Aufgabe HT 2 - Aufgabe II.3 b) - Homerisches Epos · Abitur NRW Griechisch LK · Haupttermin · fortgeführt 2023
Thema: Homerisches Epos: Figuren, Lebenswelt und Götter (mit Tragödie) · Aus der Prüfung LK · Haupttermin · fortgeführt (2023)
Aufgabenstellung
Text:
Auf dem Marktplatz hat Telemachos vor der Versammlung geklagt, die Freier, die schon seit Jahren seine Mutter Penelope umwerben, brächten sein Vermögen durch. Alle Anwesenden verstummen daraufhin betroffen. Dann wendet sich Antinoos, der die Freier anführt, an Telemachos:
1 „Σοὶ δ’ οὔ τι μνηστῆρες Ἀχαιῶν αἴτιοί εἰσιν,
2 ἀλλὰ φίλη μήτηρ, ἥ τοι περὶ κέρδεα οἶδεν.
3 Ἤδη γὰρ τρίτον ἐστὶν ἔτος, τάχα δ’ εἶσι τέταρτον,
4 ἐξ οὗ ἀτέμβει θυμὸν ἐνὶ στήθεσσιν Ἀχαιῶν.
5 Πάντας μέν ῥ’ ἔλπει καὶ ὑπίσχεται ἀνδρὶ ἑκάστῳ
6 ἀγγελίας προϊεῖσα. Νόος δέ οἱ ἄλλα μενοινᾷ.
7 Ἥ δὲ δόλον τόνδ’ ἄλλον ἐνὶ φρεσὶ μερμήριξεν·
8 Στησαμένη μέγαν ἱστὸν ἐνὶ μεγάροισιν ὕφαινεν
9 λεπτὸν καὶ περίμετρον. Ἄφαρ δ’ ἡμῖν μετέειπεν·
10 ‚Κοῦροι, ἐμοὶ μνηστῆρες, ἐπεὶ θάνε δῖος Ὀδυσσεύς,
11 μίμνετ’ ἐπειγόμενοι τὸν ἐμὸν γάμον, εἰς ὅ κε φᾶρος
12 ἐκτελέσω – μή μοι μεταμώνια νήματ’ ὄληται –
13 Λαέρτῃ ἥρωϊ ταφήϊον, εἰς ὅτε κέν μιν
14 μοῖρ’ ὀλοὴ καθέλῃσι τανηλεγέος θανάτοιο,
15 μή τίς μοι κατὰ δῆμον Ἀχαιϊάδων νεμεσήσῃ,
16 αἴ κεν ἄτερ σπείρου κεῖται πολλὰ κτεατίσσας.’
17 Ὣς ἔφαθ’, ἡμῖν δ’ αὖτ’ ἐπεπείθετο θυμὸς ἀγήνωρ.
18 Ἔνθα καὶ ἠματίη μὲν ὑφαίνεσκεν μέγαν ἱστόν,
19 νύκτας δ’ ἀλλύεσκεν, ἐπὴν δαΐδας παραθεῖτο.
20 Ὣς τρίετες μὲν ἔληθε δόλῳ καὶ ἔπειθεν Ἀχαιούς.
21 Ἀλλ’ ὅτε τέτρατον ἦλθεν ἔτος καὶ ἐπήλυθον ὧραι,
22 καὶ τότε δή τις ἔειπε γυναικῶν, ἣ σάφα ᾔδει.
23 Καὶ τήν γ’ ἀλλύουσαν ἐφηύρομεν ἀγλαὸν ἱστόν.
24 Ὣς τὸ μὲν ἐξετέλεσσε καὶ οὐκ ἐθέλουσ’ ὑπ’ ἀνάγκης.
25 Σοὶ δ’ ὧδε μνηστῆρες ὑποκρίνονται, ἵν’ εἴδῃς
26 αὐτὸς σῷ θυμῷ, εἴδωσι δὲ πάντες Ἀχαιοί·
27 Μητέρα σὴν ἀπόπεμψον. Ἄνωχθι δέ μιν γαμέεσθαι
28 τῷ, ὅτεῴ τε πατὴρ κέλεται καὶ ἁνδάνει αὐτῇ.“
Übersetzungshilfen:
Vers · Griechisch · Bedeutung / Erläuterung
V. 1 · οὔ τι · keineswegs
V. 2 · περὶ κέρδεα οἶδα · hier: sich vortrefflich auf seinen Vorteil verstehen
V. 3 · εἶσι · er, sie, es wird kommen
V. 4 · ἀτέμβω · hier: täuschen; betrügen ( Subjekt dazu ist Penelope.)
V. 5 · πάντας
ἔλπω mit Akkusativ · ergänzen Sie: μνηστῆρας
hier: jemanden hoffen lassen; jemandem Hoffnungen machen
V. 6 · προΐημι
προϊεῖσα · hier: verschicken
Part. Präs. Akt. Nom. Sg. f
V. 7 · ἄλλον
μερμηρίζω · übersetzen Sie: außerdem noch
ausdenken
V. 8 · ἵσταμαι mit Akkusativ · sich etwas aufstellen
V. 8; 18; 23 · ὁ ἱστός · hier: die Webarbeit
V. 10 · ὁ κοῦρος · der junge Mann
V. 11 · μίμνετ’ ἐπειγόμενοι mit Akkusativ
εἰς ὅ κε mit Konjunktiv · übersetzen Sie: wartet, obwohl ihr drängt auf etwas
solange bis mit Indikativ
V. 12 · μή μοι μεταμώνια νήματ’ ὄληται · übersetzen Sie: damit mir das Garn nicht ungenutzt verdirbt
V. 13 · ὁ Λαέρτης
ταφήϊον mit Dativ
εἰς ὅτε κεν mit Konjunktiv · Laertes ( Vater des Odysseus)
als Leichentuch für jemanden
bis zu dem Zeitpunkt, an dem mit Indikativ
V. 14 · καθαιρέω
καθέλῃσι
τανηλεγής, -ές · ergreifen
3. Sg. Konj. Aor. Akt.
unbarmherzig; erbarmungslos
V. 15 · μή
αἱ Ἀχαιϊάδες
νεμεσάω mit Dativ · ≈ ἵνα μή
die Achaierinnen
jemandem zürnen
V. 16 · αἴ κεν
τὸ σπεῖρον · ≈ ἐάν
hier: das Leichentuch
V. 17 · ἐπιπείθομαι · sich bereden lassen
V. 18 · ὑφαίνεσκον · iteratives Imperfekt zu ὑφαίνω ( vgl. V. 8)
V. 19; 23 · ἀλλύω
ἀλλύεσκον · auftrennen
iteratives Imperfekt zu ἀλλύω
V. 19 · ἐπήν
παρατίθεμαι · ≈ ἐπεὶ ἄν
neben sich aufstellen
V. 20 · λήθω · unentdeckt bleiben
V. 21 · ἐπήλυθον ὧραι · übersetzen Sie: der Frühling brach an
V. 22 · καί
ᾔδει · bleibt unübersetzt
er, sie, es wusste
V. 23 · ἐφευρίσκω · antreffen; ertappen
V. 24 · τὸ μέν · gemeint ist das Leichentuch (vgl. τὸ σπεῖρον, V. 16)
V. 25 · ὑποκρίνομαι · hier: Bescheid geben
V. 25–26 · ἵν’ εἴδῃς … σῷ θυμῷ · übersetzen Sie: damit du es … beherzigst
V. 26 · εἴδωσι · 3. Pl. Konj. zu οἶδα – wissen ( weiteres Prädikat in dem ἵνα-Satz)
V. 27 · ἄνωχθι
γαμέομαι mit Dativ · befiehl!
jemanden heiraten
V. 28 · τῷ, ὅτεῴ τε πατὴρ κέλεται καὶ ἁνδάνει αὐτῇ · ordnen und ergänzen Sie: τούτῳ, ᾧτινι ⟨γαμέεσθαι⟩ πατὴρ κέλεται καὶ ὅστις ἁνδάνει αὐτῇ
3. b) Arbeiten Sie heraus, auf welche Weise Antinoos Penelope, die Mutter des Telemachos, charakterisiert und welche Funktion sie in seiner Erwiderung auf den Vorwurf des Telemachos (vgl. Hinführung zum Text) erfüllt. [12 Punkte]

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
3. b) Arbeiten Sie heraus, auf welche Weise Antinoos Penelope, die Mutter des Telemachos, charakterisiert und welche Funktion sie in seiner Erwiderung auf den Vorwurf des Telemachos erfüllt.
Lösung: 1. Charakterisierung Penelopes durch Antinoos (mindestens vier Aspekte): - Penelope hält das Andenken ihres Mannes in Ehren (ἐπεὶ θάνε δῖος Ὀδυσσεύς, μίμνετ’ ἐπειγόμενοι τὸν ἐμὸν γάμον, V. 10–11). - Sie stellt sich selbst als eine gute und sparsam wirtschaftende Hausfrau dar. Denn sie geht mit dem Webgarn sparsam um (μή μοι μεταμώνια νήματ’ ὄληται, V. 12). - Sie beherrscht die Kunst des Webens und widmet sich dieser hausfrauentypischen Tätigkeit auch sehr gewissenhaft (ἠματίη μὲν ὑφαίνεσκεν μέγαν ἱστόν, V. 18). - Sie ist einfallsreich und taktiert geschickt: Jedem einzelnen Freier macht sie glaubhaft – ohne Wissen der anderen – Hoffnung auf eine Wiederverheiratung (Πάντας μέν ῥ’ ἔλπει καὶ ὑπίσχεται ἀνδρὶ ἑκάστῳ ἀγγελίας προϊεῖσα, V. 5–6). - Sie beherrscht die Kunst der Verstellung und verbirgt ihre wahren Absichten geschickt (Νόος δέ οἱ ἄλλα μενοινᾷ, V. 6). - Sie ist listig und ersinnt einen Plan, um die Freier hinzuhalten und die Wiederverheiratung hinauszuzögern (ἐξ οὗ ἀτέμβει θυμὸν ἐνὶ στήθεσσιν Ἀχαιῶν, V. 4; Ἡ δὲ δόλον τόνδ’ ἄλλον ἐνὶ φρεσὶ μερμήριξεν, V. 7; Ὣς … ἔληθε δόλῳ καὶ ἔπειθεν Ἀχαιούς, V. 20). - Sie ist auf ihren guten Ruf und eine positive Außendarstellung bedacht (μή τίς μοι κατὰ δῆμον Ἀχαιϊάδων νεμεσήσῃ, V. 15). - Sie ist unbeugsam und lässt sich nur widerwillig von den Freiern zwingen, das Leichentuch endlich fertigzustellen (οὐκ ἐθέλουσ’ ὑπ’ ἀνάγκης, V. 24). 2. Funktion Penelopes innerhalb der Antwortrede des Antinoos: - Laut Antinoos ist ausschließlich Penelope verantwortlich für das Verprassen von Telemachos' Hab und Gut (Σοὶ δ’ οὔ τι μνηστῆρες Ἀχαιῶν αἴτιοί εἰσιν, ἀλλὰ φίλη μήτηρ, V. 1–2). - Durch ihre List habe sie ihre Wiederverheiratung um viele Jahre hinausgezögert (V. 3–4; V. 20), den Freiern aber immer wieder Hoffnungen gemacht (V. 5–6). - Dadurch waren die Freier gezwungen, am Hofe des Odysseus bis zur endgültigen Entscheidung Penelopes auszuharren und damit das Gastrecht bzw. die Gastfreundschaft der Königsfamilie in Anspruch zu nehmen.
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