gott geschenkte Identität meint gerade kein fixiertes Programm,

sondern eine Pro-vokation, eine Heraus-Rufung, die den Menschen weiter und höher führen

möchte. In immer neuen Herausforderungen des Lebens und der Geschichte kann und soll der

Mensch zugleich seine Beziehung zu Gott vertiefen. Auf neuen und ungeahnten Wegen kann

90 das Vertrauen auf Gott wachsen, der sich als treu erweist und dessen Versprechen von Nähe

und Liebe sich gerade im Unwägbaren bewährt. Die Identität des Glaubenden wird also nicht

durch ein Programm gestiftet, sondern durch eine Berufung; sie liegt nicht in der Herkunft

begründet, sondern in der Ausrichtung; sie besteht nicht in einem festgelegten Status, sondern

in einer lebendigen Beziehung. Diese gibt dem Menschen Halt, ohne ihn festzuhalten. Wer

95 sich glaubend in Gott verwurzelt, kann sich dadurch frei entfalten und entwickeln.

1 Martin Buber (1878 – 1965) war ein österreichisch-israelischer jüdischer Religionsphilosoph.

2 Chiffre: Kennzeichen.

2. Untersuchen Sie jeweils an einer alttestamentlichen und an einer neutestamentlichen Textstelle, inwiefern die folgende Aussage Knapps zutrifft: „Der biblische Glaube an den lebendigen Gott erlaubt nicht nur Wandlungen, er provoziert sie geradezu. Denn die von Gott geschenkte Identität meint gerade kein fixiertes Programm, sondern eine Pro-vokation, eine Heraus-Rufung, die den Menschen weiter und höher führen möchte“ (Z. 85 – 88). (20 Punkte)

a)

b)

Aufgabe HT 2 - Teilaufgaben 3 und 4: Christliches Mensche… · Christliches Menschenbild und Würde des Lebens

Materialgrundlage

Andreas Knapp*: Vom Segen der Zerbrechlichkeit. Würzburg ⁴2019, S. 61–72.

* Andreas Knapp (*1958) ist Priester und Poet. Als Mitglied der Ordensgemeinschaft der „Kleinen Brüder vom Evangelium“ lebt und arbeitet er in Leipzig.

Menschen entwickeln und befinden sich in einem Prozess ständiger Erneuerung. Wer sich

nicht mehr verändern will, dem droht Erschlaffen und Stagnation. Eine bekannte Geschichte

von Bert Brecht erzählt von Herrn Keuner, der einen alten Bekannten trifft. Dieser begrüßt

Herrn Keuner mit den Worten: „Sie haben sich gar nicht verändert!“ Was als Kompliment

5 gemeint war – nämlich nicht gealtert zu sein –, lässt Herrn Keuner erblassen und erbleichen.

Wer sich nicht mehr ändert, läuft Gefahr, zu verknöchern, zu verkalken, zu versteinern. […]

Der lebendige Mensch hingegen zeichnet sich wie alle Lebewesen durch Wachstum und

Wandlung aus. […]

Das tief in uns eingeschriebene Grundgesetz des Lebens befördert in uns eine Sehnsucht nach

10 Wechsel und Wandel. Leben drängt immer weiter, will sich entfalten und entwickeln. Zugleich

kennen wir auch die Angst vor Veränderungen. Denn was ich jetzt habe, damit bin ich ver-

traut. Manche Menschen umgeben sich gern mit toten Dingen – weil sie das Risiko und die

Unwägbarkeit des Lebendigen fürchten. Ein solches Leben gleicht allerdings einem Museum.

Die schön sortierten Schaustücke stammen aus einer anderen Zeit. Da erwartet einen nichts

15 Neues mehr, kein Risiko und keine Überraschung, weder Krise noch Kreatives. Stillstand aber

ist nur ein anderes Wort für Tod.

Das gilt auch für Beziehungen: Wie schön ist es, von einer alten Freundschaft zu schwärmen.

Denn da kann nichts mehr passieren. Wie gefährlich und aufregend gestaltet sich dagegen

eine lebendige Beziehung, derer man nie ganz sicher sein kann! Immer bleibt sie zerbrechlich,

20 bedroht, gefährdet, voller Überraschungen und Herausforderungen: Hier passiert etwas! Stets

bin ich gefordert, Altes zu verabschieden und neu zu werden. Wir spüren Angst vor solchen

Wandlungen, weil sie unser festes Gefüge durcheinanderbringen können. Die größte Angst

haben wir vor der größten Wandlung des Lebens: dem Sterben.

Wir Menschen kennen also zwei sich widersprechende Grundbedürfnisse. Zum einen wollen

25 wir Autonomie und Freiheit: Das heranwachsende Kind will die Dinge selber tun und von den

Eltern unabhängig werden. Wir sehnen uns nach Fortschritt, Entwicklung und Veränderung.

Wir suchen das Neue, das Risiko und das Abenteuer. Zum anderen steckt uns eine Angst vor

dem Neuen in den Knochen. Denn wir sind auch angewiesen auf feste Beziehungen und Ver-

lässlichkeit, auf Halt und Geborgenheit. Wir brauchen beides: das Vertraute und das Neue.

30 Je nach Persönlichkeit und Lebenssituation sind diese beiden gegensätzlichen Bedürfnisse

unterschiedlich ausgeprägt. Wie kann man diese Gegensätze leben?

Wenn alles fließt, wo finden wir Halt? Bin ich morgen noch derselbe wie heute? Ich will doch

nicht beliebig formbar oder gar manipulierbar sein, sondern mit mir selbst identisch bleiben.

Bei allen Veränderungen wünsche ich, mir selbst treu zu sein. Worin kann ich meine Identi-

35 tät festmachen? Interessanterweise zeigen wir alte Fotos aus unserer Kindheit, auf denen wir

kaum zu erkennen sind, und deuten darauf mit den Worten: „Das bin ich!“ oder: „Das war ich

als Kind.“

Was ist dieses „Ich“ als Träger und Garant meiner Identität?

In der Natur wird die Identität eines Lebewesens durch den genetischen Code garantiert. Aus

40 einem winzigen Ei entwickelt sich eine Raupe. Diese frisst sich fett, verpuppt sich und flattert

schließlich als bunter Schmetterling durch die Lüfte. Kaum zu glauben, dass die gefräßige

und träge am Boden kriechende Raupe und der leichtflügelige Schmetterling ein und dasselbe

Lebewesen sein sollen. Und doch stellen sie Ausdrucksformen eines einzigen genetischen

Programms dar, das stufenweise abläuft.

45 Auch die körperliche Entwicklung des Menschen wird von einem genetischen Programm

gesteuert. Genügt dies, um uns eine Identität zu geben? Kennen wir nicht vor allem innere

Entwicklungen, Stufen, Brüche, Neuanfänge, die uns fragen lassen: Bin ich nach einer großen

Entscheidung noch der- oder dieselbe? Was, wenn ich mich selbst nicht wiedererkenne? Wenn

ich etwas getan habe, durch das mein bisheriges Selbstbild zusammenbricht? Oder wenn neue,

50 ungeahnte Fähigkeiten und Eigenschaften auftauchen?

Für unsere Identität als Person genügt der genetische Code nicht. Denn wir fragen nach der

Identität unseres „Ichs“, das manches frei gestalten kann und nicht nur genetisch gesteuert

wird. Unsere menschliche Persönlichkeit wächst und entfaltet sich primär durch Beziehung:

Der Mensch wird am Du zum Ich (Martin Buber 1). Erst in der persönlichen Beziehung wer-

55 den wir zur Person. Nur im Angesprochen-Werden lernen wir Wort und Antwort und finden

darin zu unserem eigentlichen Namen – als Chiffre 2 für unsere Identität. […]

Der 1. Johannesbrief sucht nach Worten für diese dynamische, nach vorne offene, sich erst in

der Zukunft realisierende Identität des Menschen: „Liebe Schwestern und Brüder, jetzt sind

wir Kinder Gottes. Aber was wir sein werden, ist noch nicht offenbar geworden“ (1 Joh 3,2).

60 Noch wissen wir also nicht, wie wir sein werden, wenn wir ganz in Gottes Liebe eingetaucht

sind. Wir wissen nur, dass wir ihm ähnlich sein werden als Ebenbilder seiner Liebe.

Der glaubende Mensch findet in Gott den Grund seiner Identität. Der Zuspruch Gottes lässt

den Menschen erfahren, dass er als Person gemeint und geliebt ist. Identität wird nicht durch

den genetischen Code gewährleistet, sondern durch den „Genesis-Code“: Denn die durch

65 menschliche Zuwendung und Ansprache gründende Identität wurzelt selbst wieder in einem

Urwort, im Schöpferwort Gottes. Gott ruft alles und jeden ins Dasein. Diese Welt wurde und

wird, weil Gott sie will. Jeder Mensch ist eine Person, weil er oder sie persönlich von Gott

gekannt und benannt wird. Die Bibel findet dafür sprechende Bilder: Gott ruft jeden Menschen

beim Namen und spricht ihn mit „Du“ an. Er schreibt den Namen des Menschen in seine

70 Hand – quasi zur Erinnerung, damit ihm dieser Name unvergesslich vor Augen steht. Dieser

geheime, noch verborgene Name macht mich einmalig. Die Erfahrung, von Gottes Liebe be-

schenkt zu sein, und der Wunsch, dieser Liebe zu antworten, bilden den tiefsten Grund mei-

ner Identität.

Die in Gott gegründete Identität jedes Menschen meint nichts Statisches. Im Unterschied zum

75 genetischen Code bedeutet der von Gott geschenkte Name kein Programm, das abläuft, sondern

das Versprechen einer ungeahnten Zukunft. Nicht mein Festhalten, sondern Gottes Treue zu

seinem Versprechen gibt Halt in allen Wandlungen und Wendungen des Lebens. Gott erweist

sich als treu – und zugleich als schöpferisch; sein Geist weht und wirkt dynamisch. Der Gott

der Bibel ist ein lebendiger Gott, der immer kreativ am Werk bleibt. Die Weltschöpfung ist

80 nicht abgeschlossen, sondern wir schwimmen mitten in diesem großen Strom. Die Geschichte

Gottes mit der Menschheit und jedem Einzelnen gleicht einem spannenden Drama, dessen

Ende noch offen steht. Denn die Mitspielenden sind frei, und es hängt auch von ihren Ent-

scheidungen ab, wie die Geschichte Gottes mit den Menschen weiterläuft und am Ende aus-

geht. […]

85 Der biblische Glaube an den lebendigen Gott erlaubt nicht nur Wandlungen, er provoziert

sie geradezu. Denn die von Gott geschenkte Identität meint gerade kein fixiertes Programm,

sondern eine Pro-vokation, eine Heraus-Rufung, die den Menschen weiter und höher führen

möchte. In immer neuen Herausforderungen des Lebens und der Geschichte kann und soll der

Mensch zugleich seine Beziehung zu Gott vertiefen. Auf neuen und ungeahnten Wegen kann

90 das Vertrauen auf Gott wachsen, der sich als treu erweist und dessen Versprechen von Nähe

und Liebe sich gerade im Unwägbaren bewährt. Die Identität des Glaubenden wird also nicht

durch ein Programm gestiftet, sondern durch eine Berufung; sie liegt nicht in der Herkunft

begründet, sondern in der Ausrichtung; sie besteht nicht in einem festgelegten Status, sondern

in einer lebendigen Beziehung. Diese gibt dem Menschen Halt, ohne ihn festzuhalten. Wer

95 sich glaubend in Gott verwurzelt, kann sich dadurch frei entfalten und entwickeln.

1 Martin Buber (1878 – 1965) war ein österreichisch-israelischer jüdischer Religionsphilosoph.

2 Chiffre: Kennzeichen.

3.

Entfalten Sie, welche Aspekte des christlichen Menschenbildes in Kapitel IV der Gemeinsamen Erklärung „Gott ist ein Freund des Lebens“ hervortreten, und vergleichen Sie anschließend Knapps Aussagen mit denen der Gemeinsamen Erklärung. (18 Punkte)

4.

Setzen Sie sich unter Einbeziehung Ihrer bisherigen Ergebnisse mit der Frage auseinander, ob der von Knapp dargestellte „Genesis-Code“ (Z. 64) einem Menschen in existenziellen Krisen (z. B. Krieg und Flucht, Krankheit, Mobbing, Tod und Trauer) Halt geben kann. (16 Punkte)

Aufgabe HT 3 - Teilaufgabe 1: Texterschließung · Texterschließung: Thema, Gedankengang und Intention

M 1

Peter Knauer*: Erlösung aus der Theodizeefrage

1 In der sogenannten Theodizeefrage geht es um die „Rechtfertigung Gottes“: Wie kann ein angeblich „allmächtiger“ und zugleich „guter“ Gott soviel Leid und Böses zulassen? Und für viele stellt diese Theodizeefrage den schwierigsten Einwand gegen den Glauben dar. Sogar die meisten Theologen halten das Theodizeeproblem für unlösbar und erhoffen sich eine Ant- 5 wort erst im Jenseits.

Es ist eigentlich erstaunlich, dass die Christenheit sich nach zweitausend Jahren immer noch mit dieser Frage herumquält. Denn die christliche Botschaft hat doch geradezu ihr ganzes Ziel darin, diese Frage von vornherein aus ihren Angeln zu heben und gegenstandslos zu machen. Sie wird von der christlichen Botschaft durch die andere Frage ersetzt, was der 10 Glaube für unseren Umgang mit dem Leid ausmacht. Er bewirkt, dass man im Leid nicht mehr verzweifeln muss und eine Gewissheit gewinnt, die stärker als alle Angst um sich selbst ist.

Bereits Paulus schreibt im Römerbrief: „Wer kann uns scheiden von der Liebe Christi? Be- drängnis oder Not oder Verfolgung, Hunger oder Kälte, Gefahr oder Schwert? … Denn ich bin gewiss: Weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte, weder Gegenwärtiges noch 15 Zukünftiges, weder Gewalten der Höhe oder Tiefe noch irgendeine andere Kreatur können uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn.“ (Röm 8,35.38-39) Wie kann dann noch Bedrängnis oder Not oder Verfolgung ein Einwand gegen diesen Glauben sein? […]

Die übliche Theodizeefrage geht von zwei falschen Voraussetzungen aus. Erstens bestehe die 20 Allmacht Gottes darin, dass er alles Mögliche können müsste. Man weiß nur leider nie, ob er es auch tatsächlich tun wird. Die Allmacht Gottes wäre also ein unberechenbarer Faktor, mit dem man dennoch rechnen müsste. In diesem Verständnis läuft das Vertrauen auf Gottes All- macht im Grunde auf ein Blindekuhspiel 1 hinaus.

Zweitens müsse die Güte Gottes darin bestehen, dafür zu sorgen, dass es einem gut geht. 25 Wenn man gesund und erfolgreich ist, dann erfährt man Gottes Liebe. Ist man dagegen krank und elend, dann ist Gott offenbar in weiter Ferne. Was kann unheilvoller sein als diese Auf- fassung? Wenn man von irgendetwas erlöst werden muss, dann doch von dieser Meinung, die angesichts unserer Todesverfallenheit tatsächlich nur zur Verzweiflung führen kann.

Zutreffend ist die Beobachtung, dass es grundsätzlich keine Antwort auf die Theodizeefrage 30 geben kann. Das liegt aber nicht an der Beschränktheit unseres Denkens. Die Theodizeefrage geht vielmehr selbst von logisch widersprüchlichen und damit unsinnigen Voraussetzungen aus: Gott wird als ein Systembestandteil der Welt gedacht, von dem man herleiten kann, was in der Welt der Fall zu sein hat.

Die christliche Botschaft bringt ein ganz anderes Gottesverständnis mit sich. Nach dem bib- 35 lischen Gottesverständnis ist von vornherein alle weltliche Wirklichkeit solcherart, dass sie ohne Gott nicht sein kann. Das gilt auch für das Leid, das Böse und den Tod. Von Gott ist nur dann wirklich die Rede, wenn überhaupt alles mit ihm zu tun hat. Die Welt ist aus dem Nichts geschaffen, das heißt: Könnte man ihr Geschaffensein beseitigen, bliebe nichts von ihr übrig. Wenn die wirkliche Welt der Grund unserer Rede von Gott ist, dann kann man nicht hinter- 40 her den so erkannten Gott gegen die Welt ausspielen.

Gott selbst fällt nicht unter Begriffe. Wir können von ihm immer nur das von ihm Verschie- dene begreifen, das auf ihn verweist. Die Welt wird also nicht durch Gott, sondern durch ihr Bezogensein auf Gott erklärt. Gott ist, „ohne wen nichts ist“. Von ihm kann nur „analog“, hinweisend, überhaupt gesprochen werden.

45 Geschöpflichkeit bedeutet also, dass alles in der Welt restlos in einem einseitigen Bezogen- sein auf Gott aufgeht. Dem Versuch, in der umgekehrten Richtung von Gott her irgendetwas über die Welt herzuleiten, geht damit jede reale Grundlage ab. Man kann nur von dem ausge- hen, was wirklich geschieht, und sagen, dass es ohne Gott nicht sein kann. Gott ist nicht im bloß potentiellen Sinn „allmächtig“, dass er nur beliebiges Mögliche könnte, sondern er ist 50 „in allem mächtig“.

Natürlich ist es sinnvoll, nach den Ursachen eines Flugzeugabsturzes zu fragen, um ihnen in Zukunft vorzubeugen. Aber die Frage, warum Gott einen Flugzeugabsturz nicht verhindert, bedeutet wegen ihrer logisch widersprüchlichen Voraussetzung, dass es möglich sei, etwas von Gott herzuleiten, sinnlos vertane Zeit.

55 Aus der bloßen Bedeutung des Wortes „Gott“ für sich allein weiß man allerdings noch nicht, wie Gott zum Menschen steht. […] Auf diese Frage antwortet erst das „Wort Gottes“. In ihm wird uns von Jesus her zugesagt und geschieht, dass Gott uns mit einer Liebe zugewandt ist, die an nichts Geschöpflichem ihr Maß hat und deshalb auch nicht an der Welt ablesbar ist. Sie ist vielmehr die Liebe Gottes zu Gott, des Vaters zum Sohn, in die wir aufgenommen 60 werden. Dies ist eine Gemeinschaft mit Gott, die im Leben und Sterben Bestand hat. Sie kann die Angst um uns selbst gerade deshalb entmachten, weil Gott der ist, der in allem mächtig ist. Denn dann kommt keine Macht der Welt dagegen an, dass wir im Leben und Sterben in der Gemeinschaft mit ihm geborgen bleiben.

Das bedeutet natürlich nicht, dass einem das Sterben erspart wird, sondern dass auch der Tod 65 uns nicht aus der Geborgenheit in der Gemeinschaft mit Gott herausreißen kann.

Alles, was geschieht, ist von vornherein in Gottes Hand: Deshalb kennt die christliche Bot- schaft kein anderes „besonderes Eingreifen“ Gottes in die Welt als seine Selbstmitteilung in mitmenschlichem Wort zur Ermöglichung gemeinschaftlichen Glaubens und selbstloser Liebe.

70 Außerhalb der Gemeinschaft mit Gott betrachtet, ist die ganze Welt letztlich ein Gleichnis der Hölle: Der Tod hat das letzte Wort, und kein Glück der Welt kommt dagegen an (vgl. Lk 12,16–21).

Im Glauben dagegen gilt von der gleichen Welt umgekehrt: Sie ist Gleichnis der ewigen Ge- meinschaft mit Gott, in der wir jetzt schon leben. Jede noch so geringe und vergängliche gute 75 Erfahrung wird uns zum Gleichnis des Himmels. Sie wird zum Gleichnis der Gemeinschaft mit Gott, gegen die kein Leid und kein Tod ankommt. Der Tod hat jeden Gleichnischarakter für ewiges Unheil verloren. Er verhindert nur, dass man die Welt, anstatt sie als Gleichnis des Himmels zu sehen, mit ihm selbst verwechselt. Auch in der Klage im Leid vertrauen wir auf einen Gott, in dessen Liebe wir im Leben und Sterben geborgen sind.

1 Blindekuhspiel: ein vor allem von Kindern gespieltes Spiel, in dem es darum geht, sich mit verbundenen Augen zu orientieren, die Mitspielenden zu fangen und deren Namen zu erraten.

* Peter Knauer (*1935) ist römisch-katholischer Theologe, Priester und Mitglied des Jesuitenordens und war Professor für Dogmatik und Fundamentaltheologie.

Quelle: Knauer, Peter: Erlösung aus der Theodizeefrage. In: Communitas. Périodique bimestriel: Foyer Catholique Européen, Novembre 2004, S. 16 – 17, http://peter-knauer.de/30.html (Zugriff am 27.04.2022).

M 2

Esther Maria Magnis**: Gott braucht dich nicht. Eine Bekehrung

In ihrem autobiografischen Buch „Gott braucht dich nicht. Eine Bekehrung“ beschreibt Esther Maria Magnis, wie sie angesichts eigener Schicksalsschläge ihren Glaubensweg gegangen ist. Als Jugendliche verlor sie ihren Vater, wenige Jahre darauf auch ihren Bruder. Dadurch wurde ihr Glaube an Gott aufs Tiefste erschüttert. Sie hinterfragte den Glauben kritisch und wandte sich von Gott ab. Im Buch legt sie jedoch auch dar, weshalb sie heute wieder glaubt und weshalb in ihrem Glauben Zweifel Platz haben dürfen. Bei der im folgenden Auszug erwähnten Steffi handelt es sich um ihre Schwester.

„Ja, Papa stirbt.“ [D]agegen konnte ich nur versteinern. Oder ausrasten, mir ein Schwert machen lassen und jeden bedrohen, der so über meinen Vater lügt. Papas Leben ist Papa. Unser Leben sind wir. Wenn es kein Leben mehr gibt, gibt es uns nicht. Und das ist die größte Frechheit, das ist das Hässlichste, was man über einen Menschen sagen kann, dieses: Er ist 5 tot. […] Wie konnten Menschen sagen: „Esther, du musst ihn gehen lassen“ – wohin denn? Wohin sollte ich ihn gehen lassen. Ich lasse niemanden, den ich liebe, gehen ins Nichts, ich lasse niemanden, der zu mir gehört, in den Tod gehen. Mir schlug das Herz bis in den Hals.

„Aber was ist denn mit Gott?“, sagte ich und löste mich wütend aus [Steffis] Umarmung. „Ich mein, es stimmt doch nicht, Steffi. Es gibt doch Gott. Weißte doch selber. Das ist doch nicht 10 alles nur Quatsch.“ […]

„Als ich Gott gebeten habe, mir was zu sagen, hatte ich das Gefühl, dass er das eh wollte.“ Ich sah sie an. „Dass er schon drauf gewartet hatte oder so. Weißte?“

„Ja, glaub schon“, sagte sie und nahm den Schal vom Mund.

„Dann lag da diese Bibel, die ich mir für den Reli-Unterricht kaufen musste. Unter meinen 15 Büchern. BIBEL stand da fett drauf – wie so ‚HALLO, HIER‘. Ich hab sie aufgeschlagen.“

Sie drehte mir ihr Gesicht zu. „Und?“

„Da stand – ich hab mir das angestrichen –, genau weiß ich es nicht mehr, aber das Erste, was ich gelesen habe, war: Wenn du willst, dass sich der Berg erhebt und ins Meer stürzt, dann wird er es tun, wenn du nur fest genug glaubst. Wenn du so darum bittest, als hättest du’s 20 schon empfangen.“

„Mh.“ Sie lächelte beinah. Nur beinah, und auf ihrer Stirn war diese kleine, steile Falte auf- geworfen, die damals noch verschwand, wenn sie aufhörte, an den Tod zu denken. „Is’ ja krass.“ […]

Ab diesem Tag begann ich, mein ganzes Vertrauen Gott zu schenken und zu glauben, dass 25 sich der Berg erheben und ins Meer stürzen würde, dass Papa gesund würde, weil ich betete, als hätte ich’s schon empfangen. Den letzten Zweifel verscheucht. Danke, dass du uns helfen willst. Danke, dass du Papa gesund machst. Ich sprach zu ihm, den ich am Meer ahnen durfte. Ich gab ihm den Glauben aus meiner frühesten Kindheit.

Und ein halbes Jahr später habe ich das Stockwerk des Krankenhauses zusammengeschrien 30 und kurz vorm Wahnsinn gedacht, ich müsse mir die Haut vom Gesicht reißen, als ich meinen Vater tot im Bett liegen sah.

Danach bin ich verstummt.

Totenstille die ganze Welt.

Still und kalt. Wie wenn Schnee gefallen ist. Ohne Gott. Ohne mich. Und keine Regung mehr.

** Esther Maria Magnis (*1980) ist Religionswissenschaftlerin, Historikerin und Autorin.

Quelle: Magnis, Esther Maria: Gott braucht dich nicht. Eine Bekehrung. Reinbek 2014, S. 72 – 75.

1. Erarbeiten Sie, welches Thema der Text von Peter Knauer (M 1) behandelt, wie sich der Gedankengang entwickelt und welche Intention darin erkennbar wird. [24 Punkte]

a)

b)

c)

Aufgabe HT 3 - Teilaufgabe 2: Biblisches Reden von Gott · Biblisches Reden von Gott: Gottesbilder

M 1

Peter Knauer*: Erlösung aus der Theodizeefrage

1 In der sogenannten Theodizeefrage geht es um die „Rechtfertigung Gottes“: Wie kann ein angeblich „allmächtiger“ und zugleich „guter“ Gott soviel Leid und Böses zulassen? Und für viele stellt diese Theodizeefrage den schwierigsten Einwand gegen den Glauben dar. Sogar die meisten Theologen halten das Theodizeeproblem für unlösbar und erhoffen sich eine Ant- 5 wort erst im Jenseits.

Es ist eigentlich erstaunlich, dass die Christenheit sich nach zweitausend Jahren immer noch mit dieser Frage herumquält. Denn die christliche Botschaft hat doch geradezu ihr ganzes Ziel darin, diese Frage von vornherein aus ihren Angeln zu heben und gegenstandslos zu machen. Sie wird von der christlichen Botschaft durch die andere Frage ersetzt, was der 10 Glaube für unseren Umgang mit dem Leid ausmacht. Er bewirkt, dass man im Leid nicht mehr verzweifeln muss und eine Gewissheit gewinnt, die stärker als alle Angst um sich selbst ist.

Bereits Paulus schreibt im Römerbrief: „Wer kann uns scheiden von der Liebe Christi? Be- drängnis oder Not oder Verfolgung, Hunger oder Kälte, Gefahr oder Schwert? … Denn ich bin gewiss: Weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte, weder Gegenwärtiges noch 15 Zukünftiges, weder Gewalten der Höhe oder Tiefe noch irgendeine andere Kreatur können uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn.“ (Röm 8,35.38-39) Wie kann dann noch Bedrängnis oder Not oder Verfolgung ein Einwand gegen diesen Glauben sein? […]

Die übliche Theodizeefrage geht von zwei falschen Voraussetzungen aus. Erstens bestehe die 20 Allmacht Gottes darin, dass er alles Mögliche können müsste. Man weiß nur leider nie, ob er es auch tatsächlich tun wird. Die Allmacht Gottes wäre also ein unberechenbarer Faktor, mit dem man dennoch rechnen müsste. In diesem Verständnis läuft das Vertrauen auf Gottes All- macht im Grunde auf ein Blindekuhspiel 1 hinaus.

Zweitens müsse die Güte Gottes darin bestehen, dafür zu sorgen, dass es einem gut geht. 25 Wenn man gesund und erfolgreich ist, dann erfährt man Gottes Liebe. Ist man dagegen krank und elend, dann ist Gott offenbar in weiter Ferne. Was kann unheilvoller sein als diese Auf- fassung? Wenn man von irgendetwas erlöst werden muss, dann doch von dieser Meinung, die angesichts unserer Todesverfallenheit tatsächlich nur zur Verzweiflung führen kann.

Zutreffend ist die Beobachtung, dass es grundsätzlich keine Antwort auf die Theodizeefrage 30 geben kann. Das liegt aber nicht an der Beschränktheit unseres Denkens. Die Theodizeefrage geht vielmehr selbst von logisch widersprüchlichen und damit unsinnigen Voraussetzungen aus: Gott wird als ein Systembestandteil der Welt gedacht, von dem man herleiten kann, was in der Welt der Fall zu sein hat.

Die christliche Botschaft bringt ein ganz anderes Gottesverständnis mit sich. Nach dem bib- 35 lischen Gottesverständnis ist von vornherein alle weltliche Wirklichkeit solcherart, dass sie ohne Gott nicht sein kann. Das gilt auch für das Leid, das Böse und den Tod. Von Gott ist nur dann wirklich die Rede, wenn überhaupt alles mit ihm zu tun hat. Die Welt ist aus dem Nichts geschaffen, das heißt: Könnte man ihr Geschaffensein beseitigen, bliebe nichts von ihr übrig. Wenn die wirkliche Welt der Grund unserer Rede von Gott ist, dann kann man nicht hinter- 40 her den so erkannten Gott gegen die Welt ausspielen.

Gott selbst fällt nicht unter Begriffe. Wir können von ihm immer nur das von ihm Verschie- dene begreifen, das auf ihn verweist. Die Welt wird also nicht durch Gott, sondern durch ihr Bezogensein auf Gott erklärt. Gott ist, „ohne wen nichts ist“. Von ihm kann nur „analog“, hinweisend, überhaupt gesprochen werden.

45 Geschöpflichkeit bedeutet also, dass alles in der Welt restlos in einem einseitigen Bezogen- sein auf Gott aufgeht. Dem Versuch, in der umgekehrten Richtung von Gott her irgendetwas über die Welt herzuleiten, geht damit jede reale Grundlage ab. Man kann nur von dem ausge- hen, was wirklich geschieht, und sagen, dass es ohne Gott nicht sein kann. Gott ist nicht im bloß potentiellen Sinn „allmächtig“, dass er nur beliebiges Mögliche könnte, sondern er ist 50 „in allem mächtig“.

Natürlich ist es sinnvoll, nach den Ursachen eines Flugzeugabsturzes zu fragen, um ihnen in Zukunft vorzubeugen. Aber die Frage, warum Gott einen Flugzeugabsturz nicht verhindert, bedeutet wegen ihrer logisch widersprüchlichen Voraussetzung, dass es möglich sei, etwas von Gott herzuleiten, sinnlos vertane Zeit.

55 Aus der bloßen Bedeutung des Wortes „Gott“ für sich allein weiß man allerdings noch nicht, wie Gott zum Menschen steht. […] Auf diese Frage antwortet erst das „Wort Gottes“. In ihm wird uns von Jesus her zugesagt und geschieht, dass Gott uns mit einer Liebe zugewandt ist, die an nichts Geschöpflichem ihr Maß hat und deshalb auch nicht an der Welt ablesbar ist. Sie ist vielmehr die Liebe Gottes zu Gott, des Vaters zum Sohn, in die wir aufgenommen 60 werden. Dies ist eine Gemeinschaft mit Gott, die im Leben und Sterben Bestand hat. Sie kann die Angst um uns selbst gerade deshalb entmachten, weil Gott der ist, der in allem mächtig ist. Denn dann kommt keine Macht der Welt dagegen an, dass wir im Leben und Sterben in der Gemeinschaft mit ihm geborgen bleiben.

Das bedeutet natürlich nicht, dass einem das Sterben erspart wird, sondern dass auch der Tod 65 uns nicht aus der Geborgenheit in der Gemeinschaft mit Gott herausreißen kann.

Alles, was geschieht, ist von vornherein in Gottes Hand: Deshalb kennt die christliche Bot- schaft kein anderes „besonderes Eingreifen“ Gottes in die Welt als seine Selbstmitteilung in mitmenschlichem Wort zur Ermöglichung gemeinschaftlichen Glaubens und selbstloser Liebe.

70 Außerhalb der Gemeinschaft mit Gott betrachtet, ist die ganze Welt letztlich ein Gleichnis der Hölle: Der Tod hat das letzte Wort, und kein Glück der Welt kommt dagegen an (vgl. Lk 12,16–21).

Im Glauben dagegen gilt von der gleichen Welt umgekehrt: Sie ist Gleichnis der ewigen Ge- meinschaft mit Gott, in der wir jetzt schon leben. Jede noch so geringe und vergängliche gute 75 Erfahrung wird uns zum Gleichnis des Himmels. Sie wird zum Gleichnis der Gemeinschaft mit Gott, gegen die kein Leid und kein Tod ankommt. Der Tod hat jeden Gleichnischarakter für ewiges Unheil verloren. Er verhindert nur, dass man die Welt, anstatt sie als Gleichnis des Himmels zu sehen, mit ihm selbst verwechselt. Auch in der Klage im Leid vertrauen wir auf einen Gott, in dessen Liebe wir im Leben und Sterben geborgen sind.

1 Blindekuhspiel: ein vor allem von Kindern gespieltes Spiel, in dem es darum geht, sich mit verbundenen Augen zu orientieren, die Mitspielenden zu fangen und deren Namen zu erraten.

* Peter Knauer (*1935) ist römisch-katholischer Theologe, Priester und Mitglied des Jesuitenordens und war Professor für Dogmatik und Fundamentaltheologie.

Quelle: Knauer, Peter: Erlösung aus der Theodizeefrage. In: Communitas. Périodique bimestriel: Foyer Catholique Européen, Novembre 2004, S. 16 – 17, http://peter-knauer.de/30.html (Zugriff am 27.04.2022).

M 2

Esther Maria Magnis**: Gott braucht dich nicht. Eine Bekehrung

In ihrem autobiografischen Buch „Gott braucht dich nicht. Eine Bekehrung“ beschreibt Esther Maria Magnis, wie sie angesichts eigener Schicksalsschläge ihren Glaubensweg gegangen ist. Als Jugendliche verlor sie ihren Vater, wenige Jahre darauf auch ihren Bruder. Dadurch wurde ihr Glaube an Gott aufs Tiefste erschüttert. Sie hinterfragte den Glauben kritisch und wandte sich von Gott ab. Im Buch legt sie jedoch auch dar, weshalb sie heute wieder glaubt und weshalb in ihrem Glauben Zweifel Platz haben dürfen. Bei der im folgenden Auszug erwähnten Steffi handelt es sich um ihre Schwester.

„Ja, Papa stirbt.“ [D]agegen konnte ich nur versteinern. Oder ausrasten, mir ein Schwert machen lassen und jeden bedrohen, der so über meinen Vater lügt. Papas Leben ist Papa. Unser Leben sind wir. Wenn es kein Leben mehr gibt, gibt es uns nicht. Und das ist die größte Frechheit, das ist das Hässlichste, was man über einen Menschen sagen kann, dieses: Er ist 5 tot. […] Wie konnten Menschen sagen: „Esther, du musst ihn gehen lassen“ – wohin denn? Wohin sollte ich ihn gehen lassen. Ich lasse niemanden, den ich liebe, gehen ins Nichts, ich lasse niemanden, der zu mir gehört, in den Tod gehen. Mir schlug das Herz bis in den Hals.

„Aber was ist denn mit Gott?“, sagte ich und löste mich wütend aus [Steffis] Umarmung. „Ich mein, es stimmt doch nicht, Steffi. Es gibt doch Gott. Weißte doch selber. Das ist doch nicht 10 alles nur Quatsch.“ […]

„Als ich Gott gebeten habe, mir was zu sagen, hatte ich das Gefühl, dass er das eh wollte.“ Ich sah sie an. „Dass er schon drauf gewartet hatte oder so. Weißte?“

„Ja, glaub schon“, sagte sie und nahm den Schal vom Mund.

„Dann lag da diese Bibel, die ich mir für den Reli-Unterricht kaufen musste. Unter meinen 15 Büchern. BIBEL stand da fett drauf – wie so ‚HALLO, HIER‘. Ich hab sie aufgeschlagen.“

Sie drehte mir ihr Gesicht zu. „Und?“

„Da stand – ich hab mir das angestrichen –, genau weiß ich es nicht mehr, aber das Erste, was ich gelesen habe, war: Wenn du willst, dass sich der Berg erhebt und ins Meer stürzt, dann wird er es tun, wenn du nur fest genug glaubst. Wenn du so darum bittest, als hättest du’s 20 schon empfangen.“

„Mh.“ Sie lächelte beinah. Nur beinah, und auf ihrer Stirn war diese kleine, steile Falte auf- geworfen, die damals noch verschwand, wenn sie aufhörte, an den Tod zu denken. „Is’ ja krass.“ […]

Ab diesem Tag begann ich, mein ganzes Vertrauen Gott zu schenken und zu glauben, dass 25 sich der Berg erheben und ins Meer stürzen würde, dass Papa gesund würde, weil ich betete, als hätte ich’s schon empfangen. Den letzten Zweifel verscheucht. Danke, dass du uns helfen willst. Danke, dass du Papa gesund machst. Ich sprach zu ihm, den ich am Meer ahnen durfte. Ich gab ihm den Glauben aus meiner frühesten Kindheit.

Und ein halbes Jahr später habe ich das Stockwerk des Krankenhauses zusammengeschrien 30 und kurz vorm Wahnsinn gedacht, ich müsse mir die Haut vom Gesicht reißen, als ich meinen Vater tot im Bett liegen sah.

Danach bin ich verstummt.

Totenstille die ganze Welt.

Still und kalt. Wie wenn Schnee gefallen ist. Ohne Gott. Ohne mich. Und keine Regung mehr.

** Esther Maria Magnis (*1980) ist Religionswissenschaftlerin, Historikerin und Autorin.

Quelle: Magnis, Esther Maria: Gott braucht dich nicht. Eine Bekehrung. Reinbek 2014, S. 72 – 75.

2. Entfalten Sie zentrale Aussagen des jüdisch-christlichen Gottesverständnisses jeweils anhand einer Stelle aus dem Alten und aus dem Neuen Testament; prüfen Sie danach, inwiefern die nachstehende Aussage dem jüdisch-christlichen Gottesverständnis gerecht wird: „Gott selbst fällt nicht unter Begriffe. Wir können von ihm immer nur das von ihm Verschiedene begreifen, das auf ihn verweist“ (M 1, Z. 41 f.). [22 Punkte]

a)

b)

c)

Aufgabe HT 3 - Teilaufgabe 3: Theodizee · Theodizee: Leid als Preis der Freiheit, der solidarische Gott

M 1

Peter Knauer*: Erlösung aus der Theodizeefrage

1 In der sogenannten Theodizeefrage geht es um die „Rechtfertigung Gottes“: Wie kann ein angeblich „allmächtiger“ und zugleich „guter“ Gott soviel Leid und Böses zulassen? Und für viele stellt diese Theodizeefrage den schwierigsten Einwand gegen den Glauben dar. Sogar die meisten Theologen halten das Theodizeeproblem für unlösbar und erhoffen sich eine Ant- 5 wort erst im Jenseits.

Es ist eigentlich erstaunlich, dass die Christenheit sich nach zweitausend Jahren immer noch mit dieser Frage herumquält. Denn die christliche Botschaft hat doch geradezu ihr ganzes Ziel darin, diese Frage von vornherein aus ihren Angeln zu heben und gegenstandslos zu machen. Sie wird von der christlichen Botschaft durch die andere Frage ersetzt, was der 10 Glaube für unseren Umgang mit dem Leid ausmacht. Er bewirkt, dass man im Leid nicht mehr verzweifeln muss und eine Gewissheit gewinnt, die stärker als alle Angst um sich selbst ist.

Bereits Paulus schreibt im Römerbrief: „Wer kann uns scheiden von der Liebe Christi? Be- drängnis oder Not oder Verfolgung, Hunger oder Kälte, Gefahr oder Schwert? … Denn ich bin gewiss: Weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte, weder Gegenwärtiges noch 15 Zukünftiges, weder Gewalten der Höhe oder Tiefe noch irgendeine andere Kreatur können uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn.“ (Röm 8,35.38-39) Wie kann dann noch Bedrängnis oder Not oder Verfolgung ein Einwand gegen diesen Glauben sein? […]

Die übliche Theodizeefrage geht von zwei falschen Voraussetzungen aus. Erstens bestehe die 20 Allmacht Gottes darin, dass er alles Mögliche können müsste. Man weiß nur leider nie, ob er es auch tatsächlich tun wird. Die Allmacht Gottes wäre also ein unberechenbarer Faktor, mit dem man dennoch rechnen müsste. In diesem Verständnis läuft das Vertrauen auf Gottes All- macht im Grunde auf ein Blindekuhspiel 1 hinaus.

Zweitens müsse die Güte Gottes darin bestehen, dafür zu sorgen, dass es einem gut geht. 25 Wenn man gesund und erfolgreich ist, dann erfährt man Gottes Liebe. Ist man dagegen krank und elend, dann ist Gott offenbar in weiter Ferne. Was kann unheilvoller sein als diese Auf- fassung? Wenn man von irgendetwas erlöst werden muss, dann doch von dieser Meinung, die angesichts unserer Todesverfallenheit tatsächlich nur zur Verzweiflung führen kann.

Zutreffend ist die Beobachtung, dass es grundsätzlich keine Antwort auf die Theodizeefrage 30 geben kann. Das liegt aber nicht an der Beschränktheit unseres Denkens. Die Theodizeefrage geht vielmehr selbst von logisch widersprüchlichen und damit unsinnigen Voraussetzungen aus: Gott wird als ein Systembestandteil der Welt gedacht, von dem man herleiten kann, was in der Welt der Fall zu sein hat.

Die christliche Botschaft bringt ein ganz anderes Gottesverständnis mit sich. Nach dem bib- 35 lischen Gottesverständnis ist von vornherein alle weltliche Wirklichkeit solcherart, dass sie ohne Gott nicht sein kann. Das gilt auch für das Leid, das Böse und den Tod. Von Gott ist nur dann wirklich die Rede, wenn überhaupt alles mit ihm zu tun hat. Die Welt ist aus dem Nichts geschaffen, das heißt: Könnte man ihr Geschaffensein beseitigen, bliebe nichts von ihr übrig. Wenn die wirkliche Welt der Grund unserer Rede von Gott ist, dann kann man nicht hinter- 40 her den so erkannten Gott gegen die Welt ausspielen.

Gott selbst fällt nicht unter Begriffe. Wir können von ihm immer nur das von ihm Verschie- dene begreifen, das auf ihn verweist. Die Welt wird also nicht durch Gott, sondern durch ihr Bezogensein auf Gott erklärt. Gott ist, „ohne wen nichts ist“. Von ihm kann nur „analog“, hinweisend, überhaupt gesprochen werden.

45 Geschöpflichkeit bedeutet also, dass alles in der Welt restlos in einem einseitigen Bezogen- sein auf Gott aufgeht. Dem Versuch, in der umgekehrten Richtung von Gott her irgendetwas über die Welt herzuleiten, geht damit jede reale Grundlage ab. Man kann nur von dem ausge- hen, was wirklich geschieht, und sagen, dass es ohne Gott nicht sein kann. Gott ist nicht im bloß potentiellen Sinn „allmächtig“, dass er nur beliebiges Mögliche könnte, sondern er ist 50 „in allem mächtig“.

Natürlich ist es sinnvoll, nach den Ursachen eines Flugzeugabsturzes zu fragen, um ihnen in Zukunft vorzubeugen. Aber die Frage, warum Gott einen Flugzeugabsturz nicht verhindert, bedeutet wegen ihrer logisch widersprüchlichen Voraussetzung, dass es möglich sei, etwas von Gott herzuleiten, sinnlos vertane Zeit.

55 Aus der bloßen Bedeutung des Wortes „Gott“ für sich allein weiß man allerdings noch nicht, wie Gott zum Menschen steht. […] Auf diese Frage antwortet erst das „Wort Gottes“. In ihm wird uns von Jesus her zugesagt und geschieht, dass Gott uns mit einer Liebe zugewandt ist, die an nichts Geschöpflichem ihr Maß hat und deshalb auch nicht an der Welt ablesbar ist. Sie ist vielmehr die Liebe Gottes zu Gott, des Vaters zum Sohn, in die wir aufgenommen 60 werden. Dies ist eine Gemeinschaft mit Gott, die im Leben und Sterben Bestand hat. Sie kann die Angst um uns selbst gerade deshalb entmachten, weil Gott der ist, der in allem mächtig ist. Denn dann kommt keine Macht der Welt dagegen an, dass wir im Leben und Sterben in der Gemeinschaft mit ihm geborgen bleiben.

Das bedeutet natürlich nicht, dass einem das Sterben erspart wird, sondern dass auch der Tod 65 uns nicht aus der Geborgenheit in der Gemeinschaft mit Gott herausreißen kann.

Alles, was geschieht, ist von vornherein in Gottes Hand: Deshalb kennt die christliche Bot- schaft kein anderes „besonderes Eingreifen“ Gottes in die Welt als seine Selbstmitteilung in mitmenschlichem Wort zur Ermöglichung gemeinschaftlichen Glaubens und selbstloser Liebe.

70 Außerhalb der Gemeinschaft mit Gott betrachtet, ist die ganze Welt letztlich ein Gleichnis der Hölle: Der Tod hat das letzte Wort, und kein Glück der Welt kommt dagegen an (vgl. Lk 12,16–21).

Im Glauben dagegen gilt von der gleichen Welt umgekehrt: Sie ist Gleichnis der ewigen Ge- meinschaft mit Gott, in der wir jetzt schon leben. Jede noch so geringe und vergängliche gute 75 Erfahrung wird uns zum Gleichnis des Himmels. Sie wird zum Gleichnis der Gemeinschaft mit Gott, gegen die kein Leid und kein Tod ankommt. Der Tod hat jeden Gleichnischarakter für ewiges Unheil verloren. Er verhindert nur, dass man die Welt, anstatt sie als Gleichnis des Himmels zu sehen, mit ihm selbst verwechselt. Auch in der Klage im Leid vertrauen wir auf einen Gott, in dessen Liebe wir im Leben und Sterben geborgen sind.

1 Blindekuhspiel: ein vor allem von Kindern gespieltes Spiel, in dem es darum geht, sich mit verbundenen Augen zu orientieren, die Mitspielenden zu fangen und deren Namen zu erraten.

* Peter Knauer (*1935) ist römisch-katholischer Theologe, Priester und Mitglied des Jesuitenordens und war Professor für Dogmatik und Fundamentaltheologie.

Quelle: Knauer, Peter: Erlösung aus der Theodizeefrage. In: Communitas. Périodique bimestriel: Foyer Catholique Européen, Novembre 2004, S. 16 – 17, http://peter-knauer.de/30.html (Zugriff am 27.04.2022).

M 2

Esther Maria Magnis**: Gott braucht dich nicht. Eine Bekehrung

In ihrem autobiografischen Buch „Gott braucht dich nicht. Eine Bekehrung“ beschreibt Esther Maria Magnis, wie sie angesichts eigener Schicksalsschläge ihren Glaubensweg gegangen ist. Als Jugendliche verlor sie ihren Vater, wenige Jahre darauf auch ihren Bruder. Dadurch wurde ihr Glaube an Gott aufs Tiefste erschüttert. Sie hinterfragte den Glauben kritisch und wandte sich von Gott ab. Im Buch legt sie jedoch auch dar, weshalb sie heute wieder glaubt und weshalb in ihrem Glauben Zweifel Platz haben dürfen. Bei der im folgenden Auszug erwähnten Steffi handelt es sich um ihre Schwester.

„Ja, Papa stirbt.“ [D]agegen konnte ich nur versteinern. Oder ausrasten, mir ein Schwert machen lassen und jeden bedrohen, der so über meinen Vater lügt. Papas Leben ist Papa. Unser Leben sind wir. Wenn es kein Leben mehr gibt, gibt es uns nicht. Und das ist die größte Frechheit, das ist das Hässlichste, was man über einen Menschen sagen kann, dieses: Er ist 5 tot. […] Wie konnten Menschen sagen: „Esther, du musst ihn gehen lassen“ – wohin denn? Wohin sollte ich ihn gehen lassen. Ich lasse niemanden, den ich liebe, gehen ins Nichts, ich lasse niemanden, der zu mir gehört, in den Tod gehen. Mir schlug das Herz bis in den Hals.

„Aber was ist denn mit Gott?“, sagte ich und löste mich wütend aus [Steffis] Umarmung. „Ich mein, es stimmt doch nicht, Steffi. Es gibt doch Gott. Weißte doch selber. Das ist doch nicht 10 alles nur Quatsch.“ […]

„Als ich Gott gebeten habe, mir was zu sagen, hatte ich das Gefühl, dass er das eh wollte.“ Ich sah sie an. „Dass er schon drauf gewartet hatte oder so. Weißte?“

„Ja, glaub schon“, sagte sie und nahm den Schal vom Mund.

„Dann lag da diese Bibel, die ich mir für den Reli-Unterricht kaufen musste. Unter meinen 15 Büchern. BIBEL stand da fett drauf – wie so ‚HALLO, HIER‘. Ich hab sie aufgeschlagen.“

Sie drehte mir ihr Gesicht zu. „Und?“

„Da stand – ich hab mir das angestrichen –, genau weiß ich es nicht mehr, aber das Erste, was ich gelesen habe, war: Wenn du willst, dass sich der Berg erhebt und ins Meer stürzt, dann wird er es tun, wenn du nur fest genug glaubst. Wenn du so darum bittest, als hättest du’s 20 schon empfangen.“

„Mh.“ Sie lächelte beinah. Nur beinah, und auf ihrer Stirn war diese kleine, steile Falte auf- geworfen, die damals noch verschwand, wenn sie aufhörte, an den Tod zu denken. „Is’ ja krass.“ […]

Ab diesem Tag begann ich, mein ganzes Vertrauen Gott zu schenken und zu glauben, dass 25 sich der Berg erheben und ins Meer stürzen würde, dass Papa gesund würde, weil ich betete, als hätte ich’s schon empfangen. Den letzten Zweifel verscheucht. Danke, dass du uns helfen willst. Danke, dass du Papa gesund machst. Ich sprach zu ihm, den ich am Meer ahnen durfte. Ich gab ihm den Glauben aus meiner frühesten Kindheit.

Und ein halbes Jahr später habe ich das Stockwerk des Krankenhauses zusammengeschrien 30 und kurz vorm Wahnsinn gedacht, ich müsse mir die Haut vom Gesicht reißen, als ich meinen Vater tot im Bett liegen sah.

Danach bin ich verstummt.

Totenstille die ganze Welt.

Still und kalt. Wie wenn Schnee gefallen ist. Ohne Gott. Ohne mich. Und keine Regung mehr.

** Esther Maria Magnis (*1980) ist Religionswissenschaftlerin, Historikerin und Autorin.

Quelle: Magnis, Esther Maria: Gott braucht dich nicht. Eine Bekehrung. Reinbek 2014, S. 72 – 75.

3. Nehmen Sie Stellung dazu, ob Knauers Art, mit der Theodizeefrage umzugehen, bewirken kann, „dass man im Leid nicht mehr verzweifeln muss und eine Gewissheit gewinnt, die stärker als alle Angst um sich selbst ist“ (M 1, Z. 10 f.). Ziehen Sie dafür

eine von Ihnen entfaltete theologische Position zur Theodizeefrage sowie

das biografische Zeugnis von Esther Maria Magnis (M 2)

heran.

(34 Punkte)

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