Aufgabe HT 4 - Teilaufgaben 2 und 3 · Abitur NRW Jüdische Religionslehre GK · Haupttermin 2022

Thema: Judentum in Geschichte und Gegenwart: Chassidismus, Haskala, Zionismus · Aus der Prüfung GK · Haupttermin (2022)

Aufgabenstellung

Der Hirte

von Yitzchak Buxbaum

Einst offenbarte der Himmel dem Baal Schem Tow, dass ein einfacher Hirte namens Mosche

dem H-rrn, gepriesen sei Er, besser diene als der Baal Schem Tow. Diesen Hirten

wollte der Baal Schem Tow unbedingt kennen lernen. Also ließ er seine Pferde einspannen

und fuhr mit einigen seiner Schüler zu diesem armen Schafhirten.

5 Die Gruppe hielt in einem Feld am Fuß eines Berges an und sah auf dem Abhang einen

Hirten, der in sein Horn blies, um die Herde zu versammeln. Nachdem die Schafe sich um

ihn geschart hatten, führte er sie zu einem Bach, um sie zu tränken. Während sie tranken,

blickte er hinauf zum Himmel und rief: „Herr der Welt, du bist so groß! Du hast Himmel

und Erde und alles andere erschaffen! Ich bin ein einfacher Mann, unwissend und ungebildet,

10 und ich weiß nicht, wie ich dir dienen oder dich preisen kann. Ich war ein Waisenkind

und wuchs unter Heiden auf; darum habe ich nie die Tora studiert. Aber ich kann in mein

Horn stoßen wie in einen Schofar und rufen: Der H-rr ist G-tt!“ Nachdem er mit aller Kraft

sein Horn geblasen hatte, brach er kraftlos zusammen und lag regungslos da, bis seine Kraft

zurückkehrte.

15 Dann stand er auf und sagte: „Herr der Welt, ich bin nur ein einfacher Hirte. Ich kenne die

Tora nicht und weiß nicht, wie man betet. Was kann ich für dich tun? Ich kann nur Schäferlieder

singen!“ Daraufhin begann er laut und leidenschaftlich zu singen, bis er wieder erschöpft

zu Boden stürzte.

Als er sich erholt hatte, erhob er sich erneut und rief: „Herr der Welt! Was taugt es, dass ich

20 mein Horn geblasen und für dich gesungen habe? Du bist so groß! Was kann ich noch tun,

um dir zu dienen?“ Er hielt einen Moment inne und sagte dann: „Es gibt noch etwas, was

ich kann, und das werde ich zu deinem Ruhm und deiner Ehre tun!“ Er machte einen Kopfstand

und strampelte heftig mit den Beinen in der Luft. Dann machte er eine Reihe von Purzelbäumen,

bis er wieder kraftlos zusammenbrach. Der Baal Schem Tow und seine Schüler

25 schauten ihm aus der Ferne verwundert zu.

Der Schäfer lag stumm da, bis seine Energie zurückkehrte. Erneut begann er zu sprechen:

„Herr der Welt, ich habe getan, was ich kann; aber ich weiß, dass es nicht genug ist! Was

kann ich noch tun, um dir zu dienen?“ Er dachte kurz nach, und fuhr dann fort: „Gestern

gab der Edelmann, dem die Herde gehört, ein Fest für seine Diener, und gab jedem von uns

30 eine Silbermünze. Ich werde sie dir schenken, o G-tt, weil du alles geschaffen hast und alle

Geschöpfe ernährst, auch mich, Mosche, den kleinen Hirten!“ Dann warf er die Münze in

die Luft.

In diesem Augenblick sah der Baal Schem Tow, wie eine Hand vom Himmel kam und die Münze ergriff.

Er sagte zu seinen Schülern: „Dieser Hirte hat mich gelehrt, wie man das größte Gebot

35 erfüllt: Du sollst den H-rrn, deinen G-tt, mit ganzem Herzen, ganzer Seele und ganzer

Macht lieben.“

2.

Entfalten Sie auf der Grundlage der Erzählung, welchen Stellenwert das Gebet in der chassidischen Bewegung hat, und stellen Sie weitere Kennzeichen der chassidischen Lehre dar. Erklären Sie, aus welchen Gründen diese Bewegung im Judentum zu Auseinandersetzungen geführt hat. (28 Punkte)

3.

Überprüfen Sie unter Berücksichtigung des historischen und gesellschaftlichen Umfelds, weshalb die chassidische Bewegung so großen Zulauf fand, und nehmen Sie Stellung zu den Einwänden, die die Gegner des Chassidismus vorbrachten. (28 Punkte)

Aufgabenstellung: Aufgabe HT 4 - Teilaufgaben 2 und 3 · Abitur NRW Jüdische Religionslehre GK · Haupttermin 2022

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

2. Entfalten Sie auf der Grundlage der Erzählung, welchen Stellenwert das Gebet in der chassidischen Bewegung hat, und stellen Sie weitere Kennzeichen der chassidischen Lehre dar. Erklären Sie, aus welchen Gründen diese Bewegung im Judentum zu Auseinandersetzungen geführt hat.

Lösung: Ausführliche Darstellung der Gebetspraxis (Kawana, Freude, Tanz), Merkmale der chassidischen Lehre und Kritikpunkte der Gegner.

3. Überprüfen Sie unter Berücksichtigung des historischen und gesellschaftlichen Umfelds, weshalb die chassidische Bewegung so großen Zulauf fand, und nehmen Sie Stellung zu den Einwänden, die die Gegner des Chassidismus vorbrachten.

Lösung: Historische Verortung (Krise der osteuropäischen Kehilot im 17./18. Jh., Chmielnicki-Pogrome) und differenzierte Stellungnahme zu den Positionen von Chassidim und Mitnagdim.

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