Aufgabe HT 3 - 2: Das Verhältnis von Gtt und Mens… · Abitur NRW Jüdische Religionslehre GK · Haupttermin 2023

Thema: Das Verhältnis von Gtt und Mensch: Geschöpf und Ebenbild · Aus der Prüfung GK · Haupttermin (2023)

Aufgabenstellung

Beackern und bewahren

Rabbiner Tovia Ben-Chorin sprach auf einer ZWST-Tagung über ökologische Regeln in den Schriften

Im Judentum gehören Ökologie und Gerechtigkeit zusammen. So lautete die These eines

Vortrages von Rabbiner Tovia Ben-Chorin bei einem Ökologie-Seminar für junge Erwach-

sene der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST), das am vergangenen

Freitag in Berlin stattfand. »Man kann nicht ethisch mit der Gesellschaft umgehen und die

5 Natur plündern. Man kann auch nicht ethisch mit der Natur umgehen und die Gesellschaft

plündern«, sagt der liberale Rabbiner.

Für seine These findet Tovia Ben-Chorin zahlreiche Belege in der Bibel und in der jüdi-

schen Tradition – so zum Beispiel den Kiddusch, die Heiligungszeremonie am Schabbat

mit Wein, Händewaschen und Brot. Der Kiddusch erinnere an zweierlei: an den Auszug aus

10 Ägypten und die Flucht aus der Sklaverei sowie an die Schöpfung. In der Lesart von Ben-

Chorin: an soziale Gerechtigkeit und an Ökologie. »Im Judentum gab es schon eine Sensi-

bilität für ökologische Fragen, als es das Wort Ökologie noch gar nicht gab«, sagt Ben-

Chorin.

Zwischen Schöpfer, Schöpfung und Erschaffenen bestehe ein »intimes Verhältnis«. Auftrag

15 des Menschen gegenüber der Natur sei es, wie in der Tora formuliert, le ovda uleshomra –

sie zu beackern und zu bewahren (1. Buch Mose 2, 15). In der Schrift bezieht sich dieser

Auftrag zunächst einmal auf den Garten Eden.

Dass die Schöpfung noch viel mehr ist als die Erschaffung des Menschen, ist unter anderem

im Buch Hiob nachzulesen. Dort hält Gott Hiob entgegen: »Bist du gekommen in die Spei-

20 cher des Schnees? Und hast du gesehen die Speicher des Hagels? (...) Wer hat aufgeteilt der

Regenflut Kanäle, und eine Bahn dem donnernden Blitz, zu regnen auf menschenleere Län-

der, auf Wüsten, worin niemand ist, zu sättigen Öde und Graus, und hervorzutreiben den

Aufwuchs des Grases? Hat der Regen einen Vater, und wer zeugte die Tropfen des Taus?«

(Hiob 38, 22). Hier steht für Ben-Chorin zwar die Natur im Mittelpunkt, doch überwiege in

25 der Bibel die »anthropozentrische Auffassung« – ein Weltbild, in dessen Mittelpunkt der

Mensch steht.

Ein wichtiges Argument für Ben-Chorin sind der Schabbat und das Schmitta-Jahr. Der

Schabbat ist der Tag, an dem Menschen und Tiere ruhen, an dem es verboten ist, eine Sub-

stanz von einem Zustand in den anderen zu bringen. Das Schmitta-Jahr entspricht dem

30 Schabbat im größeren Rhythmus der Jahre. Im Buch Exodus heißt es: »Und sechs Jahre be-

säe dein Land und sammle dessen Ertrag. Aber im siebten lasse es brach und gib es preis,

dass davon essen die Dürftigen deines Volkes, und was die übrig lassen, mag das Getier des

Feldes essen; so mache es mit deinem Weinberge, mit deinem Ölbaum« (2. Buch Mose

23, 10). Auch hier gehören Nachhaltigkeit und soziale Gerechtigkeit zusammen.

35 Besonders betont Ben-Chorin, dass das Gebot des Schmitta-Jahres nur im Land Israel An-

wendung findet. »Das bedeutet: Wenn ihr in eurem Land seid, dann müsst ihr euch ethisch

benehmen«, so der Rabbiner. Wenn Juden das Leben und den Alltag eines Landes bestim-

men dürften, dann sei das mit besonderen sozialen Verpflichtungen verbunden. Umgekehrt

kenne das 3. Buch Mose die Vorstellung, dass das Land die Israeliten wieder ausspeit –

40 Ben-Chorin sagt: »auskotzt« –, wenn sie sich nicht an die Gebote halten. Auch das Land

habe eine Seele, die man verletzen könne.

Im 5. Buch Mose heißt es: »Es wird sein, wenn ihr auf Meine Gebote immer hören werdet,

die ich euch heute gebiete, den Ewigen, Euren Gott, zu lieben und ihm zu dienen mit gan-

zem Herzen und mit ganzer Seele, so werde ich den Regen eures Landes zur richtigen Zeit

45 geben, du wirst dein Getreide einsammeln, deinen Most und dein Öl. Ich werde das Gras

für dein Vieh geben, du wirst essen und satt werden« (5. Buch Mose 11, 13). Wenn aber die

Israeliten andere Götter verehren, bleibt der Regen aus, und die Erde wird unfruchtbar. Ju-

den zitieren diese Bibelstelle dreimal täglich im Schma Israel.

Im Midrasch Kohelet Rabba heißt es: »Gott nahm Adam und zeigte ihm den Garten Eden.

50 ›Siehe‹, sagte Er, ›wie wunderschön, wie großartig meine Welt ist. Und ich habe sie für

dich geschaffen. Zerstöre sie nicht, denn wenn du es tust, kann sie sich nicht selbst reparie-

ren.‹« (Kohelet Rabba 7, 13).

Nach dem Vortrag fragt man sich allerdings, ob Halten und Bewahren, Schabbat und Sch-

mitta-Jahr wirklich schon dem entsprechen, was wir uns heute unter »Ökologie« vorstellen.

55 Sicher kennt die Bibel die Vorstellung vom richtigen Umgang mit Ressourcen, weiß, dass

man dem Land Zeit lassen muss, um sich zu regenerieren. Doch heute stehen wir vor öko-

logischen Herausforderungen, die den Menschen in biblischer Zeit unbekannt waren. Ob

nun Ökologie eine jüdische Erfindung ist oder nicht – eines ist sicher: Die ökologischen

Probleme sind drängend. [...]

Aufgabenstellung:

2. Erläutern Sie, in welcher Beziehung G"tt und der Mensch als sein Ebenbild zueinander stehen, und vergleichen Sie dies mit der Position Ben Chorins, die im Text wiedergegeben wird. (30 Punkte)

Aufgabenstellung: Aufgabe HT 3 - 2: Das Verhältnis von Gtt und Mens… · Abitur NRW Jüdische Religionslehre GK · Haupttermin 2023

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

2. Erläutern Sie, in welcher Beziehung G"tt und der Mensch als sein Ebenbild zueinander stehen, und vergleichen Sie dies mit der Position Ben Chorins, die im Text wiedergegeben wird.

Lösung: 1. Verhältnis zwischen G"tt und Mensch (Gottebenbildlichkeit / Zelem): - Der Mensch als Ebenbild G"ttes steht an der Spitze der Schöpfung und besitzt die Fähigkeit zum sittlich-moralischen Urteil und Handeln. - Aus dieser Sonderstellung erwächst eine umfassende Verantwortung für Mitmenschen, Tiere und Natur. - Das Verhältnis ist geprägt von Ehrfurcht, Respekt sowie Vertrautheit und Nähe (G"tt als Schöpfer, Richter und Vater). 2. Position Ben-Chorins: - Menschlicher Auftrag zur Schöpfung: „beackern und bewahren“ (1. Buch Mose 2, 15). - Anthropozentrisches Weltbild mit ethischer Schöpfungsverantwortung. - Enges Wechselverhältnis: Gebotserfüllung und Schöpfungsumgang bedingen soziale Gerechtigkeit; Prinzip von Belohnung und Bestrafung. 3. Vergleich: - Gemeinsamkeiten: Anthropozentrik, menschliche Herrschafts- und Verwalterfunktion (Hüter/Bewahrer), Schöpfungsfürsorge, enge Bindung an G"tt. - Unterschiede: Ben-Chorins spezifische Koppelung von Ökologie und sozialer Gerechtigkeit als Einheit; Fokus auf die Bindung an das Land Israel. - Fazit/Schlussfolgerung: Weitgehende Übereinstimmung mit dem traditionellen Verständnis der Gottebenbildlichkeit; die zwingende Verknüpfung von Umweltschutz und Sozialethik wird traditionell jedoch meist differenzierter bzw. nur bedingt als identische Einheit verstanden.

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Aufgabe HT 3 - Teilaufgabe 2 · GK · Haupttermin 2022 ›

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