Aufgabe HT 4 - 1: Texterschließung · Abitur NRW Islamischer Religionsunterricht GK · Haupttermin 2022

Thema: Texterschließung: Thema, Gedankengang und Position · Aus der Prüfung GK · Haupttermin (2022)

Aufgabenstellung

Hasan Alacacioglu

Wie gehen Muslime mit Leid um?

Das Thema Leid, Krankheit, Tod, Not und Elend sind die wichtigsten Fragen, mit denen

sich die Theologen und Philosophen, aber auch einfache Menschen seit Jahrhunderten be-

schäftigen. Das Leid spielt bei den Sufiten (Mystikern), besonders aber bei den schiitischen

Muslimen aufgrund der Ermordung von Hüseyin, dem Enkelkind des Propheten und seiner

5 Angehörigen durch die Omayaden, eine wichtige Rolle.

Das islamische Verständnis von Krankheit beschränkt sich nicht nur auf den medizinischen

Bereich, sondern beinhaltet hier auch die geistwissenschaftliche Bearbeitung, das physische

und psychische Leid. Ein Beispiel hierfür liefert die Abwendung vom Glauben im Koran.

Der Zweifel an Gottes Existenz oder Heuchelei wird als „Krankheit im Herzen“ bezeichnet.

10 [...]

Gott ruft den Menschen durch das Erleiden dazu auf, sich zu ändern, geduldig zu sein, den

falschen Weg zu verlassen und wieder auf den rechten Pfad zu ihm zurück zu finden. Der

folgende Koranvers zeigt dies ganz deutlich auf, dass die Welt für den Menschen ein Ort

der Prüfung und Bewährung ist: Gott spricht im Koran: „Meinen die Menschen, sie würden

15 in Ruhe gelassen werden; nur weil sie sagen: ‚Wir glauben‘, und sie würden nicht auf die

Probe gestellt werden?“ (29/2).

So wie Leid und Krankheit von Gott dem Menschen als Prüfung bestimmt sind, so ist auch

der Tod für den Menschen eine Prüfung, damit er sich an seinen Schöpfer, an den Sinn sei-

ner Existenz im Diesseits und im Jenseits erinnert. Der Tod gilt den Menschen als Mah-

20 nung. Er kann jederzeit eintreten. Der Mensch soll sich deshalb bemühen, ein Leben gemäß

dem Willen Gottes zu führen.

Der Sinn des Leides und der Prüfung Gottes ist es, dass der Mensch eine Identität, sein Ich-

Bewusstsein gewinnt und sich in der Welt bewährt. Gott hat ihn in dieser Welt nicht „... zum

sinnlosen Spiel, (und zum) Zeitvertreib geschaffen“ (23/115).

25 Im Koran wird der Mensch immer in Verbindung mit Gottes Bewährungsprobe und Beloh-

nung angesprochen. [...] Aus koranischer Sicht soll der Gläubige entsprechendes Leid

durch Geduld bewältigen. Die folgenden Verse stellen dies dar: „Und wir werden euch si-

cher mit ein wenig Furcht und Hunger und (mit) Verlust: an Vermögen, an Leib und Leben

und (Mangel) an Früchten Prüfungen aussetzen. Und bring’ denen, die geduldig sind, gute

30 Nachricht. (Ihnen) die, wenn sie ein Unglück trifft, sagen: Wir gehören Gott, und zu ihm

kehren wir zurück. Auf sie kommen Segnungen und Barmherzigkeit von ihrem Herrn

herab. Das sind die, die der Rechtleitung folgen“ (2/155 – 157). [...]

Der Mensch wurde zwar als das Schönste und Beste der Schöpfung erschaffen. Aufgrund

seines irdischen (eben menschlichen) Bestandteils [...] trägt der Mensch auch schlechte Ei-

35 genschaften wie etwa Hoffnungslosigkeit, Unwissenheit, Streitsüchtigkeit, Undankbarkeit,

Rechthaberei, Schwäche und die Neigung zur Ungerechtigkeit in sich. Gerade diese Attri-

bute verursachen das Leid (36/77; 16/4; 33/72; 30/36; 41/49).

Nach der Lehre des Korans vernachlässigt der Mensch sein Schöpfungsziel, er will von sei-

nem Schöpfer nichts mehr wissen. Er betrachtet sich selbst als einen Schöpfer. Auch sieht

40 er keinen Grund anderen zu helfen. Er benimmt sich gegenüber dem Anderen und dem An-

dersartigen überheblich. Damit vergisst er seine Verantwortung gegenüber Gott, gegenüber

sich selbst, sowie gegenüber seinen Mitmenschen, wie auch gegenüber der Natur. Gleich-

zeitig ist er Verursacher vieler Krankheiten, von Tod, Krieg und Hunger, von Elend, Not

und durch menschliches Handeln verursacht er Naturkatastrophen. Das ist es, worunter die

45 Menschheit heute leidet.

Schicksalsschläge und all’ das, was den Menschen trifft, ob gut oder böse. Es wird von Gott

bestimmt. Dies wird im Allgemeinen als Vorherbestimmung bezeichnet. Vorherbestim-

mung ist aber nicht mit Fatalismus zu verwechseln. Es geht hier vielmehr darum, dass alles

was sich auf der Erde und im Universum ereignet, es verläuft in Gottesweisheit und entlang

50 der Mechanismen göttlicher Gesetzmäßigkeiten.

Darüber hinaus ist der Mensch sehr wohl verantwortlich für seine Tat. Denn, wie ein be-

kannter Koranvers lautet: „Gott ändert die Lage eines Volkes nicht, bevor es sich nicht

selbst ändert“ (13/11).

Die ethische Einstellung des Islam zum Leid bestimmt den Umgang des Gläubigen mit dem

55 Leid und den Leiden des Alltags. Er sollte bestrebt sein, das Leid als Gottesgabe verantwor-

tungsbewusst als eine Prüfungsform wahrzunehmen.

In diesem Zusammenhang sprechen viele Muslime vom Leid und von bestimmten Kata-

strophen als ‚Strafe Gottes‘. Diese Interpretation ist aus den islamischen Quellen so nicht

ableitbar und widerspricht dem Koran und der Sunna. Im islamischen Kontext wird der

60 Gläubige vielmehr durch das Leid auf eine Gedulds- wie auf eine Glaubensprobe gestellt.

Sicherlich gibt es im Koran Verse, die dort konkret genannte Katastrophen als Strafe be-

zeichnen. Sie beziehen sich aber lediglich auf bestimmte historische Ereignisse.

Nach islamischem Verständnis ist Gott Herrscher über alle Dinge. Der Körper und das Le-

ben des Menschen gehören nicht ihm, sondern Gott. Im Koran wird es so zum Ausdruck

65 gebracht: „Sprich: ‚Mein Gebet und meine Kulthandlung, mein Leben und mein Sterben

gehören Gott, dem Herrn der Welten. Er hat keinen Teilhaber. Sprich: Sollte ich mir einen

anderen Herrn suchen als Gott, wo Er doch der Herr aller Dinge Herr ist? Jede Seele er-

wirbt nur zu ihrem eigenen Schaden und keiner wird die Last eines anderen tragen. Schließ-

lich werdet ihr zu eurem Herrn zurückkehren“ (6/162 – 164).

70 Daher muss der Mensch „eingedenk dieser Wahrheit handeln mit einem Gefühl für (seine)

Verpflichtung und Verantwortung, im Lichte der Gebote Gottes, wie sie im Koran offenbart

und vom Propheten erläutert wurden“ (Nasr 1997). Der Islam sieht im Individuum „eine

von Gott eingesetzte, eine beauftragte Person, die [...] in Gottesfurcht, in Frömmigkeit und

Selbstdisziplin lebt. Sie ist dazu bestimmt, für eine höhere Wahrheit einzutreten [...].

75 Dies ist das ideale Bild des Gott-Mensch-Verhältnisses und der Umgang mit Leid aus isla-

mischer Sicht. Der Mensch kann aber durchaus auch aus seiner freien Entscheidung heraus

den göttlichen Willen auf sich wirken lassen oder auch nicht. Wenn der Mensch unfrei

wäre, hätte sein Streben keine Bedeutung, oder wie es im Koran heißt: „dass für den Men-

schen nur das bestimmt ist, wonach er strebt“ (53/39). Dies kann nur aufgrund der Freiheit

80 des Menschen möglich sein [...].

(Die Kürzungen im Text unterbrechen den Gedankengang nicht, sondern nehmen nur ergänzende Aspekte heraus. Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert, ohne den Sinn zu verändern.)

Hasan Alacacioglu ist Professor für Soziologie und Humanwissenschaften an der Universität Istanbul.

1. Stellen Sie das Thema sowie die zentralen Gedanken des Textes von Hasan Alacacioglu dar und arbeiten Sie heraus, welches Verständnis von Leid darin zum Ausdruck kommt. (24 Punkte)

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