Aufgabe HT 4 - Teilaufgabe 1 · Abitur NRW Islamischer Religionsunterricht GK · Haupttermin 2021

Thema: Texterschließung: Thema, Gedankengang und Position · Aus der Prüfung GK · Haupttermin (2021)

Aufgabenstellung

Ahmad Milad Karimi

Die Geschlechterbeziehung in der muslimischen Tradition

Auch für die Einschätzung der Frage, wie Männer und Frauen im Islam gesehen werden, ist

vorab festzuhalten: Frauen sind in der Geschichte der Menschheit das benachteiligte Ge-

schlecht, in fast allen Kulturen und Zivilisationen. Ihre Rechte sind eingeschränkt, ihre

Rolle reduziert auf Aufgaben, die von Männern festgelegt werden. Die Stellung von Frauen

5 in der Gesellschaft und in den religiösen Gemeinschaften ist – wenngleich in unterschiedli-

chem Ausmaß – bis heute problematisch. Dass in unserer Gegenwart Institutionen, die nicht

religiös bestimmt sind, überhaupt Gleichstellungsbeauftragte beschäftigen (müssen), die

vor allem darauf bedacht sind, dass Frauen nicht benachteiligt werden, zeigt den grundsätz-

lichen Missstand an. Auch in der Geschichte des Islam sind bedenkliche und ambivalente

10 Positionen zu verzeichnen. Unter dem Deckmantel des Islam und unter Berufung auf die

Religion haben Männer über die Frauen und ihre Rechte und Pflichten entschieden: nicht

selten ungerecht, nicht selten gewaltsam und meist zugunsten der Männer. Der Eindruck ei-

ner überwiegenden Diskriminierung von Frauen in der islamischen Welt täuscht nicht. Aber

was ist die Ursache dieser Misere? Ist es nur die Wirkung einer patriarchalen Kultur, die

15 mit dem Kern des Islam nichts zu tun hat? Wer das behauptet, macht es sich zu einfach. Die

patriarchale Unkultur ist unbestritten und über die meisten Bereiche des Lebens hinweg

wirksam. Aber der Anspruch des Islam kann nicht darin liegen, bei augenscheinlichen Un-

gerechtigkeiten und Diskriminierungen tatenlos dazustehen oder, noch einfacher, die Reli-

gion davon reinzuwaschen. Es muss eine islamische Angelegenheit sein, gegen diese Ten-

20 denzen vorzugehen. Insofern ist eine adäquate Neubewertung der Geschlechterbeziehung

auch eine theologische Herausforderung, die in Ansätzen, aber bei Weitem noch nicht

erschöpfend bearbeitet ist. Und noch wichtiger: Die Einsichten bzw. Ergebnisse müssen in

die individuelle und gesellschaftliche Praxis einfließen. Aber andererseits kann man es sich

auch zu einfach machen, indem man die ganze Problematik auf den Islam reduziert. [...]

25 „Ehrbar“ zu leben, also Schamgefühl, Reinheit und Anmut in ihrer Lebenspraxis zur

Geltung zu bringen und so nach innen und nach außen einen Unterschied zu markieren,

dazu sind sowohl Frauen wie Männer angehalten. Innere Reinheit leben heißt: rechtschaf-

fen leben, im Reden und Handeln nicht der Haltung von Achtlosigkeit und Vulgarität 1 ver-

fallen und sich auch körperlich nicht oberflächlich zu inszenieren bzw. zu entblößen. Dass

30 die Frauen ihre Reize bedecken sollen, ist in Sure 24 erwähnt. Diese Aufforderung bezweckt

aber keine Unterordnung der Frauen als Objekt männlicher Begierde, sondern beschreibt

ein Unterscheidungsmerkmal von ehrenwerten Frauen gegenüber leichtbekleideten Frauen

der Unterschicht. In derselben Sure werden auch die Männer angesprochen, schamvoll und

ehrbar zu sein, ihre Augen niederzuschlagen und rein zu sein. Es gibt eine innerislamische

35 Diskurskultur 2, die sich auf einer ethischen, islamrechtlichen und theologischen Ebene mit

dieser Thematik befasst. In den modernen Gesellschaften stellen Kritiker muslimische

Frauen, die durch eine Kopfbedeckung auffallen, grundsätzlich unter Diskriminierungsver-

dacht in dem Sinn, dass diese Frauen nur gezwungenermaßen so handelten. Das ist aber nur

in den seltensten Fällen zutreffend. Muslimische Frauen, die nicht Objekt der Betrachtung

40 und Objekt fremder Auslegungen sein möchten, sondern auch selbst als Subjekte der Deu-

tung auftreten und auch so wahrgenommen werden wollen, sprechen sich deshalb für das

Tragen des Kopftuchs aus, weil sie darin ihre religiöse Würde beachtet sehen. Das Tragen

des Kopftuchs ist, so verstanden, ein innerlich empfundenes religiöses Tun, genauer: eine

religiöse Haltung, die Achtung verdient. Und dies gerade dann, wenn man Frauen das

45 Recht einräumen will, autonom über ihr Leben, also auch über ihr religiöses Leben, zu

entscheiden. Wenn die Entscheidung dazu aber nicht autonom erfolgt, darf diese Tat je-

doch als religiös und in ihrem Sinn fragwürdig betrachtet werden. [...]

Frauen und Männer sind im gleichen Maße religiöse und ethische Wesen. Beide, ob Frau

oder Mann, sind im Glauben, im Gebet, im Fasten, in der Verpflichtung auf die Armen-

50 spende, in der Pflicht, nach Mekka zu pilgern, überhaupt in allen religiösen Belangen abso-

lut gleich. Frauen wie Männer sind Adressaten des Korans. In seiner Abschiedspredigt be-

kräftigt der Prophet Muhammad diese Gleichheit aller Menschen, wenn er sagt: „Die ge-

samte Menschheit stammt von Adam und Eva ab. Ein Araber hat weder einen Vorrang vor

einem Nicht-Araber, noch hat ein Nicht-Araber einen Vorrang vor einem Araber, Weiß hat

55 keinen Vorrang vor Schwarz, noch hat Schwarz irgendeinen Vorrang vor Weiß“. Im Ange-

sicht Gottes gibt es weder eine geschlechtsbezogene noch eine anderweitig begründete Be-

vorzugung. In der Sure 33,35 ist ein Vers enthalten, der in klarer Sprache und in bewusster

Erwähnung beider Geschlechter darauf hinweist. [...] Unterschiede, die auch im Koran er-

wähnt sind, kommen in Bezug auf jene Fragen vor, die ohne den historischen Kontext der

60 Offenbarung nicht angemessen gelesen und bewertet werden können. Es sind zum einen

rechtsbezogene Regelungen und zum anderen gesellschaftlich bedeutsame Fragen zur Ge-

schlechterbeziehung (z. B. erbrechtliche Fragen). Freilich: Auch in diesen Fragen ist es

historisch erwiesen, dass die islamische Botschaft im Vergleich zu den im altarabischen

Raum vorherrschenden Regelungen für die Frauen einen gewaltigen Fortschritt bedeutet

65 hat. Wenn man diese Verse, die auf den Kontext des 7. Jahrhunderts auf der arabischen

Halbinsel bezogen sind, unter den Bedingungen jener Zeit betrachtet – was unabdingbar

ist –, und wenn wir annehmen, dass der Koran für jede Zeit erneut verstanden werden

muss, so drängt sich die Frage auf, ob wir uns bei der Einordnung dieser Stellen an den

Buchstaben des Korans halten sollen oder an den Geist des Korans, an die Botschaft dahin-

70 ter. Die Antwort liegt auf der Hand.

Von dieser grundsätzlichen Überlegung ist auch die Frage der Polygamie betroffen. Es ist

nicht richtig, lapidar 3 und generell zu behaupten, Muslime dürften oder sollten polygam le-

ben. Dafür genießt die Ehe einen besonders hohen Stellenwert, weil allen voran die ge-

rechte Behandlung der Frauen durch ihre Männer das höchste Gebot in der Ehe darstellt. Im

75 Koran ist zwar die Möglichkeit angedeutet, unter besonderen Umständen mit mehr als einer

Frau eine Ehe einzugehen – mit Verweis auf Koran 4,3 meistens auf vier Frauen beschränkt –,

aber die Bedingungen, die hierfür formuliert werden, führten unter muslimischen Gelehrten

zu der Schlussfolgerung, dass es nahezu unmöglich ist, von der Polygamie als Regelfall

auszugehen. Insbesondere spricht die Koranstelle 4,129 dagegen, wo es heißt: „Nicht könnt

80 ihr gerecht handeln zwischen euren Frauen, wenn ihr auch bemüht seid“. Und die gerechte

Behandlung gilt als Bedingung der Möglichkeit der Ehe überhaupt. Entscheidend für die

Bewertung der Geschlechterbeziehung im Islam ist also: Im Angesicht Gottes sind Frauen

und Männer gleichwertig, gleichermaßen geliebt und gleichgeachtet. Dieses Ideal ist im re-

alen Leben kaum erreicht, aber im islamischen Sinne geboten. Insofern stellt die Würdi-

85 gung der Frauen und die Verwirklichung ihrer Rechte eine Herausforderung dar, die Frauen

und Männer gemeinsam annehmen sollten.

(Die Kürzungen unterbrechen den Gedankengang nicht, sondern nehmen nur ergänzende Aspekte heraus.)

Ahmad Milad Karimi ist islamischer Philosoph.

1 Vulgarität: von vulgär: anrüchig, anstößig

2 Innerislamische Diskurskultur: hier: innerislamische Diskussion

3 Lapidar: hier: zu kurz gegriffen

1.

Stellen Sie dar, welches Thema der Text behandelt und wie er gedanklich aufgebaut ist, und arbeiten Sie heraus, wie Ahmad Milad Karimi das Verhältnis der Geschlechter im Islam versteht. (24 Punkte)

Aufgabenstellung: Aufgabe HT 4 - Teilaufgabe 1 · Abitur NRW Islamischer Religionsunterricht GK · Haupttermin 2021

Lösung

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1. Stellen Sie dar, welches Thema der Text behandelt und wie er gedanklich aufgebaut ist, und arbeiten Sie heraus, wie Ahmad Milad Karimi das Verhältnis der Geschlechter im Islam versteht. (24 Punkte)

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