Abitur NRW Evangelische Religion 2023 · LK · Haupttermin
Abiturprüfung Evangelische Religion in Nordrhein-Westfalen 2023, LK · Haupttermin: 6 Aufgaben mit Lösungen. Mit automatischer Korrektur.
Themen der Prüfung: Texterschließung: Thema, Gedankengang und Position · Materialgestützter Debattenbeitrag (Aufgabenart III) · Jesus Christus: Kreuz und Auferweckung · Verantwortliches Handeln: Freiheit, Gerechtigkeit und Schöpfung
Aufgabe 1 · Materialgestützter Debattenbeitrag (Aufgabenart III)
Aufgabe 1
Situation: Sie besuchen als Schülerin bzw. Schüler das Städtische Gymnasium. Wie in der gesamten Region hat auch an Ihrer Schule der Anteil christlich geprägter Jugendlicher in den vergangenen Jahren merklich abgenommen, während immer mehr Schülerinnen und Schüler konfessionslos sind oder eine andere religiöse Prägung haben.
Angesichts dessen schlägt das Abiturvorbereitungskomitee vor, den bislang üblichen Entlassgottesdienst durch eine alternative Feier abzulösen. Über die Schülervertretung soll dazu ein Antrag in die Schulkonferenz eingebracht werden, in der Lehrkräfte, Schülerschaft und Eltern gemeinsam über solche Angelegenheiten beraten.
Als Kurssprecherin bzw. Kurssprecher des Religionsleistungskurses sollen Sie an der nächsten Schulkonferenz teilnehmen, auf der diese Frage erörtert wird: Soll es an unserer Schule weiterhin einen christlichen Gottesdienst zur Schulentlassung geben oder sollte er durch eine alternative Feier ersetzt werden? Bereiten Sie sich vor, indem Sie einen schriftlichen Debattenbeitrag verfassen, der eine evangelische Sichtweise auf diese Frage darlegt.
Schreibauftrag
Gestalten Sie auf der Basis Ihres Fachwissens diesen Debattenbeitrag, indem Sie
zu Beginn die Fragestellung und deren Relevanz darlegen,
die Positionen aus M 1 und M 2 herausarbeiten und sich mit ihnen unter Rückgriff auf Ihr Unterrichtswissen auseinandersetzen,
zwei gegenwärtige religionskritische Ansätze vergleichend darstellen und in Ihre Argumentation einbeziehen,
wenigstens drei der übrigen Materialien M 3 – M 7 zur Veranschaulichung und Argumentation heranziehen,
zur Frage begründet Stellung nehmen.
Materialgrundlage
M 1 Ingo Reuter: Schulentlassung. In: Arbeitsstelle Gottesdienst. Zeitschrift der Gemeinsamen Arbeitsstelle für gottesdienstliche Fragen der Evangelischen Kirche in Deutschland. 01/2006, S. 55 – 60
M 2 Ruth Zeifert: Warum hört mich keiner? In: DIE ZEIT Nr. 37/2019
M 3 Landeskirchenamt der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers (Hrsg.): „Warum beten wir eigentlich nicht zusammen?" Gottesdienste und religiöse Feiern im multireligiösen Schulkontext. Hannover 2007, S. 6 f.
M 4 Tanja Gojny: Schulgottesdienst in der Pluralität. Theoretische Grundlegung, konzeptionelle Bestimmungen und Handlungsorientierungen. Stuttgart 2021, S. 24 – 26
M 5 Shell-Jugendstudie 2019
M 6 Bild einer multireligiösen Abiturentlassfeier (gisela-gymnasium.de)
M 7 Rudolf Otto Wiemer: Es müssen nicht Männer mit Flügeln sein. In: Ders.: Der Augenblick ist noch nicht vorüber. Ausgewählte Gedichte. Stuttgart 2001
M 1 – Ingo Reuter: Schulentlassung
[…] Schule als Lebensort von Schülerinnen und Schülern ist ein überaus unspiritueller, oftmals wohl uninspirierender Raum. Die meisten nehmen die Schule nicht als ihren Lebensmittelpunkt wahr, sehen diesen eher in Freizeit, ihrer Arbeit, die sie oftmals neben der Schule betreiben, in der Familie. Gleichwohl nimmt Schule einen erheblichen Zeitraum im Leben von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen ein. Oftmals ungeliebt und manchmal kritisiert, ist der Raum Schule doch gleichwohl ein relativ geschützter Raum, gleichsam ein Proberaum, eine Laborsituation, in der das Leben jenseits der Schule sich partiell en miniature abbildet – jedenfalls im besseren Fall. Bei aller echten Verzweiflung angesichts schulischen Leistungsdrucks und echter Langeweile wird gegen Ende der Schulaufbahn klar, dass dieser oft geschmähte Raum zumindest ein ambivalenter Raum war, denn er bot Möglichkeiten der Erprobung ohne allzu hohes Risiko. Das drohende Verlassen dieses Raums setzt natürlich ambivalente Reaktionen frei: Einerseits neue Freiheit und neue Optionen – andererseits der Zwang zur Wahl, sich nun entscheiden zu müssen, was man in Zukunft tun will. […]
Diese Situation des Übergangs in eine nun offenere, freiere, aber auch ungleich risikoreichere […] Zukunft macht die Schulabschlussfeier zu einem der zentralen Passageriten von Menschen heute. Eine Ehe kann mehrfach geschlossen und geschieden werden – seine Schule verlässt man nur einmal. […]
Ein Gottesdienst ist eine spirituelle Veranstaltung. Er ist dieses allerdings nicht per se, sondern nur dann, wenn ihn die Teilnehmerinnen und Teilnehmer als eine solche erleben. Der Abiturabschlussgottesdienst richtet sich an die Abiturienten, aber auch an deren Familienmitglieder. Im Mittelpunkt stehen beim Abiturgottesdienst die Abiturientinnen und Abiturienten – wie beim Traugottesdienst das Hochzeitspaar. Zu fragen ist also, wie der Gottesdienst ein spirituelles Ereignis für die Anwesenden werden kann. Die Antwort überlässt man am besten den Abiturienten selbst. Zum einen, weil es höchst fraglich und unsicher ist, was heute je als authentische Spiritualität junger Menschen zu verstehen ist. Zum anderen setzt Gottesdienst als darstellendes Handeln […] stets einen eigenständigen Subjektbezug im Sinne individueller Aneignung voraus, der nicht einfach vorzugeben ist. […]
In jedem Fall ist trotz (oder wegen?) bestmöglichen Religionsunterrichts davon auszugehen, dass die Schülerinnen und Schüler ein Konglomerat unterschiedlicher religiöser Vorstellungen einbringen. Hierbei mischen sich sehr klassische Vorstellungen mit Eigenkonstrukten unterschiedlichster Art. Davon wird der Gottesdienst nicht unberührt bleiben. Und er darf es auch nicht. […]
Das Problem verschärft sich angesichts der Tatsache, dass an vielen Schulen ein Gemisch unterschiedlicher Religionen existiert. Muslime und Juden finden sich neben evangelischen, katholischen und orthodoxen Christen. Auch nicht jeder Bekenntnislose ist automatisch unreligiös. Erstaunlich ist die Bereitschaft zur Teilnahme am Abiturgottesdienst bei einer nicht geringen Anzahl muslimischer Schülerinnen und Schüler ohne Rücksicht auf die eigene Tradition. Offenkundig steht der Kasus deutlich stärker im Vordergrund als die religiöse Tradition. […]
Im Mittelpunkt steht die gemeinsame Feier des (gemeinsam) Erreichten. Jenseits einer trivialen Säkularisierungsthese haben gerade Schülerinnen und Schüler weiterführender Schulen egal welcher Religion ein oft kritisches Verhältnis zur eigenen religiösen Tradition, ohne dass ein religiöses, spirituelles Bedürfnis dadurch verschwunden wäre. Dies ist für den Abiturgottesdienst und seine Vorbereitung bedeutsam. Im Dialog über unterschiedliche Vorstellungen wird einerseits religiöse Gemeinschaft auch jenseits überholter Grenzen möglich. Andererseits kann gerade der Diskussionsprozess dazu führen, sich auch bei der eigenen Tradition rückzuversichern und so etwas über das zu lernen, wo man eigentlich herkommt. So kommt man erfahrungsgemäß zu gemeinsamen Äußerungsformen, die von allen getragen werden und verantwortet sind – sowohl vor sich selbst als auch in Rücksicht auf die eigenen und anderen Traditionen.
Ingo Reuter ist evangelischer Theologe.
M 2 – Ruth Zeifert: Warum hört mich keiner?
[…] Ich bin mit einem jüdischen und einem christlichen Elternteil in Hessen aufgewachsen. In der Grundschule besuchte ich den evangelischen Religionsunterricht, in der Freizeit schleppte mich meine Mutter in die jüdische Gemeinde, trotz allen Genörgels von uns Kindern und trotz aller Bombendrohungen von unbekannten Spinnern, die dort immer wieder eingingen. Heute verstehe ich mich als Agnostikerin, mein Mann sieht sich als Atheist. Wir sind Religionen gegenüber interessiert, aber skeptisch eingestellt. Dementsprechend wollen wir unsere Kinder erziehen.
Das ging so lange gut, bis meine Tochter eingeschult wurde. Die Schulzeit startete mit einem Gottesdienst […]. Ich fragte mich: Muss mein Kind da hin? […] Tatsächlich stellte sich heraus: Der Gottesdienstbesuch war freiwillig. Von der Schule hatte es aber niemand für nötig gehalten, den Eltern das mitzuteilen. Es wurde einfach davon ausgegangen, dass alle in die Kirche kommen, ganz gleich, was sie von dieser Kirche halten. So ähnlich sollte es in den Jahren darauf weitergehen.
Statt den christlichen Religionsunterricht zu besuchen, konnte Rahel das Fach Ethik belegen. Aber wenige Wochen nach Schuljahresbeginn wurden wir darüber informiert, dass es fortan in regelmäßigen Abständen Schulgottesdienste geben werde, die die Kinder besuchen sollten. Ich war überrascht, mein Mann war erbost […]. Ich schrieb der Klassenlehrerin eine E-Mail und teilte ihr mit, dass ich es bedenklich finde, in einer staatlichen Schule während des Unterrichts einen Gott anzubeten. Es kam keine Antwort.
Nach einem Gespräch mit der Rektorin der Schule zeigte sich: Wer nicht in den Gottesdienst geht, bleibt in der Schule und wird mit Aufgabenblättern beschäftigt.
Man könnte nun sagen: Gut, dann bleiben diese Kinder eben in der Schule, halb so wild. Tatsächlich merkten wir schnell, dass es so leicht nicht ist. Wenn fast alle Kinder in die Kirche gehen, fühlen sich diejenigen, die in der Schule bleiben müssen, nämlich miserabel. Auch meine Tochter wollte unbedingt in den Gottesdienst. Sie flehte uns an, gehen zu dürfen. […]
Als Eltern hatten mein Mann und ich damit ein Problem. Wir haben eine Vorstellung von Werten und Weltbildern, die wir unseren Kindern mitgeben wollen. Plötzlich hatten wir das Gefühl, dass sich Staat und Kirche da ganz gehörig einmischten. Und das, ohne dass uns eine Wahl gelassen worden wäre. […]
Wir fühlten uns mit unserem Problem allein, obwohl viele davon betroffen waren. Da war die muslimische Großmutter, die ich vor der Kirche traf, als ich meine Tochter absetzte; auch sie wollte nicht, dass ihre Enkeltochter in die Messe geht. Da waren muslimische Eltern, die ihre Kinder in die Kirche schickten, obwohl ihnen nicht wohl dabei war. Sie wussten gar nicht, dass der Gottesdienst keine Pflicht ist. Und auch atheistisch eingestellte Eltern hatten das Gefühl, dass ihre Kinder in der Schule christlich indoktriniert werden. Irgendwann fand ich heraus, dass von den 400 Kindern der Schule 70 nicht in den Gottesdienst gingen. […]
Vielleicht denken Sie jetzt: Soll sie ihre Tochter halt in die Kirche gehen lassen, was kann schon passieren? Lassen Sie sich überraschen. […]
Vor jedem Schulgottesdienst, vor jeder christlichen Aktivität gab es Ärger, egal ob Bibelwoche oder Sternsinger. Mein Mann versuchte alles, um meine Tochter von ihrem religiösen Trip zu holen, auf den die Schule sie geschickt hatte. Er probierte es mit Argumenten. Am Abendbrottisch erklärte er Rahel, warum es aus seiner Sicht keinen Gott gibt, er hielt ein Plädoyer für die Naturwissenschaft, legte als Historiker dar, welches Unheil die Kirche in ihrer langen Geschichte angerichtet hat. Irgendwann versuchte er es mit Humor und scherzte: Er bete ausschließlich das „Spaghettimonster" an! […]
Mich irritierte das alles sehr. Einem Kind eine Religion einzuimpfen sollte nicht die Rolle des Lehrers sein; wenn überhaupt, dürfen das die Eltern. Die stehen aber schnell ziemlich machtlos da, wenn die Schule einfach die Initiative ergreift. […]
Dabei war alles, was ich wollte, den nicht christlich erzogenen Kindern eine Alternative zum Kirchenbesuch anbieten zu können. Ich wollte keine Revolution, sondern etwas Selbstverständliches – und scheiterte dennoch. Dabei merkte ich, wie schnell man an den Rand gedrängt wird, wenn man auch nur etwas anders ist. Mein Mann und ich sind gut situierte Akademiker, wir sind Teil dessen, was Politiker die „Mitte der Gesellschaft" nennen. Wie müssen sich da erst Migranten fühlen, die einer anderen Religion angehören?
„Du gehörst dazu", singen sie in unserer Grundschule ständig. Aber so ist es nicht. Wenn eine Schule Nichtgläubige in die Kirche zwingen will, gehört eben nur dazu, wer auch mitkommt.
Ruth Zeifert ist Soziologin und Autorin.
M 3 – Landeskirchenamt der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers: „Warum beten wir eigentlich nicht zusammen?"
Zusammenfassende Thesen
[…]
5. Gute Schulen benötigen Räume für Erfahrungen, in denen auch eine Kultur des Feierns und Gedenkens ihren Platz hat. Schulgottesdienste und religiöse Feiern bieten dazu einen wichtigen Beitrag, sie helfen zur Sinnstiftung und Gemeinschaftsbildung. […]
6. In dieser Arbeitshilfe werden für die Schule zwei Typen vorgestellt: Der Gottesdienst mit liturgischer Gastfreundschaft: ein christlicher Gottesdienst mit klarem christlichem Profil, der bewusst Gäste aus anderen Religionen einlädt und auf sie eingeht. Die multireligiöse Feier, bei der Menschen aus unterschiedlichen Religionen ohne Vermischung ihrer Religion nebeneinander beten. Das Gebet der je anderen nehmen die Beteiligten jeweils respektvoll wahr. […]
7. Von der multireligiösen Feier zu unterscheiden ist die interreligiöse Feier, bei der Menschen aus unterschiedlichen Religionen gemeinsam mit denselben Worten beten. Da die Identität der einzelnen Religionen hier nicht respektiert wird, und die Religionen praktisch vermischt werden, wird diese Form aus theologischen und pädagogischen Gründen abgelehnt.
8. Die liturgische Gestaltung setzt immer eine theologische Klärung über das Verhältnis der Religionen zueinander voraus. Es ist nötig, sich über die eigene Position Rechenschaft zu geben. Traditionell werden drei Modelle vertreten: Für das exklusive Modell sind allein im christlichen Glauben Heil und gültige Gotteserkenntnis möglich. Das inklusive Modell sieht die Fülle des Heils und der Offenbarung in Christus, rechnet aber bei anderen Religionen mit einer gewissen Gotteserkenntnis und der Möglichkeit der Teilhabe am Heil. Das pluralistische Modell sieht in den Religionen unterschiedliche, aber gleichwertige Wege der Erkenntnis des einen Gottes.
M 4 – Tanja Gojny: Schulgottesdienst
Geht man der Frage nach den Herausforderungen von Pluralität und möglichen Entwicklungsperspektiven für Schulgottesdienste genauer nach, müssen dabei im deutschen Kontext neben evangelischen und katholischen Christinnen und Christen nicht nur über vier Millionen Muslime, sondern vor allem auch die zahlenmäßig noch weitaus bedeutendere Gruppe der sog. Konfessionslosen berücksichtigt werden – immerhin 24 Millionen Menschen. Dies ist nicht zuletzt auch deswegen so wichtig, weil angesichts nachlassender Bindekraft der christlichen Religion davon auszugehen ist, dass der Anteil der Konfessionslosen weiter steigen wird. Auch gilt es zu berücksichtigen, dass die gesamtgesellschaftliche Situation zwar von religiöser wie weltanschaulicher Pluralität geprägt ist, man aber nicht davon ausgehen kann, dass Schülerinnen und Schüler jeweils tatsächlich Erfahrungen mit Angehörigen sehr vieler unterschiedlicher Konfessionen, Religionen oder Weltanschauungen gemacht haben. […]
Ferner muss bedacht werden, dass die Gruppen der Katholiken, Protestanten, Muslime und Konfessionslosen wie auch der Angehörigen anderer Religionen ihrerseits von einem hohen Maß an Pluralität geprägt sind […]. Nicht zuletzt darf auch nicht übersehen werden, dass sich in Deutschland selbst innerhalb der großen christlichen Konfessionen eine Vielfalt an Religionskulturen zeigt, die nicht zuletzt durch soziokulturelle Faktoren geprägt ist – die „Region, das Geschlecht, der Lebensstil und der Bildungsgrad nehmen erheblichen Einfluss auf die Ausgestaltung von Kirchenmitgliedschaft – auch unter Schüler/innen. Diese soziokulturelle, innere Pluralität dürfte in der Regel wirkmächtiger sein als die äußere religiöse Pluralität." […]
Religiöses Schulleben wird z. T. auch als Fremdkörper an öffentlichen Schulen empfunden und grundsätzlich angefragt, etwa von Eltern, aber auch von Schulleitungen. Dass in der Regel keine lautstarke Kritik an einer bestehenden Schulgottesdienstpraxis geäußert wird, bedeutet nicht, dass nicht innerhalb des Kollegiums, den Mitgliedern der Schulleitung sowie der Schüler- und Elternschaft höchst unterschiedliche Vorstellungen darüber existieren, ob es überhaupt Angebote religiösen Schullebens geben soll und falls ja, wie diese aussehen sollen. Diesen Vorstellungen liegen häufig unterschiedliche Toleranzverständnisse zugrunde, unterschiedliche Vorstellungen darüber, welche Bedeutung Religion in Staat und Öffentlichkeit zugebilligt werden sollte, sowie nicht zuletzt unterschiedliche Theorien bzw. Theologien darüber, wie sich partikulare Religionen zueinander verhalten. […]
Tanja Gojny ist evangelische Theologin.
M 5 – Shell-Jugendstudie 2019: Bedeutung von Religion, Glaube und Kirche
Sowohl für katholische als auch evangelische Jugendliche hat der Glaube in den letzten knapp 20 Jahren erheblich an Bedeutung verloren: Nur für 39 % der katholischen und 24 % der evangelischen Jugendlichen ist der Gottesglaube wichtig. Anders ist dies bei muslimischen Jugendlichen: Für 73 % von ihnen ist der Gottesglaube wichtig. Ähnliche konfessionelle Muster zeigen sich bei der konkreten Religionsausübung: Nur 18 % der katholischen, 13 % der evangelischen, aber 60 % der muslimischen Jugendlichen beten mindestens einmal pro Woche.
Anteil der Jugendlichen, für die der Glaube an Gott wichtig ist, im Jahr 2002
Anteil der Jugendlichen, für die der Glaube an Gott wichtig ist, im Jahr 2019
M 7 – Rudolf Otto Wiemer: Es müssen nicht Männer mit Flügeln sein
Es müssen nicht Männer mit Flügeln sein, die Engel.
Sie gehen leise, sie müssen nicht schrein, die Engel.
Oft sind sie alt und häßlich und klein, die Engel.
Sie haben kein Schwert, kein weißes Gewand, die Engel.
5 Vielleicht ist einer, der gibt dir die Hand,
oder er wohnt neben dir, Wand an Wand, der Engel.
Dem Hungernden hat er das Brot gebracht, der Engel.
Dem Kranken hat er das Bett gemacht,
und hört, wenn du ihn rufst, in der Nacht, der Engel.
10 Er steht im Weg und er sagt: Nein, der Engel,
groß wie ein Pfahl und hart wie ein Stein –
Es müssen nicht Männer mit Flügeln sein, die Engel.
Rudolf Otto Wiemer (1905 – 1998) war Schriftsteller und Pädagoge.
Aufgabe 2 - Teilaufgabe 1 · Texterschließung: Thema, Gedankengang und Position
Ruth Gütter
Freiheit zur Begrenzung
Als evangelische Christen glauben wir, dass Gott, der Schöpfer des Himmels und der Erde, in
Jesus Christus in die Welt gekommen ist, um sie von der Macht der Sünde zu befreien. In der
Menschwerdung Gottes in Jesus Christus wird die Liebe Gottes zu seiner ganzen Schöpfung
in ganz besonderer Weise offenbar. Schon im AT wird diese Liebe Gottes zur Schöpfung be-
5 zeugt – etwa im Bund Gottes mit Noah und in seinem Versprechen, die Erde nicht mehr zu
zerstören, sondern sie zu bewahren. Diesen Bund schließt Gott mit der ganzen Schöpfung –
nicht nur mit Noah (Gen. 9,8–10). Nicht nur der Mensch, sondern auch die Mitschöpfung hat
also eine Gottesbeziehung! Die in Christus erneuerte Gottesbeziehung ist demnach nicht nur
für den Menschen, sondern für die ganze Schöpfung von Bedeutung.
10 In den ntl. 1 Berichten und Zeugnissen scheint diese schöpfungstheologische Dimension des
Christusereignisses immer wieder auf. „Er kam in sein Eigentum“ (Joh. 1,11) – damit beschrei-
tet Christus einen Weg, der die ganze Schöpfung betrifft. Das wird sichtbar an den Schilde-
rungen der Evangelisten über kosmische Zeichen, die seinen irdischen Weg begleiten. Die
Geburt Jesu wird hier verbunden mit einem neuen Stern, der am Himmel aufging, und sein
15 Tod am Kreuz mit der Sonne, die ihren Schein verliert. Die Beziehung Jesu zur Schöpfung
wird auch durch Erzählungen über sein naturnahes Leben deutlich. In den Geschichten der
Evangelien wird berichtet, dass er 40 Tage in der Wüste fastete, sich immer wieder zum Gebet
in die Natur zurückzog. In vielen seiner Gleichnisse kommen Bilder aus der Natur vor (Gleich-
nis vom Senfkorn, Gleichnis von der vielfältigen Saat, vom Unkraut unter dem Weizen, das
20 Gleichnis vom Sauerteig u. a.), er betrachtet die Pflanzen und Tiere in ihrer Sorglosigkeit und
ihrer Angewiesenheit auf den Schöpfer als Vorbilder für den Menschen.
Jedoch stellt sich die Frage, ob die nichtmenschliche Schöpfung eine ebensolche Gottesbezie-
hung hat wie der Mensch. Im ersten Schöpfungsbericht wird nur dem Menschen die Eben-
bildlichkeit Gottes zugesprochen (Gen. 1,26). Damit hat er eine andere Gottesbeziehung als
25 die Mitschöpfung, eine Beziehung, die durch Dialogfähigkeit, Reflexionsfähigkeit und Ver-
antwortung gegenüber Gott und der Mitschöpfung geprägt ist. Die Antwortfähigkeit und die
Einsicht in seine Endlichkeit machen nach den Aussagen der hebräischen Bibel den Menschen
aus. Deshalb ist fraglich, ob die Mitschöpfung sich in der gleichen Weise wie der Mensch von
Gott abwenden kann, d. h. sündig werden kann.
30 Sünde bedeutet ja im Kern Entfremdung, d. h. nicht mehr aus dem Vertrauen zu Gott leben,
sondern aus der Illusion, aus sich selbst leben zu können ohne Selbstbegrenzung und ohne
Verantwortung vor Gott und dem Nächsten. […]
Zu dieser Art von Entfremdung von Gott, den Mitgeschöpfen und sich selbst scheint nur der
Mensch als Ebenbild Gottes in der Lage. Von seiner Fähigkeit zur Sünde ist jedoch die ganze
35 Schöpfung betroffen. Nach dem Sündenfall ist nun auch die Mitschöpfung der Vergänglich-
keit unterworfen. Sie ist nicht mehr „sehr gut“ wie am Anfang, sondern von Gewalt und Ver-
fall gekennzeichnet, aber sie steht wie auch der Mensch unter Gottes Zusage seines Schutzes
und seiner Verheißungen. […]
Paulus versteht die Befreiung von der Macht der Sünde und des Todes durch Christus als ein-
40 deutig auf die ganze Schöpfung bezogen. So heißt es in Röm. 8,19–21: „Denn das ängstliche
Harren der Kreatur wartet darauf, dass die Kinder Gottes offenbar werden. Die Schöpfung ist
ja unterworfen der Vergänglichkeit … doch auf Hoffnung. Denn auch die Schöpfung wird
frei werden von der Knechtschaft der Vergänglichkeit zu der herrlichen Freiheit der Kinder
Gottes.“
45 Es geht also um eine umfassende Befreiung und Erlösung der von Sünde und Tod gezeichne-
ten Welt. Eine anthropologische, individualistische und spirituelle Verengung des Erlösungs-
handelns Gottes in Christus nur auf den Menschen und auf seine Seele, wie es in der westli-
chen protestantischen Kirchen- und Theologiegeschichte bis heute immer wieder anzutreffen
ist, ist mit dem ntl. Zeugnis nicht vereinbar. […]
50 Die Sünde als nicht endende Sorge um sich selbst zeigt sich in vielen Erscheinungsformen.
Heute hat sie – wie Papst Franziskus eindrücklich mahnt – in der Gestalt der grenzenlosen
Gier und der Abstumpfung gegenüber dem Leid anderer besonders zerstörerische Formen an-
genommen – zerstörerisch für die Seele des Menschen, für die menschlichen Beziehungen
und für das Wohlergehen der ganzen Schöpfung. Sünde zeigt sich aber auch in dem Zwang,
55 sich selbst ständig inszenieren zu müssen, oder in den quälenden Ängsten, wertlos zu sein.
Glaube bedeutet dagegen: sich von Vertrauen leiten lassen statt von Angst, Loslassen statt
Festhalten. In Gottes Liebe geborgen hat der Glaubende alles, was nötig ist. Er muss nicht
länger auf Kosten anderer leben und sich selbst inszenieren.
Ein solcher Glaube ist nach reformatorischer Erkenntnis keine Leistung, sondern ein Geschenk.
60 Die dankbare Annahme dieses Geschenkes bedeutet Befreiung von falschen Göttern, radikale
Umkehr zu einem neuen Leben, Neuschöpfung. […]
Umkehr, wie sie das biblische Zeugnis beschreibt, ist nicht nur und nicht in erster Linie eine
Bekehrung der Seele zu Gott, sondern eine umfassende Umkehr mit weitreichenden Folgen
für die ganze Mitschöpfung. Sie hat als Prozess der Neuschöpfung transformative Kraft und
65 Bedeutung. Der Glaube an Jesus Christus weitet daher die Perspektive des Menschen zu einer
Perspektive der Hoffnung. […]
Wenn – wie eingangs beschrieben – die Grenzenlosigkeit und Maßlosigkeit des Menschen
zu den größten Bedrohungen der Gegenwart für die gesamte Schöpfung geworden ist, dann
bedeutet Umkehr heute vor allem die Bereitschaft und die Fähigkeit des Menschen, sich selbst
70 zu begrenzen.
Ein solches Plädoyer des christlichen Glaubens für eine heilsame Selbstbegrenzung erscheint
in einer Gesellschaft, in der grenzenloses Wirtschaftswachstum und grenzenlose Selbstver-
wirklichung immer noch unhinterfragte Paradigmen sind, als eine Zumutung und Provokation.
Sie wird von vielen als eine unzulässige Einschränkung menschlicher Autonomie durch Moral
75 und Religion betrachtet.
In Wahrheit sind Freiheit und Selbstbegrenzung aber keine sich ausschließenden Gegensätze.
Nach christlichem Verständnis bewährt sich Freiheit gerade darin, sich in Verantwortung
gegenüber Gott und dem Nächsten selbst zu begrenzen. […]
Ich bin Zeit meines irdischen Lebens auf andere angewiesen und von ihnen abhängig – auch
80 von der nichtmenschlichen Schöpfung. Die Freiheit des Menschen ist also nicht etwas Abso-
lutes, sondern etwas Relationales und Dialogisches. Sie bewährt sich in der Verantwortung.
Auch die Verantwortung ist im Kern etwas Dialogisches. Verantwortung und auch Selbstbe-
grenzung sind aus christlicher Perspektive nur möglich durch den Glauben, dass der Mensch
von Gott schon angesprochen ist. […]
85 Erfahrungsgemäß reagieren Menschen oft erst auf Auswirkungen ihres Tuns, die für sie selbst
spürbar und die für sie hautnah erfahrbar sind. Die Auswirkungen auf Menschen, die erst noch
geboren werden, sind sehr abstrakt und wenig greifbar. Bei der Verantwortung für die kom-
mende Generation geht es aus christlicher Perspektive nicht nur um die allgemeine Verantwor-
tung für etwas, sondern entscheidend um die Frage, vor wem ich Verantwortung trage. […]
90 In Zeiten der vielfältigen Krisen und Bedrohungen wachsen auch die Ängste. Es sind nicht
mehr die Ängste vergangener Zeiten vor einem strafenden Gott, sondern Ängste vor der Zu-
kunft, um das eigene Leben und das der eigenen Kinder und Enkel. Es sind Ängste, die dazu
führen, dass Menschen sich an der Erhaltung des Status quo orientieren und die notwendigen
Veränderungen und Transformationen als bedrohlich empfinden. Es sind Gefühle der Ohn-
95 macht und des Zweifels an der Bedeutung eigenen Tuns angesichts der großen Herausforde-
rungen und Bedrohungen.
Wie könnte die reformatorische Botschaft angesichts dieser Ängste und Ohnmachtsgefühle
heute lauten? Vielleicht lässt sie sich so übersetzen, dass wir auch in unseren existentiellen
Ängsten gehalten und angenommen sind und gerade so frei und mutig werden für die notwen-
100 digen Veränderungen. […]
Immerhin sind auch die Nachhaltigkeitsziele der UN von 2015 mit dem bezeichnenden Titel
„Transforming our World – the 2030 Agenda for sustainable development“ von weitreichen-
den positiven Visionen und einer großen Entschlossenheit getragen. An dieser „Transforma-
tion der Welt“ mitzuwirken, sind Christen nicht nur durch ihren Glauben an Gott den Schöp-
105 fer und Befreier ermächtigt, sondern auch durch die Hoffnung auf den kommenden Gott, der
Himmel und Erde neu schaffen will.
1 ntl: Abkürzung für neutestamentlich
(Die Kürzungen im Text unterbrechen den Gedankengang nicht, sondern nehmen nur ergänzende Aspekte heraus. Rechtschreibung und Zeichensetzung entsprechen der Vorlage. Offenkundige Druckfehler wurden korrigiert, ohne den Sinn zu verändern.)
Ruth Gütter ist evangelische Theologin.
Materialgrundlage: Ruth Gütter: Freiheit zur Begrenzung. In: Deutsches Pfarrerblatt, 05/2019.
1. Erarbeiten Sie das Thema sowie den Gedankengang des Textes von Ruth Gütter und arbeiten Sie dabei heraus, welches Gottesbild die Autorin vermittelt. [24 Punkte]
Aufgabe 2 - Teilaufgabe 2 · Jesus Christus: Kreuz und Auferweckung
Ruth Gütter
Freiheit zur Begrenzung
Als evangelische Christen glauben wir, dass Gott, der Schöpfer des Himmels und der Erde, in
Jesus Christus in die Welt gekommen ist, um sie von der Macht der Sünde zu befreien. In der
Menschwerdung Gottes in Jesus Christus wird die Liebe Gottes zu seiner ganzen Schöpfung
in ganz besonderer Weise offenbar. Schon im AT wird diese Liebe Gottes zur Schöpfung be-
5 zeugt – etwa im Bund Gottes mit Noah und in seinem Versprechen, die Erde nicht mehr zu
zerstören, sondern sie zu bewahren. Diesen Bund schließt Gott mit der ganzen Schöpfung –
nicht nur mit Noah (Gen. 9,8–10). Nicht nur der Mensch, sondern auch die Mitschöpfung hat
also eine Gottesbeziehung! Die in Christus erneuerte Gottesbeziehung ist demnach nicht nur
für den Menschen, sondern für die ganze Schöpfung von Bedeutung.
10 In den ntl. 1 Berichten und Zeugnissen scheint diese schöpfungstheologische Dimension des
Christusereignisses immer wieder auf. „Er kam in sein Eigentum“ (Joh. 1,11) – damit beschrei-
tet Christus einen Weg, der die ganze Schöpfung betrifft. Das wird sichtbar an den Schilde-
rungen der Evangelisten über kosmische Zeichen, die seinen irdischen Weg begleiten. Die
Geburt Jesu wird hier verbunden mit einem neuen Stern, der am Himmel aufging, und sein
15 Tod am Kreuz mit der Sonne, die ihren Schein verliert. Die Beziehung Jesu zur Schöpfung
wird auch durch Erzählungen über sein naturnahes Leben deutlich. In den Geschichten der
Evangelien wird berichtet, dass er 40 Tage in der Wüste fastete, sich immer wieder zum Gebet
in die Natur zurückzog. In vielen seiner Gleichnisse kommen Bilder aus der Natur vor (Gleich-
nis vom Senfkorn, Gleichnis von der vielfältigen Saat, vom Unkraut unter dem Weizen, das
20 Gleichnis vom Sauerteig u. a.), er betrachtet die Pflanzen und Tiere in ihrer Sorglosigkeit und
ihrer Angewiesenheit auf den Schöpfer als Vorbilder für den Menschen.
Jedoch stellt sich die Frage, ob die nichtmenschliche Schöpfung eine ebensolche Gottesbezie-
hung hat wie der Mensch. Im ersten Schöpfungsbericht wird nur dem Menschen die Eben-
bildlichkeit Gottes zugesprochen (Gen. 1,26). Damit hat er eine andere Gottesbeziehung als
25 die Mitschöpfung, eine Beziehung, die durch Dialogfähigkeit, Reflexionsfähigkeit und Ver-
antwortung gegenüber Gott und der Mitschöpfung geprägt ist. Die Antwortfähigkeit und die
Einsicht in seine Endlichkeit machen nach den Aussagen der hebräischen Bibel den Menschen
aus. Deshalb ist fraglich, ob die Mitschöpfung sich in der gleichen Weise wie der Mensch von
Gott abwenden kann, d. h. sündig werden kann.
30 Sünde bedeutet ja im Kern Entfremdung, d. h. nicht mehr aus dem Vertrauen zu Gott leben,
sondern aus der Illusion, aus sich selbst leben zu können ohne Selbstbegrenzung und ohne
Verantwortung vor Gott und dem Nächsten. […]
Zu dieser Art von Entfremdung von Gott, den Mitgeschöpfen und sich selbst scheint nur der
Mensch als Ebenbild Gottes in der Lage. Von seiner Fähigkeit zur Sünde ist jedoch die ganze
35 Schöpfung betroffen. Nach dem Sündenfall ist nun auch die Mitschöpfung der Vergänglich-
keit unterworfen. Sie ist nicht mehr „sehr gut“ wie am Anfang, sondern von Gewalt und Ver-
fall gekennzeichnet, aber sie steht wie auch der Mensch unter Gottes Zusage seines Schutzes
und seiner Verheißungen. […]
Paulus versteht die Befreiung von der Macht der Sünde und des Todes durch Christus als ein-
40 deutig auf die ganze Schöpfung bezogen. So heißt es in Röm. 8,19–21: „Denn das ängstliche
Harren der Kreatur wartet darauf, dass die Kinder Gottes offenbar werden. Die Schöpfung ist
ja unterworfen der Vergänglichkeit … doch auf Hoffnung. Denn auch die Schöpfung wird
frei werden von der Knechtschaft der Vergänglichkeit zu der herrlichen Freiheit der Kinder
Gottes.“
45 Es geht also um eine umfassende Befreiung und Erlösung der von Sünde und Tod gezeichne-
ten Welt. Eine anthropologische, individualistische und spirituelle Verengung des Erlösungs-
handelns Gottes in Christus nur auf den Menschen und auf seine Seele, wie es in der westli-
chen protestantischen Kirchen- und Theologiegeschichte bis heute immer wieder anzutreffen
ist, ist mit dem ntl. Zeugnis nicht vereinbar. […]
50 Die Sünde als nicht endende Sorge um sich selbst zeigt sich in vielen Erscheinungsformen.
Heute hat sie – wie Papst Franziskus eindrücklich mahnt – in der Gestalt der grenzenlosen
Gier und der Abstumpfung gegenüber dem Leid anderer besonders zerstörerische Formen an-
genommen – zerstörerisch für die Seele des Menschen, für die menschlichen Beziehungen
und für das Wohlergehen der ganzen Schöpfung. Sünde zeigt sich aber auch in dem Zwang,
55 sich selbst ständig inszenieren zu müssen, oder in den quälenden Ängsten, wertlos zu sein.
Glaube bedeutet dagegen: sich von Vertrauen leiten lassen statt von Angst, Loslassen statt
Festhalten. In Gottes Liebe geborgen hat der Glaubende alles, was nötig ist. Er muss nicht
länger auf Kosten anderer leben und sich selbst inszenieren.
Ein solcher Glaube ist nach reformatorischer Erkenntnis keine Leistung, sondern ein Geschenk.
60 Die dankbare Annahme dieses Geschenkes bedeutet Befreiung von falschen Göttern, radikale
Umkehr zu einem neuen Leben, Neuschöpfung. […]
Umkehr, wie sie das biblische Zeugnis beschreibt, ist nicht nur und nicht in erster Linie eine
Bekehrung der Seele zu Gott, sondern eine umfassende Umkehr mit weitreichenden Folgen
für die ganze Mitschöpfung. Sie hat als Prozess der Neuschöpfung transformative Kraft und
65 Bedeutung. Der Glaube an Jesus Christus weitet daher die Perspektive des Menschen zu einer
Perspektive der Hoffnung. […]
Wenn – wie eingangs beschrieben – die Grenzenlosigkeit und Maßlosigkeit des Menschen
zu den größten Bedrohungen der Gegenwart für die gesamte Schöpfung geworden ist, dann
bedeutet Umkehr heute vor allem die Bereitschaft und die Fähigkeit des Menschen, sich selbst
70 zu begrenzen.
Ein solches Plädoyer des christlichen Glaubens für eine heilsame Selbstbegrenzung erscheint
in einer Gesellschaft, in der grenzenloses Wirtschaftswachstum und grenzenlose Selbstver-
wirklichung immer noch unhinterfragte Paradigmen sind, als eine Zumutung und Provokation.
Sie wird von vielen als eine unzulässige Einschränkung menschlicher Autonomie durch Moral
75 und Religion betrachtet.
In Wahrheit sind Freiheit und Selbstbegrenzung aber keine sich ausschließenden Gegensätze.
Nach christlichem Verständnis bewährt sich Freiheit gerade darin, sich in Verantwortung
gegenüber Gott und dem Nächsten selbst zu begrenzen. […]
Ich bin Zeit meines irdischen Lebens auf andere angewiesen und von ihnen abhängig – auch
80 von der nichtmenschlichen Schöpfung. Die Freiheit des Menschen ist also nicht etwas Abso-
lutes, sondern etwas Relationales und Dialogisches. Sie bewährt sich in der Verantwortung.
Auch die Verantwortung ist im Kern etwas Dialogisches. Verantwortung und auch Selbstbe-
grenzung sind aus christlicher Perspektive nur möglich durch den Glauben, dass der Mensch
von Gott schon angesprochen ist. […]
85 Erfahrungsgemäß reagieren Menschen oft erst auf Auswirkungen ihres Tuns, die für sie selbst
spürbar und die für sie hautnah erfahrbar sind. Die Auswirkungen auf Menschen, die erst noch
geboren werden, sind sehr abstrakt und wenig greifbar. Bei der Verantwortung für die kom-
mende Generation geht es aus christlicher Perspektive nicht nur um die allgemeine Verantwor-
tung für etwas, sondern entscheidend um die Frage, vor wem ich Verantwortung trage. […]
90 In Zeiten der vielfältigen Krisen und Bedrohungen wachsen auch die Ängste. Es sind nicht
mehr die Ängste vergangener Zeiten vor einem strafenden Gott, sondern Ängste vor der Zu-
kunft, um das eigene Leben und das der eigenen Kinder und Enkel. Es sind Ängste, die dazu
führen, dass Menschen sich an der Erhaltung des Status quo orientieren und die notwendigen
Veränderungen und Transformationen als bedrohlich empfinden. Es sind Gefühle der Ohn-
95 macht und des Zweifels an der Bedeutung eigenen Tuns angesichts der großen Herausforde-
rungen und Bedrohungen.
Wie könnte die reformatorische Botschaft angesichts dieser Ängste und Ohnmachtsgefühle
heute lauten? Vielleicht lässt sie sich so übersetzen, dass wir auch in unseren existentiellen
Ängsten gehalten und angenommen sind und gerade so frei und mutig werden für die notwen-
100 digen Veränderungen. […]
Immerhin sind auch die Nachhaltigkeitsziele der UN von 2015 mit dem bezeichnenden Titel
„Transforming our World – the 2030 Agenda for sustainable development“ von weitreichen-
den positiven Visionen und einer großen Entschlossenheit getragen. An dieser „Transforma-
tion der Welt“ mitzuwirken, sind Christen nicht nur durch ihren Glauben an Gott den Schöp-
105 fer und Befreier ermächtigt, sondern auch durch die Hoffnung auf den kommenden Gott, der
Himmel und Erde neu schaffen will.
1 ntl: Abkürzung für neutestamentlich
(Die Kürzungen im Text unterbrechen den Gedankengang nicht, sondern nehmen nur ergänzende Aspekte heraus. Rechtschreibung und Zeichensetzung entsprechen der Vorlage. Offenkundige Druckfehler wurden korrigiert, ohne den Sinn zu verändern.)
Ruth Gütter ist evangelische Theologin.
Materialgrundlage: Ruth Gütter: Freiheit zur Begrenzung. In: Deutsches Pfarrerblatt, 05/2019.
2. Entfalten Sie unter Einbeziehung der biblischen Überlieferung zentrale Aspekte des Gottesbildes, das sich aus der Interpretation des Kreuzestodes Jesu als Heilsereignis ergibt, und setzen Sie diese in Beziehung zu der Gottesvorstellung, die Ruth Gütter darlegt. [30 Punkte]
Aufgabe 2 - Teilaufgabe 3 · Verantwortliches Handeln: Freiheit, Gerechtigkeit und Schöpfung
Ruth Gütter
Freiheit zur Begrenzung
Als evangelische Christen glauben wir, dass Gott, der Schöpfer des Himmels und der Erde, in
Jesus Christus in die Welt gekommen ist, um sie von der Macht der Sünde zu befreien. In der
Menschwerdung Gottes in Jesus Christus wird die Liebe Gottes zu seiner ganzen Schöpfung
in ganz besonderer Weise offenbar. Schon im AT wird diese Liebe Gottes zur Schöpfung be-
5 zeugt – etwa im Bund Gottes mit Noah und in seinem Versprechen, die Erde nicht mehr zu
zerstören, sondern sie zu bewahren. Diesen Bund schließt Gott mit der ganzen Schöpfung –
nicht nur mit Noah (Gen. 9,8–10). Nicht nur der Mensch, sondern auch die Mitschöpfung hat
also eine Gottesbeziehung! Die in Christus erneuerte Gottesbeziehung ist demnach nicht nur
für den Menschen, sondern für die ganze Schöpfung von Bedeutung.
10 In den ntl. 1 Berichten und Zeugnissen scheint diese schöpfungstheologische Dimension des
Christusereignisses immer wieder auf. „Er kam in sein Eigentum“ (Joh. 1,11) – damit beschrei-
tet Christus einen Weg, der die ganze Schöpfung betrifft. Das wird sichtbar an den Schilde-
rungen der Evangelisten über kosmische Zeichen, die seinen irdischen Weg begleiten. Die
Geburt Jesu wird hier verbunden mit einem neuen Stern, der am Himmel aufging, und sein
15 Tod am Kreuz mit der Sonne, die ihren Schein verliert. Die Beziehung Jesu zur Schöpfung
wird auch durch Erzählungen über sein naturnahes Leben deutlich. In den Geschichten der
Evangelien wird berichtet, dass er 40 Tage in der Wüste fastete, sich immer wieder zum Gebet
in die Natur zurückzog. In vielen seiner Gleichnisse kommen Bilder aus der Natur vor (Gleich-
nis vom Senfkorn, Gleichnis von der vielfältigen Saat, vom Unkraut unter dem Weizen, das
20 Gleichnis vom Sauerteig u. a.), er betrachtet die Pflanzen und Tiere in ihrer Sorglosigkeit und
ihrer Angewiesenheit auf den Schöpfer als Vorbilder für den Menschen.
Jedoch stellt sich die Frage, ob die nichtmenschliche Schöpfung eine ebensolche Gottesbezie-
hung hat wie der Mensch. Im ersten Schöpfungsbericht wird nur dem Menschen die Eben-
bildlichkeit Gottes zugesprochen (Gen. 1,26). Damit hat er eine andere Gottesbeziehung als
25 die Mitschöpfung, eine Beziehung, die durch Dialogfähigkeit, Reflexionsfähigkeit und Ver-
antwortung gegenüber Gott und der Mitschöpfung geprägt ist. Die Antwortfähigkeit und die
Einsicht in seine Endlichkeit machen nach den Aussagen der hebräischen Bibel den Menschen
aus. Deshalb ist fraglich, ob die Mitschöpfung sich in der gleichen Weise wie der Mensch von
Gott abwenden kann, d. h. sündig werden kann.
30 Sünde bedeutet ja im Kern Entfremdung, d. h. nicht mehr aus dem Vertrauen zu Gott leben,
sondern aus der Illusion, aus sich selbst leben zu können ohne Selbstbegrenzung und ohne
Verantwortung vor Gott und dem Nächsten. […]
Zu dieser Art von Entfremdung von Gott, den Mitgeschöpfen und sich selbst scheint nur der
Mensch als Ebenbild Gottes in der Lage. Von seiner Fähigkeit zur Sünde ist jedoch die ganze
35 Schöpfung betroffen. Nach dem Sündenfall ist nun auch die Mitschöpfung der Vergänglich-
keit unterworfen. Sie ist nicht mehr „sehr gut“ wie am Anfang, sondern von Gewalt und Ver-
fall gekennzeichnet, aber sie steht wie auch der Mensch unter Gottes Zusage seines Schutzes
und seiner Verheißungen. […]
Paulus versteht die Befreiung von der Macht der Sünde und des Todes durch Christus als ein-
40 deutig auf die ganze Schöpfung bezogen. So heißt es in Röm. 8,19–21: „Denn das ängstliche
Harren der Kreatur wartet darauf, dass die Kinder Gottes offenbar werden. Die Schöpfung ist
ja unterworfen der Vergänglichkeit … doch auf Hoffnung. Denn auch die Schöpfung wird
frei werden von der Knechtschaft der Vergänglichkeit zu der herrlichen Freiheit der Kinder
Gottes.“
45 Es geht also um eine umfassende Befreiung und Erlösung der von Sünde und Tod gezeichne-
ten Welt. Eine anthropologische, individualistische und spirituelle Verengung des Erlösungs-
handelns Gottes in Christus nur auf den Menschen und auf seine Seele, wie es in der westli-
chen protestantischen Kirchen- und Theologiegeschichte bis heute immer wieder anzutreffen
ist, ist mit dem ntl. Zeugnis nicht vereinbar. […]
50 Die Sünde als nicht endende Sorge um sich selbst zeigt sich in vielen Erscheinungsformen.
Heute hat sie – wie Papst Franziskus eindrücklich mahnt – in der Gestalt der grenzenlosen
Gier und der Abstumpfung gegenüber dem Leid anderer besonders zerstörerische Formen an-
genommen – zerstörerisch für die Seele des Menschen, für die menschlichen Beziehungen
und für das Wohlergehen der ganzen Schöpfung. Sünde zeigt sich aber auch in dem Zwang,
55 sich selbst ständig inszenieren zu müssen, oder in den quälenden Ängsten, wertlos zu sein.
Glaube bedeutet dagegen: sich von Vertrauen leiten lassen statt von Angst, Loslassen statt
Festhalten. In Gottes Liebe geborgen hat der Glaubende alles, was nötig ist. Er muss nicht
länger auf Kosten anderer leben und sich selbst inszenieren.
Ein solcher Glaube ist nach reformatorischer Erkenntnis keine Leistung, sondern ein Geschenk.
60 Die dankbare Annahme dieses Geschenkes bedeutet Befreiung von falschen Göttern, radikale
Umkehr zu einem neuen Leben, Neuschöpfung. […]
Umkehr, wie sie das biblische Zeugnis beschreibt, ist nicht nur und nicht in erster Linie eine
Bekehrung der Seele zu Gott, sondern eine umfassende Umkehr mit weitreichenden Folgen
für die ganze Mitschöpfung. Sie hat als Prozess der Neuschöpfung transformative Kraft und
65 Bedeutung. Der Glaube an Jesus Christus weitet daher die Perspektive des Menschen zu einer
Perspektive der Hoffnung. […]
Wenn – wie eingangs beschrieben – die Grenzenlosigkeit und Maßlosigkeit des Menschen
zu den größten Bedrohungen der Gegenwart für die gesamte Schöpfung geworden ist, dann
bedeutet Umkehr heute vor allem die Bereitschaft und die Fähigkeit des Menschen, sich selbst
70 zu begrenzen.
Ein solches Plädoyer des christlichen Glaubens für eine heilsame Selbstbegrenzung erscheint
in einer Gesellschaft, in der grenzenloses Wirtschaftswachstum und grenzenlose Selbstver-
wirklichung immer noch unhinterfragte Paradigmen sind, als eine Zumutung und Provokation.
Sie wird von vielen als eine unzulässige Einschränkung menschlicher Autonomie durch Moral
75 und Religion betrachtet.
In Wahrheit sind Freiheit und Selbstbegrenzung aber keine sich ausschließenden Gegensätze.
Nach christlichem Verständnis bewährt sich Freiheit gerade darin, sich in Verantwortung
gegenüber Gott und dem Nächsten selbst zu begrenzen. […]
Ich bin Zeit meines irdischen Lebens auf andere angewiesen und von ihnen abhängig – auch
80 von der nichtmenschlichen Schöpfung. Die Freiheit des Menschen ist also nicht etwas Abso-
lutes, sondern etwas Relationales und Dialogisches. Sie bewährt sich in der Verantwortung.
Auch die Verantwortung ist im Kern etwas Dialogisches. Verantwortung und auch Selbstbe-
grenzung sind aus christlicher Perspektive nur möglich durch den Glauben, dass der Mensch
von Gott schon angesprochen ist. […]
85 Erfahrungsgemäß reagieren Menschen oft erst auf Auswirkungen ihres Tuns, die für sie selbst
spürbar und die für sie hautnah erfahrbar sind. Die Auswirkungen auf Menschen, die erst noch
geboren werden, sind sehr abstrakt und wenig greifbar. Bei der Verantwortung für die kom-
mende Generation geht es aus christlicher Perspektive nicht nur um die allgemeine Verantwor-
tung für etwas, sondern entscheidend um die Frage, vor wem ich Verantwortung trage. […]
90 In Zeiten der vielfältigen Krisen und Bedrohungen wachsen auch die Ängste. Es sind nicht
mehr die Ängste vergangener Zeiten vor einem strafenden Gott, sondern Ängste vor der Zu-
kunft, um das eigene Leben und das der eigenen Kinder und Enkel. Es sind Ängste, die dazu
führen, dass Menschen sich an der Erhaltung des Status quo orientieren und die notwendigen
Veränderungen und Transformationen als bedrohlich empfinden. Es sind Gefühle der Ohn-
95 macht und des Zweifels an der Bedeutung eigenen Tuns angesichts der großen Herausforde-
rungen und Bedrohungen.
Wie könnte die reformatorische Botschaft angesichts dieser Ängste und Ohnmachtsgefühle
heute lauten? Vielleicht lässt sie sich so übersetzen, dass wir auch in unseren existentiellen
Ängsten gehalten und angenommen sind und gerade so frei und mutig werden für die notwen-
100 digen Veränderungen. […]
Immerhin sind auch die Nachhaltigkeitsziele der UN von 2015 mit dem bezeichnenden Titel
„Transforming our World – the 2030 Agenda for sustainable development“ von weitreichen-
den positiven Visionen und einer großen Entschlossenheit getragen. An dieser „Transforma-
tion der Welt“ mitzuwirken, sind Christen nicht nur durch ihren Glauben an Gott den Schöp-
105 fer und Befreier ermächtigt, sondern auch durch die Hoffnung auf den kommenden Gott, der
Himmel und Erde neu schaffen will.
1 ntl: Abkürzung für neutestamentlich
(Die Kürzungen im Text unterbrechen den Gedankengang nicht, sondern nehmen nur ergänzende Aspekte heraus. Rechtschreibung und Zeichensetzung entsprechen der Vorlage. Offenkundige Druckfehler wurden korrigiert, ohne den Sinn zu verändern.)
Ruth Gütter ist evangelische Theologin.
Materialgrundlage: Ruth Gütter: Freiheit zur Begrenzung. In: Deutsches Pfarrerblatt, 05/2019.
3. „Nach christlichem Verständnis bewährt sich Freiheit gerade darin, sich in Verantwortung gegenüber Gott und dem Nächsten selbst zu begrenzen“ (Z. 77 f.). Erörtern Sie unter Einbeziehung Ihrer bisherigen Ergebnisse die Chancen und Grenzen des Freiheitsverständnisses, das in diesem Zitat deutlich wird, und nehmen Sie zum Schluss begründet Stellung. [26 Punkte]
Aufgabe 3 - Teilaufgabe 1 · Texterschließung: Thema, Gedankengang und Position
Materialgrundlage: Yuval Noah Harari: 21 Lektionen für das 21. Jahrhundert. München: C. H. Beck 8 2019, S. 263–270.
Yuval Noah Harari
Gott
Du sollst den Namen Gottes nicht missbrauchen
Gibt es Gott? Das hängt davon ab, welchen Gott Sie dabei im Sinn haben. Das kosmische
Geheimnis oder den irdischen Gesetzgeber? Wenn Menschen über Gott reden, dann sprechen
sie mitunter über ein großes und Ehrfurcht gebietendes Rätsel, über das wir absolut nichts
wissen. Wir beschwören diesen mysteriösen Gott, um die tiefsten Rätsel des Kosmos zu er-
5 klären. Warum gibt es etwas und nicht nichts? Woher stammen die Grundgesetze der Physik?
Was ist Bewusstsein und woher kommt es? Die Antworten auf diese Fragen kennen wir nicht,
und unserem Nichtwissen geben wir den großen Namen „Gott“. Das grundlegendste Merkmal
dieses geheimnisvollen Gottes ist, dass wir nichts Konkretes über ihn sagen können. Das ist
der Gott der Philosophen; der Gott, über den wir reden, wenn wir spätabends am Lagerfeuer
10 sitzen und uns fragen, was das Leben eigentlich ist.
Bei anderen Gelegenheiten betrachten die Menschen Gott als strengen und irdischen Gesetz-
geber, über den wir nur allzu viel wissen. Wir wissen genau, was er über Mode, Essen, Sex
und Politik denkt, und wir berufen uns auf diesen zornigen Mann im Himmel, um eine Million
Regeln, Erlasse und Konflikte zu rechtfertigen. Er regt sich auf, wenn Frauen kurze Röcke
15 tragen, wenn zwei Männer Sex miteinander haben oder wenn Teenager masturbieren. Manche
sagen, er möge es nicht, wenn wir Alkohol trinken, während er anderen zufolge sehr wohl ver-
langt, wir sollten jeden Freitagabend oder jeden Sonntagmorgen Wein trinken. Ganze Biblio-
theken wurden verfasst, um bis ins kleinste Detail zu erklären, was er will und was er nicht
mag. Das grundlegendste Merkmal dieses irdischen Gesetzgebers ist, dass wir äußerst kon-
20 krete Dinge über ihn sagen können. Das ist der Gott der Kreuzfahrer und der Dschihadisten,
der Inquisitoren, der Frauenverächter und der Homophoben. Das ist der Gott, über den wir
reden, wenn wir um einen brennenden Scheiterhaufen herumstehen und Steine und Flüche
auf die Häretiker 1 schleudern, die dort schmoren.
Fragt man Gläubige, ob Gott wirklich existiert, sprechen sie oftmals zunächst über die rätsel-
25 haften Geheimnisse des Universums und die Grenzen menschlichen Verstehens. „Die Wissen-
schaft kann den Urknall nicht erklären“, rufen sie aus, „deshalb muss das Gottes Tat sein.“
Doch wie ein Zauberer, der sein Publikum narrt, indem er unmerklich eine Karte durch eine
andere ersetzt, ersetzen die Gläubigen rasch das kosmische Geheimnis durch den irdischen
Gesetzgeber. Nachdem sie den unbekannten Geheimnissen des Kosmos den Namen „Gott“
30 gegeben haben, gebrauchen sie diesen Namen, um Bikinis und Ehescheidungen zu verdam-
men. „Wir verstehen den Urknall nicht – deshalb musst du dein Haar in der Öffentlichkeit
bedecken und gegen die Homoehe stimmen.“ Dabei besteht gar keine logische Verbindung
zwischen den beiden „Göttern“, ja sie widersprechen sich sogar. Je tiefer die Geheimnisse des
Universums sind, desto weniger wahrscheinlich ist es, dass das, was dafür verantwortlich ist,
35 sich auch nur im Geringsten um weibliche Kleidervorschriften oder menschliches Sexualver-
halten schert. […]
Ich persönlich wundere mich unablässig über das Geheimnis des Daseins. Aber ich habe nie
verstanden, was das mit den belanglosen Gesetzen des Judentums, des Christentums oder des
Hinduismus zu tun haben soll. Diese Gesetze waren ohne Zweifel hilfreich, als es darum ging,
40 die Gesellschaftsordnung zu errichten und über Jahrtausende zu erhalten. Aber darin unter-
scheiden sie sich nicht grundlegend von den Gesetzen säkularer Staaten und Institutionen.
Das dritte der zehn biblischen Gebote verlangt von den Menschen, den Namen Gottes niemals
zu missbrauchen. Viele verstehen das auf eine recht kindische Weise, nämlich als Verbot, Got-
tes Namen explizit auszusprechen […]. Die tiefere Bedeutung dieses Gebots hingegen besteht
45 womöglich darin, dass wir den Namen Gottes nie gebrauchen sollten, um unsere politischen
Interessen, unsere ökonomischen Bestrebungen oder unsere persönlichen Abneigungen zu
rechtfertigen. Jemand hasst einen anderen und sagt: „Gott hasst ihn“; jemand begehrt ein Stück
Land und sagt: „Gott will es“. Die Welt wäre ein deutlich besserer Ort, wenn wir das dritte
Gebot treuer befolgten. Sie wollen einen Krieg gegen Ihre Nachbarn führen und ihnen ihr
50 Land stehlen? Dann lassen Sie Gott außen vor und suchen Sie sich irgendeine andere Ausrede.
Denn letzten Endes ist es eine Frage der Semantik 2. Wenn ich das Wort „Gott“ verwende,
denke ich an den Gott des Islamischen Staates, der Kreuzfahrer, der Inquisition und der „Gott
hasst Schwuchteln“-Aufkleber. Wenn ich an das Geheimnis des Daseins denke, benutze ich
lieber andere Wörter, um Verwechslungen zu vermeiden. Und anders als den Gott des Islami-
55 schen Staates und der Kreuzfahrer – der sich reichlich um Namen schert, vor allem um seinen
eigenen heiligen Namen – kümmert es das Geheimnis des Daseins nicht im geringsten, wel-
chen Namen wir […] ihm geben.
Natürlich hilft uns das kosmische Mysterium überhaupt nicht dabei, die Gesellschaftsordnung
aufrechtzuerhalten. Menschen behaupten oft, wir müssten an einen Gott glauben, der den Men-
60 schen einige ganz konkrete Gesetze gegeben hat, denn sonst werde die Moral verschwinden,
und die Gesellschaft werde wieder in vorzeitlichem Chaos versinken.
Es stimmt natürlich, dass der Glaube an Götter für verschiedene Gesellschaftsordnungen wich-
tig war und dass er mitunter positive Folgen hatte. Tatsächlich befördern dieselben Religio-
nen, die bei einigen Menschen für Hass und Bigotterie 3 sorgen, bei anderen Liebe und Mit-
65 gefühl. […]
Doch auch wenn Götter uns zu mitfühlendem Handeln inspirieren können, ist religiöser Glaube
keine notwendige Voraussetzung für moralisches Verhalten. Die Vorstellung, wir bräuchten
ein übernatürliches Wesen, das uns zu moralischem Handeln anhält, geht davon aus, dass
Moral etwas Unnatürliches ist. Doch warum? Eine gewisse Moral ist ganz natürlich. […]
70 Moral bedeutet nicht, „sich an göttliche Gebote zu halten“. Es bedeutet, „Leid zu verringern“.
Um moralisch zu handeln, muss man somit nicht an irgendeinen Mythos oder eine Geschichte
glauben. Man muss lediglich ein tiefreichendes Verständnis des Leids entwickeln. Wer wirk-
lich begreift, auf welche Weise eine Handlung einem selbst oder anderen unnötiges Leid zu-
fügt, wird auf ganz natürliche Weise davon Abstand nehmen. […]
75 Nun ließe sich einwenden, dass jeder Mensch natürlich danach strebt, sich nicht elend zu füh-
len, aber warum sollte sich jemand um das Elend anderer kümmern, wenn nicht irgendein
Gott es von ihm verlangt? Eine offenkundige Antwort lautet, dass Menschen soziale Lebe-
wesen sind, weshalb ihr Glück in hohem Maße von ihren Beziehungen zu anderen abhängt.
Wer könnte glücklich sein ohne Liebe, ohne Freundschaft, ohne Gemeinschaft? Wer ein ein-
80 sames, um sich selbst kreisendes Leben führt, wird sich mit ziemlicher Sicherheit elend füh-
len. Wer glücklich sein will, muss sich also zumindest um die eigene Familie, um die eigenen
Freunde und um die Angehörigen der eigenen Gemeinschaft kümmern.
Wie aber sieht es mit völlig Fremden aus? Warum kann ich nicht Fremde ermorden und mir
ihren Besitz unter den Nagel reißen, um mich und meinen Stamm zu bereichern? Viele Denker
85 haben ausgefeilte Gesellschaftstheorien entwickelt, die erklären, warum solches Verhalten auf
lange Sicht kontraproduktiv ist. Man möchte nicht in einer Gesellschaft leben, in der Fremde
regelmäßig ausgeraubt und ermordet werden. […] Man wäre nicht nur fortwährender Gefahr
ausgesetzt, sondern würde auch nicht von den Vorzügen etwa des Handels profitieren, der
vom Vertrauen zwischen Fremden abhängt. Kaufleute suchen üblicherweise keine Räuber-
90 höhlen auf. Damit haben säkulare Theoretiker vom alten China bis zum modernen Europa die
goldene Regel gerechtfertigt, die da lautet: „Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch
keinem andern zu.“ […]
Manchen Leuten mag ein starker Glaube an einen mitfühlenden Gott, der uns befiehlt, die
andere Wange hinzuhalten, dabei helfen, die Wut zu zügeln. Das war tatsächlich ein wichtiger
95 Beitrag, den religiöser Glaube zu Frieden und Harmonie auf der Welt geleistet hat. Leider ist
es aber so, dass religiöser Glaube bei anderen Menschen ihre Wut erst noch anheizt und recht-
fertigt, insbesondere wenn es jemand wagt, ihren Gott zu beleidigen oder seine Wünsche zu
ignorieren. Der Wert des gesetzgebenden Gottes hängt also letztlich vom Verhalten seiner
Gläubigen ab. Wenn sie moralisch gut handeln, können sie glauben, was sie wollen. […]
100 Keinerlei Tempel zu besuchen und an keinerlei Gott zu glauben ist ebenfalls eine mögliche
Option. Wie die letzten Jahrhunderte belegen, müssen wir nicht Gottes Namen beschwören,
um ein moralisches Leben zu führen. Auch der Säkularismus 4 kann uns mit all den Werten
versorgen, die wir brauchen.
(Die im Text vorgenommenen Auslassungen beeinträchtigen den Gedankengang nicht; es entfallen lediglich zusätzliche Aspekte.)
Yuval Noah Harari ist ein israelischer Historiker und Publizist.
1 Häretiker: jemand, der von der offiziellen Kirchenlehre abweicht
2 Semantik: sprachwissenschaftliche Disziplin, die sich mit der Bedeutung sprachlicher Zeichen beschäftigt
3 Bigotterie: hier: Intoleranz
4 Säkularismus: Weltanschauung, die auf religiöse Sichtweisen verzichtet
1.
Erarbeiten Sie, welches Thema der Text von Yuval Noah Harari behandelt und wie er gedanklich aufgebaut ist, und arbeiten Sie dabei heraus, wie Harari Gottesglauben und moralisches Handeln miteinander verknüpft. (24 Punkte)
Aufgabe 3 - Teilaufgaben 2 und 3 · Verantwortliches Handeln: Freiheit, Gerechtigkeit und Schöpfung
Materialgrundlage: Yuval Noah Harari: 21 Lektionen für das 21. Jahrhundert. München: C. H. Beck 8 2019, S. 263–270.
Yuval Noah Harari
Gott
Du sollst den Namen Gottes nicht missbrauchen
Gibt es Gott? Das hängt davon ab, welchen Gott Sie dabei im Sinn haben. Das kosmische
Geheimnis oder den irdischen Gesetzgeber? Wenn Menschen über Gott reden, dann sprechen
sie mitunter über ein großes und Ehrfurcht gebietendes Rätsel, über das wir absolut nichts
wissen. Wir beschwören diesen mysteriösen Gott, um die tiefsten Rätsel des Kosmos zu er-
5 klären. Warum gibt es etwas und nicht nichts? Woher stammen die Grundgesetze der Physik?
Was ist Bewusstsein und woher kommt es? Die Antworten auf diese Fragen kennen wir nicht,
und unserem Nichtwissen geben wir den großen Namen „Gott“. Das grundlegendste Merkmal
dieses geheimnisvollen Gottes ist, dass wir nichts Konkretes über ihn sagen können. Das ist
der Gott der Philosophen; der Gott, über den wir reden, wenn wir spätabends am Lagerfeuer
10 sitzen und uns fragen, was das Leben eigentlich ist.
Bei anderen Gelegenheiten betrachten die Menschen Gott als strengen und irdischen Gesetz-
geber, über den wir nur allzu viel wissen. Wir wissen genau, was er über Mode, Essen, Sex
und Politik denkt, und wir berufen uns auf diesen zornigen Mann im Himmel, um eine Million
Regeln, Erlasse und Konflikte zu rechtfertigen. Er regt sich auf, wenn Frauen kurze Röcke
15 tragen, wenn zwei Männer Sex miteinander haben oder wenn Teenager masturbieren. Manche
sagen, er möge es nicht, wenn wir Alkohol trinken, während er anderen zufolge sehr wohl ver-
langt, wir sollten jeden Freitagabend oder jeden Sonntagmorgen Wein trinken. Ganze Biblio-
theken wurden verfasst, um bis ins kleinste Detail zu erklären, was er will und was er nicht
mag. Das grundlegendste Merkmal dieses irdischen Gesetzgebers ist, dass wir äußerst kon-
20 krete Dinge über ihn sagen können. Das ist der Gott der Kreuzfahrer und der Dschihadisten,
der Inquisitoren, der Frauenverächter und der Homophoben. Das ist der Gott, über den wir
reden, wenn wir um einen brennenden Scheiterhaufen herumstehen und Steine und Flüche
auf die Häretiker 1 schleudern, die dort schmoren.
Fragt man Gläubige, ob Gott wirklich existiert, sprechen sie oftmals zunächst über die rätsel-
25 haften Geheimnisse des Universums und die Grenzen menschlichen Verstehens. „Die Wissen-
schaft kann den Urknall nicht erklären“, rufen sie aus, „deshalb muss das Gottes Tat sein.“
Doch wie ein Zauberer, der sein Publikum narrt, indem er unmerklich eine Karte durch eine
andere ersetzt, ersetzen die Gläubigen rasch das kosmische Geheimnis durch den irdischen
Gesetzgeber. Nachdem sie den unbekannten Geheimnissen des Kosmos den Namen „Gott“
30 gegeben haben, gebrauchen sie diesen Namen, um Bikinis und Ehescheidungen zu verdam-
men. „Wir verstehen den Urknall nicht – deshalb musst du dein Haar in der Öffentlichkeit
bedecken und gegen die Homoehe stimmen.“ Dabei besteht gar keine logische Verbindung
zwischen den beiden „Göttern“, ja sie widersprechen sich sogar. Je tiefer die Geheimnisse des
Universums sind, desto weniger wahrscheinlich ist es, dass das, was dafür verantwortlich ist,
35 sich auch nur im Geringsten um weibliche Kleidervorschriften oder menschliches Sexualver-
halten schert. […]
Ich persönlich wundere mich unablässig über das Geheimnis des Daseins. Aber ich habe nie
verstanden, was das mit den belanglosen Gesetzen des Judentums, des Christentums oder des
Hinduismus zu tun haben soll. Diese Gesetze waren ohne Zweifel hilfreich, als es darum ging,
40 die Gesellschaftsordnung zu errichten und über Jahrtausende zu erhalten. Aber darin unter-
scheiden sie sich nicht grundlegend von den Gesetzen säkularer Staaten und Institutionen.
Das dritte der zehn biblischen Gebote verlangt von den Menschen, den Namen Gottes niemals
zu missbrauchen. Viele verstehen das auf eine recht kindische Weise, nämlich als Verbot, Got-
tes Namen explizit auszusprechen […]. Die tiefere Bedeutung dieses Gebots hingegen besteht
45 womöglich darin, dass wir den Namen Gottes nie gebrauchen sollten, um unsere politischen
Interessen, unsere ökonomischen Bestrebungen oder unsere persönlichen Abneigungen zu
rechtfertigen. Jemand hasst einen anderen und sagt: „Gott hasst ihn“; jemand begehrt ein Stück
Land und sagt: „Gott will es“. Die Welt wäre ein deutlich besserer Ort, wenn wir das dritte
Gebot treuer befolgten. Sie wollen einen Krieg gegen Ihre Nachbarn führen und ihnen ihr
50 Land stehlen? Dann lassen Sie Gott außen vor und suchen Sie sich irgendeine andere Ausrede.
Denn letzten Endes ist es eine Frage der Semantik 2. Wenn ich das Wort „Gott“ verwende,
denke ich an den Gott des Islamischen Staates, der Kreuzfahrer, der Inquisition und der „Gott
hasst Schwuchteln“-Aufkleber. Wenn ich an das Geheimnis des Daseins denke, benutze ich
lieber andere Wörter, um Verwechslungen zu vermeiden. Und anders als den Gott des Islami-
55 schen Staates und der Kreuzfahrer – der sich reichlich um Namen schert, vor allem um seinen
eigenen heiligen Namen – kümmert es das Geheimnis des Daseins nicht im geringsten, wel-
chen Namen wir […] ihm geben.
Natürlich hilft uns das kosmische Mysterium überhaupt nicht dabei, die Gesellschaftsordnung
aufrechtzuerhalten. Menschen behaupten oft, wir müssten an einen Gott glauben, der den Men-
60 schen einige ganz konkrete Gesetze gegeben hat, denn sonst werde die Moral verschwinden,
und die Gesellschaft werde wieder in vorzeitlichem Chaos versinken.
Es stimmt natürlich, dass der Glaube an Götter für verschiedene Gesellschaftsordnungen wich-
tig war und dass er mitunter positive Folgen hatte. Tatsächlich befördern dieselben Religio-
nen, die bei einigen Menschen für Hass und Bigotterie 3 sorgen, bei anderen Liebe und Mit-
65 gefühl. […]
Doch auch wenn Götter uns zu mitfühlendem Handeln inspirieren können, ist religiöser Glaube
keine notwendige Voraussetzung für moralisches Verhalten. Die Vorstellung, wir bräuchten
ein übernatürliches Wesen, das uns zu moralischem Handeln anhält, geht davon aus, dass
Moral etwas Unnatürliches ist. Doch warum? Eine gewisse Moral ist ganz natürlich. […]
70 Moral bedeutet nicht, „sich an göttliche Gebote zu halten“. Es bedeutet, „Leid zu verringern“.
Um moralisch zu handeln, muss man somit nicht an irgendeinen Mythos oder eine Geschichte
glauben. Man muss lediglich ein tiefreichendes Verständnis des Leids entwickeln. Wer wirk-
lich begreift, auf welche Weise eine Handlung einem selbst oder anderen unnötiges Leid zu-
fügt, wird auf ganz natürliche Weise davon Abstand nehmen. […]
75 Nun ließe sich einwenden, dass jeder Mensch natürlich danach strebt, sich nicht elend zu füh-
len, aber warum sollte sich jemand um das Elend anderer kümmern, wenn nicht irgendein
Gott es von ihm verlangt? Eine offenkundige Antwort lautet, dass Menschen soziale Lebe-
wesen sind, weshalb ihr Glück in hohem Maße von ihren Beziehungen zu anderen abhängt.
Wer könnte glücklich sein ohne Liebe, ohne Freundschaft, ohne Gemeinschaft? Wer ein ein-
80 sames, um sich selbst kreisendes Leben führt, wird sich mit ziemlicher Sicherheit elend füh-
len. Wer glücklich sein will, muss sich also zumindest um die eigene Familie, um die eigenen
Freunde und um die Angehörigen der eigenen Gemeinschaft kümmern.
Wie aber sieht es mit völlig Fremden aus? Warum kann ich nicht Fremde ermorden und mir
ihren Besitz unter den Nagel reißen, um mich und meinen Stamm zu bereichern? Viele Denker
85 haben ausgefeilte Gesellschaftstheorien entwickelt, die erklären, warum solches Verhalten auf
lange Sicht kontraproduktiv ist. Man möchte nicht in einer Gesellschaft leben, in der Fremde
regelmäßig ausgeraubt und ermordet werden. […] Man wäre nicht nur fortwährender Gefahr
ausgesetzt, sondern würde auch nicht von den Vorzügen etwa des Handels profitieren, der
vom Vertrauen zwischen Fremden abhängt. Kaufleute suchen üblicherweise keine Räuber-
90 höhlen auf. Damit haben säkulare Theoretiker vom alten China bis zum modernen Europa die
goldene Regel gerechtfertigt, die da lautet: „Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch
keinem andern zu.“ […]
Manchen Leuten mag ein starker Glaube an einen mitfühlenden Gott, der uns befiehlt, die
andere Wange hinzuhalten, dabei helfen, die Wut zu zügeln. Das war tatsächlich ein wichtiger
95 Beitrag, den religiöser Glaube zu Frieden und Harmonie auf der Welt geleistet hat. Leider ist
es aber so, dass religiöser Glaube bei anderen Menschen ihre Wut erst noch anheizt und recht-
fertigt, insbesondere wenn es jemand wagt, ihren Gott zu beleidigen oder seine Wünsche zu
ignorieren. Der Wert des gesetzgebenden Gottes hängt also letztlich vom Verhalten seiner
Gläubigen ab. Wenn sie moralisch gut handeln, können sie glauben, was sie wollen. […]
100 Keinerlei Tempel zu besuchen und an keinerlei Gott zu glauben ist ebenfalls eine mögliche
Option. Wie die letzten Jahrhunderte belegen, müssen wir nicht Gottes Namen beschwören,
um ein moralisches Leben zu führen. Auch der Säkularismus 4 kann uns mit all den Werten
versorgen, die wir brauchen.
(Die im Text vorgenommenen Auslassungen beeinträchtigen den Gedankengang nicht; es entfallen lediglich zusätzliche Aspekte.)
Yuval Noah Harari ist ein israelischer Historiker und Publizist.
1 Häretiker: jemand, der von der offiziellen Kirchenlehre abweicht
2 Semantik: sprachwissenschaftliche Disziplin, die sich mit der Bedeutung sprachlicher Zeichen beschäftigt
3 Bigotterie: hier: Intoleranz
4 Säkularismus: Weltanschauung, die auf religiöse Sichtweisen verzichtet
2.
Entfalten Sie, welche Beiträge das Christentum zu gegenwärtigen umweltethischen Problemen leisten kann, und bringen Sie diese mit dem Zusammenhang zwischen Gottesglauben und moralischem Handeln, den Yuval Noah Harari darlegt, in Beziehung. (30 Punkte)
3.
Erörtern Sie unter Einbeziehung Ihrer bisherigen Ergebnisse und anhand konkreter Beispiele, inwiefern sich aus dem christlichen Glauben zwangsläufig ein bestimmtes umweltethisches Handeln ergibt, und nehmen Sie dazu begründet Stellung. (26 Punkte)
Du kannst auch nach Themen lernen
Übe ein Thema mit gemischten Aufgaben aus den Prüfungen aller Jahre.
- Texterschließung: Thema, Gedankengang und Position · 34 Aufgaben · 80 % Wahrscheinlichkeit
- Jesus Christus: Kreuz und Auferweckung · 8 Aufgaben · 70 % Wahrscheinlichkeit
- Verantwortliches Handeln: Freiheit, Gerechtigkeit und Schöpfung · 10 Aufgaben · 65 % Wahrscheinlichkeit
- Religionskritik und die Frage nach der Existenz Gottes · 4 Aufgaben · 50 % Wahrscheinlichkeit
- Materialgestützter Debattenbeitrag (Aufgabenart III) · 3 Aufgaben · 50 % Wahrscheinlichkeit
- Hoffnung auf Vollendung: Apokalyptik und Gericht · 8 Aufgaben · 55 % Wahrscheinlichkeit
Andere Prüfungen 2023
GK · Haupttermin (2023) · GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg (2023)