Aufgabe 2 - Teilaufgabe 2 · Abitur NRW Evangelische Religion LK · Haupttermin 2023
Thema: Jesus Christus: Kreuz und Auferweckung · Aus der Prüfung LK · Haupttermin (2023)
Aufgabenstellung
Ruth Gütter
Freiheit zur Begrenzung
Als evangelische Christen glauben wir, dass Gott, der Schöpfer des Himmels und der Erde, in
Jesus Christus in die Welt gekommen ist, um sie von der Macht der Sünde zu befreien. In der
Menschwerdung Gottes in Jesus Christus wird die Liebe Gottes zu seiner ganzen Schöpfung
in ganz besonderer Weise offenbar. Schon im AT wird diese Liebe Gottes zur Schöpfung be-
5 zeugt – etwa im Bund Gottes mit Noah und in seinem Versprechen, die Erde nicht mehr zu
zerstören, sondern sie zu bewahren. Diesen Bund schließt Gott mit der ganzen Schöpfung –
nicht nur mit Noah (Gen. 9,8–10). Nicht nur der Mensch, sondern auch die Mitschöpfung hat
also eine Gottesbeziehung! Die in Christus erneuerte Gottesbeziehung ist demnach nicht nur
für den Menschen, sondern für die ganze Schöpfung von Bedeutung.
10 In den ntl. 1 Berichten und Zeugnissen scheint diese schöpfungstheologische Dimension des
Christusereignisses immer wieder auf. „Er kam in sein Eigentum“ (Joh. 1,11) – damit beschrei-
tet Christus einen Weg, der die ganze Schöpfung betrifft. Das wird sichtbar an den Schilde-
rungen der Evangelisten über kosmische Zeichen, die seinen irdischen Weg begleiten. Die
Geburt Jesu wird hier verbunden mit einem neuen Stern, der am Himmel aufging, und sein
15 Tod am Kreuz mit der Sonne, die ihren Schein verliert. Die Beziehung Jesu zur Schöpfung
wird auch durch Erzählungen über sein naturnahes Leben deutlich. In den Geschichten der
Evangelien wird berichtet, dass er 40 Tage in der Wüste fastete, sich immer wieder zum Gebet
in die Natur zurückzog. In vielen seiner Gleichnisse kommen Bilder aus der Natur vor (Gleich-
nis vom Senfkorn, Gleichnis von der vielfältigen Saat, vom Unkraut unter dem Weizen, das
20 Gleichnis vom Sauerteig u. a.), er betrachtet die Pflanzen und Tiere in ihrer Sorglosigkeit und
ihrer Angewiesenheit auf den Schöpfer als Vorbilder für den Menschen.
Jedoch stellt sich die Frage, ob die nichtmenschliche Schöpfung eine ebensolche Gottesbezie-
hung hat wie der Mensch. Im ersten Schöpfungsbericht wird nur dem Menschen die Eben-
bildlichkeit Gottes zugesprochen (Gen. 1,26). Damit hat er eine andere Gottesbeziehung als
25 die Mitschöpfung, eine Beziehung, die durch Dialogfähigkeit, Reflexionsfähigkeit und Ver-
antwortung gegenüber Gott und der Mitschöpfung geprägt ist. Die Antwortfähigkeit und die
Einsicht in seine Endlichkeit machen nach den Aussagen der hebräischen Bibel den Menschen
aus. Deshalb ist fraglich, ob die Mitschöpfung sich in der gleichen Weise wie der Mensch von
Gott abwenden kann, d. h. sündig werden kann.
30 Sünde bedeutet ja im Kern Entfremdung, d. h. nicht mehr aus dem Vertrauen zu Gott leben,
sondern aus der Illusion, aus sich selbst leben zu können ohne Selbstbegrenzung und ohne
Verantwortung vor Gott und dem Nächsten. […]
Zu dieser Art von Entfremdung von Gott, den Mitgeschöpfen und sich selbst scheint nur der
Mensch als Ebenbild Gottes in der Lage. Von seiner Fähigkeit zur Sünde ist jedoch die ganze
35 Schöpfung betroffen. Nach dem Sündenfall ist nun auch die Mitschöpfung der Vergänglich-
keit unterworfen. Sie ist nicht mehr „sehr gut“ wie am Anfang, sondern von Gewalt und Ver-
fall gekennzeichnet, aber sie steht wie auch der Mensch unter Gottes Zusage seines Schutzes
und seiner Verheißungen. […]
Paulus versteht die Befreiung von der Macht der Sünde und des Todes durch Christus als ein-
40 deutig auf die ganze Schöpfung bezogen. So heißt es in Röm. 8,19–21: „Denn das ängstliche
Harren der Kreatur wartet darauf, dass die Kinder Gottes offenbar werden. Die Schöpfung ist
ja unterworfen der Vergänglichkeit … doch auf Hoffnung. Denn auch die Schöpfung wird
frei werden von der Knechtschaft der Vergänglichkeit zu der herrlichen Freiheit der Kinder
Gottes.“
45 Es geht also um eine umfassende Befreiung und Erlösung der von Sünde und Tod gezeichne-
ten Welt. Eine anthropologische, individualistische und spirituelle Verengung des Erlösungs-
handelns Gottes in Christus nur auf den Menschen und auf seine Seele, wie es in der westli-
chen protestantischen Kirchen- und Theologiegeschichte bis heute immer wieder anzutreffen
ist, ist mit dem ntl. Zeugnis nicht vereinbar. […]
50 Die Sünde als nicht endende Sorge um sich selbst zeigt sich in vielen Erscheinungsformen.
Heute hat sie – wie Papst Franziskus eindrücklich mahnt – in der Gestalt der grenzenlosen
Gier und der Abstumpfung gegenüber dem Leid anderer besonders zerstörerische Formen an-
genommen – zerstörerisch für die Seele des Menschen, für die menschlichen Beziehungen
und für das Wohlergehen der ganzen Schöpfung. Sünde zeigt sich aber auch in dem Zwang,
55 sich selbst ständig inszenieren zu müssen, oder in den quälenden Ängsten, wertlos zu sein.
Glaube bedeutet dagegen: sich von Vertrauen leiten lassen statt von Angst, Loslassen statt
Festhalten. In Gottes Liebe geborgen hat der Glaubende alles, was nötig ist. Er muss nicht
länger auf Kosten anderer leben und sich selbst inszenieren.
Ein solcher Glaube ist nach reformatorischer Erkenntnis keine Leistung, sondern ein Geschenk.
60 Die dankbare Annahme dieses Geschenkes bedeutet Befreiung von falschen Göttern, radikale
Umkehr zu einem neuen Leben, Neuschöpfung. […]
Umkehr, wie sie das biblische Zeugnis beschreibt, ist nicht nur und nicht in erster Linie eine
Bekehrung der Seele zu Gott, sondern eine umfassende Umkehr mit weitreichenden Folgen
für die ganze Mitschöpfung. Sie hat als Prozess der Neuschöpfung transformative Kraft und
65 Bedeutung. Der Glaube an Jesus Christus weitet daher die Perspektive des Menschen zu einer
Perspektive der Hoffnung. […]
Wenn – wie eingangs beschrieben – die Grenzenlosigkeit und Maßlosigkeit des Menschen
zu den größten Bedrohungen der Gegenwart für die gesamte Schöpfung geworden ist, dann
bedeutet Umkehr heute vor allem die Bereitschaft und die Fähigkeit des Menschen, sich selbst
70 zu begrenzen.
Ein solches Plädoyer des christlichen Glaubens für eine heilsame Selbstbegrenzung erscheint
in einer Gesellschaft, in der grenzenloses Wirtschaftswachstum und grenzenlose Selbstver-
wirklichung immer noch unhinterfragte Paradigmen sind, als eine Zumutung und Provokation.
Sie wird von vielen als eine unzulässige Einschränkung menschlicher Autonomie durch Moral
75 und Religion betrachtet.
In Wahrheit sind Freiheit und Selbstbegrenzung aber keine sich ausschließenden Gegensätze.
Nach christlichem Verständnis bewährt sich Freiheit gerade darin, sich in Verantwortung
gegenüber Gott und dem Nächsten selbst zu begrenzen. […]
Ich bin Zeit meines irdischen Lebens auf andere angewiesen und von ihnen abhängig – auch
80 von der nichtmenschlichen Schöpfung. Die Freiheit des Menschen ist also nicht etwas Abso-
lutes, sondern etwas Relationales und Dialogisches. Sie bewährt sich in der Verantwortung.
Auch die Verantwortung ist im Kern etwas Dialogisches. Verantwortung und auch Selbstbe-
grenzung sind aus christlicher Perspektive nur möglich durch den Glauben, dass der Mensch
von Gott schon angesprochen ist. […]
85 Erfahrungsgemäß reagieren Menschen oft erst auf Auswirkungen ihres Tuns, die für sie selbst
spürbar und die für sie hautnah erfahrbar sind. Die Auswirkungen auf Menschen, die erst noch
geboren werden, sind sehr abstrakt und wenig greifbar. Bei der Verantwortung für die kom-
mende Generation geht es aus christlicher Perspektive nicht nur um die allgemeine Verantwor-
tung für etwas, sondern entscheidend um die Frage, vor wem ich Verantwortung trage. […]
90 In Zeiten der vielfältigen Krisen und Bedrohungen wachsen auch die Ängste. Es sind nicht
mehr die Ängste vergangener Zeiten vor einem strafenden Gott, sondern Ängste vor der Zu-
kunft, um das eigene Leben und das der eigenen Kinder und Enkel. Es sind Ängste, die dazu
führen, dass Menschen sich an der Erhaltung des Status quo orientieren und die notwendigen
Veränderungen und Transformationen als bedrohlich empfinden. Es sind Gefühle der Ohn-
95 macht und des Zweifels an der Bedeutung eigenen Tuns angesichts der großen Herausforde-
rungen und Bedrohungen.
Wie könnte die reformatorische Botschaft angesichts dieser Ängste und Ohnmachtsgefühle
heute lauten? Vielleicht lässt sie sich so übersetzen, dass wir auch in unseren existentiellen
Ängsten gehalten und angenommen sind und gerade so frei und mutig werden für die notwen-
100 digen Veränderungen. […]
Immerhin sind auch die Nachhaltigkeitsziele der UN von 2015 mit dem bezeichnenden Titel
„Transforming our World – the 2030 Agenda for sustainable development“ von weitreichen-
den positiven Visionen und einer großen Entschlossenheit getragen. An dieser „Transforma-
tion der Welt“ mitzuwirken, sind Christen nicht nur durch ihren Glauben an Gott den Schöp-
105 fer und Befreier ermächtigt, sondern auch durch die Hoffnung auf den kommenden Gott, der
Himmel und Erde neu schaffen will.
1 ntl: Abkürzung für neutestamentlich
(Die Kürzungen im Text unterbrechen den Gedankengang nicht, sondern nehmen nur ergänzende Aspekte heraus. Rechtschreibung und Zeichensetzung entsprechen der Vorlage. Offenkundige Druckfehler wurden korrigiert, ohne den Sinn zu verändern.)
Ruth Gütter ist evangelische Theologin.
Materialgrundlage: Ruth Gütter: Freiheit zur Begrenzung. In: Deutsches Pfarrerblatt, 05/2019.
2. Entfalten Sie unter Einbeziehung der biblischen Überlieferung zentrale Aspekte des Gottesbildes, das sich aus der Interpretation des Kreuzestodes Jesu als Heilsereignis ergibt, und setzen Sie diese in Beziehung zu der Gottesvorstellung, die Ruth Gütter darlegt. [30 Punkte]

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
2. Entfalten Sie unter Einbeziehung der biblischen Überlieferung zentrale Aspekte des Gottesbildes, das sich aus der Interpretation des Kreuzestodes Jesu als Heilsereignis ergibt, und setzen Sie diese in Beziehung zu der Gottesvorstellung, die Ruth Gütter darlegt.
Lösung: Individuelle theologische Entfaltung und Vergleich gemäß den amtlichen Kriterien: 1. Entfaltung einer biblischen Deutung des Kreuzestodes als Heilsereignis, z. B.: - Erlösung des Menschen von Sündhaftigkeit, - stellvertretendes Leiden und Sterben als Lamm Gottes (z. B. Jes 53; Mk 10,45; Joh 1,29), - Ausdruck der Nähe des im Leiden solidarischen Gottes (z. B. Mk 15,34), - oder Loskauf aus der Macht von Sünde und Tod (z. B. Röm 6). 2. Herausarbeiten des resultierenden Gottesverständnisses, z. B.: - ein Gerechtigkeit/Genugtuung fordernder bzw. schaffender Gott, - der sich selbst hingebende Gott, der kein Menschenopfer mehr fordert, - der mitleidende, liebende Gott, - der den Menschen befreiende Gott. 3. Bezug zu Ruth Gütter (Gemeinsamkeiten und Unterschiede): - *Gemeinsamkeiten:* Befreiendes Handeln Gottes am Menschen; Solidarität Gottes; Menschwerdung in Jesus Christus; Selbstoffenbarung Gottes in Jesu Weg. - *Unterschiede / Akzentsetzungen:* Klassische Kreuzestheologien verengen das Heil oft anthropologisch und individualistisch auf die Seele des Menschen; Gütter betont demgegenüber ausdrücklich die kosmische Dimension und die Einbeziehung der gesamten Mitgeschöpfung (Röm 8) sowie die konkreten Konsequenzen für Lebensstil, Ethik und Selbstbegrenzung in Krisenzeiten.
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