Aufgabe HT 3 - Teilaufgabe 1 · Abitur NRW Islamischer Religionsunterricht GK · Haupttermin 2021
Thema: Texterschließung: Thema, Gedankengang und Position · Aus der Prüfung GK · Haupttermin (2021)
Aufgabenstellung
Mouhanad Khorchide
Rituale sind mehr als Gottesdienst
Gebet, Fasten, Pilgerfahrt und andere religiöse Rituale werden meist als „Gottesdienst“ bezeichnet. Diese Bezeichnung suggeriert, dass es sich hierbei um Dienste an Gott selbst handle. Die Konsequenz daraus ist, dass diese Rituale dann als Selbstzweck gesehen werden. Man betet also, um gebetet zu haben, man fastet, um gefastet zu haben usw., denn was 5 vermeintlich zählt, ist die Verrichtung des Rituals selbst. Man glaubt, man erlange auf diese Weise Gottes Wohlgefallen, weil die Verrichtung der Rituale Ausdruck des Gehorsams gegenüber Gott sei. Dadurch verherrliche der Mensch Gott und das sei, worum es Gott gehe. Aus Gott wird dadurch ein Buchhalter, der beispielsweise die Zahl der verrichteten Gebete addiert und davon die Zahl der nicht verrichteten Gebete subtrahiert. Dadurch verlieren reli- 10 giöse Rituale jeglichen Bezug zum Diesseits und zum Alltagsleben des Menschen. Sie dienen dann nur der Anbetung Gottes, als wäre Gott umso zufriedener, je mehr er angebetet würde, und zornig oder beleidigt, wenn er nicht zu Genüge verherrlicht würde. Gott braucht den Dienst des Menschen nicht. Er freut sich, wenn sich der Mensch ihm zuwendet, seine Gemeinschaft sucht. Und genau das ist es, was der Mensch in seinem Gebet bzw. Fasten 15 oder anderen Ritualen zum Ausdruck bringen soll. Durch das Verrichten dieser Rituale gibt der Mensch eine Antwort auf die Liebeserklärung, die Gott dem Menschen gemacht hat. Gott hat sich dem Menschen zugewandt, und im Gebet wendet sich der Mensch seinerseits Gott zu; und genauso im Fasten oder in der Pilgerfahrt.
Diese religiösen Rituale haben aber auch eine ethische Dimension. Der Koran betont, dass 20 es um Frömmigkeit im Sinne der Läuterung des Herzens und der Vervollkommnung des Menschen geht: „Die Frömmigkeit besteht nicht darin, dass ihr euch [beim Gebet] mit dem Gesicht nach Osten oder Westen wendet. Sie besteht vielmehr darin, dass ihr glaubt (…) und von eurem Geld spendet (…) Frömmigkeit zeigen diejenigen, die ihr Versprechen einhalten und die in Not und Ungemach geduldig sind“. (2:177) Religiöse Rituale sind ein 25 wichtiges Hilfsmittel, in sich zu gehen und an sich, an den eigenen Stärken und Schwächen zu arbeiten. Der Koran unterstreicht die ethische Funktion des Gebets: „Und verrichte das Gebet, das Gebet hält fern von Verwerflichem“. (29:45)
Das gilt aber nur dann, wenn es sich nicht nur um Sätze handelt, die man auswendig aufsagt, sondern wenn man sich im Gebet auf eine Reise in sein Inneres begibt und dabei sich 30 selbst, seine Charaktereigenschaften und seine Handlungen kritisch reflektiert. Durch diese wiederholten inneren Reisen lernt man sich selbst besser kennen. Man lebt sein Leben bewusster und reflektierter. Der Betende kann nach dem Gebet nicht derselbe Mensch sein wie vor dem Gebet. Jedes Gebet bereichert den Menschen innerlich. Es geht nicht um einen Dienst an Gott oder darum, ihm einen Gefallen zu tun, auch nicht darum, Gottes Befehl zu 35 gehorchen. Das Gebet dient dem Menschen selbst, nur er hat etwas davon. Und natürlich freut sich Gott, wenn sich der Mensch auf den Weg zu ihm macht und seine Gemeinschaft sucht. Dasselbe gilt für das Fasten. Im Koran heißt es: „Ihr Gläubigen! Euch wurde das Fasten vorgeschrieben, wie es den Menschen vor euch vorgeschrieben war, damit ihr fromm werdet“. (2:183) Und zur Frömmigkeit sagte der Prophet Muhammad: „Frömmig- 40 keit ist hier“ und zeigte dabei auf sein Herz; dies wiederholte er drei Mal. Das Herz ist der Ort der Frömmigkeit; je frommer der Mensch ist, desto mehr Liebe und Barmherzigkeit, aber auch Demut und Bescheidenheit allen Geschöpfen gegenüber trägt er in seinem Herzen. Was hat aber der Verzicht auf Essen und Trinken mit Frömmigkeit zu tun? Nichts, wenn er als Selbstzweck gesehen wird. Die Enthaltsamkeit vom Essen und Trinken ist nur 45 der einleitende Schritt zum Fasten. Durch den Verzicht auf Nahrungsmittel soll der Mensch Abstand von seinen materiellen Bedürfnissen nehmen, um Raum zu schaffen, andere Dimensionen in sich zu entdecken und sich diesen zuzuwenden. Das Fasten ist wie das Gebet eine Reise in sich hinein. So sagte der Prophet: „Wer richtig fastet, ist nach dem Fasten wie am Tag seiner Geburt“. Durch das Fasten ist der Mensch geistig gereinigt und wie neuge- 50 boren. Dasselbe gilt für die Pilgerfahrt. […]
Wenn man religiöse Rituale so auffasst, dann bekommen sie für den Menschen eine andere Bedeutung. Sie betreffen ihn direkt. Der Blick wird damit auf den Menschen selbst gelenkt. Die Gebote dienen dem Menschen, seiner Vervollkommnung und Glückseligkeit und nicht Gott. Es geht auch nicht mehr darum, dass ein Mensch, der betet, besser ist als einer, der 55 nicht betet, oder der Fastende besser ist als der Nichtfastende. Nicht das Gebet und das Fasten, also nicht die Rituale selbst, sind das Kriterium, durch welches sich die Menschen voneinander unterscheiden, sondern das Ergebnis, der „Output“ dieser Rituale: die Vollkommenheit des Menschen in seinem Menschsein. […]
Religiöse Rituale wie das Beten und Fasten betreffen somit zwei Dimensionen, eine spiritu- 60 elle und eine ethische. Die spirituelle Dimension drückt die Zuwendung des Menschen zu Gott, seine Suche nach einer individuellen Beziehung zu Gott aus, daher sagt der Koran zum Beispiel im Zusammenhang mit dem Gebet nicht einfach: „Bete!“, sondern: „Baue das Gebet auf“ (arab.: iqama). Im Gebet baut man eine Beziehung zu Gott auf. Dies setzt aber voraus, dass man sich selbst gut kennt. Und hier kommt die zweite Dimension religiöser 65 Rituale ins Spiel: die ethische. Sie zielt auf die Vervollkommnung des Menschen.
Angehörige fundamentalistischer Strömungen sprechen Muslimen, die nicht beten, den Glauben ab. Sie sehen die Rituale lediglich als Pflichterfüllung an. Manche empfinden sie als Last und meinen, für die Überwindung dieser Last gebühre ihnen die Belohnung des Paradieses. Wer jedoch im Gebet eine Last sieht, die man erdulden muss, der hat den Sinn 70 des Gebets nicht verstanden. Das Gebet dient dem Menschen und seiner Vervollkommnung und ist keineswegs eine Pflichterfüllung, die man irgendwie hinter sich bringen soll. Es geht bei den Ritualen nicht um eine Liste, die man abhaken müsste.
[…] Das Gebet und weitere religiöse Rituale sind nur eine Hilfe auf diesem Weg der inneren Vervollkommnung. Ausgehend von solch einem Verständnis freut man sich auf jede 75 Gelegenheit zu einer Reise in sich hinein, ob im Gebet oder auch außerhalb eines bestimmten religiösen Rituals.
Gelehrte und Menschen, die religiöse Rituale auf Pflichterfüllung reduzieren, nehmen der menschlichen fitra 1 die Möglichkeiten ihrer Entfaltung.
[…] Sie sehen in der Religion nur das, was sie sehen wollen. Wer in der Religion nur eine 80 aggressive Kampfansage gegen alle Andersdenkenden sieht und den eigentlichen Sinn der Religion als eine alle umfassende Botschaft der Liebe und Barmherzigkeit ausblendet, der muss sich kritisch hinterfragen.
Mouhanad Khorchide ist islamischer Theologe.
1 Grundcharaktereigenschaften des Menschen wie zum Beispiel die gottgegebene Sinnsuche.
1. Stellen Sie dar, welches Thema der Text von Mouhanad Khorchide behandelt und wie er argumentativ aufgebaut ist, und arbeiten Sie heraus, wie der Autor religiöse Praktiken versteht. (24 Punkte)

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
1. Stellen Sie dar, welches Thema der Text von Mouhanad Khorchide behandelt und wie er argumentativ aufgebaut ist, und arbeiten Sie heraus, wie der Autor religiöse Praktiken versteht.
Lösung: Erwartet wird eine differenzierte Textanalyse nach den Kriterien der amtlichen Lösungsvorgaben: - Thema: Ethischer und spiritueller Stellenwert religiöser Praktiken für die Erlangung einer inneren Vervollkommnung des Menschen. - Gedankengang & Verständnis: 1. Kritik an der unreflektierten Verrichtung als reinem „Tauschgeschäft“ bzw. bloßem Gehorsam gegenüber einem buchhalterischen Gottesbild. 2. Verdeutlichung, dass Rituale nicht Gott nützen, sondern dem Menschen selbst als Weg der Selbstreflexion, inneren Läuterung und ethischen Vervollkommnung dienen. 3. Die zweifache Dimension religiöser Praktiken: eine spirituelle (Zuwendung zu Gott, Beziehungsaufbau) und eine ethische (Handeln, Gerechtigkeit, Nächstenliebe). 4. Kritik an fundamentalistischen Auffassungen, die Rituale auf bloße Pflichterfüllung reduzieren und damit die Entfaltung der menschlichen *fitra* behindern.
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