Aufgabe HT 2 - 1: Texterschließung · Abitur NRW Islamischer Religionsunterricht GK · Haupttermin 2022

Thema: Texterschließung: Thema, Gedankengang und Position · Aus der Prüfung GK · Haupttermin (2022)

Aufgabenstellung

Benjamin Idriz

Der Islam ist eine Friedensreligion

Sich mit einer Religion zu identifizieren, in meinem Fall mit dem Islam, bedeutet nicht nur

an Gott zu glauben, sondern auch Verantwortung zu tragen. Religion macht den Menschen

verantwortlich – verantwortlich für den Frieden. Der Islam bedeutet unter anderem wörtlich

„Friede“. Der Begriff des Friedens im Islam wird als wichtigster Antrieb der gesamten

5 Weltanschauung eines Muslims verstanden. Er sollte den Wunsch nach Frieden in all sei-

nen Aktivitäten ausdrücken.

Dafür dient auch seine religiöse Praxis, die eigentlich vor allem eine persönliche Dimension

hat. Doch beim Thema Frieden hat sie eben auch gesellschaftliche Relevanz. Wenn die Ge-

betszeit kommt, lassen die praktizierenden Gläubigen ihre weltlichen Aufgaben und die

10 Kommunikation beiseite und widmen einige Minuten dem Gebet, dem Gespräch mit Gott.

Jedes tägliche Gebet beginnt mit „Allahu Akbar“ – „Gott ist größer“ – und dies wird bei je-

der Bewegung wiederholt. Doch das Gebet endet dann nicht mit diesem Satz, sondern mit:

„As-salam alaikum wa rahmatullah“: „Der Friede sei mit euch und die Gnade Gottes“.

Der Betende dreht sein Gesicht zur rechten und zur linken Seite und spricht diesen Frie-

15 denswunsch aus. Danach folgt das Bittgebet, welches der Prophet anempfohlen hat: „Oh

Gott! Du bist der Friede. Von Dir kommt der Friede. Segne uns mit dem Frieden“. Mit die-

sem Bittgebet nimmt der Betende Abschied von seinem Gebet, und das Leben mit den Mit-

menschen geht weiter – also im Geiste des Friedens.

Dieses fünfmalige tägliche Ritual soll eine Botschaft vermitteln: Während des Gebets warst

20 du im Frieden mit den Mitmenschen. Du sollst nach dem Gebet zu allen Menschen auf der

Welt, ob sie sich auf deiner rechten oder auf deiner linken Seite befinden, friedlich bleiben,

bis zum nächsten Gebet. Da du mit dem Salam allen Menschen Frieden zugesagt hast, sollst

du deinem Versprechen bis zum nächsten Gebet treu bleiben. Gott will durch das Gebet den

Menschen lehren, sich anderen Geschöpfen gegenüber friedlich zu verhalten. Deshalb endet

25 das Gebet mit den Worten: „as-salamu alaykum – der Friede sei mit euch“, und nicht mit:

„Allahu Akbar – Gott ist größer“. Letzteres auszusprechen ist eine Form des Gottesdiens-

tes, durch die ein Muslim die absolute Macht Gottes anerkennt und somit Demut statt Arro-

ganz demonstriert.

„Allahu Akbar“ ist eben keine Parole, keine Kampfansage, kein Schlag-Wort, sondern eine

30 gottesdienstliche Handlung, die der Mensch allein in rituellen Gebeten und Bittgebeten aus-

spricht. „Gott ist größer“ bedeutet, dass er größer ist als unser Ego und größer als alles, was

wir uns vorstellen können.

Es gibt allerdings Menschen, die zu Konfrontation und Aggression neigen, bis hin zu Ter-

ror und Mord, und dabei „Allahu Akbar“ ausrufen, und damit vorgeben, im Namen des Is-

35 lam und der Muslime zu handeln. Das ist der größte Missbrauch Gottes und somit auch die

größte Sünde! Es ist ein Zeichen, dass der Glaube tot und das Gebetsritual bedeutungslos

ist, sinnlos, und von ethischen Werten weit entfernt.

Das Gebet ist nicht nur eine Pflicht Gott gegenüber, ein Ritual, das vom Himmel geboten

wurde, sondern eine Praxis, die beabsichtigt, Menschen zu erziehen, in Frieden mit Gott,

40 mit sich selbst und mit allen Menschen zu leben. Durch das Gebet wollte Gott den Frieden

zwischen den Erdbewohnern und nicht seinen eigenen Frieden sichern, was er nicht nötig

hat, weil er selbst „as-salam“, der absolute Friede ist.

In Zeiten von Angst, Herausforderungen und Gewalt ermahnt uns der Koran zu Geduld und

Zurückhaltung (2:177). Gleichzeitig erinnert er uns daran: Wer einen Menschen tötet, tötet

45 gleichsam die ganze Menschheit (5:32). Deswegen ruft Gott uns auf, kollektiv in den Frie-

den einzutreten (2:208), weil der Friede heilig und der Krieg zu verabscheuen ist und weil

der Friede die Grundlage aller Dinge ist. Indem der Koran an 36 Stellen den Begriff „Salam

(Friede)“ wiederholt, ermahnt er die Menschen zum Frieden und zeigt damit auch, dass der

Islam alternativlos für den Frieden einsteht.

50 Dem Frieden gilt der gemeinsame Ruf aller Religionen. Als eine Konsequenz aus dem Frie-

dens-Gebot müssen alle Menschen lautstark ihre Parteinahme für den Frieden entschieden

und unmissverständlich, überall und unablässig kundtun und gegen all diejenigen laut pro-

testieren, die das friedliche Zusammenleben in Gefahr bringen. Niemals zuvor war es so

wichtig für uns alle, uns bewusst zu werden, dass gegenseitiges Verständnis und Friede die

55 Grundbedingungen für unsere Koexistenz und unseren Fortschritt sind. […]

Der Koran verlangt von uns, uns […] gegenüber unseren Eltern mit birr 1 zu verhalten, sie

sind diejenigen, die nach Gott die höchsten Ansprüche auf uns haben. Damit will Gott den

Muslimen sagen: So wie ihr das schönste Verhalten zu euren Eltern an den Tag legt, so

müsst ihr auch denen das gleiche Verhalten entgegenbringen, die in Frieden mit euch zu-

60 sammenleben. Das ist möglich, wenn wir den Menschen, die eine andere Religion, Weltan-

schauung, Ethnie und Geschlecht haben, mit Toleranz begegnen. Denn die Intoleranz nährt

in einer Gesellschaft Hass und Feindschaft und führt zu Konflikten. Der Tolerante hat

nichts zu verlieren. Wer verliert, ist der Intolerante.

Ein Muslim geht zuerst mit Toleranz auf die anderen zu, bevor er Toleranz von ihnen er-

65 wartet. Die Toleranz ist eine schöne Tugend und erfordert Mut und Weitsicht. Wenn es an

Toleranz zwischen den Mitgliedern einer Gesellschaft mangelt, dann ist das auch ein Zei-

chen dafür, dass es dort eigentlich an Werten und Nächstenliebe mangelt. Die Nächsten-

liebe steht eine Stufe höher als Toleranz, und die Liebe wiederum erfordert, dass das Herz

von Vorurteilen und Hass befreit werden soll. Nur so ist es möglich, Frieden zu bewahren.

70 Bevor der Prophet des Islam, Muhammed, von dieser Welt Abschied genommen hat, hielt

er eine Abschiedsrede und wandte sich an die ganze Weltgemeinschaft: „Ihr dürft nach

meinem Tod einander nicht bekämpfen, kein Blut vergießen, nicht in Extreme verfallen,

keine Geheimniskrämerei betreiben, nicht neidisch aufeinander sein, sondern sollt Liebe,

Frieden und gegenseitige Achtung verbreiten. O Menschen (Muslime und Nichtmuslime),

75 seid Geschwister!“.

Das größte Bedürfnis und zugleich die schwierigste Aufgabe unseres Zeitalters ist, in die

Köpfe die Idee einzupflanzen, andere Menschen als Schwestern und Brüder in der Mensch-

heit wahrzunehmen. Dafür konsequent zu arbeiten, sind wir verpflichtet. Frieden ist kein

Geschenk, sondern eine Aufgabe. Manchmal sind kleine Gesten wichtige Meilensteine auf

80 dem Weg zum Frieden. Fangen wir mit der Verbreitung des Friedens in Form von guten

Wünschen an und sagen „Frohe Weihnachten!“ zu unseren nichtmuslimischen Nachbarn,

Freunden und Kollegen. Und dann beglückwünschen sie uns, wenn unsere Fastenzeit, der

Ramadan, kommt.

Somit setzen wir den Ratschlag unseres Propheten Muhammed um, der uns einen Tipp ge-

85 geben hat, wie wir Frieden wahren: „Ihr werdet nicht gläubig, bis ihr euch gegenseitig ge-

achtet und geliebt habt. Soll ich euch zeigen, wie ihr euch lieben und achten werdet? Ver-

breitet den Frieden(sgruß) unter euch!“.

1 birr: Verhältnis zu den anderen nach den Maßstäben der Güte

(Die Kürzungen im Text unterbrechen den Gedankengang nicht, sondern nehmen nur ergänzende Aspekte heraus. Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert, ohne den Sinn zu verändern.)

Dr. Benjamin Idriz ist Imam in Penzberg bei München.

Aufgabenstellung

1. Stellen Sie dar, welches Thema der Text von Benjamin Idriz behandelt und welche zentralen Gedanken er enthält, und arbeiten Sie heraus, wie darin die Motivation für das Handeln im Islam verstanden wird.

[24 Punkte]

Aufgabenstellung: Aufgabe HT 2 - 1: Texterschließung · Abitur NRW Islamischer Religionsunterricht GK · Haupttermin 2022

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

1. Stellen Sie dar, welches Thema der Text von Benjamin Idriz behandelt und welche zentralen Gedanken er enthält, und arbeiten Sie heraus, wie darin die Motivation für das Handeln im Islam verstanden wird.

Lösung: Individuelle Ausarbeitung gemäß den inhaltlichen Kriterien der offiziellen Vorgaben.

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