Aufgabe HT 2 - 2 und 3: Chassidismus · Abitur NRW Jüdische Religionslehre GK · Haupttermin 2023
Thema: Judentum in Geschichte und Gegenwart: Chassidismus, Haskala, Zionismus · Aus der Prüfung GK · Haupttermin (2023)
Aufgabenstellung
Teilaufgaben 2 und 3: Chassidismus
Brief des Schneur Salman von Ljosna an den Vorstand der jüdischen Gemeinde Mohilew
„An die Fürsten (…) in Mohilew (…) und Führer der dortigen Gemeinde (…), der Segen der
Gnade, des Lebens und des ungetrübten Friedens walte über ihnen.
(…) [Ich bin] bereit, mit Worten unverfälschter Wahrheit volle Aufklärung darüber zu ge-
ben, warum ich der an mich ergangenen Forderung, vor der Versammlung zu erscheinen,
5 nicht entsprochen habe. Gott weiß es und ist Zeuge dessen, daß ich nicht aus Treulosigkeit
und Widerspenstigkeit so gehandelt habe, sondern allein aus Kummer über den an unsere
geschworenen Feinde geschickten Brief, wonach ich unter Anwendung von Brachialgewalt 1
vorgeführt werden sollte, als ob über mich, behüte Gott, wie über irgendeinen verworfenen
Missetäter bereits der Stab gebrochen worden wäre. Ich sollte also erscheinen, um zu dem
10 von Euch schon Vollbrachten meine Zustimmung zu geben, um notgedrungen Amen zu sa-
gen.
Denn ginge es nur um eine regelrechte Disputation, so hätte man mich zum Versammlungs-
termin beizeiten einladen müssen, ehe Euer Zorn sich entladen hatte und an alle Kreise
durch Eilboten Briefe mit den fürchterlichen Verwarnungen versandt worden waren. Was
15 sollte ich also tun? Hinkommen und gegen das bereits Geschehene protestieren? Vielleicht
wäre es richtig gewesen, selbst von diesem Recht fordernden Antwortschreiben Abstand zu
nehmen, doch sagte ich mir: Nun ist der Tag der allgemeinen Versammlung gekommen,
und so möge die Allgemeinheit meine Worte vernehmen, auf daß man erfahre, daß Gott mit
uns ist, während die Behauptungen unserer Feinde völlig halt- und grundlos sind.
20 Indessen bin ich kein Mann der großen Worte, der den Mund weit auftut und seine Zunge
schweifen läßt, daher will ich mich kurz fassen: … um meine Seele bitte ich, um mein Volk
flehe ich, denn wir sind verkauft, ich und mein Volk, und nicht durch Geld, sondern durch
Barmherzigkeit und flehentliches Bitten können wir erlöst werden. So legen wir denn Eu-
ren heiligen Würden die Bitte zu Füßen, daß man keinen von uns verstoße und von den
25 Grenzen Israels fortweise, (…) [wie dies bereits mancherorts geschehen ist,] indem sie eine
Menge Volks aus der Gemeinschaft Israels ausschlossen und die Ausgestoßenen zu Ver-
ächtern der altüberlieferten Lehren stempelten, was eine offensichtliche Lüge ist, da alle,
die uns näher kennen, nur zu gut wissen, daß wir Gläubige, Kinder von Gläubigen sind und
daß wir dieselbe Lehre, dasselbe Gesetz wie alle haben. (…)
30 Wie kam man also dazu, einer Menge Volks schonungs- und erbarmungslos das Recht auf
Leben abzuerkennen, sie für vogelfrei zu erklären und die Beschuldigten, ohne deren
Gründe und Rechtfertigung angehört zu haben, in ihrer Abwesenheit zu verurteilen? Erst
nachdem das Unrecht bereits geschehen war, und die Gemeindeältesten ihr Urteil voll und
ganz auf unerlaubter Zeugenvernehmung aufgebaut hatten, ließen sie mich rufen, damit
35 auch ich meine Hand dazu biete. Hat man es je gehört, je gesehen, daß in einem Falle wie
dem unsrigen, in dem Gut und Blut auf dem Spiele steht, Zeugen ausschlaggebend wären,
die gleichsam dazu geschaffen sind, falsch auszusagen?
Auch wenn es wahr sein sollte, daß unser Geschlecht zuchtlos geworden sei, so können wir
und unsere Gesinnungsgenossen für diese Sünde umso weniger haftbar gemacht werden,
40 als auch wir makellose und glaubwürdige Zeugen zu Hunderten und Tausenden zu stellen
vermögen, die aus eigener Wahrnehmung bestätigen können, daß diese Sünde uns nicht
trifft, daß wir vielmehr an der schriftlichen und mündlichen Lehre mit aller Kraft und mit
unserem ganzen Wesen festhalten, in viel höherem Maße als alle diejenigen, die den oben-
erwähnten Honoratioren 2 als makellos und glaubwürdig gelten.
45 (…) [Es wurde unterlassen, Zeugen] vors Gericht zu zitieren, um sie einem regelrechten
Verhör zu unterziehen. (…) Sie (die Richter) begannen jedoch sogleich mit der Anklage,
weil sie eben nicht im geringsten daran dachten, uns Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.
Auch wenn sich unter uns jemand fände, den irgend eine Schuld trifft, so müßte auch dann
nur der Frevler der Strafe verfallen, wohingegen wir straffrei ausgehen müßten. (…)
50 Was schließlich Eure Verwunderung über unser Verhalten, sowohl über die neuerdings ge-
druckten Bücher als auch über sonstige Dinge anlangt, so ist dieses Blatt nicht groß genug,
die Lösung all der schwierigen Fragen zu fassen. Darum empfehle ich Eurer geneigten Auf-
merksamkeit den folgenden Vorschlag: mögen sich zur Schlichtung unseres Streites brüder-
lich gesinnte Männer zusammenfinden und, sei es in Eurem oder in unserem Gouverne-
55 ment 3 oder an einem zwischen diesem und jenem gelegenen Orte, hinsetzen, auserlesene
Männer, Kenner des Gesetzes, denen ich jede von mir verlangte Auskunft in fließender
Rede erteilen werde. Auch verpflichte ich mich, vor den Weisen, den bezeichneten Oberen
des Landes, alles, was ihnen in den erwähnten Büchern schwierig erscheinen sollte, aufs
eingehendste zu erklären. Dann werden sie sich mit eigenen Augen davon überzeugen, daß
60 unsere Lehre keineswegs neu ist. Eure Aufgabe ist es nun, zu bestimmen, wann und wo die
zur Vermittlung zwischen uns berufenen, namhaft zu machenden Vertrauensmänner zusam-
mentreten sollen. (…)“
1 Brachialgewalt: rohe körperliche Gewalt
2 Honoratioren: Personen, denen eine große Ehre entgegengebracht wird; hier sind die Gemeindevertreter gemeint.
3 Gouvernement: Verwaltungsbezirk
2.
Erläutern Sie auf der Grundlage des Textes, in welchem Verhältnis das traditionelle Judentum jener Zeit und der Chassidismus zueinander standen, und bringen Sie Ihre Ausführungen danach mit dem Text in Zusammenhang. (31 Punkte)
3.
Erörtern Sie, worin die Stärken und Schwächen des Chassidismus liegen, und nehmen Sie Stellung dazu, ob diese Bewegung die gegenwärtige Entwicklung der jüdischen Gemeinschaft stärker prägen sollte. (26 Punkte)
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Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
2. Erläutern Sie auf der Grundlage des Textes, in welchem Verhältnis das traditionelle Judentum jener Zeit und der Chassidismus zueinander standen, und bringen Sie Ihre Ausführungen danach mit dem Text in Zusammenhang.
Lösung: Ausführliche Erläuterung des Konflikts zwischen Mitnagdim und Chassidim mit gegenseitigen Kritikpunkten und fundierter Textbeziehung.
3. Erörtern Sie, worin die Stärken und Schwächen des Chassidismus liegen, und nehmen Sie Stellung dazu, ob diese Bewegung die gegenwärtige Entwicklung der jüdischen Gemeinschaft stärker prägen sollte.
Lösung: Differenzierte Erörterung von Stärken und Schwächen des Chassidismus sowie eine schlüssig begründete persönliche Stellungnahme zur Relevanz für die Gegenwart.
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